Zehn Jahre Himmelscheibe von Nebra – und (k)ein bisschen weiser

Es war diesen Monat vor 10 Jahren, am 10. Mai 2001, als ihn der frischgebackene Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, in Berlin zum ersten Mal zu Gesicht bekam: auf 25 schlechten Fotos aus finsterer Quelle, die ihm sein dortiger Amtskollege zeigte. Zu sehen war ein offenbar bronzezeitlicher Hort, der letzterem bereits zwei Jahre zuvor konspirativ angeboten worden war und aus Sachsen-Anhalt stammen sollte. Zwischenzeitlich waren die Sachen – darunter eine merkwürdige symbolverzierte Scheibe – wieder verschwunden, nun aber auf dem ‘grauen Markt’ aufgetaucht. Nach einer abenteuerlichen und hinreichend bekannten Kriminalgeschichte konnten sie schließlich am 23. Februar 2002 beschlagnahmt und der Wissenschaft – und auch Vermarktung – zugeführt werden. Genau drei Jahre später war die mysteriöse Himmelsscheibe, längst zur weltweit größten archäologischen Sensation seit Jahrzehnten ausgerufen, dann Gegenstand einer großen interdisziplinären Tagung in Halle, über in Artikel A24 und dem Cosmic Mirror #287 aus erster Hand ausführlich berichtet wurde.

Nach weiteren sechs Jahren sind nun kürzlich die lang ersehnten Proceedings dieser Tagung erschienen, die erste umfassende wissenschaftliche Darstellung des Fundes und seiner mutmaßlichen Bedeutung im Kontext der Bronzezeit – aber von einer geschlossenen Darstellung ist das 1039 Seiten starke und viele Kilogramm schwere Werk in zwei Bänden (“Der Griff nach den Sternen – wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen”; Meller & Bertemes, Hrsg.) mindestens so weit entfernt wie es die damalige Tagung war. Sicher ist nach umfangreichen physikalisch-chemischen Untersuchungen (und kunstgeschichtlicher Betrachtung) nur, dass die Himmelsscheibe – die anderen Funde sind nur Beiwerk bei ihrer finalen “Beerdigung” beim heutigen Nebra gewesen – erstens echt ist und zweitens mehrfach energisch umgestaltet wurde. Damit kann man sich auf der Suche nach der Intention ihres eigentlichen Schöpfers auf die Betrachtung der ursprünglichen 32 Goldpunkte sowie des kreis- und des sichelförmigen Goldobjekts beschränken, die zusammen ein außergewöhnlich abstraktes und alles andere als – für unsere Augen – klar verständliches Piktogramm bilden.

Schon die Annahme, dass es sich “offensichtlich” um eine Art Himmelsdarstellung handeln müsse, noch dazu mit konkret zu fassenden Himmelskörpern, ist in letzter Konsequenz nicht beweisbar, da es keinerlei zwingende Parallelen in der Kunstgeschichte dieser Zeit gibt, weder in Mitteleuropa noch in Hochkulturen in Nordafrika oder Mesopotamien. Insbesondere ist die Interpretation der sieben enger zusammen stehenden und eine Rosette bildenden Sterne (wenn es denn welche sein sollen) als Symbol für den Sternhaufen der Plejaden quasi ein Zirkelschluss, da sie auf der Bedeutung der Plejaden-Sichtbarkeit als Kalendermarke für insbesondere die Landwirtschaft in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten fußt. Die Deutung der beiden Großobjekte als Mond in Voll- und Sichelphase leitet sich dann aus der Annahme ab, es müsse sich um einen Himmelskörper handeln, der häufig mit den Plejaden zusammen gesehen werden kann und dabei seine Form verändert: Dafür kommt nun einmal nur der Mond in Frage. Aber was das ganze Ensemble dann bedeuten soll, darin unterscheiden sich verschiedene Autoren in den Proceedings erheblich:

  • Die wohl konservativste Interpretation der Konstellation(en) der mutmaßlich astronomisch gemeinten Ur-Scheibenmotive vertritt in den Proceedings – die Artikel spiegeln oft einen jüngeren Stand der Gedanken als zur Zeit der Tagung wieder – R. Hansen (S. 953-62), nach dessen Auffassung der Künstler einfach nur die Nachbarschaft von Sichel- bzw. Vollmond und Plejaden darstellen wollte. Die entsprechenden Zeitpunkte – Mondsichel bei den Plejaden am Abendhimmel bzw. Vollmond bei ihnen die ganze Nacht – markieren ungefähr den Frühlings- bzw. Herbstbeginn (ein Zusammenhang, der auch in Babylonien im astronomischen Werk Mul-Apin vermerkt wird) und korrespondieren mit den landwirtschaftlich wesentlichen Zeiträumen für Aussaat und Ernte. Die Scheibe wäre damit eine Art Gedächtnisstütze gewesen, vermutlich irgendwo im öffentlichen Raum platziert. Allerdings sind die Plejaden neben dem Vollmond in seinem von der Atmosphäre gestreuten Licht unsichtbar: Der ‘Benutzer’ der Scheibe hätte sie sich quasi dazu denken bzw. ihren Ort aus nicht überstrahlten hellen mondfernen Sternen triangulieren müssen.

  • Allein auf die Sichtbarkeit der Plejaden hebt die Interpretation von W. Schlosser (S. 913-33) ab: Ansonsten perfekte Bedingungen vorausgesetzt definieren der letzte beobachtbare Abenduntergang und der erste erkennbare Morgenuntergang des hellsten Plejaden-Sterns Alcyone zwei Daten auf wenige Tage genau (die heute dem 7.-10. März bzw. 14.-17. Oktober entsprechen), weil die Ekliptik dann besonders steil steht. Dabei passiert es natürlich nur sehr selten, dass auch gerade der Mond daneben steht (der dabei überdies die Alcyone-Sichtbarkeit sabotieren würde): In dieser Deutung der Scheibensymbolik sind die Monde neben den Plejaden nur als allgemeine Erinnerung an die Beobachtungzeitpunkte für die Untergangsbeobachtungen Abend (wenn im Prinzip eine Sichel neben dem Sternhaufen stehen kann) und Morgen (wenn ein Mond, dann ein voller) zu verstehen. Abermals wäre die Scheibe ein für die weite Nutzerkreise bestimmtes “Memo” – was freilich (wie auch bei der Hansen-Version) die Frage aufwirft, warum sie aus so wertvollem Metall gefertigt wurde. Und warum es nicht ganz viele davon gibt …

  • Am weitesten geht H. Meller (S. 23-73), der sich eine frühere Überlegung von Hansen zu eigen gemacht hat, die ein Jahr nach der Tagung publik und in ISAN 12-7 diskutiert wurde, die Hansen selbst in den Proceedings allerdings nur noch in einer Fußnote erwähnt: Danach ist die Hauptaufgabe der Scheibe das komplexe Codieren einer Schaltregel, die Mond- und Sonnenjahr zusammenhält und sich so genau auch im Zweistromland wiederfindet. Damit wäre die Scheibe ein höchst elitärer Gegenstand mit kalendarischem Geheimwissen, was gut zu ihrer edlen Beschaffenheit passen würde. Indes gibt es keinerlei anderweitige Indizien, dass sich die damalige Kultur überhaupt um das Ärgernis scherte, dass das Sonnenjahr kein ganzes Vielfaches der synodischen Mondperiode ist. Zum kulturellen Umfeld und möglichen Wissen über kosmische Abläufe vor 3600 Jahren ist überhaupt ziemlich wenig auf den über 1000 Proceedings-Seiten zu finden – was natürlich vor allem der bescheidenen Quellenlage geschuldet ist.

Noch zu erwähnen wäre, dass ein Spezialist für mesopotamische Astronomie – H. Hunger – der Stellung der Monde und Sterne auf der Scheibe jedwede weitergehende Bedeutung abspricht (S. 972), analog zu entsprechenden Symbolen auf orientalischen Darstellungen, die auch nie eine konkrete astronomische Orientierung besitzen. Und mehrere Stonehenge-Forscher – M. Parker Pearson et al. – vermuten wiederum einen diesem Steinbau analogen Bezug zu feierlich begangenen Sonnenwenden (S. 413), was mit den Scheibenelementen der 1. Phase allerdings nicht zu begründen ist. Der ursprüngliche Zweck der Himmelsscheibe bleibt also herzlich unklar (wenn sie denn nicht nur ein Kultgegenstand mit hübschen astronomischen Motiven war; eine häretische Sichtweise, für die sich niemand stark macht) – aber was dachten sich dann erst diejenigen, die sie dreimal umgestalteten und schließlich los werden wollten? Für Meller ist der geschichtliche Ablauf ein einziger intellektueller Niedergang “vom Logos zum Mythos”: Erst wird das kalendarische Geheimwissen vom Mondlauf verbummelt und durch vergleichweise banale Sonnendaten ersetzt, und dann wird die exakte Wissenschaft auch noch zugunsten einer mythologischen ‘Sonnenbarke’ aufgegeben.

  • Die Anbringung der beiden Horizontbögen, die den Azimutbereich wiedergeben, den die Sonne bei Auf- und Untergang in Mitteldeutschland überspannt, ist unbestritten ein radikaler Schritt, weg vom Nacht- zum Taghimmel. Allerdings wird zugleich die abstrakte Symbolik durch konkrete und ziemlich präzise Messergebnisse – erkennbare Auswirkungen der Refraktion inklusive! – ersetzt, die erst einmal gewonnen und dann winkelgetreu auf die Scheibe aufgebracht werden mussten: wirklich ein intellektueller Rückschritt?

  • Das mutmaßliche Sonnenschiff, das in der dritten Phase zwischen den beiden solaren Horizontbögen verkehrt, passt immerhin thematisch zu ihnen. Aber stellt es wirklich einen Übergang von einer anfangs wissenschaftlichen zu einer nunmehr mythologischen Sichtweise dar? Um dies belegen zu können, müsste man wissen, wie die religiöse Welt der Scheibenbesitzer zuvor ausgesehen hatte: Vielleicht hatten sie einfach nur keine Veranlassung (oder gar ein Bilderverbot?), das Transportmittel der Sonne konkret darzustellen.

  • Auch der Zweck der 39-fachen und ziemlich brutalen Lochung der Scheibe und ihrer im Laufe von Jahrhunderten angesammelten Bildelemente bleibt im Dunkeln. Man könnte sich vorstellen, dass sie auf einem Stoffuntergrund (wegen ihrer tellerartigen Krümmung wäre ein festes Brett weniger geeignet gewesen) aufgenäht wurde, um sie auf einer Art Standarte herum zu zeigen. Vermutlich hatte sie bis dahin alle konkrete Bedeutung eingebüßt, auch die Sonnenbarke war wieder ‘out’, und war nur noch ein wertvoller Gegenstand.

Auf jeden Fall muss die Scheibe für ihre Besitzer bis zum Schluss etwas Besonderes geblieben sein: Erkennbar ist dies an ihrer regelrechten Beisetzung nach Art eines Fürstengrabes, vielleicht als Opfer an die Götter gedacht. Und nun lässt sie, 3600 Jahre später von Raubgräberhand wieder ans Licht befördert, die Köpfe qualmen: Die Schwierigkeit für Forscher aller Disziplinen, diesem absoluten Unikat der Frühgeschichte signifikante Geheimnisse zu entlocken, ist vielleicht der einzige dominante rote Faden, der sich durch die Scheiben-Proceedings zieht, wobei deren Großteil zahllose Papers zu mehr oder weniger vergleichbaren – aber leider komplett astronomiefreien – archäologischen Funden des bronzezeitlichen Europa ausmachen. Bedauerlicherweise wurden fast alle Artikel in Deutsch verfasst, so dass sich die Leserschaft des prächtig gestalteten Werks (Abb.) im Ausland in Grenzen halten dürfte. Gerade unbefangene neue Ansätze – aus anderen Forschungstraditionen, Kulturkreisen und auch Disziplinen – hätte die Nebra-Forschung in ihrem zweiten Jahrzehnt aber dringend nötig. Eigentlich schade, dass es hauptberufliche “Symbolologen” nur in den Romanen von Dan Brown gibt …

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4 Antworten to “Zehn Jahre Himmelscheibe von Nebra – und (k)ein bisschen weiser”

  1. Werner Tauchnitz Says:

    Möchte gern mitteilen,das ich noch nie eine Sonne bei den Plejaden gesehen habe. Aber den Mond im Winter.
    Die beiden Monde sind wie ein paar Schuhe. Der Rechte heist wenn, der Linke heist dann.
    Frühling ist : ( 2011 war der Mond ganz nah an der Erde. Alle 11 Jahre wieder)
    Wenn der Halbmond anfang März bei den Plejaden steht, dann der Vollmond bei den Plejaden steht.
    Ich hoffe ich konnte helfen.

  2. “2012″ in Bonn: Was die Maya wirklich dachten « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] auf der ersten großen Tagung zur Himmelsscheibe von Nebra zu spüren war (siehe Artikel A 24 bzw. Proceedings-Besprechung), hat sich gestern auf der XV. Mesoamerikanisten-Tagung in Bonn wiederholt, in den drei […]

  3. Allgemeines Live-Blog ab dem 8. Juni 2013 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] Werbung zu machen, darunter auch die “Arche Nebra” in der Nähe des Fundorts der Himmelsscheibe. Die anderen Stätten sind derzeit Tanum (Schweden) und Odsherred (Dänemark), aber vielleicht kann […]

  4. Nachrichten aus der Astro-Geschichte kompakt | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] gefügt wurde (Artikel hier, hier, hier und hier): “In einer schriftlosen Zeit vereinigte die Himmelsscheibe […] ein außergewöhnliches Verständnis astronomischer Phänomene mit religiösen […]

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