Archive for 17. September 2011

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

17. September 2011

Akatsukis Triebwerk ist hinüber: keine zweite Chance für einen Venus-Orbit-Eintritt

Zwei Testläufe mit dem Triebwerk der havarierten japanischen Venussonde Akatsuki haben am 7. und 14. leider wesentlich weniger Schub – ein Achtel! – ergeben als gehofft: Offenbar ist die Düse beim missglückten Orbiteintritt letzten Dezember (ein Fremdkörper blockierte die Treibstoffzufuhr in die Brennkammer, das Triebwerk überhitzte) zu schwer beschädigt worden, als dass es Ende 2015 für einen zweiten Versuch eingesetzt werden könnte. Vielleicht würde es langen, Akatsuki in eine weite Umlaufbahn um die Venus zu bugsieren, aber die geplanten Beobachtungen der Planetenatmosphäre wären dann nicht möglich. Wie es mit der Sonde weiter gehen soll, ist noch nicht entschieden. (Mainichi Daily News 16., Space.com 9., AFP 8., Mainichi Daily News 8., 6.9.2011. Und Nature News, UPI 2.9.2011 über beleidigte Venus-Forscher, die glauben, dass man ihnen eine Mission vorenthält)

Die ersten MESSENGER-Daten aus dem Merkur-Orbit sind frei verfügbar im Planetary Data System der NASA angekommen, wo auf sie nun mit übersichtlicher Software zugegriffen werden kann: Das Projekt hat damit bereits 1.1 Terabyte an das PDS geliefert, darunter über 30’000 Bilder, von den 18’000 aus dem Orbit stammen. Der Orbiter selbst hat derweil die zweite von vier Hitzephasen überstanden und die dritte von fünf größeren Bahnkorrekturen absolviert, um den Wunschorbit bei zu behalten. (MESSENGER News 8., 7.9.2011. Und ESA Release 15.9.2011 zum Ariane-Startvertrag für den Merkurorbiter BepiColombo der ESA sowie UKSA Release 8.9.2011 zu thermischen Tests am Strukturmodell)

Der Senat unterstützt das JWST – aber das Ende ist offen

Wie vermutet, hat sich der zuständige Ausschuss des US-Senats für das James Webb Space Telescope ausgesprochen und in seine Version des NASA-Etats 2012 sogar die gewünschte Budgeterhöhung hinein geschrieben, die für einen Start 2018 unabdingbar wäre: 530 Mio.$ würde es in diesem Jahr erhalten, allerdings mit der scharfen Maßgabe, dass es am Ende wirklich nicht mehr als die 8 Mrd.$ sein werden, die die NASA heute verspricht (bzw. 8.7 Mrd.$ inkl. 5 Jahren Betrieb – diese Zahlenangabe ist jetzt offiziell bestätigt). Und der Rest der Wissenschaft soll unter dem JWST kaum leiden: Mit 5.1 Mrd.$ insgesamt würde sie nach dem Senats-Wunsch 2012 sogar etwas besser dastehen als im Vorschlag des Weißen Hauses (5.0 Mrd.$). Das besänftigt vielleicht die Gemüter: In ungewohnt scharfer Form hatten sich nämlich kurz zuvor US-Planetenforscher dagegen verwahrt, Mittel aus ihrem Topf für die Rettung des JWST abzuzweigen – eher sollte man das ganze Projekt hinterfragen. Die große Frage ist natürlich, was die NASA – und wofür – am Ende wirklich bekommt: Der Senatsplan ist mit 17.9 Mrd.$ insgesamt erheblich spendabler als die 16.8 Mrd.$, die das Abgeordnetenhaus hergeben will (das Weiße Haus wollte 18.7 Mrd.$). Das wird noch einiger Verhandlungen bedürfen. Und so oder wird wird der US-Haushalt mal wieder nicht bis zum Stichtag 30. September fertig: Ab dem 1. Oktober wird es wohl wieder eine Continuing Resolution geben und mit dem Verteilungsschlüssel des laufenden Jahres weiter gemacht werden. (Space Politics, Space News, Space Policy Online 16., Mikulski Press Release, Space News, Space Politics, Nature Blog, Science Insider, Space Policy Online 14., The Space Review 12., Science Blogs 10., Planetary News 8.9.2011. Und ein NASA Release 13.9.2011 zur Beschichtung der Hauptspiegel-Segmente, One Small Step zum MIRI-Instrument und CosmoBoy 25.8.2011 zur Geschichte der JWST-Kosten)

Dicker NASA-Satellit kommt am 23. September zurück

plusminus einen Tag: Das ist die jüngste Prognose für den Wiedereintritt des Upper Atmosphere Research Satellite (UARS), dessen Bahn durch die gestiegene Sonnenaktivität der letzten Woche nun besonders schnell verfällt (am 16.9. war die Bahn noch 225 x 250 km hoch). Nicht alle Teile des vor genau 20 Jahren von einem Shuttle ausgesetzten Satelliten werden verglühen: Mindestens 26 dürften den Boden – entlang eines schmalen und 800 km langen Streifens – erreichen, insgesamt bis zu 530 kg, der größte Brocken allein gut 150 kg. Der Impakt erfolgt irgendwo zwischen 57°N und 57°S, und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Mensch auf dem Planeten getroffen wird, liegt bei 1:3200. In der gesamten Geschichte der Raumfahrt ist noch nie jemand durch einen Reentry zu Schaden gekommen oder nennenswerter Sachschaden entstanden; allerdings wird inzwischen angestrebt, die Wahrscheinlichkeit für einen Personenschaden auf 1:10’000 zu reduzieren. (Infoseite und Twitter-Feed der NASA: SatTrackCam, Space.com, SDO Blog, BBC, Spiegel 16., Cosmic Log 15., CollectSpace 12., SatTrackCam 10., CBS, Space News, Spaceflight Now, ABC Blog 9.9.2011)

Die Situation in Sachen Weltraumschrott im Orbit entwickelt sich besorgniserregend, sagt eine neue US-Studie: Vor allem durch den chinesischen ASAT-Test und die Kollisionen zweier Satelliten hat sich die Zahl der per Radar verfolgten Teilchen größer als 10 cm nahezu verdoppelt. Waren es im Dezember 2006 noch 9949, wurden im Juli 2011 schon 16’094 verfolgt. Zumindest in einigen Modellen ist damit bereits der Punkt erreicht, wo sich die Schrottmenge durch Kollisionen untereinander selbstständig vermehrt … (Nature Blog, Reuters 1., New Scientist Blog, AFP 2.9.2011)

Die russischen Raketenversager sind aufgeklärt

Zumindest ist klar, was passiert ist (“Progress-Crash …”): Bei der Proton war ein Lageregelungsystem der Bris-M-Oberstufe falsch programmiert worden, so dass es sich selbst außer Gefecht setzte, die Rakete vom Kurs abkam und der Nachrichtensatellit Express-AM4 auf einer viel zu niedrigen Bahn landete. Dort ist er zwar nach längerer Suche wieder gefunden worden, aber er ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Bei der Soyuz-Rakete, die einen Progress-Transporter zur ISS ins Verderben schickte, war die Treibstoffleitung zum Gasgenerator der 3. Stufe verstopft, so dass die Turbopumpe für die Treibstoffzufuhr in die Brennkammer versagte und das Triebwerk ausfiel: Das geht aus der noch empfangenen Telemetrie hervor; die ersten Trümmer wurden erst nach Wochen aufgespürt. Beide Raketendisaster sind damit offensichtlich nicht auf fundamentale Konstruktionsfehler zurück zu führen, was nach vielen erfolgreichen Starts auch seltsam gewesen wäre – aber sie werfen ein trübes Licht auf die Qualitätskontrolle. In Sachen Soyuz ist das Vertrauen in die Technik jedenfalls so gross, dass sich die ISS-Partner auf den nächsten bemannten Start zur ISS für den 14. November verständigt haben. Zuvor soll am 30. Oktober das nächste Progress gestartet werden, und bereits am 1. Oktober soll die Soyuz mit dem Start eines NavSat den Dienst wieder aufnehmen. Und die Proton darf sogar schon am 22. September wieder ran. (NASA Release, Space Policy Online 15., Space News, New Scientist Blog 12., Voice of Russia, NYT 10., Nature Blog, AFP, Space Today 9.9., Space Today 31.8.2011; Russian Space Web. Und Xinhua 1.9.2011 zu einer Verschiebung des Starts von Tiangong 1 auf unbestimmte Zeit – der Langer Marsch traut man nach ihrem Versagen beim letzten Start auch nicht mehr)

Und noch kurz gemeldet

Die fliegende Sternwarte SOFIA ist auf dem Weg über den Atlantik und wird im Morgengrauen erstmals in Europa landen – und zwar auf dem Kölner Flughafen, wo sie Tags darauf beim Tag der Luft und Raumfahrt besichtigt werden kann. Dann geht es weiter nach Stuttgart und zurück in die USA. Kleine Schäden am Hauptspiegel des Teleskops hatten den transatlantischen Ausflug zeitweise in Frage gestellt. (DLR PM, MPG Feature 16., NASA Release 11.9., TLZ 6., NASA Video 4., Dryden Blog 2.8., DLR PM 16.7., DLR Blog 6., RaumZeit 3., DLR-Video 2.6.2011)

Indisch-französischer Umweltsatellit soll am 12. Oktober starten, auf einer indischen PSLV: Megha-Tropiques trägt X Instrumente und soll sich auf seiner nur 20° geneigten Bahn vor allem um das Wettergeschehen in den Tropen kümmern; es sind auch drei Nanosatelliten an Bord. (IBN 12., Hindustan Business 10., Deccan Herald 1.9., Outlook India 24.8.2011)

Erster US-Wettersatellit der nächsten Generation in Kalifornien angekommen: Das National Polar-orbiting Operational Environmental Satellite System Preparatory Project, kurz NPP, soll am 25. Oktober auf einer Delta II starten – und dann eine Brücke zum kommenden Joint Polar Satellite System schlagen. (NASA Release, Spaceflight Now 31.8.2011. Auch NASA Release 31.8.2011 zum Kontraktor für ICEsat-2)

Die Mission von ERS 2 ist endgültig zuende: Der ESA-Umweltsatellit wurde am 5. September abgeschaltet, nachdem er auf eine niedrige Bahn – wo er andere Satelliten nicht gefährdet – bugsiert und “passiviert” worden war. In etwa 15 Jahren sollte der große Satellit verglühen. (ESA Release 12.9.2011. Und JPL Release 1.9.2011 zu regulären Beobachtungen des Meersalzes mit Aquarius)

Der erste Galileo-Satellit ist in Französisch-Guyana eingetroffen, und soll – zusammen mit einem zweiten – am 20. Oktober auf der ersten Soyuz in Südamerika starten. Die anderen beiden der vier IOV-Modelle (In-Orbit Validation) folgen auf gleichem Wege nächstes Jahr, die nächsten 14 folgen ab Ende 2012 oder Anfang 2013 (ESA Release, BBC 12., Spaceflight Now 15.9.2011)

Der Amazon-Chef hat eine Rakete verloren, beim 3. Testflug des geheimnisvollen Blue-Origin-Projekts für suborbitalen Tourismus am 24. August: In großer Höhe geriet sie (ohne Kapsel) in Schräglage und stürzte ab. Man baut aber schon an der nächsten. (Space Policy Online, Discovery, Cosmic Log, Space.com, New Space Journal 2., Space Today 3.9.2011. Und Space News 12., Florida Today 14.9.2011 zu einer Störung beim letzten Flug einer Falcon 9)

Britischer 40 Jahre alter Satellit noch zu gebrauchen? Zum Jubiläum des einzigen(!) britischen Raketenstarts auf einer eigenen Rakete – von Australien aus – bemühen sich Ingenieure derzeit eifrig, mit Prospero wieder Kontakt auf zu nehmen. Die Kommunikationscodes waren nach langer Suche in einem Archiv wieder entdeckt worden. (BBC 5., Science Journalism Tracker 6., Discovery 7.9.2011)

Ehemaliger Planetenforscher bekennt sich der versuchten Spionage schuldig: 13 Jahre Gefängnis – von denen er zwei schon abgesessen hat – warten vermutlich auf Stu Nozette, der einem Agenten (der sich als Israeli ausgab) Informationen aus der US-Raumfahrt verkaufen und sich dann nach Singapur absetzen wollte. Ein von ihm maßgeblich entwickeltes Instrument kreist auf dem Lunar Reconnaissance Orbiter immer noch um den Mond … (AP 7., Nature Blog, Science Insider 8.9.2011)


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