Variation des OPERA-Experiments misst Neutrino-Geschwindigkeit direkt(er)

Einer der am häufigsten gegen das nach wie vor unerklärliche Resultat des OPERA-Experiments mit den scheinbar ein bisschen überlichtschnellen Neutrinos vorgebrachte Einwände bezieht sich auf die Neutrino-Pulse selbst, die zwischen CERN und Gran Sasso unterwegs sind: Sie sind jeweils 10.5 µs lang, während die Ankunftszeit der Pulse nur um 60 ns von den erwarteten Zeitpunkten abweicht. Diesen Effekt halten die die OPERA-Forscher trotzdem für eindeutig nachweisbar, da sie die Form der Neutrino-Pulse statistisch gut im Griff hätten. Gleichwohl haben sie jetzt das Experiment zeitweise abgeändert: Seit ein paar Tagen und noch bis zum 6. November werden die Neutrinos beim CERN in nur noch 1 bis 2 ns kurzen Pulsen ausgesandt, mit jeweils 500 ns Pause dazwischen. Man wird also einzelnen im Gran-Sasso-Detektor registrierten Neutrinos eine ns-genaue Abflugszeit zuschreiben können, was im ursprünglichen Versuch – bei dem möglichst viele Neutrinos unterwegs sein sollten, zwecks Beobachtung von deren Oszillationen – nicht der Fall war. Zwar ist die Zahl der überhaupt detektierten Neutrinos nun um einen Faktor 100 kleiner, dafür lässt sich ihre Geschwindigkeit aber auch wesentlich direkter bestimmen: Ein dutzend Exemplare dürften bereits ausreichen, um sagen zu können, ob sie wieder signifikant ‘zu früh’ angekommen sind oder ob in der Auswertung des regulären Experiments ein subtiler Fehler steckt – und die Analyse der neuen Daten dürfte nur wenige Wochen dauern. Die Modifikation des Experiments war auch eine wesentliche Forderung der OPERA-eigenen ‘Dissidenten’ gewesen, die eine Einreichung des ursprünglichen Papers bei einer referierten Zeitschrift blockieren. Quantum Diaries, BBC, Telegraph 28., Strassler, Science Blogs 26., New York Times, Science Blogs 24., PressePortal 23., Science 2.0, Spiegel 21., Science Insider, Nature News, Curious Astronomer 20.10.2011

Lohnt eine systematische Suche nach “sterilen Neutrinos”? Diese hypothetischen Verwandten der normalen Neutrinos – deren maximal drei Typen durch diverse Experimente als gesichert gelten – würden sich sogar der schwachen Kernkraft verweigern: Nur über die Schwerkraft und durch Oszillation in normale Neutrinos und vice versa träten sie mit dem Rest des Universums in Kontakt. Nach einer neuen Analyse würden drei normale plus zwei sterile Neutrinos – mit 5 unterschiedlichen Massen – die bislang gesammelten Oszillationsdaten am besten fitten. Und auf einer Konferenz wurde im September energisch diskutiert, ob gezielte Experimente zum Nachweis steriler Neutrinos – durch das sonst unerklärliche Verschwinden oder Auftauchen normaler – jetzt schon sinnvoll seien. (Nature 20.10.2011 S. 328-9 und Science 21.10.2011 S. 304-6)

Die Proton-Proton-Kollisionen des LHC sind 2011 zu Ende

Noch bis gestern sind im Large Hadron Collider Protonen miteinander kollidiert, und die Hauptinstrumente ATLAS und CMS haben jeweils 5 inverse Femtobarn Kollisionsdaten (“Der Large …”) im Kasten: Das liegt nahe dem Maximum dessen, was überhaupt für möglich gehalten worden war – und es könnte u.U. reichen, die Existenz des Higgs-Teilchen im gesamten noch erlaubten Energiebereich bis 114 GeV hinab mit 95%iger Sicherheit auszuschließen. Noch geringere Energien hatte bereits der LHC-Vorgänger LEP eliminiert und der LHC bis diesen Sommer Energien größer als etwa 135-145 GeV. Derzeit wird emsig daran gerechnet, die gesamten LHC- wie auch Tevatron-Daten zu einem Gesamtergebnis zu kombinieren: Vielleicht taucht das Higgs ja doch noch als signifikanter “Bump” auf (manche hoffen da weiter auf eine Anomalie bei 120 GeV aus dem Sommer; just der Energiebereich 115 bis 125 GeV ist am schwierigsten zu beackern) – oder aber es exitiert nicht. PR-technisch wäre das für das CERN sicher ein Problem, viele Physiker betonen aber, dass dies das spannendere Ergebnis wäre. Denn dann hätte der LHC zumindest das Standardmodell der Teilchenphysik gesprengt, das er bislang immer nur noch besser bestätigt und insbesondere keinerlei Hinweise auf die populärste Variante der Supersymmetrie gefunden hatte, die nun wohl ausgeschlossen werden kann. Vielleicht schon in wenigen Monaten, sicher aber bis Sommer 2012, dürfte es ein ziemlich klares LHC-Urteil in Sachen Higgs geben. (CERN Press Release 31., Nature News 28., New Scientist Blog 26., Not Even Wrong 24.10.2011. Auch LHC-Parties an vielen Orten am/um den 23. November, ein Vortrag des CERN-Chefs in Bonn am 16. November 10:15 MEZ – und eine CERN-eigene Video-Show)

Im LHC kollidieren jetzt Protonen und Uran-Kerne, wenn auch nur insgesamt 40 Stunden lang (einmal 16 heute, dann 24 zwei Wochen später): Es geht bei diesen neuartigen Versuchen um die Untersuchung der Struktur der Urankerne, die bei weiteren LHC-Versuchen den November hindurch – wie schon Ende 2010 – untereinander zur Kollision gebracht werden. Die Interpretation der Ergebnisse dieser komplexen Wechselwirkungen sehr vieler Teilchen ist aber schwierig, und die – mit einigen technischen Herausforderungen verbundene; der LHC ist für Kollisionen identischer Teilchen optimiert – Uran-’Abstastung’ per Protonenstrahl soll dabei helfen. Wenn das gut klappt, wird es im November 2012 intensivere Versuche dieser Art geben. (Symmetry Breaking 20.10.2011)

Die große Reform des Einheiten-Systems SI kann beginnen

Die General Conference on Weights and Measures (“Naturkonstanten …”; CGPM) hat Ende Oktober ohne eine einzige Gegenstimme beschlossen, die größte Reform des internationalen Einheitensystems (SI) der letzten 100 Jahre in Angriff zu nehmen und Mol, Kilogramm, Kelvin und Ampere neu und ausschließlich anhand fundamentaler Naturkonstanten zu definieren. Bindend ist das nocht nicht: Erst die nächste CGPM in vier Jahren soll endgültig grünes Licht geben. Maßgeblich initiiert hat den langwierigen Prozess – bei dem viele konservative Zweifler überzeugt werden mussten und müssen – vor 5 Jahren ein heute 81-jähriger britischer Physiker. Der nicht daran glaubt, seinen Abschluss noch zu erleben … (New Scientist 25.10., Science 2.0 20.9.2011)

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3 Antworten to “Variation des OPERA-Experiments misst Neutrino-Geschwindigkeit direkt(er)”

  1. Der Mond-Schatten vor der Kosmischen Strahlung « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    [...] lief bisher besser als erhofft („Die Proton-Proton-Kollisionen …“) und hat längst das Standardmodell der [...]

  2. Chase Hofstadter Blog Says:

    how to measure speed of light with chocolate…

    Today a book with a nice cover got my attention in the bookstore. I thought I misread. “How to measure light speed with chocolate”? That can’t be able, so I was interested in that one. That book was something kinda a collection of experiments, yo…

  3. Rasende Neutrinos schaffen neuen OPERA-Test « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    [...] 20 eindeutige Neutrinos aus dem CERN hat der OPERA-Detektor im Gran-Sasso-Tunnel während der Sondermessungen mit den scharfen Pulsen vom 22. Oktober bis 6. November einfangen können, aber diesmal war von jedem die Abflugszeit auf 3 [...]

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