Archive for Februar 2012

Premiere der Vega-Rakete ein kompletter Erfolg!

13. Februar 2012

Zielorbit erreicht und alle neun Satelliten problemlos auf zwei verschiedenen Bahnen ausgesetzt: Was will man mehr vom Erstflug einer neuen Rakete, wenn auch einer technisch ziemlich altertümlichen? Pünktlich zu Beginn des Startfensters heute um 11:00 MEZ hob der erste neue europäische Träger in Jahrzehnten in Französisch-Guyana (“Der erste Start …”) ab, dank seiner ersten Feststoff-Stufe besonders rasant. Auch Nr. 2 und 3 sind Feststoff-betrieben, nur die Nr. 4 bedient sich eines Flüssigkeitstriebwerks aus der Ukraine, das auch gleich bewies, dass es mehrfach gezündet werden kann. Zuerst wurde die Hauptnutzlast, der Laser-Reflektor LARES für Tests der Allgemeinen Relativität, auf einer Kreisbahn in 1450 km Höhe ausgesetzt, gefolgt von ALMASat-1 und sieben CubeSats nach Absenkung des Perigäums auf 350 km. Der Verlauf des Fluges und Artikel von NASA Spaceflight, Nature Blog, BBC (früher), Spiegel, New Scientist und Orion. NACHTRAG: noch mehr zu LARES und den CubeSats – und viele weitere Bilder vom Start, auch hier.

“2012″ in Bonn: Was die Maya wirklich dachten

12. Februar 2012

Wenn Sie Gewissheit in einer aktuellen geisteswissenschaftlichen Frage suchen, gehen Sie bloss nicht auf eine Fachtagung zum Thema: Was vor sieben Jahren auf der ersten großen Tagung zur Himmelsscheibe von Nebra zu spüren war (siehe Artikel A 24 bzw. Proceedings-Besprechung), hat sich gestern auf der XV. Mesoamerikanisten-Tagung in Bonn wiederholt, in den drei Sessions, die sich mit dem “2012″-Phänomen auseinander setzten: Zwar steht außer Frage, dass die Maya keine konkrete Vorhersage für ein Weltende hinterlassen haben, aber was sie genau dachten und wie ihr entscheidender Kalender überhaupt zu eichen ist, darüber ist noch weniger gesichert als in so mancher Gegendarstellung zu lesen. Für Aufklärung zu sorgen, muss allen voran das Interesse der Altamerika-Forschung sein, die in Deutschland freilich ein regelrechtes Schattendasein fristet, wie auf der Tagung lauthals beklagt wurde: Schließlich war es die unvorsichtige Bemerkung eines amerikanischen Maya-Experten im Jahre 1966 gewesen, die einst die Mär von a) der Prophezeiung b) einer Apokalypse für c) das Jahr 2012 in die Welt gesetzt hatte.

Zumindest von den ersten beiden Punkten geht heute niemand mehr aus: Wie der Bonner Maya-Spezialist N. Grube (Bild) in Sachen a) ausführte, gibt in der Maya-Klassik überhaupt keine Hinweise auf prophetische Texte. Zwar findet man durchaus Hinweise auf die Zukunft, aber mit der Betonung, dass diese genau so sein wird wie die Gegenwart: von Apokalpyse keine Spur, denn im Gegenteil sorgen die Gottkönige durch striktes Einhalten immer gleicher Rituale dafür, dass eine Art zyklischer Zeit aufrecht erhalten wird. Interessanterweise lebt diese Vorstellung bei den heutigen Maya im Hochland Guatemalas fort, wie F. Sachse zu berichten wusste: Dort führen Priester noch heute spezielle Rituale durch, deren strikte Einhaltung das Weltende verhindern soll. Wie die mythischen Vorstellungen in der klassischen Maya-Zeit freilich im Detail aussahen, darüber ist kaum etwas überliefert, mahnt indes Grube, und selbst ein strenges Denken der Zeit in ewigen Zyklen – im Gegensatz zur linearen Vorstellung in der westlichen Welt – ist nicht wirklich abgesichert. Und was wird nun, wenn die Lange Zählung des Maya-Kalenders demnächst die Marke 13.0.0.0.0 erreicht, wie sie auch für das rückwirkend erfundene Datum der Weltschöpfung – eigentlich: 0.0.0.0.0 – geschrieben wurde?

Zu diesem Punkt b) findet sich in den gesamten schriftlichen Hinterlassenschaften der Maya nur eine einzige Stelle, auf dem sinnigerweise auch noch genau dort etwas beschädigten Monument 6 (Vorsicht, esoterische Seite!) der Maya-Ruinen von Tortuguero im mexikanischen Tabasco: hier gelesen von S. Gronemeyer, der in Bonn seine Interpretation (Bild) verteidigte aber auch auf die Unsicherheiten hinwies. Offenbar beschreibt der Text, dass bei der Vollendung des 13. Baktun eine Gottheit namens Bolon Yookte … ja, was eigentlich? Da könnte von einer Prozession die Rede sein, von einer Einkleidung, einer Statue. Entscheidend ist, dass wohl an diesem Datum etwas wieder passieren wird, was schon passiert ist – “et kütt wie es kütt”, beendete Gronemeyer (unten) seinen fulminanten Vortrag nach einer Flut lingustischer Fachbegriffe überraschend volksnah. Allein über die Bedeutung des ersten Wortes “tzutz” lässt sich schon füglich streiten, zeigte sich danach in der Diskussion: Während hier Gronemeyer die übliche Übersetzung “beenden” verwendet, kann es aber auch “neu einpflanzen” bedeuten – so wird das entsprechende Wort noch heute in dem Sinne benutzt, dass man nachsät, wenn eine Pflanze nichts geworden ist.

Bleibt noch Punkt c), die Frage nämlich, welchem Datum der Long Count 13.0.0.0.0 eigentlich entspricht. Weithin verwendet wird die GMT-Korrelation, nach der es bekanntlich am 21. Dezember 2012 so weit ist, aber auf der Bonner Tagung wiederholte A. Fuls seine bekannten Einwände, zeigte die dürre Abstützung von GMT durch wenige und auch noch widersprüchliche Notizen aus der frühen Kolonialzeit und warf insbesondere den Archäoastronomen vor, so lange an den Zyklen im Sonnensystem zu drehen, bis die nach seiner Analyse weit daneben liegende GMT-Skala doch irgendwie passt (unten). In seiner Interpretation – bei der alles 208 Jahre später passiert und der 13. Baktun mithin erst 2220 endet – sei die Präzision der in Maya-Texten erwähnten astronomischen Aussagen jedenfalls bestens und reicht von über 216 Nennungen von Mondphasen, die meist auf 2-3 Tage genau getroffen werden, bis zur Venusbahn im Dresdner Codex: über 400 Jahre lang auf 5 Tage genau.

Wir wissen also weder genau, was sich die Maya (oder jedenfalls der Schöpfer der Tortuguero-Stele) dachten, was am Ende des 13. Baktun passieren sollte, gewiss aber nichts Negatives, noch wann es wirklich so weit ist. Um so klarer ist leider, wie der ganze Komplex – und die klassische Maya-Kultur insgesamt – in der Gegenwart von der Popkultur und zwielichtigen Geschäftemachern vereinnahmt werden: Eine schier endlose Serie von bizarren Druckwerken und anderen Produkten ließen mehrere Referenten über die Leinwand ziehen – und das nicht nur aus den USA, wo der 2012-Wahn schon geradezu eine Tradition hat, oder Deutschland, wo es erst 2009 nach dem (eigentlich gar nichts mit den ‘normalen’ 2012-Schnapsideen zu tun habenden) Emmerich-Film richtig losging, sondern auch in Mittelamerika selbst. Dort sind es nicht nur selbsternannte Gurus, die speziell westliche Klientel bedienen: Die aberwitzigen Ideen sickern auch zunehmend in die indigenen Gemeinschaften ein, wo sie zuweilen schon national-politisch ausgeschlachtet werden, wie L. Frühsorge zu berichten wusste. Vor allem Guatemala war hier vorgeprescht und schon seit den 1990-er Jahren auf “2012″-Kurs.

Eher ratlos verlief die Abschlussdiskussion zum 2012-Komplex auf der Bonner Tagung (oben): Hat die Aufklärungsarbeit überhaupt noch eine Chance gegen den Tsunami? Üble Geschichten wurden berichtet, wie ein gewisses Hamburger “Nachrichten”-Magazin einem Azteken-Experten die Worte im Mund verdrehte, um die alte Kultur zu verdammen, TV-Produzenten wurden angeprangert, die für Reenactments Maya-Darsteller in absurde Federkostüme stecken – und die Medien generell, die angeblich nichts von den Altamerikanisten hören wollten und von schier grenzenloser Ignoranz gegenüber dem Thema seien (im Gegensatz etwa zur Klassik Europas oder Ägyptens). Erst wurde auch noch auf die Wikipedia eingedroschen, dann mehrten sich aber die lobenden Stimmen dafür – und der Ruf wurde laut, dass die soliden Erkenntnisse der Amerikanistik endlich in verständlichen Webseiten mit schönen Grafiken für die Öffentlichkeit aufbereitet werden müssten, wie es “die Esoteriker” – Feindbild Nr. 1 der Community – doch längst für ihre kruden Interpretationen täten. “Hier, ich!” hat laut keiner gerufen, aber eine zaghafte Aufbruchsstimmung war doch zu spüren: Vielleicht gelingt es ja, das um die 2012-er Ecke herum entstandene Interesse in Bahnen zu lenken, die am Ende sogar der Mesoamerikaforschung jene Aufmerksamkeit verschafft, die sie so gerne hätte.

Im Zeitraffer über die USA, der Aurora entgegen

11. Februar 2012

geht es hier mit der ISS: einer von zahlreichen neuen Videoclips aus dem Zeitraum 29. Januar bis 3. Februar, die auf Bildsequenzen mit DSLR-Kameras basieren.

Das kalte Europa am 7. Februar, abgescannt von Metop-A mit dem AVHRR-Instrument: Schnee erscheint in dieser Darstellung in Cyan. Während diese Karte von MODIS auf Terra zeigt, wo es Ende Januar in Europa kälter als üblich war.

Ein weiteres frühes Produkt des neuen Wettersatelliten Suomi NPP, diesmal vom Cross-track Infrared Sounder (CrIS), der mit 1305 IR-Kanälen die Atmosphäre quasi dreidimensional erfassst, aber auch warme Meeresgebiete fallen in diesen Daten vom 21.-25. Januar auf.

Die Spur eines Felsens, der über den Mond rollte, aufgenommen vom LRO: Was ihn einst in Bewegung versetzte, ist nicht klar (ein naher Impakt vielleicht?), aber es passierte schon vor einigen Millionen Jahren, die kleine Krater auf der Spur verraten. Eine andere aktuelle LRO-Aufnahme zeigt Spuren von Fließvorgängen an einem Kraterrand.

Phoenix auf dem Mars, gesehen vom MRO knapp zwei Jahre nach der Landung: Die polnahe Umgebung des lange verstummten Landers wird auch weiterhin auf die Veränderungen der Frostmuster hin überwacht. Auch den Lander von Spirit hat die HiRISE-Kamera erwischt.

Enceladus samt Fontänen vor den Saturnringen am 4. Januar – leider liegt diese von der ESA verbreitete Aufnahme nur in einer dynamik- und pixelarmen Version vor, die sich gegen eine ordentliche Bearbeitung sträubt … Dann schon lieber diese “Fan”-Aufbereitung von Enceladus im Saturn-Licht!

Eine IR-Aufnahme des Carina-Nebels mit dem VLT und seinem Instrument HAWK-I bei 1.5 bis 2.2 µm Wellenlänge – nur ein wenig jenseits des Sichtbaren, aber der ‘Durchblick’ steigt deutlich.

Die prototypische Balkenspirale NGC 1073 auf einer HST-Aufnahme: Die meisten Spiralgalaxien haben solch eine mehr oder weniger ausgeprägte Struktur, die eine wichtige Rolle beim Massentransport Richtung Zentrum spielt.

Die Galaxie Markarian 779 auf einer Hubble-WFC3-Aufnahme, nach einem größeren Verschmelzungs-Ereignis in ziemlicher Unordnung.

“BBC Stargazing Live”: Impressionen der 2. Serie

8. Februar 2012

Nach dem großen Erfolg der ersten Serie im Januar 2011 hat die BBC diesen Januar wiederum drei Folgen Stargazing Live ausgestrahlt, wobei diesmal die eine Stunde mit Gesprächen im Jodrell-Bahn-Kontrollraum, Liveschalten zur Starparty vor der Tür und nach Südafrika zum SALT und Einspielern jeweils durch einen halbstündigen weitgehend ungescripteten Talk ergänzt wurde: oben die Episode 1, der Talk danach und die Episode 2. In der Folge der neuen Sendungen sollen die Teleskopverkäufe explodiert sein, auch wenn ein gewisser TV-Kritiker nix kapiert hatte (und sich damit in der britischen Amateurastronomie der Lächerlichkeit preisgab) – und in den USA die Forderung laut wurde, solch eine Sendung auch mal zu bekommen. Auch Werbung für Planethunters in den Sendungen hatte ein enormes Echo – und könnte prompt zu der Entdeckung eines weiteren Kepler-Planeten geführt haben, wie auch in diesem Clip zu sehen.

Nachrichten aus dem Sonnensystem kompakt

6. Februar 2012

Komet Garradd zu Besuch am Kugelsternhaufen Messier 92 am 3. Februar: Wie hier Rolando Ligustri (mit einem Remote-Teleskop) haben zahlreiche Amateurastronomen diese kuriose Konstellation festgehalten, so auch hier, hier, hier, hier und hier. Visuell macht der Komet leider weit weniger her.

Das verrückteste Feuerkugel-Video aller Zeiten? Entstanden ist es am 1. Februar in Austin, Texas, während eines Konzerts (auch vergrößert & in Zeitlupe sowie das ganze Stück), als ein viel beachteter und auch gefilmter Bolide über den Himmel zog: weitere Videos u.a. hier, hier, hier und hier.

Drei aktuelle Bilder der HiRISE-Kamera auf dem Mars Reconnaissance Orbiter, wo allein die Sammlung ausgewählter Szenen bereits 21’000 Bilder umfasst. Oben der Boden des Kraters Toro, wo hydrothermale Effekte zu neuen Mineralien geführt haben: In der Falschfarbendarstellung deuten wärmere Töne auf so entstandene Tone etc. hin. In der Mitte Dünen, die in Noachis Terra in einem Einschlagskrater ‘gefangen’ sind: wichtig für die Geschichte der Sedimentbildung auf dem Mars. Und unten Erosion im Krater Pasteur, auch wieder durch die Winde des Mars.

Nur noch der Rand eines namenlosen Marskraters schaut hier aus einem Lavafeld heraus, auf einem Bild des THEMIS-Instruments auf Mars Odssey.

Windverwehungen in der Großen Syrte auf dem Mars in einer Darstellung von Daten der HRSC auf dem Mars Express: Dem Bildmosaik ist farblich codiert das Höhenprofil überlagert. Die starke Verkraterung zeigt an, dass diese Gegend über 3 Mrd. Jahre alt ist.

Grünes Licht für eine zweite Hayabusa-Asteroidenmission

hat jetzt die japanische Regierung gegeben, was bisher nur mit Vorbehalten der Fall gewesen war: Angestrebt wird weiterhin ein Start schon 2014, um 1999 JU3 erreichen und die Bodenprobe Ende 2020 auf der Erde haben zu können, mit einer zweiten Chance 2015 – aber dann gäbe es ein Jahrzehnt lang keine Route mehr. Die Gesamtkosten werden auf umgerechnet über 200 Mio.$ geschätzt, weshalb es Besorgnis erreigt, dass im Haushalt ab diesem April erst 39 Mio.$ für Hayabusa 2 vorgesehen sind. Viele Lektionen sind bei der ersten Hayabusa-Mission gelernt worden, bei der so ziemlich alles schief ging, was möglich war, und am Ende trotzdem ein bisschen Asteroidenstaub zur Erde kam – der jetzt auch fremden Laboratorien zur Verfügung gestellt wird. (Centauri Dreams 6., UCF Release 1.2., New Scientist, Universe Today 31., Spaceflight Now 29.1.2012. Und ein JAXA Special zu den Ergebnissen von Hayabusa)

Akatsuki schaffte eine Bahnänderung mit dem Reaction Control System der angeschlagenen japanischen Venus-Sonde, das im November 3x gezündet wurde (“Kritisches Bahnmanöver …”): Damit bleibt es weiterhin im Prinzip möglich, die Sonde doch noch in einen Venus-Orbit zu befördern. Aber ob der Schub reichen wird, ist immer noch nicht klar, und auch das bevorzugte Szenario scheint sich öfters zu ändern: Statt November 2015 ist jetzt von Juni 2016 die Rede – und die Sorge bleibt auch, dass die Systeme Akatsukis bis dahin schon arg gelitten haben könnten. (Planetary Society Blog 31.1.2012, Spaceflight Now 21.11.2011)

Deep Impact wahrt Chance auf zweite Extended Mission

Mit einer 140-Sekunden-Zündung seines Triebwerks hat das ehemalige Mutterschiff von Deep Impact am 24. November im Prinzip Kurs auf den Asteroiden 2002 GT genommen, an dem die dann schon sehr alte Sonde im Januar 2020 vorbei fliegen könnte. Noch ist diese Missionsverlängerung aber nicht genehmigt worden: Sollte es dazu kommen, folgt diesen Oktober ein weiteres Manöver. Mit dem fast leeren Tank könnte DI kein anderes derzeit bekanntes Ziel erreichen und dort noch etwas Sinnvolles machen. (DI Status Report 1., Spaceflight Now 17.12.2011)

Dawn darf länger im Low Altitude Mapping Orbit um Vesta bleiben als ursprünglich geplant, nämlich bis Ende März: Das hat die NASA entschieden, nachdem das Projekt nicht einen einzigen der für Notfälle in Reserve gehaltenen 40 Missionstage verwenden musste. (Dawn Journal 30.12.2011, 27.1.2012. Und JPL Release 25.1.2012 zur Möglichkeit von Wassereis unter den Vesta-Polen, die sich aus Dawn-basierten Modellen zum jährlichen Temperaturgang ergibt – das GRaND-Instrument könnte es aus dem LAMO nachweisen)

Flüssiges Wasser in ‘Linsen’ dicht unter Europas Oberfläche

Die Lösung des seit der Galileo-Mission schwelenden Streits, ob der – indirekt aber glaubhaft erschlossene – Ozean im Inneren des Jupitermonds Europa unter wenig (ein paar km) oder viel (die Mehrheitsmeinung, 20±10 km) Eis verborgen ist, könnte sein, dass … beides gleichzeitig der Fall ist! Das wäre bei einem neuen Szenario für die Entstehung der “Chaos”-Regionen so, wo linsenförmige Seen aus flüssigem Wasser in etwa 3 Kilometern Tiefe für die Entstehung dieser Landschaftsform entscheidend sind, während der Großteil des Wassers in der Tiefe bleiben darf. Das Modell basiert auf trickreichen Analogieschlüssen mit entfernt verwandt erscheinenden Vorgängen im irdischen Eis: ein neuer Ansatz in der Planetologie, der über den bisher gepflegten direkten Vergleich von Landschaften auf verschiedenen Planeten durch simples Anschauen deutlich hinaus geht. (Schmidt & al., Nature 479 [24.11.2011] 502-5; auch Keszthelyi, ibid. 485, JHU, Univ. of TX, NASA Releases, Science@NASA, Galileo’s Pendulum 16., Planetary Society Blog, Sky & Tel., Space Today, BdW 17.11.2011)

Die ersten Radarbeobachtungen des Saturnmonds Enceladus hat Cassini am 6. November durchgeführt, die ersten derartigen Messungen an einem Eismond mittlerer Größe – leiden lagen die berühmten Tigerstreifen, wo die Fontänen Enceladus’ austreten, nicht im abgetasteten Streifen, und die Analyse der Echos hat erst begonnen. (JPL Release, Planetary Society Blog 1.12.2011. Auch JPL Release 12.1.2012 zur Problemen mit Cassinis Ultra-stable Oscillator, Schneider & al., Nature 481 [5.1.2012] 58-61, Caltech Release 4., BdW 5.1.2012 zu einem neuen detaillierten Klima-Modell für und ESA, JPL Releases 23., New Scientist 27.1.2012 zu regionalen Unterschieden bei den Dünen auf Titan)

Und noch kurz gemeldet

Eine größere Kurskorrektur der Jupitersonde Juno ist am 1. Februar erfolgt – die erste von einem Dutzend bis zur Ankunft 2016. (JPL Release 2.2.2012)

Eine Instrumentenheizung auf Voyager 1 ist abgeschaltet worden, um den Weiterbetrieb der 1977(!) gestarteten Sonde am Rande des Sonnensystems bis 2025 zu ermöglichen: Das UV-Spektrometer ist eh’ schon extrem kalt, dann wird es das wohl auch noch abkönnen. (Mission Status Report 17.1.2012)

New Horizons ist jetzt näher am Zwergplaneten Pluto als jede andere Raumsonde – 2143 Tage bis zum 2.12.2011 hat das gedauert. Den alten Rekord hatte Voyager 1 im Januar 1986 mit 1.58 Mrd. km aufgestellt. (JHU APL Release 2., Science@NASA 3.12.2011)

Keine Lösung der Plutonium-Krise für künftige Planetensonden ist auch drei Jahre nach einem Papier in Sicht, das auf das baldige Ende der Pu-238-Vorräte hinwies: Die genauen Restvorräte in den USA sind zwar geheim, dürften aber gerade mal für eine weitere große Mission – “Flagship Mission” – in die Tiefen des Sonnensystems reichen. (The Space Review 26.9., Space.com 22., Universe Today 29.11.2011)

Eine gemeinsame russisch-europäische Jupiter-Mission soll eine von fünf vagen Möglichkeiten für gemeinsame Projekte sein, die zwischen Roskosmos und ESA besprochen wurden, heißt es in einer diffusen Agenturmeldung – die auch eine Landung(!) auf dem Jupitermond Ganymed erwähnt. Andere konkrete Quellen dazu: Fehlanzeige. (Novosti 20.12.2011 – naja, bei der Agentur glauben ja auch an Nazi-Uboote am Südpol [letzte 5 §§] …)

Sorgt der Sonnenwind für Merkurs schwaches Magnetfeld? Das besagt ein neues Dynamo-Modell, bei dem das Planeteninnere eigentlich ein Feld von Erdstärke erzeugen sollte, durch die Wirkung der vom Sonnenwind produzierten Magnetosphäre aber daran gehindert wird – es macht konkrete Vorhersagen, die MESSENGER und BepiColombo testen können sollten. (Heyner & al., Science 334 [23.12.2011] 1690-3; MPG PM, BdW 22., TU Braunschweig PM 23.12.2011)

TU Berlin unterstützt deutsche Amateur-Mond-Fahrer: Dem deutschen Google-Lunar-X-PRIZE-Team “Part-Time Scientists” wird von deren Fachgebiet Planetengeodäsie am Institut für Geodäsie und Geoinformationstechnik unter die Arme gegriffen. (PTS PM 20.12.2011. Auch YouTube 29., GLXP Blog 31.12.2011 mit weiteren CCC-Vorträgen)

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

5. Februar 2012

Dritter erfolgreicher Satellitenstart im Iran

Eine Safir 1 hat am Morgen des 3. Februar den 50-kg Satelliten Navid-e Elm-o Sanat – “Gute Nachrichten aus Wissenschaft und Industrie” – in eine niedrige Erdumlaufbahn (nach iranischen Angaben 250 bis 370 km und 55° Neigung) gebracht, aus der er 18 Monate lang Erdaufnahmen (unbekannter Schärfe) liefern soll; auch andere Aufgaben meteorologischer Art werden zuweilen genannt. Der dritte Orbitalerfolg nach 2009 und 2011 (“Zweiter iranischer …”): Die Rakete ist die Weltraum-Variante der ballistischen Shahab 3. (Press TV Video, Payvand News, Fars News Agency, SpacePorts, Spaceflight Now, Discovery, Russia Today 3., Press TV, Space Policy Online, Space Today 4.2.2012)

Der erste Start der Vega ist jetzt für den 13. Februar geplant; die Startkampagne in Kourou (“Die erste Vega-Rakete …”) für die neue europäische Kleinrakete läuft bereits seit letztem November. Bis zum 14.2. muss der Start gelungen sein, sonst verschiebt er sich um einen weiteren Monat: Die Startvorbereitungen für das nächste ATV haben dann Vorrang. An Bord bei der Vega-Premiere (“VV01″) gleich 9(!) Satelliten: LARES (Laserreflektor für Relativitäts-Studien), ALMASat-1 und 7 CubeSats. Die Rakete ergänzt im europäischen Arsenal die starke Ariane 5 und die mittelstarke Soyuz (s.u.) nach unten: Je nach Bahn kann sie 300 bis 2500 kg Nutzlast tragen, etwa 1.5 t auf eine 700-km-Bahn. 2014 soll z.B. eine Vega den Reentry-Demonstrater IXV (“Die ESA will …”) in 450 km Höhe absetzen. (ESA Release, Space News 3.2., ESA Release 27., DLF 26., ESA Releases 19.1.2012, 16., 15.12.2011)

Soyuz-Kapsel bei Test zerstört – ISS-Zeitplan rutscht

Bei einem Bodentest ist die Abstiegskapsel von Soyuz TMA-04M zu hohem Druck ausgesetzt und so stark beschädigt worden, dass das Raumschiff nicht mehr verwendet werden kann. In der Folge verschiebt sich der nächste Crew-Start zur ISS um sechs Wochen vom 30. März auf den 15. Mai. (Russian Space Web; Space Policy Online 29.1., CBS 2., Space Today 3.2.2012)

Die erste Dragon zur ISS startet erst im April, nachdem Sorgen über die krtitische Software für das Rendezvous mit der Raumstation aufgetaucht waren. Dass die Kapsel von Space X überhaupt die ISS anfliegen darf, wo sie dann mit deren Robotarm eingefangen werden soll, hatte die NASA erst am 9. Dezember bestätigt; damals war noch der 7. Februar als Starttermin vorgesehen. Wenn’s dann so weit ist, wird etwa 3 Tage nach dem Start angedockt, die – nicht kritische – Nutzlast ausgeladen und nach ein paar Wochen wieder abgedockt; die Kapsel landet dann am Fallschirm wie schon beim ersten Testflug. (Musk-Tweet 4., Spaceflight Now 3.2., 20.1.2012, NASA Release 9.12.2011. Auch Space News 18.1.2012 zum Ausscheiden des Astronauten Ken Bowersox bei Space X, LMU Magzine 11.11.2011 mit einem Interview mit einem Space-X-Mann und Air & Space Januar 2012 mit einem umfangreichen Portrait des ungewöhnlichen Raumfahrtunternehmens)

Neuer Fehlschlag, neue Erfolge für die Soyuz-Rakete

Am 23. Dezember 2011 versagte abermals eine Soyuz (Modell 2.1b) bei einem Satellitenstart in Plesetsk: Verloren ging der militärische Kommunikationssatellit Meridian 5, und Trümmer fielen auf bewohntes Gebiet in Sibirien – u.a. wurde ein Hausdach beschädigt. Wieder einmal versagte die 3. Stufe. Nur 5 Tage später lieferte zwar eine Soyuz-Fregat von Baikonur aus sechs Globalstar-Satelliten auf perfekten Bahnen ab, aber der Ärger in der russischen Politik war gewaltig: Eine grundsätzliche Untersuchung der sich häufenden Qualitätsprobleme wurde eingeleitet und die Bestrafung Verantwortlicher angedroht … (Forbes, Space.com 1.12., Space Today 29., Spaceflight Now, BBC 28., Novosti 27., Reuters 26., Spiegel 24., Novosti, NASA Spaceflight, Spaceflight Now, BBC, Space Today, Spiegel 23.12.2011)

Auch der zweite Soyuz-Start in Französisch-Guyana war am 17. Dezember ein voller Erfolg: an Bord diesmal sechs Satelliten, die Astrium für Frankreich und Chile gebaut hatte. Am interessantesten wohl der französische Dual-Use-Erdbeobachter Pleiades 1, der schon nach wenigen Tagen ein patriotisches Bild des Place de la Concorde in Paris lieferte. Die 4 ebenfalls französischen ELISA-Satelliten sollen Radaremissionen von der Erde überwachen, und Chiles SSOT ist wiederum ein dualer Erdbeobachtungssatellit. (Spaceflight Now, Space Today 17., Space.com 19., BBC 22.12.2011)

Auch die letzten 8 Galileo-Satelliten bei OHB bestellt

hat die Europäische Komission, die dem deutschen Unternehmen schon den Auftrag für 14 Satelliten (“Fortschritte …”) erteilt hatte – insgesamt sind damit 26 der Navigationssatelliten geordert. Die Tests mit den ersten Galileos im Orbit gehen derweil voran: Per Laser wurden die Bahnen genau vermessen und ihre Navitationssignale empfangen. (Space Today 4., ESA, SSTL Releases, Spaceflight Now 2., Space News 1.2.2012, Helmholtz Release 23., ESA Releases 15., 14.12.2011)

Das chinesische Beidou-NavSat-System ist eingeschaltet worden, aber es ist nicht recht klar, wieviele der bisher 10 gestarteten Satelliten zum Stichtag 27.12.2011 überhaupt sinnvolle Navigationssignale abstrahlten. Bis 2020 sollen es jedenfalls 37 Satelliten sein, die die ganze Welt abdecken: ein echter Konkurrent für GPS und Galileo, nicht so präzise, dafür aber mit einem Messaging-Service gekoppelt, den die anderen beiden Systeme nicht haben. (South China Morning Post, Space Today 28., GPS World 27.12.2011)

Das NanoSail D ist bereits am 17. September verglüht

Aber bekannt gegeben hat dies die NASA erst am 29. November 2011 – und damit Amateurastronomen, die ja explizit zum Beobachten aufgerufen waren, mehr als zwei Monate vergeblich an den Himmel starren lassen! Auch sonst war und ist die Berichterstattung über das originelle Experiment (“Das NanoSail D …”) – wie schnell sinkt ein Segel in der Erdatmosphäre? – äußerst dürftig, was mit der Kopplung des Minisatelliten an einen militärischen Satellitenstart zusammen hängen dürfte. Immerhin sollen Anfang 2012 die Gewinner des NanoSail-Fotowettbewerbs bekannt gegeben werden: Vielleicht wird man bei diesem Anlass mehr über die eigentliche Fragestellung des Experiments erfahren, nämlich die räumliche Lage, die der Segler einnahm. Und was man dabei über den möglichen Einsatz solcher Segel zum gezielten Deorbiting von Satelliten gelernt hat – dieses jedenfalls blieb mit gut 240 Tagen viel länger im Orbit als erwartet, auch wenn es am Ende wegen erhöhter Sonnenaktivität um so schneller abwärts ging. (Boston Globe 28., NASA Release 29.11., Huntsville Times Blog 5.12.2011)

Die Rettung des teuren Satelliten AEHF 1 ist geglückt, der sich allein mit seinem Ionenantrieb (“Der US-Satellit …”) auf die geostationäre Bahn hieven musste, nachdem die Liquid Apogee Engine wegen eines Stück Stoffs(!) in einer Treibstoffleitung versagt hatte. 14 Monate und 500 einzelne Manöver waren nötig, aber nun in der 1 Mrd.$ teure militärische Nachrichtensatellit am Platz – und sollte die vorgesehenen 14 Betriebsjahre schaffen. (Spaceflight Now 3.1.2012)

Und noch kurz gemeldet

Ex-Astronaut John Grunsfeld ist jetzt Wissenschafts-Chef der NASA, in der Nachfolge von Ed Weiler: Als gleichzeitig professioneller Astronom (mit Dutzenden von Veröffentlichungen) und Astronaut, der mehrfach an Hubble Hand anlegte, möchte er eine Brücke zwischen Wissenschaft und bemannter Raumfahrt schlagen. Und muss die Sorgen der Planetenforscher und Erdbeobachter zerstreuen, dass er sie womöglich vernachlässigen würde. (Nature News 21.11., NASA Release, Space, Nature News, Spaceflight Now, Baltimore City Paper 19., Sky & Tel., Space Today 20.12.2011)

Die meisten Weltraumstarts seit 14 Jahren gab es 2011 mit 84, davon 4 in den interplanetaren Raum – allerdings hatte es auch die Zahl der Fehlstarts von 6 lange nicht mehr gegeben. Und China steht mit 19 Starts erstmals auf Platz 2. (Orion 2.1.2012, Space.com 2.12.2011. Und Space News, New York Times 29., Xinhua 30.12.2011 zu einem neuen chinesischen 5-Jahres-Plan)

Das ESA-Budget 2012 ist praktisch dasselbe wie 2011, nämlich 4 Mrd. Euro – und größter Zahler ist mit 750.5 Mio. Euro erstmals Deutschland. Die Finanzprobleme mancher kleinen Mitglieder wie Griechenland oder Portugal fallen nicht ins Gewicht, da es den ‘großen’ gut genug geht. (Space News 11.1.2012. Und Space News 12.1.2012 zur unklaren Zukunft der Sentinel-Satelliten)

Gute Fortschritte bei der 3D-Erdkartierung mit TanDEM-X und TerraSAR-X nach einem Jahr koordinierter Radarmessungen: Der ganze Globus ist bereits mindestens einmal erfasst worden, aber bestimmte schwierige Geländeformen wie schroffe Gebirge erfordern weitere Beobachtungen. Das Gesamt-DTM, das dasjenige der SRTM weit in den Schatten stellen soll, dürfte erst 2014 vorliegen. (BBC 18.1.2012. Und LiveScience 15.11.2011 zu mysteriösen Landmarken in China, die offenbar der Kalibration von Aufklärungssatelliten dienen)

Satellitenstarts mit einer Falcon 9 von einem riesigen Flugzeug aus verspricht das gemeinsame Projekt “Stratolaunch” von Space X und Scaled Composites, das bereits mit dem Bau eines Hangars in New Mexico begonnen hat. Allerdings stellt sich die Frage, ob es für diesen Startservice – der ab 2015 oder 2016 erste Tests erleben soll – überhaupt einen ausreichenden Markt geben wird. (Spaceflight Now 13., Space Today 14., New Space Journal 15., KosmoLogs 22.12.2011, Popular Mechanics 20.1.2012)

Das SpaceShipTwo könnte Ende des Jahres erstmals den Weltraum erreichen, heißt es jetzt – auf jeden Fall stehen 2012 entscheidende Testflüge mit dem Suborbitalschiff für Touristen an. (Space.com 3.2., Cosmic Log 20.1.2012, Rhein-Zeitung 23.12., Parabolic Arc 17., Reuters 16., Space.com 15., Allianz PR 14.11.2011. Auch FlightGlobal, HobbySpace 11.1.2012 zu bevorstehenden Lynx-Tests und Blue Origin Videos von einem Short Hop)

Die Rakete Taurus II heißt jetzt “Antares” – damit dieser Träger der Cygnus-Kapsel zur ISS nicht mehr an die Unglücksrakete Taurus XL desselben Herstellers erinnert, die zweimal nacheinander versagte. (Space Today 13.12.2011. Und Current Science 25.1.2012 zur Bergung von Trümmern einer 2006 verunglückten indischen GSLV-Rakete aus flachem Wasser in der Bay of Bengal)

Ein Computervirus bei der JAXA hatte sich in einen Rechner geschlichen, der mit dem HTV-Transporter zur ISS zu tun hatte – es ist aber nicht klar, ob Schaden angerichtet oder brisante Daten geklaut wurden. (JAXA Release, Space.com 13.1.2012. Und All Things Nuclear 1.12., Reuters 16.11.2011 zur Absurdität der Behauptung, China hätte sich in zivile Erdbeobachtungs-Satelliten gehackt)

Der zweite X-37B-Mysterien-Shuttle ist immer noch im Orbit, wo er aber weniger Manöver als das erste Exemplar durchführte: Beobachter gehen davon aus, dass es den geheimnistuerischen Militärs jetzt um einen Langzeittest geht – und aus der Bahnneigung schließen manche, dass die an Bord vermuteten Systeme für künftige Aufklärungssatelliten vornehmlich an Afghanistan und dem Nahen Osten ausprobiert werden. (Space.com 20., Space Daily 7., IEEE 6.1.2012, Discovery, Space Today, Science Journalism Tracker 30., Spaceflight Now, LA Times Blog, Space.com 29.11.2011)

Warum schweigt die DARPA über die Vergabe des 100-Year-Starship-”Auftrags”? Dass die restlichen 500’000 Dollar aus der kuriosen Studie (“Das Symposium …”) an ein Konsortium unter Leitung der Jemison Foundation gegangen sind, ist inzwischen hinreichend oft geleakt worden – aber Mitgewinner Icarus ließ einen Jubel-Tweet (hier re-tweetet) rasch wieder verschwinden, und die DARPA hat bislang keinerlei Statement abgegeben. Sehr merkwürdig … (Cosmic Log, Slashdot 7., Centauri Dreams 6., BBC 5.1.2012, Icarus Newsletter 9.12.2011)

Nachrichten von Weltraum-Teleskopen kompakt

4. Februar 2012

Die NASA soll – klein – beim Euclid der ESA einsteigen

Das ist die Empfehlung der National Academies of Science der USA angesichts der absehbaren langen Wartezeit auf den IR-Satelliten WFIRST, der JWST-halber nicht vor 2025 starten dürfte: Auch wenn dieser weiter Priorität habe, sei es gerechtfertigt, wenn sich die NASA mit Hardware im Wert von etwa 20 Mio.$ an dem Kosmologiesatelliten Euclid beteiligt, dessen Bau die ESA beschlossen hat und der noch dieses Jahrzehnt starten soll. Denn als Gegenleistung für diese Beistellung (vermutlich in Gestalt von IR-Detektoren) könne zumindest ein Amerikaner volles Teammitglied werden, und US-Astronomen ständen dann neue Daten zur Zeitentwicklung der Dunklen Energie zur Verfügung, die der eigene Satellit – wenn auch besser – erst Jahre später liefern wird. Aus US-Seite wohl ein guter Deal, denn für die Investition von ein paar Prozent der Kosten des Satelliten gibt’s etwa 10% von dessen Science – und die Hoffnung auf WFIRST, immerhin Top-Priorität der letzten Decadal Survey der amerikanischen Astronomie (siehe ISAN 117-5), bleibt bestehen. Bei dem früher erwogenen 20%-Einstieg in Euclid hätte das anders ausgesehen; jetzt geht es um 10% der Instrumenten-, nicht kompletten Missionskosten. Die ESA verlangt eine endgültige Entscheidung der NASA bis Mai. (Assessment of a Plan for U.S. Participation in Euclid; Nat’l Academies Press Release, Nature Blog 3.2., Space Policy Online 22., Space News 20.1.2012, Science Insider 23.11.2011. Und BBC 10.10.2011 zum ESA-Astrometriesatelliten GAIA)

529.6 Mio.$ werden im laufenden Haushaltsjahr ins JWST gesteckt, so steht es im am 18.11.2011 von Obama unterzeichneten FY2012-Etat (“Es gibt einen …”). Die Komplettstreichung letzten Sommer durch das Abgeordnetenhaus war wirklich nur Show und ein herber Warnschuss gewesen – und ab jetzt werden keine weiteren Kostenüberschreitungen (harte Grenze: 8 Mrd.$ bis zum Start) mehr geduldet. Die NASA bejubelt derweil in Pressemitteilungen und Artikeln die Fertigstellung wesentlicher Komponenten des Weltraumteleskops. (Mikulski Release 17.11., Universe Today 1.12.2011, NASA Release, Space Politics 9., DLF 11., Space Politics 18.1., Sat Magazine Feb. 2012)

Die ersten Fringes zwischen Spektr R und irdischen Teleskopen

sind gemessen worden: Damit spannen der russische Satellit und mehrere Radioteleskope auf der Erde – u.a. die 100-m-Schüssel von Effelsberg – eine Antenne auf, die den 30-fachen Erddurchmesser hat. Während der Beobachtungen des Quasars 0212+735 bei 18 cm Wellenlänge stand der Satellit in einer Entfernung von ca. 100’000 km von der Erde, ein Weltrekord für Orbital-VLBI. Um diese Beobachtungen möglich zu machen, wurden die Daten des Weltraumteleskops an Bord aufgezeichnet und von dort zur Empfangsantenne der Bodenstation in Puschino/Russland gesendet. Die Daten wurden in einem Spezialrechner (“Korrelator”) des RadioAstron-Projekts in Moskau mit Beobachtungen von den am Projekt beteiligten erdgebundenen Radioteleskopen verknüpft. (PM des MPIfR 8.12.2011)

Die Mission von Japans IR-Satellit Akari ist endgültig vorbei

Am 24. Mai 2011 waren die Batterien des Satelliten ausgefallen (“Batterien des japanischen Astrosatelliten …”), und auf den Tag genau 6 Monate später ist er endgültig abgeschaltet worden: Das flüssige Helium war eh schon 2007 alle und nur noch ein Nah-IR-Instrument in Betrieb. Das lohnte sich wohl nicht mehr, wo nun Akari jedenfalls ausfiel, wenn er im Schatten der Erde war. (JAXA Release 24., Spaceflight Now 26., Sky & Tel. 30.11.2011)

Auch ESAs Planck ist das flüssige Helium ausgegangen, und das High Frequency Instrument hat am 14. Januar den Betrieb eingestellt – aber es sollten mehr als genug Daten im Kasten sein, um die erhofften kosmologischen Einsichten zu extrahieren: Statt der Spezifikation von 2 sind nämlich 5 komplette Himmelsabtastungen gelungen. Das Low Frequency Instrument wird noch einige Monate weiter messen, während die Datenfülle ausgewertet wird: Anfang 2013 gibt’s Kosmologie mit den ersten 15.5 Monaten Messungen, ein Jahr später aus dem kompletten Datensatz 2009-11. (BBC 13., ESA Release 16., JPL Release, New Scientist 17., Science Nordic 18.1.2012)

Und noch kurz gemeldet

Der Cosmic X-Ray Background Nanosatellite ist abgeliefert worden: Der CXBN des Morehead State University Space Science Center soll im August in Vandenberg starten und die kosmische Röntgen-Hintergrundstrahlung vermessen – obwohl er nur ein Doppel-CubeSat ist, also ein 10 x 10 x 20 cm großer Satellit. Sein Silizium-Detektor gilt aber als der empfindlichste bisher für den Energiebereich 20 bis 100 keV. (MSU Release 6.1.2012)

ESA und NASA arbeiten jetzt getrennt an abgespeckten Laserinterferometern im All zum Nachweis von Gravitationswellen, nachdem die NASA die ESA mit LISA allein gelassen hatte: In Europa heißt die Light-Version jetzt “evolved LISA” (eLISA, vormals NGO genannt), und die ESA entscheidet im April über die Realisierung (die in einen Start 2022 münden würde), während es in den USA zumindest Studien für ein SGO gibt. Dieses Projekt würde man aber nur voran treiben, wenn sich die ESA gegen eLISA entscheiden sollte. (eLISA News 19., Scientific American 20.1.2012; eLISA Overview, SGO DokuWiki)

IBEX änderte seine Bahn für eine Langzeitmission: Der Satellit mit seinen Neutralatom-Kameras wurde vergangenen Juni mit komplizierten Manövern auf eine stabilere Bahn als vorher befördert, die es im Prinzip erlauben werden, einen gesamten Sonnenzyklus lang die Reaktion der Heliosphäre auf die Veränderungen der Aktivität zu beobachten. (IBEX Update 14.11.2011)

Ein britisches Instrument für Indiens ersten Astronomiesatelliten ist das Soft X-ray Telescope (SXT), eines der 5 Instrumente auf dem Multi-Wellenlängen-Satelliten ASTROSAT, dessen mehrfach verschobener Start nun für dieses Jahr angesetzt zu sein scheint. (Univ. of Leicester PR 1.12.2011)

Ein geheimnisvolles amerikanisch-israelisch-indisches Astro-Satelliten-Projekt scheint der LIMSAT zu sein, wobei das Akronym für “less is more” steht: Praktisch nur ein einziger indischer Zeitungsartikel erwähnt – am Rande – den Satelliten, der unter 20 Mio.$ kosten, in vier Jahren starten und ein großes UV-Teleskop tragen soll. Könnte was mit dem unglücklichen TAUVEX-Teleskop (“Etliche kritische Artikel …”) zu tun haben … (Indian Express 11.12.2011)

Weitere größere Artikel

3. Februar 2012

Komet C/2009 P1 (Garradd) im Februar am hellsten und v.a. am besten.

Wie ein Komet 2011 in der Sonnenkorona zerstört wurde, vor den AIA-Augen des SDO – C/2011 N3 (SOHO).

CRTS: 20 Milliarden Helligkeiten von 200 Millionen Sternen als Abfallprodukt der Asteroidenjagd.

Kürzere Artikel

»Scheuer« SOHO-Komet nach 9 Jahren wiedergefunden – von STEREO (bzw. in beiden Fällen von Amateurastronomen): P/2003 T12 (SOHO).

Mini-Asteroid kam der Erde bis auf 60000km nahe: 2012 RX34 damit auf aktuell Platz 14.

Zweifel am »abgebildeten Planeten« von Fomalhaut, denn Spitzer sieht da nix.

»Dunkle« Zwerggalaxie in Riesendistanz nachgewiesen, durch Anomalie bei einer Gravitationslinse.

Und die nächste “Blaue Murmel” von Suomi NPP

2. Februar 2012

als Gegenstück zur Ansicht Amerikas (“Eine Erde …”) ist da, diesmal am 23. Januar auf den Indischen Ozean zentriert. Bei diesen Erdansichten handelt es sich nicht um direkte Bilder, wie sie z.B. die geostationären Wettersatelliten schießen: Vielmehr werden Scan-Streifen aus 824 km Höhe umprojiziert und zusammengestitcht, so dass ein Blick aus 12’743 km Höhe simuliert wird (wobei die vertikalen hellen Streifen jeweils von der Sonnenreflexion im Ozean während der Überflüge stammen). Ob man dies noch als “Foto” bezeichnen darf? Laut Merriam-Webster ist photography der “process of producing images by the action of radiant energy and especially light on a sensitive surface (as film or a CCD chip)” – und Photonen wie Detektor waren hier echt …

Die Wärmeabstrahlung der Erde am 29. Januar, gesehen von einem anderen NPP-Instrument, dem Clouds and the Earth’s Radiant Energy System (CERES), kurz nach dem Öffnen seines Deckels: Bei langen Wellen zeichnen sich in dieser Falschfarbendarstellung die kühlen Wolken blau ab.

Acht Monate ist der Puyehue Cordón Caulle in Chile schon aktiv – siehe Weltraumbilder hier (“Der Ausbruch …”), hier (“Der Ausbruch …”) und hier (“Ein Radarbild …”) vom Beginn der Aktivität. Auf diesem Bild des Advanced Land Imager (ALI) auf dem Satelliten Earth Observing-1 (EO-1) vom 26. Januar hat Asche schon ein großes Gebiet bedeckt.

Die hellste Gravitations-gelinste Galaxie

2. Februar 2012

erscheint auf dieser HST-WFC3-Aufnahme als fast 90° weiter blauer Bogen im Galaxienhaufen RCS2 032727-132623 und noch einige Lichtflecken mehr: Ihre Helligkeit wird durch dessen Linsenwirkung um einen Faktor 3 gesteigert, ihr Bild freilich derart verzerrt, dass immer noch an der Rekonstruktion ihrer tatsächlichen Gestalt gearbeitet wird.

Das “Einstein-Kreuz” UZC J224030.2+032131 auf einem alten HST-Bild noch von der WF/PC2: eine der bekanntesten Gravitationslinsen, wo eine Galaxie – schwach im Zentrum – einen Quasar dahinter in vier gleichmäßig verteilte Bilder aufspaltet.

Die Galaxie NGC 2217 mit dem alten 3.6-m-Teleskop der ESO aufgenommen: eine typischen Balkenspirale, deren schwachen äußeren Armen hier mal etwas nachgeholfen wurde.

Das Sternentstehungsgebiet NGC 3324 mit dem Wide Field Imager des MPG/ESO-2.2-m-Teleskops auf La Silla: Es befindet sich am Nordrand des Carina-Nebels, wo intensive UV-Strahlung einer junger heißer Sterne eine Cavity geschaffen hat und zugleich ihren Rand leuchten lässt.

Der junge Supernovarest G350.1+0.3 in einer kombinierten Röntgen/IR-Aufnahme von Chandra und Spitzer: Die Wolke der Sternexplosion vor 600 bis 1200 Jahren expandiert offenbar in eine interstellare Wolke hinein.


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