Posts Tagged ‘Spektr R’

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

28. Juli 2011

Antenne von Spektr-R nach Problemen offen & eingerastet

Der erste russische Astro-Satellit seit Jahrzehnten, vom Roskosmos-Chef in einem TV-Interview schon mal “besser als Hubble” tituliert, ist jetzt bereit für umfangreiche Tests, nachdem sich die 10-m-Antenne am 23. Juli doch noch voll geöffnet hat und eingerastet ist – letzteres hatte Tags zuvor in mehreren Anläufen nicht geklappt. Im Herbst sollen die VLBI-Beobachtungen für das RadioAstron-Programm mit bis zu 30-mal größeren Basislinien als auf der Erde möglich beginnen, mit dem mutmaßlichen Supermassiven Schwarzen Loch in der Galaxie Messier 87 als Paradeobjekt: Mit einer Winkelauflösung von bis zu 7 Mikrobogensekunden könnte der Schwarzschild-Radius erkennbar werden. Der gelungene Start von Spekr-R wird u.a. auch in Indien gefeiert: Dort hatte man vor 15 Jahren einen Empfänger für den Satelliten gebaut und bei all den Startverschiebungen (der Satellit wird seit 1978 geplant!) schon wieder fast vergessen – als es dann doch ernst wurde, gab es neue Tests, und das Gerät arbeitete einwandfrei. Spektr-R ist erst der Anfang: 2013, 2015 und 2017/18 sollen noch Spektr-RG (Röntgenbereich), -UF (Ultraviolett) und -M folgen. (Roskosmos Release 23.7.2011; TASS 26., Spaceflight Now 25., AFP 23., Times of India 20., Beyond Moon & Mars 19., Sky & Tel., Spaceflight Now, Parabolic Arc 18.7.2011)

Eine rein europäische LISA-Mission kann bis 2022 starten und immer noch effizient nach Gravitationswellen suchen, auch wenn die Satelliten nach dem Ausstieg der USA abgespeckt werden müssen, sagen ESA-Planer: Im Herbst soll ein detailliertes Konzept vorgelegt werden. (Study Group Statement 21.7.2011. Und eine Solidaritätserklärung der IAU für das JWST, dessen neue Kosten das Weiße Haus kennt aber nicht verraten will – was soll denn bitte das?)

Beide ARTEMIS-Satelliten kreisen nun um den Mond

Am 17. Juli ist planmäßig auch die zweite der umgeleiteten THEMIS-Sonden (“Die ARTEMIS-Sonden …”) in einer Umlaufbahn angekommen – die der der am 27. Juni angekommenen entgegen läuft: So ensteht ein dreidimensionales Bild der magnetischen Umgebung des Mondes, dem die Satelliten bis auf 100 km nahe kommen. Dabei werden sie dank gestreuter Teilchen des Sonnenwinds und abgesputterter Ionen auch Aussagen über die Chemie der Mondoberfläche liefern – und zwar die nächsten sieben bis 10 Jahre. (NASA Release 19.7.2011. Und New York Times, New Scientist Blog, Space Policy Online und Forbes Blog zu mühsamen Fortschritten und verrückten Geschäftsideen beim Google Lunar X Prize)

Pioneer-“Anomalie” wird planmäßig schwächer: Wie bei der hinreichend oft durch Wärmeabstrahlung erklärten (“Pioneer-‘Anomalie’ …”) winzigen Abbremsung der Sonden nicht anders zu erwarten, nimmt diese mit der Zeit ab, da ja auch die Radioisotopen-Batterien schwächer werden – das ist in neu aufgefundenen bzw. rekonstruierten Doppler-Daten erstmals erkennbar geworden. Zum x-ten Mal in den vergangenen zehn(!) Jahren also: Tschüss, “Neue Physik” … (Turyshev & al., Preprint 14., arXiv Blog 20., Planetary Society, Physics World Blogs 22., Discovery 24.7.2011)

Bemannter Asteroiden-Flug wird gewaltiges Unternehmen

Die erste Reise zu einem (noch unbestimmten und womöglich noch nicht einmal entdeckten) Kleinplaneten, das erklärte erste Ziel der NASA jenseits der Mondbahn für bemannte Flüge mit dem vagen Zieldatum 2025, wird die Apollo-Mondlandungen an Komplexität und Attraktivität bei weitem in den Schatten stellen, wird allmählich klar – zu dumm, dass die NASA bisher nicht in der Lage war, dieses erste große Highlight der Post-Shuttle-Ära angemessen zu ‘verkaufen’. Der Flug dürfte ein halbes Jahr dauern, so dass – neben der kleinen Crew-Kapsel – ein ziemlich großes Wohnschiff erforderlich sein wird: Das werden wohl mehrere der irgendwie kommenden Schwerlastraketen in Stücken ins All bringen, wo sie im ISS-Stil zusammengefügt werden. Ein Ionenantrieb könnte den Komplex dann allmählich in Fahrt bringen, und die Crew springt erst ganz zum Schluss auf. Am Asteroiden angekommen, ist eine Landung wegen dessen geringer Schwerkraft nicht möglich: Das Raumschiff wird quasi wie an ein anderes Vehikel andocken müssen. Um den Astronauten dann Mobilität zu verleihen, werden sie sich vermutlich mit einem oder mehreren Miniraumschiffchen, die eher an Tiefsee-Vehikel erinnern, um den Asteroiden bewegen und mit Greifarmen Proben entnehmen. Oder sie steigen aus, gesichert mit Seilen, Düsenrucksäcken oder netzartigen Gebilden. Die NASA-Planer der Mission sind ebenso ehrfürchtig vor der Herausforderung wie auch begeistert: Zum ersten Mal wird tatsächlich in der Tiefe des Planetensystems operiert. Und fast alle Technologien, die bei dem Asteroiden-Flug zum Einsatz kommen, werden in den 2030-ern auch bei einer Marsmission benötigt. (Science Journalism Tracker 23.7.2011. Auch Space News 28.7.2011 zu einer Subpoena, die die NASA zur Herausgabe von Planungsunterlagen zu der Superrakete zwingen soll, NASA Spaceflight 27.7.2011 zu besagten Plänen und Spaceflight Now 24.7.2011 zur Weiterverwendung der Shuttle-Startrampen für die Rakete)

Astronomische Teleskope für ein Suborbital-Raumschiff

Teleskope mit Astronomen als Begleiter bei Suborbitalflügen kurz in den Weltraum bringen will das Planetary Science Institute – und zwar mit dem Lynx von XCOR, dessen Flexibilität es den Forschern angetan hat. Das Atsa-Instrument (Adler in der Navajo-Sprache) soll speziell in Sonnennähe Himmelskörper unter die Lupe nehmen, wobei der begleitende Astronom in den wenigen Minuten über der Atmosphäre für die schnelle und präzise Ausrichtung sorgt. Teleskope fliegen schon seit Jahrzehnten auf Höhenforschungsraketen, aber nach jedem Einsatz müssen sie aufwändig wieder auf Vordermann gebracht werden – das entfällt bei den sanften bemannten Flügen, die sich so im Endeffekt rechnen sollen. Und weil der Lynx schon kurz nach der Landung wieder starten können soll, sind sogar mehrere Flüge in einer Nacht denkbar – wann der Lynx zum ersten Mal überhaupt abhebt, steht allerdings ebenfalls ‘in den Sternen’ … (XCOR Press Release 12., Universe Today 13.7. 2011. Und Space.com 28.7.2011 zur derzeitigen Testpause beim SpaceShipTwo)

Die Atlas V soll für die privaten Raumkapseln fit gemacht werden: Ihr Betreiber ULA und die NASA haben einen intensiven Austausch von Dokumenten und Erfahrungen beschlossen, damit die bewährte kommerzielle Rakete – 26 Starts, alle erfolgreich – das entscheidende Man-Rating erhalten kann, um eine oder mehrere der z.Z. in Entwicklung befindlichen kommerziellen Raumkapseln zur ISS zu tragen. Geld fließt diesmal keins, und viel scheint nicht mehr zu fehlen: Die wichtigste Komponente, die eine bemannte Atlas V benötigt, ist ein Emergency Detection System für einen sauberen Startabbruch – und das daran arbeitet ULA schon mit früherem NASA-Geld. (Spaceflight Now 19.7.2011. Und Spaceflight Now 25.7.2011 zum wahrscheinlichen Flug der nächsten Falcon 9/Dragon zur ISS schon am 30.11. und 22.7.2011 zu einer Verschiebung des ersten Testflugs der Taurus 2, die demnach frühestens im Februar 2012 die erste Cygnus-Kapsel zur ISS bringen kann)

Wenige Tage alte Sat-Bilder der Erde für ein paar Cent

an Unmengen von Privatkunden zu verhökern: Das ist die wilde Geschäftsidee von Mobeo Ltd. auf der Isle of Man, die nicht weniger als 17(!) eigene Satelliten starten will, 12 optische und 5 mit Radar. Jedes Erdbild soll nur 5 US-Cent kosten, höchtens eine Woche alt sein und direkt auf Millionen von Smartphones landen, die den Service abonniert haben. Was dann die 1.2 Mrd.$, die die Satelliten und ihr Betrieb kosten, wieder einspielen soll. Auch Gelegenheitsnutzer, die im Urlaub mal nach ihrem Haus sehen wollen, sollen angesprochen werden, kommerzielle Kunden zahlen mehr. Bei der ESA möchte man übrigens alle Satelliten-Erdbilder kostenlos zur Verfügung stellen, insbesondere bei den kommenden Sentinel-Satelliten – die EU, die dabei mit im Boot ist, hat sich noch nicht geäußert. (Space News 14.7.2011. Und Space News 18.7.2011 zum erneut gescheiterten Versuch, dem DSCOVR-Satelliten endlich den Start zu bezahlen)

Künstliche Horizonte aus digitalen Geländemodellen berechnen ist zum Beispiel für die Archäoastronomie interessant: Wo stehen von verdächtigen Bauwerken aus Berge etc.? Mit Theodolithen kann das zwar alles ausmessen, aber es ist mühsam, und wenn inzwischen ein Wald im Weg steht, geht es gar nicht – also greife man z.B. zu den frei verfügbaren Höhendaten der Shuttle Radar Topography Mission von 2000 (Auflösung 90 x 90 Meter, Höhengenauigkeit Meter, berücksichtige Erdkrümmung und atmosphärische Refraktion: Schon ist ein Horizont mit ein paar Bogenminuten Genauigkeit fertig, ausreichend für viele Anwendungen. (Patat, Preprint 11.7.2011)

Russischer Astronomie-Satellit Spektr-R auf der korrekten Bahnellipse abgeliefert!

18. Juli 2011

“Triumphing over three decades of historic cataclysms, economic problems and social cynicism” – der russische Weltraumjournalist Anatoly Zak kriegte sich kaum mehr ein – “Russian astrophysical science re-invaded the outer space with its first 21st-century orbital observatory”: Der Zenit-Start des Radioastro-Satelliten Spektr-R hat genau wie geplant (“Neuer russischer …”) heute Morgen um 4:31 MESZ stattgefunden (oben ein Mitschnitt der Liveübertragung im Web; bei 2:46 geht’s los), ein paar Stunden später war die korrekte Ellipsenbahn erreicht, und um 8:06 MESZ trennte sich der Satellit von der Fregat-Oberstufe. Die 10-m-Antenne des Satelliten soll in drei Tagen entfaltet werden.

Nachrichten von Weltraum-Teleskopen kompakt

16. Juli 2011

Der 4 Lichtjahre lange “Schweif” des Pulsars PSR J0357+3205 auf einer Chandra-Aufnahme vor einem optischen Bild der Digital Sky Survey (der Neutronenstern sitzt o.r.; die beiden hellen Objekte ‘im’ Schweif u.l. sind extragalaktisch): Welche Physik dahinter steckt, ist nicht klar.

Der Protoplanetare Nebel Minkowski 92 alias IRAS 19343+2926 alias Minkowskis Fußabdruck auf einer alten HST-Aufnahme (noch mit der WFPC2): Da der Zentralstern noch keine heiße Quelle von UV-Photonen geworden ist, sehen wir den Nebel nur in seinem reflektierten Licht; zur Anregung von Emission reicht’s noch nicht. Aber bald.

Der Dust Trail des Kometen 103P/Hartley (2) ist erstmals bei der Himmelsdurchmusterung des Satelliten WISE in Erscheinung getreten (bei 4.6 bis 22 µm): Er besteht aus besonders großen Staubteilchen, bis zur Größe von Golfbällen, die in der Kometenbahn zurück bleiben und hat eine Gesamtmasse von mindestens 40 Mio. Tonnen.

Monster-Satellit James Webb Space Telescope auf der Abschussliste des US-Kongresses

“Das Komitee glaubt, dass [die Streichung des JWST] der NASA letzten Endes nutzen wird, indem sie ein gutes Beispiel der Kosten-Disziplin für andere Projekte setzt und den enormen Druck beseitigt, den das JWST auf die Möglichkeiten der NASA ausübte, anderen wissenschaftlichen Missionen nach zu gehen.” Also sprach das Committee on Appropriations des US-Abgeordnetenhauses in der COMMERCE, JUSTICE, SCIENCE, AND RELATED AGENCIES APPROPRIATIONS BILL, 2012 (auf Seite 72) – und der entsprechende Ausschuss lehnte am 14. Juli den Antrag ab, das JWST wieder ins Programm auf zu nehmen. Der riesige Aufschrei, der seit dem Bekanntwerden der House-Pläne zur Beendigung des – finanziell und terminmäßig weit aus dem Ruder gelaufenen – JWST-Projekts am 6. Juli durch die astronomische Welt gegangen war (angeführt von AURA und AAS), hatte die republikanische Mehrheit dort nicht beeindruckt. Vielleicht schon nächste Woche, vielleicht auch erst nach der Sommerpause, wird das gesamte Abgeordnetenhaus über den CJS-Haushalt beraten, und auch da sieht es nicht rosig aus.

Eine Kürzung des NASA-Haushalts für 2012 um 1.9 Mrd.$ gegenüber den Wünschen des Weißen Hauses – was ihn noch unter das Niveau von 2008 drücken würde – scheint den “Washingtoner Geiern” wohl gar zu verlockend. Viele Hoffnungen der JWST-Befürworter – die argumentieren, ohne den großen Infrarotsatelliten stießen bald weite Bereiche der Astronomie an ihre Grenzen, und auf die zu 75% mehr oder weniger fertige Hardware wie die gerade fertig geschliffenen Segmente des Hauptspiegels und schon 3 Mrd. ausgegebene Dollars verweisen – ruhen daher auf dem demokratisch kontrollierten Senat, wo sich insbesondere Barbara Mikulski trotz aller – u.a. auf ihr Betreiben hin überhaupt erst bekannt gewordenen – Probleme für das JWST stark gemacht hatte. Wenn das House so und der Senat anders entscheiden sollten, wäre es an einer Konferenz, eine Lösung zu finden. Unterdessen scheinen die Kostenschätzungen für das JWST auf 7.8 bis 8 Mrd.$ gestiegen zu sein – aber die NASA glaubt weiterhin, einen Start im Oktober 2018 schaffen zu können – wenn das Geld jetzt reichlich fließen würde. In Europa wird man jedenfalls nach dem alten Plan pünktlich die versprochenen JWST-Instrumente fertig stellen: Das künstlich zu verzögern, würde nämlich extra kosten … (Links auch im Cosmic Mirror #343!)

Früher war alles besser bei der Langzeitplanung

von Weltraum-Observatorien, beklagen sich zwei Architekten des “Horizon 2000″-Programms der ESA: 1985 beschlossen, sei es 2009 mit nur 2 Jahren(!) Verspätung abgeschlossen worden, und keines der drei Großprojekte (Cornerstones) SOHO, Cluster, Rosetta, XMM-Newton und Herschel war je ernsthaft in Gefahr, ja sogar den Nachbau der Clusters nach dem Totalverlust beim 1. Ariane-5-Start konnte man verschmerzen. Das sei so gut gegangen, weil die Cornerstones erst dann die Realisierungsphase eintreten durften, als die nötige Technologie zur Verfügung stand und die Anforderungen an die Mission eingefroren waren: Das verhinderte exorbitante Kostenexplosionen wie nun gerade beim JWST. Zwar wussten die beteiligten Wissenschaftler lange nicht, wann sie starten würden, dafür konnten sie sich aber darauf verlassen, dass ein einmal gestartetes Projekt nicht mehr bedroht würde. Einen derart idyllischen Zustand hatten die amerikanischen Kollegen noch nie, schon wegen des jedes Jahr neu in Frage gestellten Haushalts, aber auch in Europa laufe es nicht mehr so rund. Eine globale Langzeitplanung für die großen Sternwarten im Weltraum – inklusive der gemeinsamen Festlegung von Prioritäten beiderseits des Atlantik (und gerne auch in Asien und Südamerika) sei nun dringend erforderlich, und tatsächlich ist eine globale ‘Roadmap’ bereits in Arbeit. (Bonnet & Bleeker, Science 333 [8.7.2011] 161-2)

Neuer russischer Astro-Satellit startet … übermorgen!

Man traut es sich kaum hin zu schreiben, aber der russische Astronomiesatellit Spektr-R – die ersten Starttermine lagen schon um 2004 – steht tatsächlich auf der Startrampe in Baikonur und soll in der Nacht zum 18. Juli um 4:31 MESZ auf seiner Zenit-3SLBFSBM abheben – wobei kurioserweise Amateurastronomen zur optischen Bahnverfolgung aufgerufen sind. Ausgestattet mit einer 10 m großen Radioantenne soll Spektr-R im Rahmen des internationalen RadioAstron-Projekts zusammen mit Radioteleskopen auf der Erde VLBI mit besonders großen Basislinien für besonders hoch aufgelöste Beobachtungen ermöglichen: Spektr-R soll auf einer hoch elliptischen Bahn landen, die bis zu 350’000 km Abstand zwischen seiner und einer irdischen Antenne realisiert, was sich in einer Winkelauflösung von Mikrobogensekunden niederschlägt! Auch das Effelsberger 100-m-Teleskop soll Teil dieses Experiments werden. (Roskosmos Press Releases 16.7., 10.7.2011; New Scientist 16.7., ITAR-TASS 24., Space News 17.6.2011)

Die riesige Kamera des Gaia-Satelliten ist fertig, ein 50 cm x 1 m großes Feld aus 106 CCD-Chips, die zusammen die größte Digitalkamera bilden, die je für einen Satelliten entwickelt wurde. Der Start des Astrometrie-Satelliten der ESA ist weiterhin für 2013 geplant: Im Lagrangepunkt 2 (1.5 Mio. km ‘hinter’ der Erde) stationiert, wird er mit zwei gegeneinander versetzten Teleskopen ständig den Himmel abscannen, wobei die Bilder der Sterne über die Fokalebene mit den 106 CCDs sausen: Ein relatives Netz ihrer Positionen mit ungeheurer Präzision und zahllosen Anwendungen quer durch die Milchstraße ist das Ziel. (ESA Release 6.7.2011)

Der LISA Pathfinder darf trotz Problemen weiter machen

Auch wenn die Zukunft des eigentlichen LISA-Projekts eines gewaltiges Detektors für Gravitationswellen im Orbit nach dem Ausstieg der USA ziemlich unklar ist: Das Science Programme Committee der ESA hat sich entschieden, den Technologiedemonstrator LISA Pathfinder trotzdem fertig zu stellen und 2014 zu starten. Denn die Schlüsseltechnologie, die er unter Weltraumbedingungen testen soll, die ultrapräzise ‘Aufhängung’ von Probemassen im Raum, wäre auch für andere Projekte interessant: Sie ist etwa eine Größenordnung besser als das drag-free control system, das der Satellit GOCE zur Vermessung des Erdschwerefelds einsetzt. (Space News 23.6.2011. Auch eine ESA-Seite und Science Blogs 6.6.2011 zum Status von LISA)

Weltraumsensoren auf dem Vegetationssatelliten Proba V bilden das Energetic Particle Telescope (EPT): Während das Hauptinstrument des im Frühjahr 2012 startenden kleinen ESA-Satelliten die Überwachung der Erd-Vegetation des entsprechenden Sensors auf Spot-5 übernehmen soll, kümmert sich das EPT um die Teilchen-Situation im erdnahen Raum, die mit der nun wieder ansteigenden Sonnenaktivität interessanter werden dürfte. (ESA Release 17.6.2011. Und ein ESA Release 30.6.2011 zur Rettung eines Cluster-Instruments mit einem “schmutzigen Hack”)

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

3. April 2011

Mitteleuropa fast wolkenlos am 22. März: eine Aufnahme des ESA-Satelliten Envisat mit 300 m Auflösung, auf der besonders die größeren Seen am Alpenrand gut hervor treten.

Die Wüstenlandschaft von Wadi Rum in SW-Jordanien, gesehen vom Advanced Land Imager auf Earth Observing-1 (EO-1) der NASA: Berge aus Granit und Sandstein ragen hier aus dem Sand. Viele Szenen des Mars-SF-Schinkens “Red Planet” wurden hier gedreht …

Teil eines Mosaiks von Manhattan, aus Aufnahmen von der ISS aus zusammengestitcht.

Ein neues Weltraum-Radar-Interferogramm von Japan mit Messungen des Phased Array type L-band Synthetic Aperture Radar auf dem Advanced Land Observing Satellite (ALOS) der JAXA vom 20. März: Gegenüber einem früheren Interferogramm sind neue Verformungen durch ein 6-er Beben vom 19. März dazu gekommen, das Bodenverschiebungen von 30-40 cm verursachte. Auch entsprechende Interferometrie vom Envisat, ein Statement der JAXA zu den Bebenfolgen und der Scientific American zur Frage, ob nun Kalifornien ‘dran’ sei.

Das beste Geoid aller Zeiten, aus 8 Monaten Daten des Satelliten GOCE, ist jetzt vorgestellt worden, gegenüber einem ersten Modell (“Das erste globale Modell der Erdschwerkraft …”) noch einmal erheblich genauer geworden – und erstaunlicherweise auf den Titelseiten von SZ und FAZ (und anderen Zeitungen) gelandet. Inzwischen sind über 12 Monate Daten im Kasten, und weil der Satellit trotz seines Rekord-Tiefflugs (255 km!) wegen der bisher geringen Sonnenaktivität überraschend wenig Luftwiderstand erfuhr, reicht der Treibstoff für die Bahnstabilisierung noch bis Ende 2012. Die genaue Kenntnis des – oft missverstandenen – Geoids ist für zahlreiche geophysikalische Analysen entscheidend; mehr dazu auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

Russischer Astrosatellit Spekr R tatsächlich 1/4 Jahr vor dem Start

Der russische Satellit Spektr R, der mit seiner großen Radioschüssel zusammen mit Antennen auf der Erde im Rahmen des Projekts RadioAstron per Interferometrie extrem hochauflösende Bilder liefern soll, soll nach dem letzten Plan den Startplatz in Baikonur Anfang Juni erreichen und in der zweiten Juli-Dekade auf einer Zenit-2SB mit Fregat-SB-Oberstufe abheben. Derzeit wird der Satellit – mit starker internationaler Beteiligung – noch thermischen Tests in einer Vakuumkammer unterzogen: Basierend auf demselben “Navigator”-Bus des Wettersatelliten Elektro-L soll er eine Lebensdauer von mindestens 5 Jahren erreichen. (Interfax 31.3.2011)

Die Kostenexplosion des James Webb Space Telescope um einen Faktor von mindestens einem Dutzend – auch dieser Blogger kann sich noch erinnern, dass der Satellit Mitte der 1990-er Jahre mal 500 Mio.$ kosten sollte; jetzt sind es mindestens 6.5 Mrd.$ – führt eine Rekonstruktion durch einen Wissenschaftsjournalisten auf fortwährenden Selbstbetrug aller Beteiligten zurück, inklusive der Astronomen. (Science News “9.”4.2011)

“Flugschreiber” des verglühenden HTV-2 überlebte, Wassersturz inklusive

Als verblüffend robust hat sich ein kleiner Re-entry Breakup Recorder (REBR) erwiesen, den eine US-Firma in den japanischen ISS-Transporter HTV-2 eingebaut hatte: Mit Mini-Sensoren beobachtete er zunächst, wie die Kapsel in der Atmosphäre zerbrach, was ihn auch selbst frei setzte. Während des folgenden Sturzes zur Erde sendete das Gerät – gewissermaßen ein Handy mit Hitzeschild – diese Daten über Iridium-Satelliten zum Auftraggeber, der damit Modellrechnungen für Reentries verbessern will, und überraschend gab es auch noch mehrere Stunden Signale von der Meeresoberfläche. Eine Bergung des REBR – von dem ein zweites Modell im ATV-2 sitzt, das Anfang Juni entsorgt wird – war und ist allerdings nicht vorgesehen. (Space.com 28., 30., New Scientist Blog 31.3.2011)

Amateurastronomen verfolgen auch das zweite X-37B und haben die Bahn des Mysterien-Mini-Shuttles sogar schneller als beim ersten Mal im Griff: Die Höhe liegt zwischen 327 und 345 km, die Umlaufszeit bei 91.1 Minuten, die Neigung bei 42.8°. Interessant sind gelegentliche Flares des Raumschiffs, einer mit -6 mag. sogar heller als die Venus. (Space.com 28., Wired 30.3., SpaceWeather 1.4.2011) NACHTRAG: Der Minishuttle ist auch nicht manövrierfähiger als andere Satelliten. NACHTRAG 2: Auch dieser “revealed”-Artikel weiß nix …

“Pioneer-Anomalie” noch eleganter zu den Akten gelegt

Dass es keine ‘neue Physik’ ist, die eine minimale Abbremsung der Pioneer-Sonden verursacht, ist schon lange klar, aber nun gibt es eine neue Berechnung der tatsächlichen Ursache – anisotrope Wärmeabstrahlung – mit Hilfe derselben Software, die für Raytracing in der Computergrafik verwendet wird und die immer mehr Anomaliefans zu überzeugen scheint. Entscheidend für die quantitative Abschätzung des von den Sonden selbst gemachten Effekts ist nämlich, wie die Wärmestrahlung von ihren eigenen Komponenten – v.a. der großen Parabolantenne – reflektiert wird, und das gelingt mit der CGI-Software wohl besonders elegant. Da die exakten Baupläne der Pioneers unauffindbar sind, kann leider nur wahrscheinliche Größe des Effekts abgeschätzt werden, die aber genau die richtige Größe hat. Also mal wieder: Case closed … (Francisco & al., Preprint 27., Arxiv Blog 31.3., Centauri Dreams 1.4.2011)

Im Juli ist der nächste Sonnensegler fertig, das LightSail-1, das eine kleine Firma für die Planetary Society gebaut hat: Dann wird der Mini-Satellit eingelagert und darf auf eine Mitfluggelegenheit warten. Da dieser CubeSat auf eine höhere Bahn soll als die meisten anderen, die die NASA jüngst auf eine Shortlist setzte (“Nächster Sonnensegler …”), wird das wohl bis 2012 dauern. In der Zwischenzeit kann schon mal am LightSail-2 gebaut werden (alle Teile wurden doppelt eingekauft), und ein dritter Segler wird auch angedacht. (Space News 25.3.2011)

Ungewöhnlicher Startabbruch einer Ariane V – nichts passiert

Noch nie ist ein Ariane-Start so knapp vor dem Abheben abgebrochen worden, aber dann lief alles so, wie es sein soll: Die Haupttriebwerke liefen bereits, da registrierte ein Computer eine Anomalie und verhinderte das Zünden der Booster, die dann nicht mehr zu stoppen gewesen wären. Ähnliches kennt man auch vom Space Shuttle, nur kommt ein solch feuriger Launch Abort bei Ariane V (wo zwischen den beiden Zündungen volle 7 Sekunden vergehen) wie STS nur äußerst selten vor: Da verschlug es dem Startkommentator nachhaltig die Sprache … (Arianespace Mission Update, Press Release, Spaceflight Now, Universe Today 30., Space Today, Alles was fliegt 31.3.2011)

Schweizer Minisatellit nach 1 1/2 Jahren gerettet: Der im November 2009 von einer indischen Rakete ausgesetzte Swisscube drehte sich danach zu schnell, um genutzt werden zu können, aber jetzt ist es doch gelungen, kritische Systeme des ersten Schweizer Forschungssatelliten neu zu starten und zu stabilisieren – brauchbare Bilder des Airglows werden nun empfangen. (NZZ 24.3.2011)


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