Archive for 1. November 2009

Streit um die Priorität der Entdeckung der Lücke im Saturnring – als Theaterstück? Das geht!

1. November 2009

cassini

Nicht Cassini sondern sein Lieblings-Teleskoplieferant Campani hat als erster – schemenhaft – die große Lücke in den Saturnringen erkannt, zumindest jedenfalls, dass sie aus zwei unterschiedlich hellen Zonen mit scharfem Übergang bestehen: Diesen Sachverhalt haben vor wenigen Jahren zwei astronomiegeschichtlich versierte Brüder (wieder-)entdeckt (Oberschelp & Oberschelp, Acta Historica Astronomiae 33 [2007] 164-184) – und einer von ihnen hat anlässlich des Internationalen Jahres der Astronomie ein kleines Theaterstück daraus gemacht (eigentlich eine “szenische Lesung”, aber es gibt auch ein bisschen Action), das im Vorprogramm der Jahrestagung der FG Geschichte der Astronomie der VdS in Bonn am 30.10. seine erst zweite Aufführung erlebte.

Bei einem fiktiven Treffen an der Pariser Sternwarte von Louis XIV (perfekt gedoubelt durch den Hörsaal des Argelander-Instituts für Astronomie) der beiden Kontrahenten mit Huygens und diversen Figuren vom Hofe entspinnt sich manch interessantes Gespräch über den Zustand der Astronomie um 1676 und des menschlichen Wesens im Allgemeinen – und das (noch unveröffentlichte) Skript begründet viele der Statements mit 57 Fußnoten und Literaturzitaten. Eine anregende und auch lehrreiche Stunde, bei der es gar nichts ausmacht, dass die Darsteller alles Schauspiellaien sind: Walter Oberschelp hat mit “Cassini – Der Ring” eine faszinierende neue Form gefunden, um Astronomiegeschichte “unter’s Volk” zu bringen – es muss ja nicht immer das “Leben des Galilei” sein. NACHTRAG: eine weitere Aufführung.

Raumfahrt kurz & bündig

1. November 2009

Wie stark wird Kepler durch CCD-Rauschen behindert?

Eine Lichtkurve wurde groß gefeiert (siehe ISAN 91-7) ob ihres tollen Signal-zu-Rausch-Verhältnisses – aber 3 von insgesamt 84 Verstärkern für die CCDs des Planeten jagenden Satelliten rauschen stärker als geplant: Das könnte bedeuten, dass sich der etwaige Nachweis eines Zwillings der Erde (was Masse und Umlaufszeit betrifft) verzögert, weil Software gegen die schlechten Daten her muss. In einem Blog-Kommentar wiegelt der Kepler-Chef allerdings ab: Man habe bereits – weniger dramatische – Planeten gefunden, die man Anfang nächsten Jahres vorstellen werde. (Nature News 2009.1051, Space Disco 30.10.2009) NACHTRAG: Weitere Aussagen Boruckis – alles halb so wild? NACHTRAG 2: Die Kommentare unter diesem Artikel sind auch interessant. NACHTRAG 3: ein Mission Manager Update und ein Space News-Artikel.

Die Ares I-X flog perfekt, dann versagten die Fallschirme

Der Flug der Ares I-X verlief einerseits besser als erwartet: Die Rakete oszillierte viel weniger als in so manchem Modell – und die zweite (inerte) Stufe kam nach der Trennung auch nicht der ersten gefährlich nahe; das sah im TV bloß so aus, aus perspektivischen Gründen. Danach allerdings versagten zwei der drei Hauptfallschirme der 1. Stufe, die doppelt so schnell wie geplant auf’s Wasser aufschlug und dabei verbogen wurde. Macht aber nix: Die sollte sowieso nicht wiederverwendet werden. (Spaceflight Now 30., Fla. Today, Space Today 31.10.2009) NACHTRAG: ein spektakuläres Video von einem Begleitflugzeug und Standbilder daraus – so versagten die Schirme!

Marsrover Spirit hat schon wieder “Amnesie”

Er steckt immer noch fest, und nun streikt auch noch das Flash-Memory: Zur Zeit “vergisst” der Marsrover Spirit jede Nacht alle gespeicherten Daten. Zwar geht es auch ohne, aber dann muss jeden Tag vor der Nachtruhe alles zur Erde gesendet sein. Ansonsten ist der Rover gesund und spricht auch stabil mit der Erde, die langwierige Befreiungsaktion dürfte sich nun allerdings noch weiter verzögern. (JPL News 30., Planetary Society, Space.com 31.10.2009)

Die erste Vega-Rakete fliegt nicht vor nächstem Herbst

Die Raketenmotoren und die Startanlagen auf dem Weltraumbahnhof von Kourou sind fast fertig – aber die Software nicht: Die neue europäische Rakete für kleinere Lasten muss noch viele Tests über sich ergehen lassen und kommt dieses Jahr nicht mehr hoch. Beim ersten Mal sollte es schon klappen: Es sind insgesamt 11 echte Satelliten an Bord! (Spaceflight Now 23.10.2009. Im April 2010 soll übrigens auch die 1. Soyuz in Kourou starten)

Neuer militärischer Wettersatellit der USA im Orbit

Begleitet von kuriosen Himmelseffekten durch ein Experiment mit der Atlas-Raketenoberstufe ist am 18.10. ein neuer Satellit des Defense Meteorological Satellite Program in den Orbit gelangt: Im Tiefflug – der eine besonders hohe Ortsauflösung bringt – dienen sie zwar in erster Linie dem US-Militär (besonders hilfreich bei aufziehenden Sandstürmen in Nahost), aber auch zivile Nutzer werden bedient. (Spaceflight Now, Space Today 18.10.2009)

Kosmische Kuriosa kurz & bündig

1. November 2009

Erfolg von Auger könnte nördliches Gegenstück verhindern

Das Pierre Auger Observatory in Argentinien hat bereits in kurzer Zeit so fundamentale Erkenntnisse über das Wesen der UHECRs geliefert, dass sich ein Gutachtergremium für Hochenergiephysik in den USA gegen den Bau eines 127 Mio.$ teuren Gegenstücks in Colorado ausgesprochen hat: Das lohne sich nicht, weil das PAO das UHECR-Mysterium ohne aufregende ‘New Physics’ erklärt habe (vgl. Artikel C69). Stattdessen solle lieber in je ein teures Experiment zur Untersuchung von Dunkler Materie (hier werden bald Durchbrüche erwartet) und Dunkler Energie (wobei der beste Weg noch unklar ist) und hochenergetischer Gammastrahlung investiert werden. Es ist das 1. Mal, das in den USA unabhängige Experten über die künftige Astroteilchenphysik befragt wurden. (Nature 29.10.2009 S. 1181) NACHTRAG: Jedenfalls wird weiter kräftig Werbung für Auger Nord gemacht. NACHTRAG 2: z.B. in diesem Artikel.

Keine Abhängigkeit der Photonen-Geschwindigkeit von der Energie zeigt – ziemlich signifikant – die Ankunftszeit eines einsamen Photons mit 31 GeV Energie beim GRB 090510, das dem Fermi-Satelliten ins Netz ging: Bestimmte Theorien der Quantengravitation sind damit vom Tisch. (Jede Menge Autoren, Nature Advance Publ. 8574, Preprint 13.8., NASA Release, Symmetry Breaking, Ars Technica, New Scientist 28.10.2009)

Wettlauf der Riesenteleskope: USA gegen USA gegen Europa …

Beim nächsten großen Schritt in der bodengebundenen optischen Astronomie mit Spiegeldurchmessern von 25 m und mehr treten nicht nur die ESO (mit dem E-ELT, 42 m, rund 1000 Spiegelsegmente) und die USA gegeneinander an (vgl. Artikel A44): Noch schärfer ist die Konkurrenz zwischen den zwei US-Projekten TMT (30 m; 492 Segmente) und GMT (24.5 m, 7 Segmente). Hier treffen zwei völlig unvereinbare Konzepte, Forschungseinrichtungen und Einstellungen der führenden Köpfe aufeinander, wie ein langer Artikel in Science (326 [23.10.2009] 512-5) verdeutlicht. Beide Projekte haben erst einen Bruchteil der erwarteten Kosten von 1 Mrd. bzw. 700 Mio.$ zusammen (und sind sogar schon in China und Indien vorstellig geworden) – während es beim noch teureren E-ELT dank großer Unterstützung durch die ESO-Staaten besser aussieht. Und eine Fusion von TMT und GMT zu einem schlagkräftigeren Projekt ist schon lange nicht mehr möglich … NACHTRAG: TMT-Werbung bei Wired. NACHTRAG 2: die LA Times zum Wettlauf.

Radioaktiver Zerfall doch nicht temperaturabhängig? Entsprechende Beobachtungen anderer Gruppen – die im Rahmen der Physik keinen Sinn machen würden – widerlegt ein neuer Versuch zwar nicht direkt, aber er liefert ein starkes Nullresultat. (arXiv Blog 27.10.2009)

Wireless LAN ist ein Spin-Off der Radioastronomie

Genauer gesagt basiert die für Funknetzwerke aller Art notwendige Signalverarbeitung mittels Spezialchips für schnelle Fouriertransformation auf Arbeiten des australischen Radioastronomen John O’Sullivan – der eigentlich damit nach von Hawking vorhergesagten explodierenden Schwarzen Mini-Löchern suchen wollte (die nie gefunden wurden). Später bewährten sich seine Chips aber bei der Signalübertragung trotz starker Reflexionen in Gebäuden, die man durch parallelen Einsatz zahlreicher Frequenzen eliminieren kann. Für seine reine Grundlagenforschung mit spektakulärer Anwendung im “richtigen” Leben erhielt O’Sullivan jetzt den 2009-er Prime Minister’s Prize for Science. (Science in Public und ABC 28., ASTRON Release 30.10.2009) Und 2010 noch ‘ne Ehrung!

Fraktionale Infinitesimalrechnung ideal für Bildverarbeitung in der Astronomie? Diese nicht ganz triviale Mathematik, bei der der Ableitungsbegriff auf nichtganzzahlige Ordnungen erweitert wird, hilft bei der Kanten-Detektion und könnte ebenso beim Erkennen schwacher kosmischer Gebilde wie auch dem Schärfen von Planetenbildern helfen – jetzt gibt’s auch ein fertiges Tool dafür. (Preprint 26.10.2009)

US-Mondforscher wollte “Berufs-Spion” werden

Immer neue bizarre Details in der Nozette-Affäre: Gegenüber der FBI-Frau, die er für eine israelische Agentin hielt, hat der Mondforscher erklärt, er wolle all sein Wissen über geheime Satellitentechnologie der USA für 2 Mio.$ verkaufen und sich sodann ins Ausland absetzen. Derartige Fluchtpläne im Zusammenhang mit einer drohenden Gefängnisstrafe wegen Betrugs gegenüber der US-Regierung hatte er zuvor gegenüber einem Mitarbeiter geäußert, was überhaupt erst zu der FBI-Operation führte. Israel habe er bereits Geheimmaterial verkauft, behauptete Nozette gegenüber der Agentin – das konnte das FBI bisher nicht bestätigen. (Washington Post 30.10.2009)

Berater erklärt die Wissenschaft in “The Big Bang Theory”

Die umstrittene US-Sitcom (z.Z. samstagsmittags auf Pro7) über vier stereotypische Physiker-Nerds und ihre blonde Nachbarin wird genauso geliebt wie verabscheut – aber die Physik, die darin vorkommt, ist echt: Der Wissenschaftsberater der Show, ein Teilchenphysiker aus LA, hat kürzlich ein Blog gestartet, in dem er sehr detailliert und Episode für Episode die Theorie dazu liefert. (UCLA Today 26.2., Space.com 21.9., Cosmic Variance 23.10.2009)


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