Archive for Mai 2010

Die Zentralregion von Messier 82: das erste astrophysikalische Motiv für SOFIA

29. Mai 2010

Neben dem Planeten Jupiter hat die fliegende Sternwarte SOFIA bei gegen Ende des First-Light-Fluges am 26. Mai auch noch die Galaxie M 82 beobachten können, deren Zentralregion hier bei vier IR-Wellenlängen zu sehen ist – durch den Staub, der hier den Blick im Sichtbaren versperrt, fällt der Blick nun direkt ins Herz der Sternentstehung. Präzision der Teleskopausrichtung wie Bildstabilität entsprachen während der Operationen in bis zu 11 km Höhe den Vorgaben oder übertrafen sie sogar, und dass die Luftströmung an der großen Öffnung im Jumbo-Jet vorbei kaum Turbulenzen mit sich bringt, hatten bereits frühere Testflüge gezeigt. Insbesondere einer am 30. April: Damals war zwar der Spiegel noch eingepackt gewesen, aber zwei Nachführteleskope hatten Beta Leo, Beta Ori und den Saturn im Blick gehalten. Im Herbst dürften nun die ersten längeren wissenschaftlichen Einsätze der Kamera FORCAST folgen, und bald sollte auch das erste der beiden deutschen SOFIA-Instrumente zum Einsatz kommen, GREAT aus Bonn. Noch lange muss sich die Forschung aber viel Zeit mit weiteren Flugtests teilen: Erst 2014 wird SOFIA ganz der Astronomie gehören, mit bis zu 160 Flügen à 6 bis 8 Stunden und 800 Stunden Beobachtungen pro Jahr. Das dann aber zwei Jahrzehnte lang, während ständig neue Instrumente dazu kommen: SOFIA ist gewissermaßen ein substanzieller Infrarot“satellit“, der 99% des Wasserdampfs unter sich lässt – und jeden Morgen zur Erde zurück kehrt.

Uni Stuttgart, USRA, DLR und NASA Releases; New Scientist, Discovery, Universe Today, Bad Astronomy, Alles was Fliegt. NACHTRÄGE: ein längerer NASA Release mit mehr jubilierenden Zitaten (aber keiner neuen Information) und ein später Sky & Tel.-Artikel

Die beiden Artemis-Satelliten sind schon am Mond angekommen

Die beiden THEMIS-Sonden, die aus ihren Erdumlaufbahnen auf Bahnen Richtung Mond geschickt wurden, sind dort dieses Jahr ohne großes Aufsehen angekommen und schon mehrere Male in einigen tausend Kilometern Höhe über die Mondoberfläche geflogen. (Jonathan’s Space Report #628 26.5.2010)

Kurskorrektur für Deep Impact/EPOXI erfolgreich: Die alte/neue Kometensonde hat am 28. Mai ihr Triebwerk für 11.3 Sekunden gezündet – das Delta-V von 10 cm/s genügte, um sie auf die richtige Trajektorie für einen Erd-Flyby am 27. Juni zu lotsen, der wiederum die Begegnung mit Hartley 2 („Der Kern …“) am 4. November verursachen wird. (JPL Release 28.5.2010)

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Weitere größere Artikel

28. Mai 2010

»Ein Loch im Himmel«: keinerlei Emissionen aus der vermeintlichen Dunkelwolke in NGC 1999.

Erkenntnisse vom Jupiter-Impakt 2009 vom HST und anderen Teleskopen.

Ausbruch von Holmes: neue Analyse aufgrund von SuperWASP-Daten.

Kleinere Artikel

»First Light« für die fliegende Sternwarte SOFIA! NASA verpasst PR-Chance.

Durchmesser der Sonne ist konstant und nicht vom Zyklus abhängig – sagt MDI auf SOHO.

Exotischer Doppelstern aus zwei Weißen Zwergen, davon einer ein „aufgeblasener“ mit Helium-Kern.

First Light für die fliegende Sternwarte SOFIA!

27. Mai 2010

Fast im Geheimen hat gestern am frühen Morgen der erste Flug des Stratosphären-Observatoriums für Infrarotastronomie (SOFIA) mit dem deutschen 2.5-m-Teleskop und der Testkamera FORCAST der Cornell University an Bord mit offener Klappe stattgefunden, und selbst nach der Rückkehr im kalifornischen Palmdale gab es nur eine dürre Mitteilung – wollte man dem fast zeitgleich in Florida (und mutmaßlich zum letzten Mal) landenden Space-Shuttle-Orbiter Atlantis nicht die Schau stehlen? Später konnte man immerhin vernehmen, dass während des nur als allererstem Instrumententest geplanten Flugs überraschend schöne astronomische Resultate zustande gekommen waren – und gerade eben wurde dieses IR-Bild des Jupiter veröffentlicht! Den Farben R, G und B wurden Aufnahmen mit den Wellenlängen 37, 24 und 5.5 µm zugeordnet, und zum Vergleich hat man noch ein Bild im Sichtbaren des berühmten australischen Amateurs A. Wesley daneben gestellt. Der weiße Streifen im IR-Bild ist eine Region relativ transparenter Wolken, durch die der Blick auf das warme Innere des Jupiter fällt. (Was dort, wo das SEB verschwand, offenbar nicht mehr der Fall ist.)

SOFIA-Homepages bei NASA (Bilder-Galerie), DLR, USRA und Uni Stuttgart; Cornell Chronicle 26., 24. (mehr), NASA Updates 21., 12., 5.5., 21.4.; Discovery, Tweet, Spiegel 27., Nature Blog, Alles was Fliegt 26., Science Insider 25., SoftPedia 24., AW&ST 13., Tweet 4.5., BBC (Video) 22., AW&ST 21.4., Supernova Condensate 18., Tweet 16.3., Popular Science 24., Wired 22.2.2010

Lohnt der Hubble-3D-IMAX-Film?

22. Mai 2010

In Deutschland läuft er – zumindest in der optimalen Bildqualität – nur an einem einzigen Ort: der neue 3D-IMAX-Film über die Errungenschaften des Hubble Space Telescope im Allgemeinen und die letzte Servicing Mission vor einem Jahr im Besonderen, der zugleich für lange Zeit der letzte teilweise im Orbit gedrehte IMAX-Film bleiben dürfte. Das 3D-IMAX-Kino des Technikmuseums in Sinsheim verwendet noch den klassischen chemischen ultrabreiten Film – dessen Auflösung auch nach über 40 Jahren kein digitales Projektionssystem erreicht, während für die Kanaltrennung lineare Polarisation verwendet wird. Die funktioniert nur bei extremen Kontrasten nicht, und die Brillianz und Qualität der völlig kratzerfreien Sinsheimer Kopie tun das Ihre: Die tatsächlich mit IMAX-Kameras gedrehten Sequenzen wie auch in voller Schärfe gerenderte Computersimulationen kosmischer Ansichten sind nicht zu toppen.

Leider musste für „Hubble 3D“ aber allzu häufig auf Material minderer Auflösung zurückgegriffen werden: Da bei der letzten Servicing Mission nur eine einzige IMAX-Kamera an Bord des Shuttles war, fest installiert in der Ladebucht, stammen alle Szenen mit den Astronauten im Orbiter von HD-TV-Kameras – und die Kameras auf dem Außentank wie an den EVA-Helmen hatten gar nur normale TV-Auflösung. Solche Bilder auf fast die komplette IMAX-Fläche ‚hochzuziehen‘, war keine gute Idee. Dafür funktioniert die mitunter kritisierte Erzählidee des Films (das 4. Item hier verlinkt zu zahlreichen Hintergrundberichten und Kritiken nach der US-Premiere) ziemlich gut und macht den 45-Minuten-Film zu einem kurzweiligen Erlebnis: In 3D-‚Landschaften‘ umgesetzte HST-Bilder des Universums werden ziemlich abrupt mit der Human-Interest- und Action-Story der letzten Mission vermischt. Das Gesamtwerk ist fast schon zu kurz, denn es endet eher unverhofft in den Tiefen des Alls, ohne dass wir all die unterwegs eingeführten Helden (darunter übrigens Charlie Bolden, den heutigen NASA-Chef, als Astronaut der Hubble-Aussetz-Mission vor 20 Jahren!) noch einmal wieder sehen.

Dabei wird interessanterweise derjenige NASA-Chef, der keinen letzten Shuttle-Flug genehmigen wollte, geradezu als Bösewicht präsentiert, während sein Hubble-rettender Nachfolger beklatscht wird – die berühmte PK von 2006 (siehe Artikel C45) ist kurz zu sehen. Dass die aus HST- und anderen Daten generierten 3D-Ansichten von Orionnebel bis Ultra Deep Field viel Fantasie beinhalten, verrät der Kommentar übrigens nicht explizit; Kenner der Originale werden sich an manchen Stellen gut amüsieren. Oder staunen über das, was 3D-IMAX möglich macht, etwa beim simulierten Flug aus der Ebene der Milchstraße heraus. Die IMAX-Szenen der letzten Mission sind zwar – mangels einer Möglichkeit, den Blickwinkel zu verlagern – alle recht selbstähnlich und überzeugen v.a. durch die ungeheure Detailfülle: Wussten Sie z.B., dass am Hinterende des HST alle 30° eine Marke mit einer Gradzahl klebt, so dass der Astronaut auch ja weiss, wo 'oben und unten' ist? Trotzdem: Die genialste Szene von Hubble 3D ist 20 Jahre alt. Denn das allererste Aussetzen des HST in Fischaugensicht, während sich die Wolken der Erde im Objektivdeckel spiegeln, ist an optischer Dramatik einfach nie wieder erreicht worden … NACHTRAG: ein Making-Of-Bericht.

Akatsuki – und Co. – sind auf dem Weg zur Venus!

21. Mai 2010

Die entscheidende Szene, gesehen von einer Videokamera auf der Oberstufe der H-2A-Rakete und zu sehen in einem spannenden Webcast der japanischen Weltraumbehörde JAXA: 27 Minuten nach dem Start macht sich Akatsuki auf den Weg zur Venus, später folgen auf gleicher Route der Sonnensegler IKAROS und der Funktestsatellit UNITEC-1. Bevor die Oberstufe ein zweites Mal gezündet und so Fluchtgeschwindigkeit aus dem Erdorbit erreicht hatte, waren in demselben bereits drei CubeSats ausgesetzt worden. Diesmal war das Wetter besser als drei Tage zuvor gewesen, und die ganze Startsequenz scheint wie am Schnürchen verlaufen zu sein; die einzelnen Satelliten müssen nun natürlich noch eingehend getestet werden. Akatsuki soll nach der Ankunft Anfang Dezember mindestens zwei Jahre lang im Venusorbit arbeiten, IKAROS mindestens 1/2, vielleicht auch ein Jahr auf heliozentrischer Bahn.

Akatsuki (ausgesprochen „A’katzki“) alias Venus Climate Orbiter (VCO) alias PLANET-C ist gewissermaßen Japans Gegenstück zum Venus Express Europas (und nach japanischer Sichtweise sogar wesentliche Motivation für das ESA-Projekt gewesen, das dank Benutzung von viel vorhandener Hardware nur viel schneller auf die Rampe gekommen war). Während der Venus Express den Planeten auf einer Polarbahn umkreist, soll Akatsuki eine 300 x 80’000 km hohe retrograd um 8° geneigte Äquatorialbahn mit 30 Stunden Periode einnehmen, aus der heraus die um den Planeten rasenden Wolken besser erfasst werden können. Auch soll Akatsuki mit gleich 5 Kameras für UV vis IR sowie per Radiodurchleuchtung mit einem ultrastabilen Oszillator an Bord das ganze Wettergeschehen in seiner kompletten vertikalen Schichtung noch systematischer erfassen – und als erster interplanetarer „Wettersatellit“ (und in direkter Kooperation mit dem Venus Express) das Verständnis der Venusatmosphäre erheblich vertiefen. Wie es überhaupt zu der Superrotation kommt, könnte dabei geklärt werden. Und vielleicht gelingen auch endlich direkte Bilder der mutmaßlichen Venus-Blitze.

IKAROS – Interplanetary Kite-craft Accelerated by Radiation of the Sun – soll während des Flugs Richtung Venus nach etwa einem Monat ein 14 x 14 m großes Sonnensegel aus einer nur 7.5 µm dicken Folie aus Polyimiden entfalten, das derzeit noch trickreich um den Satellitenkörper aufgewickelt ist: Dieser wird in Rotation versetzt, so dass sich das 200-m^2-Segel ausbreitet und ohne weitere Mechanik stabilisiert wird. Das wäre schon der erste Erfolg, aber die JAXA will mehr: Durch stellenweise Veränderung der Albedo des Segels und Drehungen des Satelliten durch kleine Düsen ist auch ein wenig Navigation auf der Bahn an der Venus vorbei und um die Sonne möglich. Und Teile des Segels tragen zugleich ultradünne Solarzellen für die Energieversorgung: All das macht IKAROS zum entscheidenen Test für einen solargetriebenen Riesensegler, der in den 2020-ern auf den Weg zum Jupiter und seinen Trojaner-Asteroiden geschickt werden soll. Und weil noch Platz auf dem kleinen IKAROS-Satelliten war, trägt er gleich noch einen Staubdetektor und einen Sensor für kosmische Gamma Ray Bursts. Auch Akatsuki wird übrigens für etwas Bonus-Science genutzt: Seine 2-µm-Kamera wird auf den Weg zur Venus den Zodialkalstaub beobachten.

Materie/Antimaterie-Symmetrie-Verletzung beim B-Mesonen-Zerfall von kosmischer Bedeutung?

20. Mai 2010

Diese Schlagzeile klingt zwar nicht so cool wie „A New Clue to Explain Existence“ in der New York Times oder „Scientists discover how matter kicked antimatter’s ass in the ancient universe“ auf einer Science-Fiction-Webseite, aber das ist vielleicht auch besser so: Was die DZero-Kollaboration am Fermilab an B-Mesonen beobachtet hat, könnte mit der seit Jahrzehnten gesuchten Antwort auf die Frage zu tun haben, warum sich bald nach dem Urknall nicht Materie und Antimaterie gegenseitig vernichteten und reichlich Materie übrig blieb, aber der Durchbruch ist es vermutlich wieder nicht. Beobachtet wurde der Zerfall von B-Mesonen, die bei Kollisionen im Tevatron-Beschleuniger erzeugt wurden: Zur großen Überraschung der Physiker – die die Daten „blind“ gesammelt hatten und erst in ihrer Gesamtheit zum ersten Mal zu Gesicht bekamen – gab es einen 1-Prozent-Überschuss bei der Entstehung von Paaren von Müonen gegenüber Paaren von Antimüonen, 50-mal größer als er nach dem Standardmodell der Teilchenphysik eigentlich zu erwarten ist.

Die Wahrscheinlichkeit für eine zufällige Fluktuation liegt bei nur einem Promille, d.h. wir haben es mit einem 3.2-Sigma-Effekt zu tun, viel dramatischer als die CP-Verletzung, die bei weitem nicht reicht, um den Materie-Überschuss des Universums zu erklären. Dazu reicht wohl auch die neue „anomale CP-Verletzung“ nicht aus, die ins Bild der modernen Teilchenphysik einzuordnen man sich nun bemüht. Supersymmetrie, Extra-Dimensionen, eine vierte Quark-Familie: Alles könnte irgendwie passen, aber genaue Analysen stehen noch aus, die insbesondere auch allen anderen Messdaten der Teilchenphysik nicht widersprechen dürfen. Entsprechend offen ist derzeit auch die Bedeutung der Entdeckung – die sich auch in den Daten des Large Hadron Collider bemerkbar machen sollte – für die ganz großen Fragen … DZero, Preprint 16., FNAL Release, New York Times, Space.com 18., Science News, BBC, Science Journalism Tracker, WissensLogs 19., Scientific American, TIME, IO9, Science Journalism Tracker 20.10.2010. Und Nature Blog, Discovery und BBC zum Stand des LHC sowie New Scientist Blog zur Sonifikaton seiner Daten. NACHTRAG: Ein anderes Tevatron-Experiment sieht die Anomalie nicht und hat sogar mehr Daten – alles doch nur eine Fluktuation …? NACHTRAG 2: Hier und hier weiß man indes von nix …

Nachrichten aus dem Planetensystem kompakt

17. Mai 2010

Sauwetter in Japan verhindert Dreifach-Start zur Venus

Sechs Satelliten sitzen in der H-2A-Rakete auf dem japanischen Weltraumbahnhof Tanegashima, und drei von ihnen sollen auf den Weg zur Venus geschickt werden – doch ausnehmend schlechtes Wetter hat gerade (bzw. am Morgen des 18. Mai japanischer Zeit) zur Verschiebung des Starts geführt, obwohl man bis fünf Minuten vorher noch Hoffnung gehegt hatte. Bei den Venus-Reisenden in spe handelt es sich mit Akatsuki und IKAROS („Die nächste Mission …“) um Japans ersten Venus-Orbiter und einen Sonnensegler, und auch der experimentelle Nanosatellit UNITEC-1, einer von vier Kleinsatelliten an Bord, sollte das Paar Richtung Venus begleiten. Ein Termin für den nächsten Startversuch wurde zunächst nicht genannt; das Wiederbetanken der Rakete würde zwei Tage dauern, und die Konstellation der Planeten spielt natürlich auch eine Rolle. Das Startfenster reicht bis zum 3. Juni. (Status, Science 7.5.2010 S. 677; viele weitere Links im Cosmic Mirror #336) NACHTRAG: Der JAXA Release zum Scrub kommt wenigstens mit einem bunten Diagramm … NACHTRAG 2: Neue Zielstartzeit ist 23:58:22 MESZ am 20. Mai.

Der Venus Express maß die Dichte der Planetenatmosphäre durch ihre Reibung an den Solarzellen, die in 180 km Höhe in unterschiedlichen Winkeln zur Flugrichtung gestellt wurden: nicht die erste und nicht die letzte derartige ‚aerodrag‘-Kampagne. (Mission Ops Update #219 7., ESA Release 21., LichtEcho 22.4.2010. Und das Planetary Society Blog zu Wissenslücken in der Venusforschung)

Hayabusas Proben-Kapsel landet am 13. Juni gegen 17:00 MESZ in Australien

im Woomera Prohibited Area im Outback Südaustraliens: Obwohl Ort und auch Datum schon länger ‚in der Szene‘ bekannt waren, ist dies erst seit dem 21. April offiziell, nachdem Japan von Australien den „Authorized Return of Overseas Launch Space Object“ (AROLSO) erhalten hatte. Noch „zielen“ die Sonde Hayabusa („Asteroiden-Sampler …“) und die – vielleicht mit ein wenig Staub des Asteroiden Itokawa gefüllte – Kapsel knapp an der Erde vorbei, und erst die letzten beiden Bahnkorrekturen werden die Trajektorie Richtung Australien biegen: Während die Kapsel eine Stunde nach dem Atmosphäreneintritt am Fallschirm landen soll, verglüht Hayabusa selbst. Und auch dies soll noch einmal Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein, wird doch dieser ‚kontrollierte Meteor‘ mit immerhin 12 km/s von Instrumenten auf einem Flugzeug und vom Boden aus beobachtet werden. (Hayabusa Live, Science 30.4.2010 S. 565; zahlreiche Links im Cosmic Mirror #336)

Dawns Orbits um den Asteroiden Vesta werden „die bisher komplexeste operationelle Umgebung für eine NASA-Mission“ sein: Da kann es zu resonanten Einfängen kommen, und unterhalb von 400 km Radius kann nicht garantiert werden, dass Dawn während des Aufenthalts von Juli 2011 bis Juli 2012 nicht versehentlich auf die Oberfläche knallt. Die genaue Bahn um den Asteroiden kann überhaupt erst geplant werden, wenn Dawn in größerer Höhe erste direkte Messungen des Schwerefelds absolviert hat. (Tricarico & Sykes, Preprint 21.4.2010. Und Science@NASA zu Dawns Antrieb)

Kann Voyager 2 schon bald wieder Daten liefern?

Während ansonsten an Bord alles in Ordnung zu sein scheint, liefert die Raumsonde Voyager 2 seit letztem Monat keine verständlichen wissenschaftlichen Daten der immerhin noch 5 funktionsfähigen Instrumente mehr: Wahrscheinlich hat ein Teilchen der Kosmischen Strahlung ein einzelnes Bit im Programmspeicher ‚gekippt‘, keine Seltenheit in der interplanetaren Raumfahrt. Jetzt ist der Speicher komplett ausgelesen worden, und der Zustand der Bordsoftware wird überprüft: Wird das defekte Bit gefunden, kann es entweder wieder auf den richtigen Wert gesetzt werden, oder man lässt diesen Teil des Speichers unbenutzt. (Planetary Society Blog 13., Spaceflight Now 11., JPL Release 6.5.2010. Ist doch leicht zu verstehen – außer für gewisse Spinner, deren Bullsh*t dann auch noch die Runde macht …) NACHTRAG: Na bitte – es war ein geflipptes Bit, das nun gerichtet werden soll!

Zu wenig Anerkennung für Indiens Forscher bei der Entdeckung von Wasser auf dem Mond mit dem ersten Mondorbiter des Landes, Chandrayaan-1, wird jetzt beklagt, seien doch die entsprechenden Messungen des CHACE-Instruments („Chandrayaans Moon Impact Probe …“) den wässrigen Daten der Instrumente M3 und MiniSAR auf dem Orbiter zuvor gekommen – aber nur die Erfolge dieser beiden amerikanischen Geräte würden gefeiert. Allerdings war ein frühes CHACE-Paper im Frühjahr und Sommer 2009 bei Science bzw. Nature durchgefallen und ist erst kürzlich formell publiziert worden … (Times of India 15.5.2010) NACHTRAG: noch ein Artikel zu CHACE.

Der Kern des nächsten Kometen-Sondenziels Hartley 2 ist keine 2 km groß

Das haben Untersuchungen am Kern von 103P/Hartley 2 nahes seines Aphels von Mai bis Juli 2008 gezeigt, die ersten Beobachtungen dieses Kometen überhaupt mit – fast – keiner Kernaktivität. Ein bisschen Restkoma vom letzten Periheldurchgang war übrigens auch im Aphel noch nachzuweisen (siehe auch ISAN 88-6), die im Lauf der Wochen aber immer schwächer wurde, obwohl der Komet der Sonne sogar wieder ein wenig näher kam. Hartley 2 ist damit kleiner aber zugleich aktiver als Tempel 1, den 2011 das alte Stardust-Mutterschiff besuchen wird – an Hartley 2 wird dagegen am 4. November diesen Jahres das Mutterschiff von Deep Impact im Rahmen der EPOXI-Mission vorbeifliegen: Beobachtet wird der Komet von 60 Tagen vor bis 21 Tagen nach der größten Annäherung. (Snodgrass & al., Preprint 10.5., Discovery & New Frontiers News April 2010 S. 2)

Lost belt of Jupiter, storm on Saturn – and the Moon occults Venus (for some)

14. Mai 2010

Das verschwundene SEB des Jupiter macht allmählich Schlagzeilen, so wie zuvor der neue Saturn-Sturm – Links dazu und v.a. auch zu kometaren News (Spiralbildung in der Koma des ausgebrochenen Vales z.B.) und echten wie fragwürdigen Meteoriten aus den vergangenen knapp drei Wochen in Cosmos 4 U!

Weitere größere Artikel

Herschels Entdeckungen quer durch das Universum, insbesondere in GOODS-N.

Sternwolken um M 81 Teil des Halos? Definitionen unklar.

9,6 Milliarden Lichtjahre: der fernste Galaxienhaufen mit z=1.62.

Kurze Artikel

C/2009 R1 (McNaught): Heller Komet kommt, vielleicht auch während der nächsten SoFi.

»Explodierter« Komet Vales mit komplexen Koma-Strukturen für große Teleskope.

Meteoritenregen nach Feuerkugel über Wisconsin am 14. April.

Staubkoma des Rosetta-Zielkometen modelliert, mittels Lichtkurve & scharfen Bildern.

Zodiakalstaub stammt größtenteils von Kometen, sagt ein detailliertes Modell.

Algol in drei Sterne aufgelöst, mit dem NPOI.

Erstes Großplanetarium der Welt mit VELVET-Projektoren in Bochum.

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

11. Mai 2010

Mysteriöser militärischer Mini-Shuttle auf merkwürdiger Mission

Heute abend hat – Punkt 22:00 MESZ – der drittletzte Countdown für den Start eines Space Shuttle begonnen: Die Atlantis soll am Freitag (14. Mai) um 20:20 MESZ gen ISS abheben, zu ihrem letzten Flug überhaupt. Aber diesmal ist etwas anders: Es befindet sich schon eine Art Space Shuttle im Orbit, freilich ein kleineres und unbemanntes Exemplar. Und selten gingen die Einschätzungen über den Zweck einer Weltraummission derart auseinander: Handelt es sich bei USA 212 alias Orbital Test Vehicle OTV-1 alias X-37B („Test des Raumgleiters …“) um ein weitgehend sinnloses und nur durch eigene Trägheit am Leben erhaltenes Hobby von ein paar Ingenieuren („recreational engineering“), oder vielmehr um eine nützliche Testplattform für Weltraumtechnologien aller Art, die auch der zivilen Raumfahrt nützen wird – oder gar um den Prototypen eines futuristischen Waffenträgers in der Umlaufbahn, der jederzeit gegen ein Ziel am Boden oder auch einen anderen Satelliten zuschlagen kann?

Die ersten Phasen des Starts am späten 22. April waren immerhin noch live im Web-TV übertragen worden (Abb.), wobei die nur 8.8 m lange und 5 t schwere Raumfähre unter der riesigen – 5.4 m breiten! – Nutzlastverkleidung der Atlas V unsichtbar blieb. (Es gibt allerdings ein paar Außenansichten des OTV vor dem Einpacken.) Bald wurde der Feed aber gekappt, und seither hat man nichts mehr über den Fortgang der Mission hören dürfen. Die Bahnhöhe liegt wohl zwischen 430 und 450 km und die Neigung nahe 33°, während sich die eigentlich viel zu starke Centaur-Oberstufe auf einen heliozentrischen Orbit davon machte – und selbst diese Bahn ist geheim.

Dasselbe gilt auch für den Termin – in Monaten? – und Ort (mutmaßlich Kalifornien) der Rückkehr des OTV-1 aus dem Orbit und erst recht für das, was es da oben eigentlich getrieben haben wird. Große Anwendungen seien diesmal noch nicht dabei, heißt es immerhin, es gehe mehr um den Test des Shuttles an sich, den die US-Militärforscher der DARPA 2004 von der NASA „geerbt“ hatten, und seiner z.T. wohl innovativen Systeme wie der völlig autonomen Rückkehr aus dem Orbit – und darum, ihn nach der Rückkehr möglichst schnell wieder für den nächsten Flug vorzubereiten. (Jonathan’s Space Report #627, SpaceWar 11., Space.com 5.5., AW&ST 25., Defense News 24., BBC, Space News, CSM, Scientific Blogging, Space Today, Frankfurter Rundschau, Raumfahrer, Orion 23., Spaceflight Now, Space.com, Universe Today, Welt, Spiegel 22., Spaceflight Now, Space.com, Space Policy 21., CSM, MSNBC, Space.com 20., 19., 18., ADS News 16., KosmoLogs 13.4.2010) NACHTRAG: noch eine Spekulation über das OTV – Plattform für Spionage-Sensoren? NACHTRAG 2: mehr zu diesem Versuch einer Analyse auch hier und hier.

Weiterer militärischer Gleitertest sofort gescheitert: Das Falcon Hypersonic Technology Vehicle HTV-2 war ebenfalls am 22. April von einer Minotaur-Lite-Rakete ausgesetzt worden und offenbar noch sekundenlang kontrolliert geflogen – doch dann riss der Funkkontakt zu dem Vehikel ab, das mit Mach 20 in 1/2 Stunde 4100 Seemeilen weitdurch die Atmosphäre schießen und dann im Pazifik versinken sollte. Ein zweites Exemplar gibt es noch, ebenfalls für den nur einmaligen Gebrauch, mit dem man es wohl Anfang 2011 erneut versuchen wird. (Jonathan’s Space Report 11.5., AFP, TelePolis 29., Parallel Spirals 28., Space News, Parabolic Arc 26., Spaceflight Now 23., NASA Spaceflight 22., Parabolic Arc 18.4.2010. Und der New Scientist zum für Ende Mai geplanten minutenlangen Flug eines X-51-Scramjets [„Zwei X-Flugzeuge …“] mit bis zu Mach 6)

Nachrichtensatellit auf Abwegen – weder steuer- noch abschaltbar

Vor solch einem Problem stand der Betreiber eines Nachrichtensatelliten in der geostationären Bahn noch nie: Seit dem 5. April reagiert der Satellit Galaxy 15 von Intelsat nicht mehr auf Kommandos (war die Sonne schuld?), und am 3. Mai scheiterte auch der Versuch, durch extrem starke Funksignale wenigstens seine Transponder lahmzulegen. Da der Satellit inzwischen entlang des geostationären Gürtels driftet, gibt es für solche Versuche immer nur kurze Zeitfenster, das nächste um den 7. Juni. Am 23. Mai indes nähert sich Galaxy 15 dem SES-Satelliten AMC-11, den er empfindlich stören könnte, indem seine Transponder unkontrolliert irdische Uplinks zurückplärren – und damit das amerikanische Kabelfernsehen (etwa das Food Network …). Gegen Ende Juli dürfte sich Galaxy 15 immerhin so ungünstig zur Sonne gedreht haben, dass er von selbst aus geht. (MSNBC 11., Kosmologs 7., Space Today 5., Space News, Discovery, Raumfahrer 4.5.2010. Auch Space.com zur Statistik des Orbitalschrotts und Space News zu dessen Überwachung aus europäischer Sicht)

Der Iran will dieses Jahr zwei Satelliten starten, in enger Zusammenarbeit mit Russland: Wozu sie gut sein sollen, klingt in Medienberichten reichlich vage; von „filming applications and data-image transmission sensors“ ist die Rede. (Novosti 5.5.2010)

Erster indischer „Studentensatellit“ begleitet Cartosat-2B

Vermutlich Mitte Juni soll – verspätet wegen Raketenproblemen – das nächste indische PSLV neben dem Kartographiesatelliten Cartosat-2B auch StudSat in den Orbit tragen, den ersten von Studenten gebauten Satelliten des Landes und zugleich den ersten Picosatelliten (was eine Masse zwischen 100 g und 1 kg bedeutet). Die erhoffte Lebensdauer des 10 x 10 x 14 cm großen und 850 g schweren Satelliten auf seiner sonnensynchronen 700-km-Bahn ist 1/2 Jahr: Hauptaufgabe ist das Liefern von Bildern der Erde mit 90 Metern Auflösung; beim Cartosat sind es 80 Zentimeter. Außer den beiden werden auch noch der algerischem 117-kg-Kommunikationssatellit Alsat-2A und zwei Nanosatelliten aus Kanada und der Schweiz auf dem Polar Satellite Launch Vehicle sitzen. (StudSat-Homepage; Thaindian 6.5., Space News, AW&ST 30., ISRO Press Release 29., Times of India 28., Economic Times 26., SpaceYuga 25.4.2010)

Zoff im Untergrund: Jäger der Dunklen Materie zanken sich über ein Null-Resultat

8. Mai 2010

Hat der Detektor XENON 100 harte Limits für Teilchen der Dunklen Materie mit geringer Masse geliefert und damit vermeintlich positive Resultate der Experimente DAMA und CoGeNT widerlegt – oder können (oder wollen) diese Physiker nicht richtig rechnen? Auf ein vielbeachtetes Paper der XENON100-Kollaboration – die mit ihrem Detektor aus 62 kg flüssigem Xenon im Gran-Sasso-Tunnel nicht ein WIMP-Teilchen fing, obwohl das nach den Daten der anderen beiden Untergrund-Experimente zu erwarten gewesen sei – haben zwei US-Physiker binnen Tagen mit einer außergewöhnlich aggressiven Arbeit geantwortet, in der den XENON-Auswertern unverholen Inkompetenz und Ignoranz vorgeworfen werden. Die Empfindlichkeit des Detektors gerade im kritischen niedrigen Energiebereich sei nämlich viel geringer als sie behaupten würden – und hätten sie die Literatur zum Thema gelesen, wüssten sie das auch. Mithin seien die (ansonsten wenig ernst genommenen) positiven Detektionen Dunkler Materie-Teilchen weiterhin unwiderlegt. Die XENON-Fraktion bereitet bereits den Gegenschlag vor. Immerhin: Hier wird über echte Messungen und Daten gestritten, durchaus ein Fortschritt, wenn auch in einem Stil, der eher an die Abgründe der Blogosphäre erinnert … Mehr bei Physics World 6., Scientific American 5., Cosmic Variance, Nature Blog 4., New York Times, New Scientist 3., Resonaances 1.5., 27., ArXiv Blog 26.4.2010. NACHTRAG: Die XENON-Gruppe steht zu ihrem Paper … NACHTRAG 2: … und es geht weiter hin und her und …

Der ganze Mond als Neutrino-Detektor genutzt werden kann vermutlich mit dem im Aufbau befindlichen europäischen Radiointerferometer LOFAR für ganz lange Wellen: Treffen die Teilchen den Regolith, entsteht kohärente Cherenkov-Strahlung mit ungefähr 3 GHz Frequenz. Das Westerbork-Radioteleskop hat diese zwar nicht gesehen, aber die bisher schärfste Obergrenze festlegen können – LOFAR aber müsste es dann schaffen. (ASPERA April 2010, auch zu den Neutrinoteleskopen IceCube und NEMO sowie ein LBL Release zum Neutrinodetektor ARIANNA und Spiegel zum Neutrinodetektor CUORE) NACHTRAG: noch’n CUORE-Artikel.

Immer höhere Kollisionsraten im Large Hadron Collider

werden seit Ende April erreicht, nachdem die Bündelung („squeezing“) der Protonenstrahlen mit den Magneten erhöht wurde: Die „Leuchtkraft“ des LHC stieg gleich um einen Faktor 10 an. Ziel ist es, bis Ende kommenden Jahres eine Million mal mehr Kollisionsereignisse („10 Millionen …“) zu beobachten als bis jetzt, und der Beschleuniger ist auf einem guten Weg: Bottom-Quarks, W-Bosonen und andere ‚Klassiker‘ der Teilchenphysik sind bereits beobachtet worden, was auch die Funktionsweise der riesigen Detektoren belegt. Bald könnten daher auch die ersten neuen Entdeckungen folgen, zwar noch nicht das Higgs-Teilchen, aber manch andere Exotika. (Symmetry Magazine April [Editorial]; Symmetry Breaking 6., Reuters 5., CERN Bulletin 3.5. [mehr], Science Blogs 29., Cosmic Variance 28., Bild der Wissenschaft 24., New Scientist 23., Physics World 15., New Scientist, Science Blogs 14.4.2010)

Neue – aber weiter indirekte – Hinweise auf ein Tetraquark und damit einen neuartigen Zustand der Materie sind in Elektron/Positron-Kollisionen im japanischen BELLE-Detektor gesehen worden: Eigentlich sollte „Bottonium“ erzeugt werden, ein Meson aus einem Bottom-Quark und seinem Antiteilchen, aber das Kollisionsprodukt zerfiel viel schneller. Ein Tetraquark (Bottom + Up + beider Antiteilchen) würde passen, aber die Signatur ist nicht eindeutig für das schon vor über 30 Jahren postulierte Teilchen. (Nature Blog 5., New Scientist 4.5., Physics World 27.4.2010)

Gewitter funktionieren als Teilchenbeschleuniger in der Natur

Davon zeugen nicht nur Terrestrische Gamma-Blitze („Auch Gewitterwolken …“; s.a. ISAN 105-6) sondern auch der Nachweis von Radiostrahlung, die mit dem Auftreten von Sprite-Entladungen hoch über Gewitterwolken korreliert – vorausgesagt wurde das Ganze übrigens schon 1925. Kosmische Strahlung ionisiert die Hochatmosphäre, und die elektrischen Felder der Sprites beschleunigen die geladenen Teilchen. Die dabei wiederum eine charakteristische Radiostrahlung aussenden – genau wie sie 2008 bei Messungen auf einem Pyrenäen-Gipfel parallel zu Sprite-Sichtungen gemessen wurde. Ein japanischer, ein russischer und ein französischer Satellit sollen sich demnächst diesen Phänomenen zuwenden. (Physics World 19.4.2010)