50 Jahre Gagarin, 30 Jahre Space Shuttle – und ratlos in der Gegenwart

Das heutige Doppeljubiläum von Wostok 1 und STS-1 hätte kaum zu einem seltsameren Zeitpunkt kommen können, denn so ratlos wie jetzt waren die USA – aber auch der Rest der raumfahrenden Menschheit – wohl selten, wie es weiter gehen soll (und warum eigentlich). Der Blick in die Vergangenheit ist da klarer: Kurz vor dem Jubiläum von Yuri Gagarins Erdumrundung – im ungewöhnlichen Video oben in Echtzeit mit Bildern von der ISS aus nachgestellt – sind ein paar neue Details des Fluges bekannt geworden, seine Tochter gab das erste Interview für ein westliches Medium, und selbst eine 92-jährige Lehrerin des Raumfahrers wurde aufgespürt. (Viele weitere Artikel rund um’s Gagarin-Jubiläum gibt’s in Sammlungen von Russian Space Web, BBC, ESA, Universe Today und SciLogs sowie auf den Geschichtsseiten dieses Bloggers). Aber der Lauf der Dinge war wohl nicht so, wie man sich das in Ost wie West einmal vorgestellt hatte:

  • Vor 50 Jahren gelingt der Sowjetunion Gagarins Orbitalflug mit einer Wostok-Rakete, während die USA noch ein fast Jahr brauchen, bis sie gleichziehen können. Die Raketen auf beiden Seiten sind aus militärischen Langstreckenraketen hervor gegangen (siehe auch die Parallel-Timeline der Raumfahrtgeschichte bis 1962), wobei Gagarins Wostok-K zur „Raketenfamilie“ R-7 gehört. Schon Sputnik 1 war auf einer Rakete dieser extrem langlebigen Serie gestartet.

  • Vor 30 Jahren fliegen die Sowjets ihre Kosmonauten weiterhin mit Raketen der R-7-Provinienz (Soyuz-Varianten), während die USA mit dem Space Shuttle etwas grundlegend Neues versuchen. Von den Hoffnungen der 1970-er Jahre, er werde den Zugang in den LEO drastisch verbilligen (wenige Millionen US-Dollar pro Mission wurden ernsthaft versprochen), sämtliche anderen Träger ersetzen und mindestens im Wochenrhythmus abheben können, ist man allerdings schon bei der Premiere mit der Columbia weit entfernt.

  • Heute fliegen die Russen ihre Kosmonauten immer noch mit R-7-Raketen (etwas moderneren Soyuz-Varianten) – und der Space Shuttle steht am Ende des Programms, mit nur noch zwei geplanten Starts. Jede einzelne Mission hat rund 1.5 Milliarden US-Dollar (2010) gekostet, das gesamte Programm knapp 200 Mrd.$. Und erstmals seit 50 Jahren haben die USA keinen konkreten Plan, was als nächstes kommen soll: Um weiter zur maßgeblich von ihnen finanzierten ISS zu kommen, müssen US-Astronauten mit Soyuz- alias R-7-Raketen fliegen. Ganz wie Gagarin vor 50 Jahren …

Während die unbemannte Raumfahrt im vergangenen halben Jahrhundert eine enorme Entwicklung durchgemacht hat, im Anwendungsbereich (Kommunikation, Wetter, Erdbeobachtung etc.) völlig unverzichtbar geworden ist und im Forschungssektor vor allem Astronomie und Planetenforschung revolutioniert hat, dreht sich die bemannte im Kreis. Buchstäblich: Schließlich ist der LEO nur ein paarmal verlassen worden und seit 1972 gar nicht mehr. Dass der Mensch im Weltraum „gebraucht“ wird, lässt sich aus den Erfahrungen der ersten 50 Jahre bemannter Raumfahrt kaum belegen, aber die Reise ins All hatte immer schon eine starke „transutilitäre“ visionäre Komponente, die einen Wert an sich darstellen mag. Wenn man sie also weiter will, die bemannte Raumfahrt, wie sollte das sinnvoll gehen?

Unter all den pathetischen Worten zum Doppel-Jahrestag fallen jene von Dennis Bushnell, dem Chefwissenschaftler des Langley Research Center der NASA, aus dem Rahmen, der es auf den Punkt bringt: Vertraut den Transportdienst zur ISS den Privatfirmen an, die dieser Aufgabe inzwischen gewachsen zu sein scheinen, schreibt er in Nature 472 [7.4.2011] 27-29 – und kommt ansonsten endlich weg von den Raketen der Vergangenheit! Denn nur mit „revolutionären Technologien“ sei es zu vertretbaren Kosten und in akzeptabler Zeit möglich, Menschen in den Raum jenseits des Mondes zu bringen: „reducing the mass of the vehicle; novel launch and propulsion systems (including alternative fuels, such as positrons, energy beaming and in-orbit refuelling); and intelligent architecture and systems for more affordable life-support and radiation protection.“

„Several of these technologies could be truly game-changing,“ glaubt Bushnell: „The use of nanotubes in spacecraft construction, for example, could reduce the ‚dry mass‘ – the amount to be launched, excluding fuel – by three to five times, if we can create structural materials with the same strength properties as individual nanotubes.“ Und er fragt sich auch, ob man denn wirklich den Menschen selbst mit Riesenaufwand auf fremde Welten schaffen muss, um diese zu ‚erfahren‘: Er kann sich – z.B. bei der Marserkundung – durchaus „space exploration for everyone using immersive virtual reality and remote planetary sensors“ vorstellen, „with autonomous robotics to supply the data. This could offer a better-than-being-there experience at much reduced cost and risk.“ Von so etwas konnten die Pioniere der Raumfahrt noch nicht einmal träumen. Wir schon.

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Eine Antwort to “50 Jahre Gagarin, 30 Jahre Space Shuttle – und ratlos in der Gegenwart”

  1. Der Astronauten-Cartoon, den keiner versteht … « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] der Phase der bezahlbaren, Nutzen bringenden und nachhaltigen Ausführung. Die – wie schon bei anderer Gelegenheit argumentiert – eher durch energische Arbeit an neuen Raumfahrttechniken denn durch […]

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