HiggsiLeaks am LHC: Internes ATLAS-Memo sorgt für Wirbel – und vermutlich ist nichts dran

Nein, das ATLAS-Experiment vom Large Hadron Collider behauptet nicht, das Higgs-Teilchen mit einer Masse von 115 GeV entdeckt zu haben: Das steht lediglich in dem internen Memo ATLAS-COM-PHYS-2011-415 von gerade einmal vier Autoren, das vom Rest der Tausenden von Physikern an diesem Detektor noch gar nicht unter die Lupe genommen wurde und das Sprecher des Experiments wie des gesamten CERN bereits öffentlich für zwar echt aber zugleich wahrscheinlich falsch erklärt haben. Solche Memos von kleinen Untergruppen kursieren häufig und erweisen sich nur selten als so glaubwürdig, dass man sie überhaupt publik macht. Kurioserweise war einer der Memo-Autoren auch an der verzweifelten Higgs-Jagd mit dem LHC-Vorgänger LEP beteiligt gewesen, und die Masse des nun angeblich entdeckten LHC-Teilchens wäre mit 115 GeV praktisch dieselbe, die er damals vermutet hatte. Allerdings wäre der Wechselwirkungsquerschnitt dieser Teilchen nach den LHC-Messungen um einen Faktor 30 höher als theoretisch zu erwarten (was außerdem Tevatron-Daten zu widersprechend scheint), und dass die Signifikanz des Effekts bereits 4 Sigma betrage, wird auch bezweifelt. Eine statistische Schwankung, die wieder verschwinden wird, ist wohl die wahrscheinlichste Erklärung. Also: weiter warten auf richtige Papers von ATLAS und/oder CMS mit Higgs-, SuSy- oder sonstigen Effekten jenseits des Standardmodells, die tatsächlich eine höhere Herzfrequenz verdient haben. Not even wrong 21., Resonaances, The Reference Frame, Science 2.0, New Scientist Blog, LiveScience, Wired 22., IO9 24., Discovery, Science Journalism Tracker, Nature News 25., Sydney Morning Herald, Physics World, Starts with a Bang, BBC, Science Journalism Tracker, PhysikBlog 26.4.2011

Der LHC hat den Weltrekord für Luminosität gebrochen und damit das Tevatron übertrumpft, das erst letztes Jahr einen neuen Rekord aufgestellt hatte. In einer einzigen Woche werden bereits mehr Kollisionen beobachtet als im ganzen Jahr 2010: Möglich gemacht hat das nicht nur das immer bessre Verständnis, wie man den Riesenbeschleuniger optimal betreibt, sondern auch ein regelrechtes Freispülen des Vakuumrohres. Da die Bauteile noch neu sind, gasen sie aus, aber zehn Tage mit energiearmen aber besonders vielen Protonen haben die meisten Moleküle beseitigt: Sie wurden von den Protonen negativ aufgeladen und dann abgestoßen und mit Wucht in den Wände getrieben. (CERN Release, Quantum Diaries [früher], Reuters, Discovery 22.4.2011)

Kuriose Spekulation: Hatte der Kosmos erst eine, dann zwei und erst zum Schluss drei Raumdimensionen?

Diese „Vanishing Dimensions“-Hypothese erregt vor allem deswegen Aufsehen, weil sie mal nicht mit mehr Raumdimensionen (wie die String-Theorie mit 10 oder 11 davon) sondern weniger als den beobachteten dreien argumentiert: Je höher die Energie, desto weniger Dimensionen. Das gälte dann sowohl in der Vergangenheit in der Nähe des Urknalls wie auch in der Gegenwart bei Hochenergieprozessen: Bei Kosmischer Strahlung wird immerhin der kuriose Effekt beobachtet, dass sich Kollisionstrümmer bei hohen Energien bevorzugt in einer Ebene statt in einem gefüllten Kegel ausbreiten. Solche Effekte müsste es auch im LHC zu sehen geben – und sie müssten sich bei Gravitationswellen bemerkbar machen. Bislang ist die Vanishing-Hypothese aber nur eine nette Spekulation, der Kritiker zu wenig Substanz vorwerfen. (University at Buffalo Press Release 20., CSM, Space.com 22.4.2011. Und ein Caltech Release 10.4.2011 zu einer neuartigen Visualisierung der gekrümmten Raumzeit mit Tendex- und Vortex-Linien und Atra Materia 26.4.2011 zur Sichtweise, dass die Zeit nur eine 4. Raumdimension sei …)

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2 Antworten to “HiggsiLeaks am LHC: Internes ATLAS-Memo sorgt für Wirbel – und vermutlich ist nichts dran”

  1. Gravity Probe B bestätigt Allgemeine Relativität – aber wer brauchte das noch? « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] angebliche Sichtung durch ATLAS wird – abermal in einem vertraulichen und natürlich sofort bekannt gewordenen – […]

  2. Nachrichten aus der Teilchenphysik kompakt « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] wie eine ideale Flüssigkeit verhielt. Viel diskutiert wurde in den letzten Wochen auch über die nach draußen gedrungene Falschinformation über einen angeblichen Nachweis des Higgsteilchens: Während beim ATLAS-Detektor, aus dessen […]

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