Archive for 12. Juli 2011

Nachrichten aus der Planetenforschung kompakt

12. Juli 2011

Neptun am 25./26. Juni über 11 1/4 Stunden hinweg etwa alle vier Stunden von Hubble im I-, R- und B-Bereich mit der WFC3 aufgenommen [NACHTRAG: eine animierte Version] – aus Anlass der Vollendung des ersten Sonnenumlaufs des fernen Gasplaneten seit seiner Entdeckung 1846 gestern oder heute. Es gibt jetzt mehr Wolken als noch vor ein paar Jahren, wohl ein jahreszeitlicher Effekt. (HST Release 12.7.2011. Und NASA Release, Science@NASA 9., JHU APL, JPL Releases, Nature News 15., Physics World 22.6.2011 zu Erkenntnissen von Voyager 1 nahe am Rand des Sonnensystems)

Akatsukis Versagen verstanden, Lösungen denkbar

Die Aufklärung des missglückten Einschusses in den Venus-Orbit der japanischen Raumsonde Akatsuki ist nach Laborexperimenten weiter voran gekommen: Der Oxidator ist während des Hinflugs offenbar langsam und unvorhergesehen durch ein Ventil gesickert und mit dem Treibstoff in Berührung gekommen. Dabei bildeten sich durch eine chemische Reaktion Kristalle, die das Ventil verstopften und schließlich in entscheidenden Moment den Treibstoffzufluss in die Brennkammer stark behinderten – das wiederum führte vermutlich zu abnormer Verbrennung mit zu hoher Temperatur, was wiederum die Düse beschädigt haben dürfte. Diesen September soll noch einmal versucht werden, den Raketenmotor testweise zu starten: Klappt das, wird bei der nächsten Annäherung an die Venus noch einmal ein regulärer Orbiteinschuss versucht. Bleibt das Triebwerk aber unbrauchbar, dann entsteht bereits ein Plan B: Aller Oxidator wird abgelassen, um die Masse Akatsukis zu verringen. Und dann wird nur mit den kleinen Düsen des Reaction Control Systems ein Orbiteinschuss versucht. Die Missionsdauer im Venusumlauf wäre dann zwar reduziert – aber besser als nichts. (NKH 30.6., Planetary Society Blog 2., Parabolic Arc 6.7.2011)

Die Kometensonde Rosetta schläft jetzt, 136 Wochen lang

vom 8. Juni 2011 bis 20. Januar 2014, da die Solarzellen in maximalem Sonnenabstand – bis 790 Mio. km, über 5 AU – eh‘ nicht genug Strom für sinnvolle Tätigkeit liefern würden. Nur kritische Heizelemente, ein Empfänger und ein Zeitgeber bleiben in Betrieb, während Rosetta durch Rotation stabil gehalten wird statt der üblichen 3-Achs-Stabilisierung: So wird kein Treibstoff verbraucht. Die wissenschaftlichen Instrumente waren bereits im ersten Jahresdrittel abgeschaltet worden; kurz zuvor war es der Kamera OSIRIS aber im März noch gelungen, mit 13 Stunden Gesamtbelichtungszeit ein extrem schwaches Bild des Zielkometen Churyumov-Gerasimenko zu schießen. Der wird schon kurz nach dem Aufwecken aus dem „Winterschlaf“ im Mai 2014 erreicht, und voraussichtlich im November soll der Lander Philae abgesetzt werden. Bis es so weit ist, kann die ESA noch ausgiebig über Probleme mit dem Drucksystem des Treibstofftanks und zwei der vier Reaktionsräder nachdenken, die jetzt ohnehin ruhen. ( ESA PM 31.5., ESA Release, MPS, DLR PMn 8., Space News 15.6.2011)

Start in 3 Wochen: Die Jupitersonde Juno ist jetzt betankt

mit Hydrazin und Oxidationsmittel, und die Tanks stehen unter Druck – das Antriebssystem ist damit bereit für den Start; das Fenster öffnet sich am 5. August. Nach dem Tankmanöver ist Juno zu 99% startbereit: Es fehlen nur noch die letzten Thermal Blankets und ein Wet-Spin-Test, dann kann es vom Hangar der Firma Astrotech in Titusville in Florida zur nahen Cape Canaveral AF Station mit einer Atlas 551 gehen. Den eigenen Treibstoff wird Juno für vier große Manöver seines Haupttriebwerks benötigen, das letzte ist der Orbiteinschuss 2016. (Juno Update 7., JPL Release 5.7., Juno Update 24.6.2011. Und ein JPL Release 15.6.2011 zur Störung des Plasma-Spektrometers auf dem Saturnorbiter Cassini, von dem seither nichts mehr zu hören war)

Dem Discovery-Programm der NASA gegen die Leute aus

Genauer gesagt jene qualifizierten Planetenforscher mit wissenschaftlicher und Management-Erfahrung, denen man die alleinige Leitung einer dieser (relativ) preiswerten & innovativen Planetenmissionen als Principal Investigator (PI) anvertrauen kann: Einer demografischen Analyse zufolge wird schon bei der nächsten Discovery-Runde – Ausschreibung 2013, Auswahl 2015 – nur noch jeder zweite Missionsvorschlag von einem erfahrenen Wissenschaftler begleitet werden. Das grundsätzliche Problem bei der Planetenforschung ist, dass Erfahrung praktisch nur im Rahmen früherer Weltraummissionen gesammelt werden kann – in anderen Bereichen der Weltraumforschung kann sich der künftige PI z.B. auch bei der Durchführung von Ballon-Flügen oder Starts von Höhenforschungsraketen bewähren. Bisher hat die NASA 16 kleine Missionen nach dem PI-Prinzip durchgeführt, die meisten im Rahmen von Discovery, und es waren überwiegend große Erfolge. Allerdings ist die quasi alleinige Verantwortung für eine ganze Planetenmission derart anstregend, dass von sämtlichen PIs und Projektwissenschaftlern der NASA-Missionen seit 1977 und auch ihren Stellvertretern kein einziger PI einer weiteren Planetensonde wurde … (Nature News 5.7.2011)

Schon wieder legaler Ärger um Apollo-Mondgestein …

Mit den Apollo-Proben – egal ob großer Stein oder Staubkorn – verstehen die USA keinen Spaß und verbieten jeglichen Privatbesitz an diesem Staatsschatz („Auch Dreck …“): Welchen Erfolg mag da wohl ein Fischer haben, der eine von ihm ‚geborgene‘ Mondprobe offiziell als sein Eigentum anerkannt bzw. viel Geld dafür haben will? Die Probe ist wohl echt, ein Geschenk der NASA an den Staat Alaska, die Umstände ihres Verlustes dagegen werden unterschiedlich dargesellt. Unstrittig ist nur, dass sie sich 1973 in einer Ausstellung in Anchorage befand, die niederbrannte: Deren Kuratoren behaupten, die entsprechende Vitrine zunächst noch recht gut erhalten gesehen zu haben, aber dann sei sie plötzlich weg gewesen – der Finder-Fischer stellt es so dar, dass er sie aus dem abtransportierten Schutt gezogen habe, den offensichtlich keiner mehr habe haben wollen. So oder so hielt er Jahrzehnte Stillschweigen über seine Fundsache – bis im Rahmen einer großen Fahndung nach derlei verschollenen Apollo-Geschenken (mehr als die Hälfte der 370 Exemplare sind abhanden gekommen!) ein Aufruf in einer Zeitung erschien. Per Anwalt ließ der freche Fischer dann mitteilen, entweder ernenne ihn der Staat Alaska zum legalen Besitzer der Apollo-Steinchen – die sich derzeit vermutlich in Asien befinden – oder sie entlohne ihn für deren Rettung, Reinigung und Aufbewahrung … (Anchorage Daily News 2., New York Times 9., Seattle Times 11.7.2011. Und CBS News 10.7.2011 mit einem langen Interview mit einem Apollo-Fan, der gleich einen ganzen Tresor hatte mitgehen lassen … [NACHTRAG: ein Verriss des Buches dazu])

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