Archive for 17. Juli 2011

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

17. Juli 2011

Die Aurora Australis am Horizont beim Blick aus der ISS mit angedockter Atlantis am 14. Juli, als der fast volle Mond die Nachtseite der Erde erhellte [NACHTRAG: ein später NASA Release dazu] – und bald soll es Bilder live von der ISS für jedermann geben, im Rahmen eines kanadischen Geschäfts mit Russland (Werbevideo, Artikel): Zwei HD-Kameras werden auf der Station installiert und ab Frühjahr 2012 ständig die Erde streamen. Derweil sorgt das „Robotic Refueling“-Experiment, das die Atlantis mitbrachte, für einigen Ärger, könnte daraus doch Konkurrenz für einen kommerziellen Anbieter von Satelliten-Tankstellen („Intelsat bucht …“) erwachsen. Kurioserweise ist an dieser wie dem ISS-Experiment dieselbe kanadische Firma maßgeblich beteiligt …

Meersalz-Satellit SAC-D im Juni erfolgreich gestartet

Der argentinische Satellit mit internationaler Nutzlast („Ozeansatellit …“) ist am 10. Juni auf einer Delta II von der Vandenberg AFB aus in den Orbit gebracht worden: Neben der amerikanischen Hauptnutzlast Aquarius, die den Salzgehalt der Meere messen soll (der wiederum mit den Strömungen und indirekt dem Wetter rückkoppelt), sind noch sieben weitere Umweltsensoren aus mehreren anderen Ländern an Bord. (NASA = JPL Releases 10.6.2011; BR 14., CBS, Space Today 10., Space Today 9., NASA Release 8., Science@NASA 7., JPL Release 2.6., Nature News, Space.com, 18., JPL Release 17.5.2011)

Ersatz-Satellit OCO-2 wechselt die Rakete: Nachdem die Taurus XL zweimal nacheinander versagt hat, wird sich die NASA für den Wiederflug des 2009 verunglückten Orbiting Carbon Observatory eine andere Rakete suchen. Der Taurus will sich die NASA erst wieder anvertrauen, wenn sie einmal sauber geflogen ist. (Space News 23.6.2011. Und Spaceflight Now, Space News, Space Today 30.6.2011 zum Minotaur-Nachtstart des militärischen Erdbeobachters ORS-1 – wegen Ähnlichkeiten zwischen der Minotaur, die noch nie versagte, und der Taurus war der Start verschoben worden)

Die Mission von ERS-2 ist nach 16 Jahren zuende gegangen

Die ESA hat ihren betagten Erdbeobachtungssatelliten von 1995 auf eine niedrigere Bahn gebracht, so lange noch genug Treibstoff im Tank war – in etwa 25 Jahren sollte er verglühen. Kurz bevor die End-Manöver am 6. Juli begannen, hatte ERS-2 Gletscher in Grönland mit 3 statt der üblichen 35 Tagen Wiederholrate beobachtet. (ESA Releases 5.7., 8.7.2011. Und ein ESA Release 14.6.2011 zur allmählichen Beseitigung der Störquellen, die den SMOS-Satelliten plagten)

CryoSats erste Karte der Meereis-Dicke ist im Juni präsentiert worden: Sie soll die Spezifikationen des neuen ESA-Radarsatelliten noch übertreffen. Allerdings sind die Daten noch so „heiß“, dass die Kalibration in absolute Dicke-Zahlen mit Vorsicht zu genießen ist: Da gilt es viele Fehlerquellen auszuschließen. Und richtig spannend wird erst die Entwicklung über mehrere Jahre. (ESA Release, BBC 21., Cosmic Log, Spiegel 22.6.2011)

Fortschritte bei den Euro-Navigationssatelliten Galileo

sind zu erkennen: Die beiden Vorläufer GIOVE-A und -B funken weiter aus dem Orbit und halten so die entscheidenden Frequenzen reserviert, rund um die Uhr wird derzeit in Rom an den ersten beiden operationellen Satelliten der Konstellation gearbeitet, ihre Soyuz-Rakete hat Französisch-Guyana erreicht, die letzten großen Verträge bzgl. des Bodensegments sind unterzeichnet – und zur Abwechslung soll auch mal etwas billiger werden, die späteren Satelliten nämlich. Die ersten vier operationellen Satelliten dienen der In-Orbit Validation (IOV): Zwei – PFM und FM2 genannt und praktisch identisch mit den Serienmodellen – starten am 20. Oktober in Kourou, die anderen Mitte 2012 auf einer weiteren Soyuz. Die folgenden 14 rollen derweil bei OHB in Deutschland vom Band: Etwa alle drei Monate können sie von Ende 2012 an jeweils paarweise per Soyuz folgen, die letzten 4 möglicherweise auch zusammen auf einer Ariane 5. Und die nächsten 6 Satelliten, die die Konstellation dann auf 24 bringen sollen (das Fernziel sind 30), wird die ESA nun auch bestellen: Abermals treten OHB und Astrium gegeneinander an, aber diesmal darf jeder Satellit nur noch 40 Mio. Euro kosten. Ende 2014 könnte das 24-er System fertig sein – und das Bodensegment sowieso: Im Juni wurden auch die letzen zwei von 6 Großverträgen für dessen Bestandteile unterzeichnet. (ESA Releases 21.6., 22.6., Astrium Release 22.6.2011; Spaceflight Now 13., Space News 22.6.2011)

Hunderte Satelliten-Kollisionswarnungen an Russland und China hat die U.S. Air Force verschickt, nachdem diese Informationen in der Folge der 2009-er Kollision eines alten russischen Satelliten mit einem der Iridium-Konstellation gelockert wurden: Das dient allen raumfahrttreibenden Nationen, denn denn mehr Kollisionen könnten in der Folge noch mehr Unfälle zur Folge haben. (Space News 15.6.2011. Auch Antena 3 12.6.2011 zu ESA-Plänen, 700’000 Raumschrott-Objekte zu katalogisieren. Und Parabolic Arc 31.5.2011 zu Plänen, per Starfighter suborbitale Nutzlasten zu starten)

Zweiter iranischer Start geglückt: Bahn 236 x 299 km

Mit einer Safir-Rakete ist es dem Iran am 15. Juni gelungen, den 15-kg-Satelliten Ras(s)ad-1 („Beobachtung“) auf einen ca. 2 Monate stabilen Erdorbit mit 55.7° Neigung zu befördern, von wo er Erdaufnahmen liefern soll – wichtiger war aber sicher der Leistungsbeweis der Rakete, die natürlich auch militärisch eingesetzt werden könnte. Das Raumfahrtprogramm halten Beobachter aber durchaus für ernst gemeint – und da gibt es schon die nächste Ankündigung: Noch im Sommer – zwischen dem 23.7. und 23.8. – soll ein Affe auf einer Kavoshgar-5 in einer 285-kg-Kapsel bis in 120 km Höhe aufsteigen (2010 flogen kleinere Tiere auf einer Kavoshgar-3) und ab Oktober der Aufklärungssatellit Fajr in 400 km Höhe 2 1/2 Jahre durchhalten. (Press TV [with video], IRNA, INN, Spiegel 15., Discovery, Space Today 16., Spaceflight Now, Telegraph 17., Astro!nfo 20., New Scientist 21.6.2011. Auch Space.com 27.6.2011 zu einem angeblichen US-Verräter, der Irans frühe Raumfahrt voran brachte. Und Asian Scientist 11.6.2011 zu Konfusion in Indien bzgl. bemannter Raumflüge)

Zügige Forschritte oder Probleme mit dem Zeitplan bei Virgin Galactic? Die Meinungen gehen auseinander, ob die Tests des SpaceShipTwo, das schon über ein Dutzend Segelflüge – einmal zwei innerhalb von 24 Stunden – absolviert hat, gut im Zeitplan liegen oder sich Scaled Composites und der Vermarkter Virgin Galactic übernommen haben: Denn das Triebwerk wurde noch nie im Flug eingeschaltet, und es wird auch nicht verraten, wann es so weit sein soll. Jedenfalls hieß es kürzlich in einem Interview, „in 12 bis 15 Monaten“ sollten die Touristenflüge beginnen – das wäre Mai bis August 2012 gewesen. Derzeit ruhen die Tests mit dem SS2 zwecks ausgiebiger Analyse der bisherigen Gleitflüge. (Virgin Galactic News 15., Moon & Back 24., Space News 26.6.2011. Und Courthouse News 16., Space News 17.6.2011 zur einer Klage von Space X gegen einen vorlauten Kritiker der Falcon 9 [NACHTRAG: Die Sache ist erledigt, und alle haben die Falcon lieb] sowie Fotos der geflogenen Dragon und Wired, Science Journalism Tracker 14.7.2011 zu hochfliegenden Plänen)

Die ESA will auch ein bisschen Space Shuttle spielen

mit einem „Intermediate Experimental Vehicle“ (IXV), das 2013 auf einer Vega-Rakete starten und nach wenigen Stunden wieder – mit bis zu 7.5 km/s – in die Atmosphäre eintreten, am Fallschirm landen und aus dem Pazifik per Schiff geborgen werden soll. Kritische Wiedereintritts-Technologien wie spezielle Keramik sollen dabei erprobt werden, im Hinblick auf noch völlig unspezifizierte Transportschiffe zur ISS, bemannte Orbitalschiffe oder gar Lander auf anderen Planeten. 1998 gab es schon mal einen – vergleichweise primitiveren – Reentry-Test der ESA; mit dem IXV kommt es nun zur Wiederauferstehung von Ideen aus der Zeit des 1992 eingestellten Hermes-Programms. (ESA Release 21., Spaceflight Now 10.6.2011)

„Waverider“ X-51A beim zweiten Flug gescheitert: Bei einem „less than successful flight test“ ist am 13. Juni der Scramjet des Experimentalvehikels („Erster Flug …“) der U.S. Air Force der Scramjet nicht angesprungen, nachdem eine Feststoffrakete den Demonstrator zuvor auf Mach 5 beschleunigt hatte, „the vehicle experienced an inlet un-start“ und ließ sich auch nicht erneut zünden; das Vehikel stürzte unverrichteter Dinge ins Meer. Insgesamt sind vier Stück bestellt worden, das nächste ist im Herbst dran. (AF Materiel Command Press Release 15.6.2011; LA Times Blog 17., Spiegel 16., Parabolic Arc 15.6., LA Times 24., Universe Today 22., SpacePorts 20.3.2011) NACHTRAG: Der Fehlschlag bleibt mysteriös.

Das „100 Year Starship“ wird nun sich selbst überlassen …

Die 1.1 Mio.$ (1 Mio. von der DARPA, 100’000 von der NASA), die für Gedanken über bemannte interstellare Raumfahrt („‚Hundred Year Starship‘ …“) zur Verfügung standen, sind zur Hälfte verbraucht: Die übrig geblieben rund 500’000$ darf im Herbst eine Organisation oder auch eine Einzelperson einsacken, die – u.a. auf einer zweiten großen Tagung in Orlando vom 30.9.-2.10. – am plausibelsten machen kann, dass sie die nunmehr mit öffentlichem Geld nicht mehr geförderten Vor-Vor-Vorarbeiten für solch ein Unterfangen weiter zu führen vermag. Mit Privatspenden, auf kommerzieller Basis, ganz ohne Geld – alles ebenso offen wie die Technologien, die im Rahmen der Arbeiten in den kommenden Jahrzehnten heraus springen könnten: Um die und deren direkte Nutzung hier auf der Erde geht es bei dem verrückten Unterfangen eigentlich. Und genau deswegen soll auch in Richtung eines bemannten Aufbruchs in Richtung eines anderen Planetensystems nachgedacht werden und nicht über robotische Missionen: Die Herausforderung soll gleich maximal sein. Allerdings kann es auch sein, dass sich das Projekt (immerhin mit protziger Homepage und eingetragenem Trademark), wenn es denn überhaupt die nächsten Jahre übersteht, in eine völlig andere Richtung entwickelt … (DARPA Press Release 15., HobbySpace, Centauri Dreams, Universe Today, Space.com 16., CSM 18., The Space Review 20., Spiegel 21.6.2011)

Japan hält Sonnensegeln für eine einsatzfähige Technologie, nach den guten Erfahrungen mit dem Prototypen IKAROS letztes Jahr, auch wenn die Daten von dessen Abenteuern auf dem Weg zur Venus noch nicht ganz ausgewertet sind: Das geht aus einem formellen Bericht über das Experiment hervor. Die Arbeit an einem Nachfolger mit der 10-fachen Segelfläche, dessen Mission fünf Jahre dauern soll, hat dadurch neuen Schwung bekommen. (AW&ST 2.6.2011. Und FAS Blog 28.6.2011 zu 50 Jahren Nukleartechnik in der Raumfahrt)

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