Ist der Merkur heute noch ein bisschen … aktiv?

Die ersten erstaunlichen Erkenntnisse des MESSENGER aus dem Merkurorbit wurden schon im Juni ausgiebig präsentiert – jetzt haben 7 wissenschaftliche Papers (Science 333 [30.9.2011] 1847-68), zwei Pressekonferenzen und Vorträge und Poster auf einer großen Planetentagung einiges davon vertieft und noch mehr Einsichten hinzu gefügt:

  • Es gibt verbreitet auf der ganzen Oberfläche eine bisher im Sonnensystem unbekannte Geländeform, die „Hollows“ getauft wurde – Dutzende Meter bis ein paar Kilometer große Vertiefungen, die innen wie auch drum herum meist ausnehmend hell sind (Bild oben vom Rand des Raditladi-Impaktbeckens; hier markiert: gelb = hollows auf dem Randgebirge, weiß = auf dem Beckenboden). Die beste Erklärung sind aufgeplatzte Hohlräume, in denen sich flüchtige Elemente knapp unter der Merkuroberfläche gehalten haben, bis sie von einem internen oder externen Prozess befreit wurden (wie bei so mancher MESSENGER-Entdeckung gibt es derzeit noch jeweils einen ganzen Katalog von Hypothesen). Und das geschah offenbar auch noch in jüngster Vergangenheit und passiert womöglich auch heute noch.

  • Ein weiteres Indiz für den unerwarteten Reichtum Merkurs an flüchtigen Substanzen also, wovon auch der schon berichtete große Schwefelanteil des Gesteins und ein Kalium/Thorium-Verhältnis sprechen, das zu den anderen terrestrischen Planeten aber nicht dem Erdmond passt. Der beste kosmochemische Verwandte Merkurs wäre nach den MESSENGER-Erkenntnissen ein teilweise geschmolzener Enstatit-Chondrit – aber wo kommt dann der gewaltige Eisenkern her, den die Masse des Planeten erfordert, und warum ist Merkur so klein? Praktisch alle populären Entstehungsmodelle des Planeten – schwerer Impaktschaden, massiv Oberfläche von der Sonne weggebrannt etc. – sind vermutlich hinfällig, obwohl nicht im Detail klar ist, wie gründlich bei solch heißen Prozessen dabei eigentlich flüchtige Substanzen ausgetrieben werden.

  • Die nördlichen hohen Breiten Merkurs werden von einem riesigen Feld Flutbasalt bedeckt, der 6% der Planetenoberfläche ausmacht und lokal bis zu 2 km dick ist: Diese Natur der schon von Mariner 10 entdeckten „smooth plains“ haben die detailreichen Aufnahmen MESSENGERs nun anhand vieler geologischer Details bestätigt und auch einige der möglichen Öffnungen gefunden, aus denen die Lava vor 3.5 bis 4 Mrd. Jahren heraus geschossen sein dürfte. Eine derartig gewaltige Überflutung weiter Landstriche durch Lava – es hätte für 60% der Fläche der USA gereicht – gibt es auf der heutigen Erde bei weitem nicht, aber es war offenbar ein wichtiger Prozess im jungen Sonnensystem.

Seit der Ankunft MESSENGERs ist übrigens gerade ein Merkurtag (der länger als ein Merkurjahr dauert) vorüber: Die Kameras der Sonde haben damit die gesamte Oberfläche einmal unter identischer Beleuchtung gesehen und in Schwarzweiß mit 250 m und in 8 Farben mit 1 km Auflösung im Kasten. Das Mosaik ist zu 99% komplett: Nur wenige Lücken müssen im weiteren Verlauf der Mission geschlossen werden, deren Entdeckungs-Serie sicher noch nicht zuende ist. Johns Hopkins, Brown, Carnegie Releases, Nature News 29.9., S&T 3., EPSC Release, Planetary Society Blog 5.10.2011

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