„Melancholia“ oder: ein Film über den Schrecken des Jakobsstabs …

Er wollte an Hand des nahenden und unausweichlichen Weltuntergangs vorführen, dass Depressive damit besser klarkommen (was ihm sein Psychiater erzählt hatte), und zur Herbeiführung desselben sollte es die Kollision der Erde mit einem anderen Himmelskörper sein (worauf ihn einschlägige Webseiten gebracht hatten): So ist es zu Lars von Triers „Melancholia“ gekommen, der nur wenig mit den Impakt-Klassikern „Meteor“, „Armageddon“ oder „Deep Impact“ zu tun hat. Trotz des üppigen Settings bei Schloss Tjolöholms ist es – nachdem die Hochzeitsgäste des ersten Teils, Bräutigam inklusive, und zuletzt auch noch der Butler entschwunden sind – ein Kammerspiel mit nur mehr vier Personen, die in den letzten Stunden keinerlei Kontakt mehr mit der Aussenwelt haben (wozu auch ein Stromausfall beiträgt). Der Schlossbesitzer, gespielt von von Ex-Jack-Bauer Kiefer Sutherland, ist zugleich Amateurastronom und Besitzer eines dicken Refraktors (einer bekannten Marke mit „B“), durch den öfters der ominöse Planet Melancholia beäugt wird, der da – offenbar aus dem interstellaren Raum gekommen – nun auf einer arg seltsamen Bahn durch das Sonnensystem zieht und bereits problemlos an Merkur und Venus vorbei gekommen ist. Die amtlichen Astronomen sagen eine nahe Passage auch an der Erde voraus, eine alternative Webseite – die nur Sekundenbruchteile aufblitzt – hingegen eine wunderliche Schleifenbahn, die zunächst an der Erde vorbei, dann aber doch direkt auf sie zu führt.

Zwar hat von Trier mit der Astronomie ansonsten nicht viel am Hut, aber eine Abwandlung eines klassischen astronomischen Instruments spielt doch eine geradezu handlungstreibende Rolle: Aus Draht basteln Sutherland und sein Sohn eine Variante des Jakobsstabs zur Winkelmessung am Himmel. Und die zeitliche Variation des Durchmessers Melancholias ist es, mit der die vier zunächst die Annäherung und anschließende erneute Entfernung des Planeten nachweisen – und dann seine Rückkehr: Die alternativen Himmelsmechaniker hatten Recht. Das weiß der Zuschauer natürlich längst, da der Film mit dem Ende der Erde (die von der mehrfach größeren Melancholia einfach absorbiert wird) und den eher moderaten geophysikalischen Effekten kurz davor beginnt – etwa als ein schwarzes Pferd vor einem Polarlicht kollabiert. Dasselbe Szenario bildet dann auch das überwältigende Ende des Films, jetzt aus der finalen Perspektive der letzten drei (Sutherland, wirklich kein Jack Bauer mehr, hat sich bereits das Leben genommen), wobei dann auch mysteriöse Details der Anfangssequenz ihre Erklärung finden: Man kann über die gut zwei Stunden davor sagen, was man will, aber diese letzten Minuten und vor allem Sekunden stellen – unterstützt durch das Vorspiel von Wagners „Tristan und Isolde“ – an emotionaler Wucht alle anderen Impakt- und sonstigen Weltuntergangs-Klassiker bei weitem in den Schatten. Homepage, Press Kit (Cannes), IMDB-Seite und ein paar Kritiken hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

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2 Antworten to “„Melancholia“ oder: ein Film über den Schrecken des Jakobsstabs …”

  1. „Another Earth“: Paralleluniversum mal anders … « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] „Melancholia“ und „Apollo 18“ schon wieder ein Spielfilm in den Kinos, der einen gewissen […]

  2. Allgemeines Live-Blog ab dem 10. 11. 2015 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] the End” erinnert mit der Ausausweichlichkeit des baldigen Endes der Erde stark an “Melancholia” und kann es von der technischen und schauspielerischen Qualität mit “Another […]

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