Nachrichten aus der Marsforschung kompakt

Opportunity hat Homestake kaputt gefahren und dann Fahrerflucht begangen – allerdings war der ‚Unfall‘ geplant: Indem der Marsrover mehrfach über die kuriose ‚Vein‘ (ein geologischer Fachausdruck, im Deutschen etwa ‚Ganglagerstätte‘) gefahren war und sie zertrümmerte, konnte wohl etwas über die Beschaffenheit dieses auf dem Mars noch nie gesehen Aufschlusses gelernt werden. Danach hat der Rover freilich rasch die Flucht ergriffen: Bevor der nächste Winter kommt, muss er sich auf Cape York ideal mit seinen Sonnenzellen platzieren.

Die komplette Mars-Rundfahrt von Opportunity im Zeitraffer, gesehen mit der vorderen rechten ‚Hazcam‘, die 3418 Bilder lieferte – bis der Rover sich endgültig fest fuhr und dann der Kälte zum Opfer fiel …

Der Marsvulkan Tharsis Tholus – ein kollabierter Achttausender in einer dreifach überhöhten 3D-Rekonstruktion von Bildern des Mars Express: Die Grundfläche beträgt 155 x 125 km, die Caldera, wo der Vulkankegel nach Verbrauch des Magmas eingebrochen ist, misst 34 x 32 km.

Kaum noch Hoffnung für den gestrandeten Fobos-Grunt

in der niedrigen Erdumlaufbahn (208 x 331 km, Neigung 51.4°), wo die erste russische Marsmission seit 15 Jahren nach ihrem Bilderbuch-Start einer Zenit vor einer Woche hängen geblieben ist, besteht trotz intensiver Bemühungen der Bodenkontrolle: Die Sonde ist offenbar kurz nach Erreichen der Parkbahn, wo sie sich noch einmal kurz gemeldet haben soll, in einen tiefen Safe Mode geraten. Deswegen hat sie auch keine der beiden Zündungen ihres eigenen Triebwerks zur Vergrößerung der Ellipse und dann dem Abflug Richtung Mars durchgeführt – und weigert sich auch beharrlich mit der Erde zu kommunizieren, obwohl sie offenbar eine stabile, womöglich sogar aktiv kontrollierte, Fluglage hat und auch sonst keine Beobachtungen auf physischen Schäden an Bord hinweisen. Das Verlassen der Parkbahn hätte komplett autonom und außerhalb der Reichweite von Bodenstationen erfolgen sollen, weshalb Amateurastronomen sogar offiziell eingeladen worden waren, die Manöver zu beobachten: Das erste wäre ideal für Brasilien platziert gewesen. Die Nachricht, dass sich die Bahn von Fobos-Grunt nicht verändert hatte, war denn auch zuerst von internationalen Satellitenbeobachtern gekommen: Das russische Management befindet sich in einer unfassbaren Schockstarre und hat so gut wie nichts Offizielles zum Status der Mission und den konkreten Rettungsversuchen verlauten lassen!

Dass wieder und wieder keine Reaktion auf die – wegen der niedrigen Bahn nur Minuten lang möglichen – Versuche der in dieser Missionsphase nie vorgesehenen Kontaktaufnahme erfolgte, wurde immer nur hinten herum russischen Medien gesteckt, und dass die Sonde zumindest im Orbit nicht taumelt und womöglich gar einmal aktiv die Bahnhöhe ein wenig angehoben hat, machten wiederum die Amateurastronomen bekannt. (Ende November beginnt übrigens ein exzellentes visuelles Beobachtungsfenster für Deutschland.) Erst auf der traditionellen Pressekonferenz nach dem gestrigen Soyuz-Start zur ISS konnte Roskosmos-Chef Vladimir Popovkin den Fragen der Presse nicht mehr ausweichen: Bis Anfang Dezember habe man noch Zeit, die Sonde – deren Systeme er keck aber womöglich durchaus zutreffend als „nominal arbeitend“ beschrieb – wieder unter Kontrolle zu bringen und die Erdbahn noch zu verlassen, dann ist der Orbit zu tief gesunken, um mit dem vorhandenen Treibstoff noch weg zu kommen. Mit dem Wiedereintritt wäre dann im Januar zu rechnen (das sehen auch unabhängige Bahnrechner so; die Oberstufe der Zenit kommt dagegen schon Ende November herunter), wobei Popovkin von einer großen Explosion der 7.5 Tonnen Hydrazin ausgeht, die noch in den Tanks sein sollten: Die werde die Sonne derart zerreißen, dass kaum Trümmer den Boden erreichen könnten.

Andere Experten sehen das weniger optimistisch – und erwarten neben der ‚Landung‘ eines gefrorenen und giftigen Hydrazinklumpens auch die unbeschadete Rückkehr der Kapsel, mit der eigentlich 2014 Bodenproben vom Phobos eintreffen sollten. Und in der sich auch lebende Kleinstorganismen eines kuriosen „Transspermie“-Experiments der Planetary Society befinden: Die könnten es womöglich schaffen. Eigentlich sollten sie das Überleben einer Reise zum Mars und zurück demonstrieren, so wären es immerhin ein paar Wochen im Orbit. Die gesamte Raumsonde hat übrigens nur 1.2 Mrd. Rubel = 30 Mio. Euro gekostet und war voll versichert; in die komplette Entwicklung von Fobos-Grunt waren allerdings 5 Mrd. Rubel (120 Mio. Euro) gesteckt worden. (Physics World, Universe Today, Tagesspiegel 15., Spaceflight Now, Planetary Society Blog, Space.com 14., MarsPages 13., NASA Spaceflight 11., Nature News 4.11.2011 – viele weitere Artikel sind im roten Kasten des Cosmic Mirror #345 verlinkt, Status-Updates gibt es im RussianSpaceWeb und endlose Diskussionen im Forum von NASA Spaceflight. Und NASA Release 10., Space Policy Online 12., LA Times 13.11.2011 zu den Vorbereitungen für den Start des US-Marsrovers Curiosity am 25. November, die planmäßig voran kommen)

Der Ton auf dem Mars entstand überwiegend unterirdisch in 5 bis 10 km Tiefe, hat die ausgiebige Analyse von Daten mehrerer Marsorbiter ergeben: Auf längere Phasen mit flüssigem Wasser auf der Planetenoberfläche dürfe man zumindest aus den Ton-Vorkommen (wie sie Opportunity nach der Winterpause – s.o. – am Rande von Endeavour untersuchen soll; womöglich ist The Vein so ein Fall gewesen) nicht schließen. Die bildeten sich in heißem Wasser in der Tiefe und wurden erst durch Erosion frei gelegt, nur vereinzelt mag es auch zu Tonbildung an der Oberfläche gekommen sein – und der Mars war immer eine Wüste. Diese Schlussfolgerung – unter Marsforschern nicht unumstritten; andere halten die Morphologie vieler Täler für einen zwingenden Beweis reichen flüssigen Oberflächenwassers in ferner Vergangenheit – macht die Suche nach Fossilien nicht leichter, ist aber auch kein Argument gegen (früheres) Leben auf dem Mars: Auch auf der Erde gibt es, sogar komplexe, Lebensformen in erheblicher Tiefe. (Ehlmann & al., Nature 479 [3.11.2011] 53-60; JPL Release, Science News 2., BdW 3.11.2011)

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2 Antworten to “Nachrichten aus der Marsforschung kompakt

  1. Fobos-Grunt: feuriges Ende in ca. zehn Tagen « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] kommt die todgeweihte russische Marssonde („Kaum noch Hoffnung …“; Update in ISAN 152-7) Fobos-Grunt am 1. Januar über den […]

  2. Was Opportunity an Endeavours Rand entdeckte « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] soll zunächst zu einer besonders dicken Ganglagerstätte voll Gips führen, die im Gegensatz zum ersten derartigen Fund “Homestake” das ‘Gesichtsfeld’ des APXS-Instruments komplett ausfüllt und damit mineralogisch noch […]

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