„2012“ in Bonn: Was die Maya wirklich dachten

Wenn Sie Gewissheit in einer aktuellen geisteswissenschaftlichen Frage suchen, gehen Sie bloss nicht auf eine Fachtagung zum Thema: Was vor sieben Jahren auf der ersten großen Tagung zur Himmelsscheibe von Nebra zu spüren war (siehe Artikel A 24 bzw. Proceedings-Besprechung), hat sich gestern auf der XV. Mesoamerikanisten-Tagung in Bonn wiederholt, in den drei Sessions, die sich mit dem „2012“-Phänomen auseinander setzten: Zwar steht außer Frage, dass die Maya keine konkrete Vorhersage für ein Weltende hinterlassen haben, aber was sie genau dachten und wie ihr entscheidender Kalender überhaupt zu eichen ist, darüber ist noch weniger gesichert als in so mancher Gegendarstellung zu lesen. Für Aufklärung zu sorgen, muss allen voran das Interesse der Altamerika-Forschung sein, die in Deutschland freilich ein regelrechtes Schattendasein fristet, wie auf der Tagung lauthals beklagt wurde: Schließlich war es die unvorsichtige Bemerkung eines amerikanischen Maya-Experten im Jahre 1966 gewesen, die einst die Mär von a) der Prophezeiung b) einer Apokalypse für c) das Jahr 2012 in die Welt gesetzt hatte.

Zumindest von den ersten beiden Punkten geht heute niemand mehr aus: Wie der Bonner Maya-Spezialist N. Grube (Bild) in Sachen a) ausführte, gibt in der Maya-Klassik überhaupt keine Hinweise auf prophetische Texte. Zwar findet man durchaus Hinweise auf die Zukunft, aber mit der Betonung, dass diese genau so sein wird wie die Gegenwart: von Apokalpyse keine Spur, denn im Gegenteil sorgen die Gottkönige durch striktes Einhalten immer gleicher Rituale dafür, dass eine Art zyklischer Zeit aufrecht erhalten wird. Interessanterweise lebt diese Vorstellung bei den heutigen Maya im Hochland Guatemalas fort, wie F. Sachse zu berichten wusste: Dort führen Priester noch heute spezielle Rituale durch, deren strikte Einhaltung das Weltende verhindern soll. Wie die mythischen Vorstellungen in der klassischen Maya-Zeit freilich im Detail aussahen, darüber ist kaum etwas überliefert, mahnt indes Grube, und selbst ein strenges Denken der Zeit in ewigen Zyklen – im Gegensatz zur linearen Vorstellung in der westlichen Welt – ist nicht wirklich abgesichert. Und was wird nun, wenn die Lange Zählung des Maya-Kalenders demnächst die Marke 13.0.0.0.0 erreicht, wie sie auch für das rückwirkend erfundene Datum der Weltschöpfung – eigentlich: 0.0.0.0.0 – geschrieben wurde?

Zu diesem Punkt b) findet sich in den gesamten schriftlichen Hinterlassenschaften der Maya nur eine einzige Stelle, auf dem sinnigerweise auch noch genau dort etwas beschädigten Monument 6 (Vorsicht, esoterische Seite!) der Maya-Ruinen von Tortuguero im mexikanischen Tabasco: hier gelesen von S. Gronemeyer, der in Bonn seine Interpretation (Bild) verteidigte aber auch auf die Unsicherheiten hinwies. Offenbar beschreibt der Text, dass bei der Vollendung des 13. Baktun eine Gottheit namens Bolon Yookte … ja, was eigentlich? Da könnte von einer Prozession die Rede sein, von einer Einkleidung, einer Statue. Entscheidend ist, dass wohl an diesem Datum etwas wieder passieren wird, was schon passiert ist – „et kütt wie es kütt“, beendete Gronemeyer (unten) seinen fulminanten Vortrag nach einer Flut lingustischer Fachbegriffe überraschend volksnah. Allein über die Bedeutung des ersten Wortes „tzutz“ lässt sich schon füglich streiten, zeigte sich danach in der Diskussion: Während hier Gronemeyer die übliche Übersetzung „beenden“ verwendet, kann es aber auch „neu einpflanzen“ bedeuten – so wird das entsprechende Wort noch heute in dem Sinne benutzt, dass man nachsät, wenn eine Pflanze nichts geworden ist.

Bleibt noch Punkt c), die Frage nämlich, welchem Datum der Long Count 13.0.0.0.0 eigentlich entspricht. Weithin verwendet wird die GMT-Korrelation, nach der es bekanntlich am 21. Dezember 2012 so weit ist, aber auf der Bonner Tagung wiederholte A. Fuls seine bekannten Einwände, zeigte die dürre Abstützung von GMT durch wenige und auch noch widersprüchliche Notizen aus der frühen Kolonialzeit und warf insbesondere den Archäoastronomen vor, so lange an den Zyklen im Sonnensystem zu drehen, bis die nach seiner Analyse weit daneben liegende GMT-Skala doch irgendwie passt (unten). In seiner Interpretation – bei der alles 208 Jahre später passiert und der 13. Baktun mithin erst 2220 endet – sei die Präzision der in Maya-Texten erwähnten astronomischen Aussagen jedenfalls bestens und reicht von über 216 Nennungen von Mondphasen, die meist auf 2-3 Tage genau getroffen werden, bis zur Venusbahn im Dresdner Codex: über 400 Jahre lang auf 5 Tage genau.

Wir wissen also weder genau, was sich die Maya (oder jedenfalls der Schöpfer der Tortuguero-Stele) dachten, was am Ende des 13. Baktun passieren sollte, gewiss aber nichts Negatives, noch wann es wirklich so weit ist. Um so klarer ist leider, wie der ganze Komplex – und die klassische Maya-Kultur insgesamt – in der Gegenwart von der Popkultur und zwielichtigen Geschäftemachern vereinnahmt werden: Eine schier endlose Serie von bizarren Druckwerken und anderen Produkten ließen mehrere Referenten über die Leinwand ziehen – und das nicht nur aus den USA, wo der 2012-Wahn schon geradezu eine Tradition hat, oder Deutschland, wo es erst 2009 nach dem (eigentlich gar nichts mit den ’normalen‘ 2012-Schnapsideen zu tun habenden) Emmerich-Film richtig losging, sondern auch in Mittelamerika selbst. Dort sind es nicht nur selbsternannte Gurus, die speziell westliche Klientel bedienen: Die aberwitzigen Ideen sickern auch zunehmend in die indigenen Gemeinschaften ein, wo sie zuweilen schon national-politisch ausgeschlachtet werden, wie L. Frühsorge zu berichten wusste. Vor allem Guatemala war hier vorgeprescht und schon seit den 1990-er Jahren auf „2012“-Kurs.

Eher ratlos verlief die Abschlussdiskussion zum 2012-Komplex auf der Bonner Tagung (oben): Hat die Aufklärungsarbeit überhaupt noch eine Chance gegen den Tsunami? Üble Geschichten wurden berichtet, wie ein gewisses Hamburger „Nachrichten“-Magazin einem Azteken-Experten die Worte im Mund verdrehte, um die alte Kultur zu verdammen, TV-Produzenten wurden angeprangert, die für Reenactments Maya-Darsteller in absurde Federkostüme stecken – und die Medien generell, die angeblich nichts von den Altamerikanisten hören wollten und von schier grenzenloser Ignoranz gegenüber dem Thema seien (im Gegensatz etwa zur Klassik Europas oder Ägyptens). Erst wurde auch noch auf die Wikipedia eingedroschen, dann mehrten sich aber die lobenden Stimmen dafür – und der Ruf wurde laut, dass die soliden Erkenntnisse der Amerikanistik endlich in verständlichen Webseiten mit schönen Grafiken für die Öffentlichkeit aufbereitet werden müssten, wie es „die Esoteriker“ – Feindbild Nr. 1 der Community – doch längst für ihre kruden Interpretationen täten. „Hier, ich!“ hat laut keiner gerufen, aber eine zaghafte Aufbruchsstimmung war doch zu spüren: Vielleicht gelingt es ja, das um die 2012-er Ecke herum entstandene Interesse in Bahnen zu lenken, die am Ende sogar der Mesoamerikaforschung jene Aufmerksamkeit verschafft, die sie so gerne hätte.

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5 Antworten to “„2012“ in Bonn: Was die Maya wirklich dachten”

  1. 2012-Tagung: kein Weltuntergang @ gwup | die skeptiker Says:

    […] Daniel Fischer war dabei und berichtet in seinem Skyweek-Blog über die Veranstaltung: 2012 in Bonn: Was die Maya wirklich […]

  2. gsohn Says:

    Reblogged this on Ich sag mal.

  3. 10 Impressionen zum 65. Planetenseminar « Bonner Sterne Says:

    […] Anstoßes der ganzen 2012-Weltuntergangs-Hysterie ist ein nur lückenhaft erhaltenes Artefakt, doch was steht da eigentlich genau zum Ende des […]

  4. äpril Says:

    also ich weiß nicht aber die welt wird nicht unter gehn

  5. Nachrichten vom Rande der Wirklichkeit: 2012 … « Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] Show zum Thema, die einmalig am 21.12. zur Aufführung kam, und der Gag unten bezieht sich auf die bereits hier diskutierte alternative Eichung des Long Count durch A. […]

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