Archive for Juni 2012

Nächste große Higgs-Enthüllung in fünf Tagen

29. Juni 2012

Am 4. Juli beginnt im australischen Melbourne mit der International Conference on High Energy Physics die erste große Hochenergie-Physik-Tagung des Sommers – und wenige Stunden vorher hält das CERN ein Seminar über den Stand der Suche nach dem Higgs-Teilchen mit dem LHC ab: Völlig widersprüchliche Gerüchte schwirren schon seit mehreren Wochen und reichen von einer Bestätigung der Anzeichen für ein Higgs um 125 GeV – siehe Artikel vom Dezember 2011 und März und April 2012 – bis zum Ausbleiben eines nennenswerten Fortschritts. Die Messungen von 2012 mit der höheren Kollisionsenergie von 8 statt 7 TeV haben bereits mehr Daten eingefahren als das ganze Jahr 2011, aber sie sind überhaupt erst Mitte Juni „entblindet“ worden, so dass nur eine Handvoll Physiker überhaupt wissen dürften, was Sache ist. Und in Physik-Blogs wird gestritten, ob das Verbreiten vermeintlicher Enthüllungen aus den ATLAS- und CMS-Detektor-Teams der Wissenschaft insgesamt und speziell der öffentlichen Wahrnehmung der – teuren und daher auf Zuspruch angewiesenen – Teilchenphysik eher schadet oder nützt.

Zum einen sollen natürlich die Auswerter der LHC-Datenfluten nicht irritiert werden, zum anderen ist die Öffentlichkeit seit Jahren „heiß“ auf das Higgs gemacht worden – da sollte man ihr den Spaß gönnen, in der Endphase der Jagd ‚live‘ dabei zu sein. Oder besser: dem Ende der ersten Phase der Higgs-Forschung. Denn entweder am 4. Juli (und eher weniger zwei Tage vorher, wenn das Fermilab ebenfalls Higgs-relevante Ergebnisse des Tevatron verkünden wird) oder im weiteren Verlauf des Jahres wird der LHC lediglich etwas Definitives über das einfachste oder Standard-Higgs-Teilchen aussagen können: Wenn der klare Nachweis ausbleibt, dann blieben immer noch jede Menge andersartige Higgs- und ähnliche Teilchen im Rennen, die bis Ende 2012 noch gar nicht in seinen Kollisionsdaten aufgetaucht sein können. Und umgekehrt wäre der Nachweis des Standard-Higgs zwar eine brilliante Bestätigung einer 48 Jahre alten Prognose und der theoretischen Physik insgesamt, dürfte aber gleich wieder neue Probleme aufwerfen. So entsprechen etwa die relativen Zerfallswege des mutmaßlichen 125-GeV-Higgs nicht den Erwartungen des Standardmodells der Teilchenphysik.

So oder so werden die Daten des LHC die Theoretiker vor sich her treiben, die nach mancher Auffassung in den letzten Jahr(zehnt)en etwas träge geworden sind: ein guter Zustand für die Physik! Guardian, Symmetry Breaking, Scientific American, Telegraph 29., LBL Release, Physics World, Quantum Diaries, PBS, Not Even Wrong, Muon 28., Brown Univ. Release, Quantum Diaries, IdeaLab 27., CERN TV 26., Uni Bonn PM, Strassler 25., Ballon Juice = Inverse Square 24., Guardian 23., CERN Release, Not even Wrong, Cosmic Variance, Quantum Diaries, Physics World, FAZ 22., Science News, Evolution True, BBC, Principles, Cosmic Log 21., Strassler, Quantum Diaries, Discovery 20., New York Times, New Scientist 19., Strassler 18., Guardian, Not even Wrong 17., Ars Technica 15., Reuters 12., Cosmic Variance 11., Quantum Diaries 9., 1. 6., Paper der BaBar Collab. 24., Physics World 23., Ars Technica 17., Quantum Diaries 9., Nature 4., Strassler, Nat’l Geographic, KosmoLogs 1.5., LiveScience 30., Telescoper 29., Quantum Diaries 28., Strassler, Spiegel 27., Paper der CMS Collab. 26., Strassler 24., Ars Technica, Scientific American Blog 20., CMS Press Release 17., Nature 12., ATLAS Blog 11.4.2012. NACHTRAG: der Gerüchte-Brei noch mal umgerührt.

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Live-Blog zur Rückkehr von Shenzhou 9

29. Juni 2012

Und als erster ist der Käptn entstiegen, der sich aber erstmal in einen Sessel setzte. [5:10 MESZ] Liu Wang ist auch draußen. [5:12 MESZ] Und Liu Yang auch, lächelnd wie immer (wie die Kommentatoren bemerken). [5:21 MESZ] Allerlei Rituale und Reden an der Landestelle und in Mission Control: Weitere Screenshots gibt’s hier … [5:27 MESZ – ENDE]

Also einen Arm eines Besatzungsmitglieds hätten wir schon … Auch die Kommentatoren des englischsprachigen Dienstes von CCTV wundern sich, warum das so lange dauert. [5:03 MESZ] Noch ein längerer Artikel. [5:08 MESZ]

Ein Foto der gelandeten Shenzhou 9, vom chinesischem Raumfahrtprogramm über Facebook verbreitet – moderne Zeiten. Und ein Lande-Video mit chinesischem Ton sowie weitere Kurzartikel hier und hier. [4:55 MESZ]

Die Minuten der Landung in Bewegung, und ein erster Artikel dazu. [4:30 MESZ] Der Ausstieg wird erst gegen 5:00 MESZ erwartet. [4:38 MESZ] Man erzählt gerade, dass China ESA-Astronauten zu Besuch auf den künftigen Raumstationen einläd! Und nimmt Bezug auf ein deutsches Experiment, das bei Shenzhou 8 an Bord war. [4:47 MESZ]

Mediziner an der Kapsel, vor der Befreiung der Insassen. [4:20 MESZ] Die haben sich bereits aus ihren Sitzen geschält und stehen im Inneren der Kapsel. [4:25 MESZ]

Shenzhou 9 ist gelandet – liegt aber auf dem Dach

Szenen der Landung, alles live im TV aus der Luft übertragen (das gibt’s nicht mal bei Soyuz-Landungen): Einschweben der Kapsel, Zünden der Landeraketen – und Liegenbleiben der Kapsel auf dem Dach bzw. der Seite. Ihr – und den Insassen – geht es aber gut, heißt es von der Bergungsmannschaft, die nur wenige Minuten nach dem Aufsetzen schon vor Ort war. [4:15 MESZ]

Das erste echte TV-Bild von Shenzhou 9 am Fallschirm. Alles bestens; der Hitzeschild wurde auch abgeworfen. [3:55 MESZ]

Da kommt die Kapsel, erfasst von einer Kamera am Boden! [3:45 MESZ] Der Fallschirm ist offen, in 10 km Höhe – Bilder gibt’s noch keine. [3:50 MESZ]

Live-Bilder von Shenzhou 9, von außen und von innen – und das Antriebsmodul wurde gerade von der Kapsel abgetrennt! [3:40 MESZ] Jede Menge weitere Screenshots auch hier zu sehen. [3:43 MESZ]

Landung von Shenzhou 9 in weniger als einer Stunde

Kurz nach 4:00 MESZ soll die Raumkapsel mit den drei Yuhangyuan zur Erde zurückkehren – und da sich hier eine flüssige Live-Übertragung hat (im Screenshot eine der Telekameras, mit der die Kapsel am Fallschirm über der Inneren Mongolei erfasst werden soll), kann der Live-Blog der Mission ja nochmal kurz aufgenommen werden. Die Kapsel hat sich soeben vom Orbitalmodul abgetrennt! [3:20 MESZ]

Neuer Röntgensatellit NuSTAR öffnet die Augen!

29. Juni 2012

Eine Woche nach dem Pegasus-Start am 13. Juni hat der neue NASA-Röntgensatellit NuSTAR seinen 10 Meter langen Arm ausgefahren, der die beiden Wolter-Teleskope in den richtigen Abstand von den Röntgendetektoren auf dem eigentlichen Satelliten bringen musste (wie die künstlerische Darstellung oben zeigt). Dann galt es, die Optik zu justieren – und wie nun die ersten Testbilder von Cyg X-1 zeigen, geht das schnell vonstatten. Schon jetzt liefert NuSTAR in seinem hohen Energiebereich 5-80 keV die schärfste Abbildung, die es je gab, und genau darum geht es auch: Mit dieser 10-mal besseren Auflösung, als sie bisher möglich war, besonders tiefe Aufnahmen ausgewählter Himmelsfelder zu machen, bis zu 2 Wochen lang belichtet. Vergnügen dürfen sich mit diesem Small Explorer in den 2 Jahren Primärmission nur die direkt am 165-Mio.$-Projekt beteiligten Wissenschaftler, im Falle einer Verlängerung aber auch Gastbeobachter.

Eine ferne Gravitationslinse schafft Verwirrung

27. Juni 2012

Diese unscheinbare Gravitationslinse sorgt für Kopfzerbrechen (s.a. Papers hier, hier und hier und Press Releases hier, hier und hier), weil der linsende Galaxienhaufen IDCS J1426.5+3508 mit z=1.75 sehr weit entfernt und in dieser frühen Epoche der kosmischen Entwicklung eigentlich noch gar nicht zu erwarten ist – und noch dahinter eine Galaxie zu finden, die als so auffälliger Bogen (hier auf einer HST-Aufnahme) abgebildet wird, ist auch nicht wahrscheinlich.

Diese beiden Galaxien stoßen nicht zusammen sondern stehen nur zufällig in derselben Sichtlinie: Würden die beiden – NGC 3314A und B – nämlich physisch miteinander wechselwirken, wären sie schon völlig verbogen. Die Hubble-Aufnahme zeigt aber, dass beide nur wenig Störungen erlitten haben.

Eine Spiralgalaxie, deren Arme bis ins Zentrum gehen, ist ESO 498-G5: Sie besitzt mithin einen „disk-like bulge“ oder Pseudobulge, im Gegensatz zu den „classical bulges“ typischer Spiralgalaxien, die eher an kleine elliptische Galaxien in ihrem Zentralbereich erinnern. Auch wieder ein HST-Bild.

Messier 101 vom Infraroten bis Röntgenlicht: bunter geht’s kaum als in dieser Kompositaufnahme, zu der Daten von vier Weltraumteleskopen beigetragen haben, von Spitzer über Hubble und GALEX bis Chandra (über dessen Arbeitsweise auch dieser Blog-Eintrag berichtet).

Ein mysteriöses Mittelding zwischen Nova und Supernova in Messier 99 zeigt diese HST-Aufnahme vom Juni 2010 als rötlichen Punkt links oben: Diese „leuchtkräftige rote Nova“ PTF 10fqs entzieht sich weiterhin dem Verständnis.

Die Zwerggalaxie DDO 82 alias UGC 5692 im UMa: Auch mit HST-Auflösung ist kaum eine Struktur zu entdecken, obwohl wenn es sich um einen Verwandten der LMC handeln könnte – die hat wenigstens noch soetwas wie einen Spiralarm.

Die kompakte blaue Zwerggalaxie UGC 5497 auf einer HST-Aufnahme: Anhaltende Sternentstehung verleiht ihr die blaue Färbung.

Der Kugelsternhaufen Messier 10 auf einer HST-Aufnahme, die nur den zentralen Teil zeigt – das Bild entstand im Rahmen einer großen Kugelhaufen-Durchmusterung.

Der Planetarische Nebel NGC 7026 auf einer HST-Aufnahme, auf der die Emission von Stickstoff rot und von Sauerstoff blau dargestellt ist.

Der Carina-Nebel-Komplex auf einer Herschel-Aufnahme bei 70 bis 250 µm: Prozesse der Sternentstehung wirken stark auf das Nebelmaterial zurück, und v.a. die massereichten Sterne umgeben sich gerne mit Blasenstrukturen und können weitere Sternentstehung in ihrer Umgebung ebenso anregen wie unterdrücken.

Ein Ausschnitt aus dem Sternentstehungsgebiet NGC 6357 im Skorpion auf einer VLT-Aufnahme: Die scheinbare Lücke in der Bildmitte wird durch viel Staub verursacht.

„Nuncius“ mit angeblich von Galilei selbst gemalten Bildern offenbar komplette Fälschung

26. Juni 2012

Vor fünf Jahren war das Buch als „die bedeutendste Entdeckung zu Galilei in mehr als einem Jahrhundert“ gefeiert worden (siehe auch hier, hier und hier): eine aus dem Nichts aufgetauchte Ausgabe des „Siderius Nuncius“, in dem fünf Abbildungen nicht gedruckt sondern gemalt waren. Ein anfänglicher Fälschungsverdacht schien nach eingehender Untersuchung des Werkes vom Tisch, und ein deutscher Kunsthistoriker schrieb ihm gar eine Schlüsselrolle in der Druckgeschichte des „Nuncius“ zu. Doch fundamentale Zweifel waren immer geblieben (Absätze 4-5), zumindest an einer Rolle der Handzeichnungen darin als Grundlage für die späteren Drucke – und nun ist offenbar das gesamte Buch im Rahmen eines großen Buch-Skandals in Italien als moderne Fälschung entlarvt worden! Ein Zusammenhang besteht dabei offenbar auch mit einem massiven Buch-Diebstahl in der Biblioteca dei Girolamini in Neapel, wo nach der Wiedereröffnung diesen April tausende alte Werke gefehlt hatten.

Inzwischen sitzt u.a. der unter dubiosen Umständen berufene Bibliotheks-Direktor Marino Massimo De Caro im Gefängnis, eine schillernde Gestalt. Wie einem Info-Dienst für gestohlene Bücher zu entnehmen ist, hat er inzwischen den von langer Hand geplanten Raubzug gestanden und kooperiert mit der Polizei. Und er steht in einem noch nicht klaren Zusammenhang mit mehreren Galilei-Ausgaben, die sich jetzt als Fälschungen erwiesen haben, darunter auch zwei „Nuncius“-Exemplaren, jenes mit den gemalten Bildern inklusive! Die Details der Untersuchungen von N. Wilding & P. Needham kommen erst langsam ans Licht: Offenbar gibt es entlarvende Übereinstimmungen zwischen nämlichem Mal-Nuncius und einer anderen Ausgabe sowie weiteren vermeintlichen „Galileis“ – darunter bereits 2005 als Fälschungen erkannten. Die neuen falschen Galileis sind mit großem Aufwand hergestellt worden, mit moderner Drucktechnik, aber trickreich auf alt gemacht – da ist noch viel Detektivarbeit vonnöten, die u.a. in Deutschland stattfinden wird.

NACHTRAG: weitere Details der Affäre in einem GSU Press Release und Library Blog und in der NYT. NACHTRAG 2: De Caro hat gestanden, in Argentinien gefälschte Sideriusse bestellt zu haben (letzte Absätze). NACHTRAG 3: weitere internationale Artikel über den Skandal hier, hier und hier. NACHTRAG 4: zu guter Letzt auch aus deutschen Landen Aufklärendes hier, hier, hier, hier (Teil 2 und Teil 3), hier, hier, hier, hier und hier – und eine 66-seitige Meta-Kritik, bei auch dieser Artikel hier mitspielt. NACHTRAG 5: Das Buch über die Fälschung wird als E-Book kostenlos erhältlich sein – wenigstens etwas … NACHTRAG 6: Und hier ist das freie Buch, als Serie von PDFs! NACHTRAG 7: Die BAM erklärt lang & breit, warum sie die Fälschung nicht entlarven konnte: Weil sie keine Proben entnehmen durfte. NACHTRAG 8: Artikel über das Buch hier. NACHTRAG 9: Die große Meta-Geschichte der Affäre ist bereits auf 109 Seiten gewachsen, am Ende mit Details zu den Fälschern selbst. NACHTRAG 10: eine detaillierte Besprechung des Buches – mit einem pikanten Epilog …

Leuchtende Nachtwolken mal von der Seite

25. Juni 2012

von Bord der ISS aus am 13. Juni als polare mesosphärische Wolken aufgenommen, bei denen es sich um dasselbe Phänomen handelt: Die 2012-er Saison hat sich schon gut entwickelt (letzter Absatz), und die vergangene Nacht brachte v.a. im nördlichen U.K. eine besonders gute Show, wie Fotos hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier sowie ein Bericht (unnötig knatschig, angesichts der Bildergebnisse …) belegen.

Sozusagen Mitternachtssonne für die ISS, jedenfalls ein ‚missglückter‘ Sonnenuntergang in einem ungewöhnlichen Video. Die Telemetrie von der Raumstation kann jetzt übrigens teilweise live verfolgt werden.

Eine neue „Blaue Murmel“, diesmal mit der Arktis dominant: wie die anderen auch zusammengesetzt aus zahlreichen Scanstreifen des Satelliten NPP Suomi.

Ein altes Landsat-7-Bild von Tahiti von 2001 ist jetzt noch einmal veröffentlicht worden, zu Ehren der dortigen Beobachtungen des Venustransits 1769.

Der Lago Trasimeno aus 32.3 km Höhe aufgenommen während des StratoSpera-4-Ballonfluges über Italien am 27. Mai – 1/3 Raumfahrt sozusagen, da der Weltraum bekanntlich in 100 km Höhe beginnt.

Und mal wieder ein fetziges Startvideo der United Launch Alliance, diesmal von der Atlas V, die am am 20. Juni NROL-38 startete – da der so was von geheim war, bricht das Video leider ohne sein Happy End ab …

Ein junger Einschlagskrater auf dem Mond mit noch ausgeprägtem Strahlen-System: Das besteht aus hellerem Bodenmaterial, das bei der Entstehung des 80-m-Kraters – am Rand des viel größeren Kraters Lomonosov übrigens – heraus flog und sich über die verwitterte Oberfläche legte.

Die Krater auf dem Asteroiden haben jetzt Namen bekommen, die sämtlich welche von Edelsteinen sind: Im September 2008 war Rosetta vorbei geflogen, wobei sich der scheinbar eckige Asteroid als ein Trümmerhaufen entpuppte.

Ein besonders starker Jetstream auf dem Saturn bei 42°N auf einer Falschfarben-Aufnahme Cassinis vom 13.1.2008: Angetrieben werden diese besonders starken atmosphärischen Strömungen durch Wirbel, die wiederum die Folge starker lokaler Temperaturunterschiede sind. Wobei die Energiequelle nach einer neuen Untersuchung die Wärme aus dem Planeteninneren und nicht die Sonneneinstrahlung ist: Der lange Aufenthalt Cassinis im Saturnsystem hat Klarheit geschaffen, indem 120’000 Windvektoren aus einer langen Bilderserie gemessen werden konnten.

Wer entdeckte die Venus-Atmosphäre? Oder: Warum der Lomonossow-Effekt vielleicht besser Wargentin-Mallet-Effekt heißen sollte …

24. Juni 2012

Der augenfälligste Beweis für die Existenz einer Atmosphäre der Venus tritt zu Beginn und Ende der seltenen Venusdurchgänge vor der Sonne auf, wenn sie Sonnenlicht um den Planeten herum Richtung Erde bricht: „Aureole“ ist der neutrale Fachausdruck für diesen hauchzarten und oft nur in Fragmenten erkennbaren Lichtbogen, der die Scheibe der Venus außerhalb der Sonne weiter zeichnet, aber er wird vielfach auch als Lomonossow-Effekt oder Lomonossow-Bogen angesprochen – auch von diesem Blogger. Bisher. Der russische Universalgelehrte und „erste moderne Wissenschaftler“ des Landes, Michail Wassiljewitsch Lomonossow bzw. in wissenschaftlicher Transliteration Lomonosov, hatte sich bei den ersten systematischen Transitbeobachtungen 1761 in St. Petersburg auf die optischen Effekte beim Ein- und Austritt konzentriert und darüber sogleich einen Bericht verfasst, erst in Russisch (eine ganz neue Übersetzung ins Englische mit Anmerkungen) und dann auch gleich auf Deutsch; von sich selbst spricht er dabei in der dritten Person. Die Beschreibung seiner Beobachtungen beginnt dort auf (PDF-)Seite 10.

Eine diffuse Eintrübung des Sonnenrands beim 1. und 4. Kontakt und eine Ausbeulung des Sonnenrand über der gerade austretenden Venus sieht Lomonossow as klare Indizien für eine Atmosphäre des Planeten, die sich noch vor dem eigentlichen Transit vor die Sonne schiebe und in der Nähe des 2. und 3. Kontakts deren Licht breche und außerhalb der Sonnenscheibe erscheinen lasse. Dieser Bericht soll lange vergessen gewesen und erst in den 1950-er Jahren wieder entdeckt worden sein, aber seither wird vielfach Lomonossows Priorität bei der Entdeckung der Venusatmosphäre verbreitet. Doch in einem viel beachteten Paper haben nun zwei Astronomie-Geschichtler erhebliche Zweifel daran gesät: Alles was Lomonossow berichtete, sei durch optische Schwächen seines – wie er selbst zugibt – mangelhaften Teleskops zu erklären, als Varianten des berüchtigten Tropfenphänomens. Dieser Blogger muss dem nach eingehender Lektüre des Lomonossow-Textes (und Übersetzung der deutschen Fassung ins Englische) weitgehend zustimmen: Stutzen lässt allenfalls die Abb. 5, denn wenn die den Zustand des Austritts unmittelbar nach dem Zerreißen des ausgebeulten Bogens über dem Sonnenrand darstellen sollte, dann müsste doch etwas Atmosphäre im Spiel gewesen sein.

Aber wie sieht es mit anderen Detail-Berichten von mutmaßlichen Aureolen-Sichtungen 1761 aus? Manche schreiben Jean-Baptiste Chappe d’Auteroche eine überzeugende Aureolen-Beschreibung zu (deren Originaltext im Lomonossow-kritischen Paper erwähnt wird), aber besonders faszinierend klingen zwei Berichte aus Schweden, die der Astronom Johann Franz Encke 1822 zitierte (und auf die gerade eine Bloggerin hinwies): Ab Seite 101 kommen in seinem Versuch, aus Zeitmessungen des 1761-er Transits die AU zu bestimmen, erst Pehr Wilhelm Wargentin und dann Frederik Mallet zu Wort, die beide im Detail Phänome beschreiben, die doch sehr nach der korrekten Aureole klingen. Immer wieder ist von einem schwachen Glühen am dunklen Rand der Venus die Rede, viel schwächer als direktes Photosphärenlicht. Sollte man mithin besser Wargentin und Mallet die Priorität bei der Entdeckung der Venus-Atmosphäre zu schreiben? „Yes, it seems so“, meint dazu heute der erste Autor des Lomonossow-kritischen Papers nach der Lektüre von Enckes Zitaten in Übersetzung durch diesen Blogger. Ob diese Fragen wohl 2117 beim nächsten Transit zur allgemeinen Zufriedenheit geklärt sein werden …?

Shefex II: DLR-Reentry-Experiment ein voller Erfolg – oder Schlüsseldaten im Meer versunken?

23. Juni 2012

Trond Abrahamsen, Andøya Rocket Range

Nach dem letzten nordkoreanischen Satelliten-Start-Versuch hat man schneller Bescheid gewusst, wie es ausgegangen ist, als jetzt nach dem Suborbitalflug des zweiten Sharp Edge Flight Experiments (Shefex II) gestern Abend in Nordnorwegen. Der eigentliche Flug verlief nach Plan, vom Abheben auf Andøya um 21:18 MESZ über eine Gipfelhöhe von 177 km bis zum Niedergang vor Spitzbergen nach 10 Minuten. Bald darauf hieß es in einer PM des DLR, dass Shefex „Messdaten von über 300 Sensoren zum Boden“ gesandt habe, was laut einer noch schnelleren DPA-Meldung „die Wissenschaft um Hunderttausende Messdaten bereichert“ habe. Ein einsamer L&R-Journalist vor Ort zeichnete jedoch – via Twitter – ein anderes Bild: Danach wurden keine Daten unterhalb von 37 km Höhe empfangen, als Shefex unter den Horizont von Andøya getaucht war, denn in Spitzbergen wurden keine Daten empfangen. Nun sollten die auch an Bord aufgezeichnet werden, aber zunächst war unklar, ob der Fallschirm funktioniert hatte oder die Festplatte mit den wertvollsten Daten auf dem Meeresgrund lag.

Später gab es Gerüchte, ein Signal des Wiedereintrittskörpers sei empfangen worden, aber einer DPA-Story von heute, nach der ein Bergungsschiff den Körper „eingesammelt“ habe, steht bislang keinerlei offizielles Wort vom DLR oder dem Shefex-Team zur Seite (und die falsche genannte Gipfelhöhe weckt kein Vertrauen). Was Deutschland mit den Daten von Shefex II überhaupt einmal anfangen kann, ist übrigens auch nicht klar: Für eine direkte – zivile – Nutzung der Erfahrungen gibt es keinen Plan. NACHTRAG: Knapp 24 Stunden nach dem Flug hat das DLR eingestanden, dass es keine Daten unter 37 km Höhe gibt – was aber nur ein 5%-Verlust sei. Und die Schiffssuche nach dem Flugkörper, dessen Peilsender tatsächlich ein Flugzeug ortete, dauert – wie oben korrekt vermutet – an, mit nur einer 50%-Chance auf Erfolg, bis der Sender am Montag schweigt. NACHTRAG 2: ein Amateurfilm vom Start! NACHTRAG 3: Und die Suche geht weiter … NACHTRAG 4: ein norwegischer Artikel mit Video aber keinen neuen Erkenntnissen. NACHTRAG 5: keine Bergung gelungen, zum Schaden der Erforschung der letzten Flugphase. NACHTRAG 6: Nach dieser Einschätzung wiegt der Datenverlust doch empfindlich. NACHTRAG 7: Nach einem späten DLR-Update fehlen nur 5 Sekunden Daten unter 29 km Höhe – und eine Bergung vom Meeresboden wird erwogen.

Weitere größere Artikel

22. Juni 2012

Post von der Post … aus Südafrika! Mit der Briefmarke, zu deren Design dieser Blogger beitrug.

Geschenkte Optik macht noch keine Weltraumteleskope, auch wenn sie vom NRO kommt.

Nach dem Venus-Transit ist vor … der Jupiter-Bedeckung (durch den Mond)! Am 15. Juli. Hier.

Kleine Planeten brauchen keine metallreichen Sterne und könnten daher viel häufiger sein.

Die Ausbeute der beiden KBA-Expeditionen auf Inseln mit “R”: Venustransit-Best-Ofs aus Rhodos und Rügen.

Kleinere Artikel

Ein KBA-ler auf Berlin-Besuch – und ein Tipp für die nächsten drei Monate!

Venustransit in 3D dank Basislinie 11’000 km.

Europäisches Riesenteleskop einen großen Schritt weiter: Das E-ELT kommt!

Mysteriöser Ausbruch der Kosmischen Strahlung im Mittelalter in Baumringen – Erklärung: keine.

Die ersten 10’000 Besucher dieses Blogs nach 7 Wochen: gemeint sind die „Bonner Sterne“ (mit deutlich größerem ‚Horizont‘).

„Jenseits des Horizonts“: neue Ausstellung zu Raum und Wissen in Berlin bietet auch viel für Freunde der Astronomie-Geschichte

21. Juni 2012

„Eine etwas andere Ausstellung“, eine „intellektuelle Schatzreise“, eine „Konzept-Ausstellung“, die „etwas ganz Neues“ schafft und „Narrativen erarbeitet“, dabei spielend Grenzen von Kulturräumen überschreitet und „diachron“ auch Zeiträume: Die beiden Sprecher des Exzellenzclusters Topoi zur „Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations“, Michael Meyer (oben) und Gerd Graßhoff (Mitte), und der Direktor des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel machten heute morgen auf einer Pressekonferenz im Mschatta-Saal desselben (unten) dem reichlich vertreteten Publikum den Mund wässrig. Wenige Stunden waren es noch bis zur Eröffnung von Jenseits des Horizonts – Raum und Wissen in den Kulturen der Alten Welt, die leider nur drei Monate lang vom 22. Juni bis 30. September im Nordflügel des 1. OG des Pergamonmuseums gezeigt werden kann (der danach umfassend saniert wird), und wie üblich wurde noch kräftig an Beleuchtung und Beschriftungen gewerkelt.

Der große Plan der beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Gabriele Pieke und Astrid Dostert (hier mit einem Radio-Mann) und die mehr als 400 Exponate – viele Originale aus Berliner Museen (eine „exorbitante Luxussituation“ für die Ausstellungsmacher, so Meyer), ein paar Leihgaben und auch mache Kopie – erschlossen sich auch da schon. In 16 Sälen, die der Reihe nach durchschritten werden sollen (am besten „laut schwätzend“ mit anderen Besuchern, wie Graßhoff empfahl) werden Teilergebnisse des Exzellenzclusters, dessen 2. Phase gerade bewilligt wurde, nach Themen – und eben nicht nach Kulturräumen oder Epochen – sortiert dargestellt. Mal aufwändig multimedial, mal clever-banal (die Erfindung der Zahl anhand von Pappschafen!), meist visuell aber zuweilen auch akustisch – und an einer Stelle soll der Besucher gar selbst in die Saiten (einer nachgebauten antiken Harfe) greifen. In der Tat eine Fundgrube, von den großen Fragen des Raum-Verstehens bis zur Verfluchung des Nachbarn mit kleinen griechischen Täfelchen. Und zwischendrin immer wieder Astronomie-Geschichte (der sich auch begleitende Vorträge am 5. und 27. Juli widmen), ein paar Beispiele hier – dem Ausstellungskonzept frech zuwider laufend – chronologisch umsortiert:

Demonstration der Peilfunktionen in der jungsteinzeitlichen Kreisgrabenanlage im bayerischen Ippesheim, ca. 4800 v.u.Z.

Standfigur des Tschaitschai, Ägypten, 2323-2319 v.u.Z., aus Grauwacke und Kalkstein – die Instrumententasche am Gürtel mit dem Leopardenkopf weist den Träger als Astronomen aus.

Sternenliste aus Uruk (Irak), 320-150 v.u.Z., aus Ton: Genannt werden jeweils das Sternbild, die Zahl der Sterne und der Abstand von der nächsten Konstellation.

Fragment eines vermutlich römischen Himmelsglobus, 1. Jh. u.Z.: Cas, Cyg, Lyr und ein Stück Her sind erhalten. Die Sternbilder waren farblich eingelegt und möglicherweise auch die Milchstraße im Schwan angedeutet.

Blick in den astronomischsten Saal der Ausstellung, mit dem Globusfragment ganz rechts, einer Rekonstruktion des Globus in der Mitte und einer Kopie des Himmelsglobus von Farnese links.

Gipsabguss des Löwenhoroskops von Nemrud Dagh, Türkei, Mitte 1. Jh. v.u.Z. (die Mond/Planeten-Konstellation verweist auf den 7.7.62 BCE) – damit verwies Antiochos I. von Kommagene auf seinem Grabheiligtum auf seinen göttergleichen Status.

Fragment einer ungewöhnlich großen Sonnenuhr mit Weihinschrift, Milet (Türkei), 2. Jh. u.Z., aus Marmor.

Blick von einer Brüstung in den Kopfsaal der Ausstellung: Während in einer 19 Meter breiten Videoprojektion mit drei Beamern die Erde aus der Perspektive einer Raumstation umkreist wird, breiten sich unten Erdkarten aus unterschiedlichen Epochen aus.

Lateinische Handschrift mit geozentrischer Karte unseres Sonnensystems; 2. Hälfte 14. Jh., Pergament. NACHTRAG: noch ein längerer Bericht erschienen. NACHTRAG 2: und noch ein kürzerer – sonst war bisher im Web nichts weiter an Echos zu finden. NACHTRAG 2: da, ein ultra-kurzer Videoclip! NACHTRAG 3: schon wieder der Tagesspiegel – diesmal auch ein bisschen kritisch.