Archive for 19. August 2012

Neue Definition der Astronomischen Einheit naht

19. August 2012

Wenn morgen die nächste Hauptversammlung der Internationalen Union in Beijing beginnt, stehen im Rahmen der 2-wöchigen alle 3 Jahre stattfindenden Mega-Tagung auch wieder Abstimmungen über mehrere Resolutionen an (PDF-Seiten 26-32). Da sollen optische und IR-Spektralbänder eindeutigere Buchstaben bekommen (B1), die IAU-Divisionen neu geordnet werden (B4) und ein „International NEO Early Warning System“ kommen (B3). Und die Definition der Astronomischen Einheit soll geändert werden (B2): Sie möge fürderhin exakt 149’597’870.7 km entsprechen – fertig! Bisher ist diese fundamentale Längeneinheit im Sonnensystem und bei der Beschreibung von Exoplaneten-Systemen und zirkumstellaren Scheiben erstaunlich umständlich definiert: seit 1976 als der Radius einer kreisförmigen Umlaufbahn, auf der ein Objekt mit vernachlässigbarer Masse und frei von Störungen die Sonne in 2π/k Tagen umläuft oder amtlich formuliert als „the distance from the centre of the Sun at which a particle of negligible mass, in an unperturbed circular orbit, would have a mean motion of 0.01720209895 radians/day.“

Dabei ist ein Tag wiederum als 86’400 Sekunden des SI-Einheitensystems definiert, und die krumme aber exakt festgelegte Zahl ist die Gaußsche Gravitationskonstante k. Die Astronomische Einheit nach der noch gültigen Definition ist 149’597’870.691 km groß, etwas weniger als der tatsächliche mittlere Abstand Erde – Sonne (die ursprüngliche Bedeutung der Astronomischen Einheit), weil k eine zu messende Größe ist, deren Wert aber exakt mit dem obigen Wert eingefroren wurde. Ein Vorteil des alten Systems war, dass relative Distanzen zwischen Körpern im Sonnensystem hochpräzise angegeben werden konnten, auch wenn der Wert der Astronomischen Einheit selbst nicht genau bekannt war. Da diese inzwischen durch Funk- und Radarmessungen kreuz und quer durch’s Sonnensystem genau direkt abgeleitet werden kann, ist dies schlicht unnötig geworden: Der Wert der Astronomischen Einheit wird eindeutig festgelegt, k abgeschafft – und als Zeichen fürderhin „au“ verwendet. Wenn die Resolution in Beijing durch kommt – aber Widerstand von Carl Friedrich Gauß, dessen Konstante nun nach zwei Jahrhunderten verschwindet, ist nicht mehr zu erwarten. NACHTRAG: Nachdem die Resolution durch kam, noch ein Artikel dazu. NACHTRAG 2: und noch ein ganz später. NACHTRAG 3: und ein noch späterer.

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Curiosity hat geschossen – Coronation getroffen

19. August 2012

Heute hat Curiositys ChemCam zu ersten Mal ihren Laser auf einen Marsstein gerichtet und binnen 10 Sekunden 30 „Schuss“ auf N165 abgegeben, der kurz zuvor „Coronation“ getauft worden war. Primär war das eine Ziel-Übung, aber es wurden auch bei jedem Laserblitz gute Spektren des verdampften und ionisierten Gesteins gewonnen (laser-induced breakdown spectroscopy): Sie sollen sogar ein besseres Signal-zu-Rausch-Verhältnis als bei Tests auf der Erde haben.

NACHTRAG: Das hat gesessen! In Hintergrund Navcam-Bilder, im Kreis Coronation vor den Laserschüssen von der ChemCam selbst aufgenommen und im Quadrat die gebratene Stelle danach. NACHTRAG 2: Vom Mastcam-Panorama sind jetzt alle Bilder eingetroffen – Coronation findet sich unten rechts, ein Stück rechts vom Schatten des Kamerakopfs. Und der Laser-Angriff war gegen 13:00 MESZ erfolgt.

NACHTRAG 3: Noch mehr Panorama-Versuche (oben eine NASA-Version) mit Navcam-Bildern von Aeolis Mons. NACHTRAG 4: Der Robot-Arm bewegt sich, der Mars Express hat seine ersten Daten von Curiosity empfangen – und wie das berühmte MSL-Satire-Video zustande kam. NACHTRAG 5: Und noch ein NASA-Panorama des Aeolis Mons, mathematisch exakt aber mäßig gestitcht. Doch Mastcam-Bilder des Bergs gibt’s auch schon, bisher aber nur je 192 Pixel breit übertragen. Und einen neuen MARDI-Film mit schon 850 Bildern.

Amerikanischer Nibiru-Spinner sieht schlagenden Beweis bei Bonner Radioastronomen

19. August 2012

Die Vorstellung, dass sich ein schon den alten Sumerern bekannter zusätzlicher Planet namens Nibiru dieser Tage der Erde nähere und im Sonnensystem für gewaltige Unordnung sorgen werde, ist ein besonders populärer Sub-Irrglaube des „2012“-Wahns: Alles und jedes vermeintlich Seltsame auf Himmelsbildern – seien sie selbst gemacht oder aus fachastronomischen Datenbanken gesaugt – wird von den fanatischen Nibiru-Gläubigen als Beleg für das Nahen des Himmelskörpers gewertet. Man muss nur mal bei YouTube nach „Nibiru“ suchen und wird mit ‚Beweisvideos‘ zugeschüttet (die dann mitunter hübsch die Venus-Sichel zeigen) – aber inzwischen ist den Fanatikern offenbar jede Wellenlänge recht. Auf ein besonders kurioses Beispiel von diesem Juni ist dieser Blogger gerade aufmerksam geworden: Da hatte sich jemand mittels des benutzerfreundlichen Skyview-Tools der NASA (die doch sonst immer als Zentrum des Bösen in Sachen Nibiru-Verschleierung gilt) eine Bonner Radiodurchmusterung des Himmels bei 1420 MHz angeschaut und dort dem praktisch unlesbar chaotischen Bericht zufolge das erste klare Bild des „Planet X Super System“ entdeckt, Nibiru samt gleich vier Monden!

Um welche Radioquellen aus der Milchstraße es sich dabei in Wirklichkeit auch handeln mag (diesem Blogger ist noch nicht einmal klar, welche er davon mit Nibiru and friends identifiziert): Was unser „Experte“, der sich für einen Amateurastronomen hält, bedauerlicherweise übersah, ist dass Skyview natürlich kein Live-Bild des Himmels liefert. Just die Bonner 1420-MHz-Durchmusterung enstand von 1972 bis 1976 mit dem alten Radioteleskop auf dem Stockert, die Daten sind also bis zu 40 Jahre alt. Auf die verrückte Verbindung vom inexistenten Nibiru zur real existierenden Bonner Radioastronomie ist dieser Blogger übrigens durch diesen Artikel aus derselben Feder gestoßen (in dem Reflexe in einer Flugzeugscheibe als Nibiru-Beweis herhalten müssen), der wiederum in dieser Vortragsankündigung von einer gerade laufenden Konferenz vom „Chemtrail“-Gläubigen in Los Angeles verlinkt wird, auf die diese Nacht ein engagierter Beobachter der Szene hinwies. Denn dieses – genau so wenig existierende – Himmelsspray wird nach (nicht nur) seiner Auffassung von „ihnen“ vor allem deswegen ausgebracht, um irdische Blicke auf Nibiru zu verhindern, während sich die Mächtigen der Welt in Sicherheit bringen. Eine Große Vereinheitlichte Verschwörungstheorie sozusagen …