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Die Nazca-Linien als Wege interpretiert: ein aktuelles Paper – mit einem Déjà-vu-Effekt

16. Dezember 2012

ruggles

Die riesigen Scharrbilder in der peruanischen Wüste haben seit ihrer Wiederentdeckung 1924 zu zahllosen Spekulationen Anlass gegeben, archäoastronomischen inklusive – und jede neue Hypothese sorgt fast automatisch für Aufsehen. So auch ein soeben erschienenes Paper (Ruggles & Saunders, „Desert labyrinth: lines, landscape and meaning at Nazca, Peru“, Antiquity 86 [2012] 1126-40), in dem ein bisher übersehener schiefwinkliger Geoglyph beschrieben wird (Abb.). Die Autoren sind den 4.4 km langen geschlossenen Weg entlang gelaufen, vielleicht zum ersten Mal seit 1500 Jahren, und kommen zu dem Schluss, dass dieses „Labyrinth“ – und auch manch anderer Nazca-Geoglyph – genau dafür gedacht gewesen sein könnte, als Pilger- oder Prozessionsweg. Aber ist das wirklich eine neue Idee? Dieser Blogger fühlte sich bereits nach den ersten Hinweisen auf das Paper – das sich leider hinter einer Paywall verbirgt und erst jetzt anderweitig aufgetrieben werden konnte – vor gut einer Woche spontan an eine uralte „Querschnitte“-Sendung erinnert, in der Hoimar von Ditfurth selbst vor Ort einer ähnlichen Hypothese nachgegangen war.

Und, oh wunderbares Internet, genau diese Sendung gibt es online: Hier sind die Teile eins und zwei der Nazca-relevanten Hälfte der Querschnitte-Sendung „Warum der Mensch zum Renner wurde“ vom 20.12.1981! Nun gut, die – auf Überlegungen von Georg von Breunig basierende – Hypothese, in den geometrischen Mustern seien Scharen von Läufern unterwegs gewesen, deckt sich nicht ganz mit der Ruggles/Saunders’schen von einzeln entlang wandernden Pilgern. Insbesondere sei das neue Labyrinth so gut erhalten, dass dort nur vorsichtig entlang gegangen worden sein könne (oder auch überhaupt nur in gedachter Weise), während Ditfurth in der Sendung an einem anderen Geoglyphen in scharfen Kurven die möglichen Folgen besonders energischer sportlicher Nutzung nachgewiesen zu haben scheint. Aber die grundsätzliche Idee der Geoglyphen als Wegemuster ist schon vor über 30 Jahren zu finden, wobei weder von Breunigs viele Papers noch ein Geo-Artikel von Ditfurths, der parallel zur Sendung erschien, in der neuen Arbeit zitiert werden. Und auch nicht die Ideen von Alan Sawyer, der noch früher in den Linien rituelle Labyrinthe zum Entlangwandern vermutete.