Diese Zacken sollen eine Rolle der Raumfahrt bei der Entstehung von NLCs zur Zeit beweisen …

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Das ist das Schlüsseldiagramm aus Siskind & al., „Recent observations of high mass density polar mesospheric clouds: A link to space traffic?“, Geophys. Res. Lett. 40 [2013] 2813-7, das in den letzten Tagen z.B. hier, hier, hier, hier oder hier ernst genommen oder gar als bedeutend gefeiert wurde – aber zu Recht? Aufgetragen sind jeweils für die Nordsommer der Jahre 2007 bis 2012 in grau die Sonnenaktivität (repräsentiert durch den gemittelten Radiofluss der Sonne) und in schwarz und weiß zwei Maße für die Intensität der dann immer auftretenden mesosphärischen polaren Wolken, wie sie der Satellit AIM (siehe ISAN 39-2) von oben bzw. der Seite schauend bestimmt hat: Der Rand dieser Wolken erscheint auch Beobachtern am Boden als die berühmten Leuchtenden Nachtwolken oder NLCs (auf die derzeit jede Nacht viele Sternfreunde warten). Doch die Forscher beschränkten sich ganz auf die AIM-Daten und haben deswegen – erstes Problem – nur sechs Jahre zum Vergleichen.

Die Erwartung ist, dass die Mesosphären-Wolken bzw. NLCs mit steigender Sonnenaktivität abnehmen, weil die dann verstärkte UV-Strahlung der Sonne die Wassermoleküle in der Hochatmosphäre zerstört und auch generell die Temperatur der letzteren ansteigen lässt: Dieser Effekt wird auch seit Jahrzehnten beobachtet, zzgl. eines mysteriösen langsamen Anstiegs der Basislinie, und auch in der AIM-Ära sind die Wolken und die Sonnenaktivität in den Jahren 2007 bis 2010 „planmäßig“ antikorreliert, mit einem problemlos erklärbaren Wolken-Peak 2008. Aber warum gab es im Nordsommer 2011, just als endlich die Sonnenaktivität anstieg, viel mehr Mesosphärenwolken? Siskind & Co. ist nun aufgefallen, dass im Nordsommer 2011 durch den (allerletzten) Shuttle-Start im Juli wesentlich mehr Wasserdampf in die Hochatmosphäre eingebracht wurde als 2010 und 2012. Das würde ja passen, aber – zweites Problem – auch im Juli 2009 gab es einen Shuttle-Start mitten der Nord-Saison der Wolken und sogar noch andere Starts mit Wasserdampf. Aber die Wolken reagierten damals überhaupt nicht!

Das versuchen die Autoren durch „lower thermospheric dynamics“ zu erklären, die den Transport des Shuttle-Dampfs in die Polregion verhindert hätten, aber überzeugt das? Die 2012 weiter hohe Wolkenintensität nach Ende des Shuttle-Programms wiederum schreiben sie – unbehaglich – Soyuz-Raketen zu. Drei Fälle, und es passt nur einmal gut … Eine Rückfrage an Siskind am Naval Research Lab der USA, warum keine NLC-Beobachtungen aus der gesamten Raumfahrtgeschichte und noch früher zwecks mehr Statistik herangezogen wurden, misslang heute leider – als überraschende Folge der anhaltenden US-Finanzkrise: „Due to the government sequestration and subsequent furlough of DoD employees, this email will not be read on Fridays.“ Der Hauptautor im Zwangsurlaub … aber eines ist schon jetzt klar: Auch fünf populäre Artikel – von denen sich kein einziger mal der sehr überschaubaren Daten selbst und ihrer Probleme annahm – ersetzen nicht die Lektüre des Original-Papers, das in diesem Fall leider hinter einer Paywall versteckt ist. Dank daher auch an einen Kollegen, der es kurzfristig denjenigen zugänglich machte, die es wirklich wissen wollten – und an einen NLC-Fan, der weitere Quellen parat hatte.

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