Archive for September 2015

Allgemeines Live-Blog vom 28. bis 30. 9. 2015

28. September 2015

30. September

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Diese riesige Protuberanz hat heute die Sonne verlassen

und dabei auch einen großen koronalen Massenauswurf produziert, der zur Seite weg ging. Das Treiben der Protuberanz wurde heute auch von zahlreichen Amateuren verfolgt, Bilder hier, hier, hier, hier, hier und hier sowie die Sonne im Weißlicht heute, am 26.9. und am 22.9. Derweil beobachten Amateure auch weiter ein helles Feature auf Neptun (das sich auch in Keplers Fotometrie bemerkbar macht) und Bänder auf dem Uranus, so am 25.9. und 20.9. Plus Bilder des Kometen Catalina von gestern (mehr) und dem 19.9., 18.9. (mehr), 17.9. (mehr und mehr), 16.9. (mehr) und 15.9. sowie seine Lichtkurve (mehr) und Erwartungen (mehr; ein Paper über sein nahes Ende löst nur Spott aus). Ferner PANSTARRS am 19.9., 18.9. und 16.9. bei Cen A und SONEAR am 19.9., mehrere neu identifizierte Meteorströme, Laser-Simulationen von Impakt-Physik, neue Forschung am Chicxulub-Krater in Mexiko, keine Impakt-Rolle beim 1. Massensterben auf der Erde, auffällige Nebenmonde – und eine neue Nova 9. Größe im Schützen. [23:55 MESZ – Ende. NACHTRÄGE: eine Beobachtung derselben – und mehr Bilder der Protuberanz; an der Sonne hing viel später immer noch was rum, war dann aber bald weg]

3 x Asteroiden, 2 x Venus: die nächsten Discovery-Finalisten

Aus 27 eingegangenen Vorschlägen hat die NASA heute 5 Finalisten für die nächste kleinere Planetenmission der Discovery-Klasse ausgewählt: Eine oder zwei davon sollten später realisiert werden und ab 2020 starten. Drei der Missionen haben Asteroiden als Ziel (wobei eine ein Satellitenobservatorium wäre), und zwei wollen zur Venus:

  • Psyche würde den gleichnamigen metallischen Asteroiden erforschen, Lucy einen Trojaner des Jupiter – in diese Zone des Sonnensystem flog noch nie eine Sonde.
  • Die Near Earth Object Camera (NEOCam) würde im Stile der NEOWISE-Mission eine Vielzahl von erdnahen Asteroiden im Infraroten entdecken.
  • Deep Atmosphere Venus Investigation of Noble gases, Chemistry, and Imaging (DAVINCI) würde die Chemie der Venus-Atmosphäre während eines 63-minütigen Abstiegs messen und Venus Emissivity, Radio Science, InSAR, Topography, and Spectroscopy (VERITAS) die Venusoberfläche mit mehreren Techniken kartieren.
Das 1992 begonnene Discovery-Programm relativ preiswerter Planetenmissionen hat bisher 12 Projekte durchgeführt oder in die Wege geleitet. Jetzt gibt’s erstmal 3 Mio.$ für jeden der fünf neuen Finalisten, und im September 2016 fällt die endgültige Wahl: Der oder die Gewinner dürfen dann für rund 500 Mio.$ ihre Sonde bauen, die Rakete und Betriebskosten gibt’s extra. [22:35 MESZ] Politische Gedanken dazu. [23:05 MESZ] Dito hier und hier. [23:35 MESZ. NACHTRÄGE: weitere Press Releases hier und hier und Artikel hier, hier, hier, hier und hier]

Seth

Überraschung … ein 1 Jahr altes OSIRIS-Bild aus 28 km

Abstand vom Kometenkern vom 22.9.2014 ist im Zusammenhang mit einem Paper veröffentlicht worden: Es zeigt eine Terrasse in der Seth-Region mit einem tiefen Loch, das Schichten unter der Oberfläche offenbart. Auch ein zeitgleiches Bild von Anubis und eine NavCam-Aufnahme ein Jahr später vom 21.9.2015 aus 330 km – und Amateuraufnahmen von gestern, vorgestern, dem 24.9., 23.9. (auf 58° Nord; mehr), 22.9., 19.9. und 12.9. (ein Video). Da Rosetta gerade den großen Ausflug in die Koma unternimmt (größter Kernabstand von 1500 km am 1. Oktober), sind solche Aufnahmen für den Kontext jetzt besonders gefragt! Auch das neueste Dawn Journal, das verspätete Ablegen des HTV von der ISS – und der neue Space Fence kann gebaut werden, die CDR ist passiert. [4:10 MESZ]

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Eine neue topografische Karte von Ceres, die auf der EPSC in Nantes vorgestellt wurde, zusammen mit weiteren Dawn-Erkenntnissen: Die hellen Flecken in Occator bleiben aber rätselhaft, so wie auch manches andere (mehr und mehr). Auch Details zu Rosettas ‚Ausflug‘, der Aufruf an Amateure dazu, ein paar Rosetta-Erkenntnisse ebenfalls in Nantes berichtet – und wieder hunderte alte NavCam-Bilder publik. [18:40 MESZ] Weitere Ceres-Artikel hier, hier, hier und hier. [22:20 MESZ. NACHTRÄGE: und hier und hier]


29. September

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Hier kommt Indiens erstes Weltraumteleskop, der Multi-Wellenlängen-Satellit ASTROSAT, dessen PSLV-Start gestern gelungen ist: weitere Press Releases hier, hier und hier, allerlei Outreach-Material, mehr Bilder vom Start, der Orbit und Artikel hier (früher, noch früher), hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. [23:55 MESZ. NACHTRAG: ein weiterer Press Release]


28. September

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Recurring Slope Lineae auf Mars: spektrale Wasserspuren

Immer wieder dasselbe nervige Ritual: eine geheimnisvolle Ankündigung einer NASA-PK, wilde wie konkrete Spekulationen folgen, und am Ende ist es wieder nur ein Mosaiksteinchen der Marsforschung [alt., alt.] – und auch noch ein allgemein erwartetes. Denn das ganze Verhalten der schon eine Weile bekannten Recurring Slope Lineae (RSL; oben ein schönes HiRISE-Beispiel) deutet klar auf salziges Wasser als ‚Schmiermittel‘ hin, wobei die Feuchtigkeit aus der Atmosphäre stammen könnte. Neu ist nun, dass das CRISM-Spektrometer auf dem Mars Reconnaissance Orbiter in den RSL hydratisierte Mineralien gefunden hat, die direkt die Rolle flüssigen salzigen Wassers bei ihrer temporären Mobilisierung unter Marsbedingungen – Animationen hier und hier – unterstützen, zumal sich das Perchlorat-Signal mit ihrem Erscheinungsbild verändert: ein paar Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Abgesehen vom ohnehin nur temporären Auftreten dieses flüssigen Wassers: Sein hoher Salzgehalt – man würde eher von einer Salzlake sprechen – würde es sehr lebensunfreundlich machen. [19:00 MESZ] Die NASA-PK zum Paper, weitere Artikel hier, hier, hier, hier, hier und hier, ein Storify erregter Tweets – und eine treffliche Reaktion aus satirischer Sicht. [22:10 MESZ. NACHTRÄGE: das Paper quasi open access, ein weiterer Press Release, Artikel (z.T. mit weiter führenden Überlegungen) hier (mehr), hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, mehr Links, This Week at NASA – und das erstaunliche Vorleben des ersten Autors]

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Chronik der Mondfinsternis vom 28. Sep. 2015

27. September 2015

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Weniger Wolken als vielmehr aufkommender Nebel oder Hochnebel gefährden in manchen Landesteilen die Beobachtung der totalen Mondfinsternis heute Nacht. Viele Links und eine ausgiebige Analyse der angeblichen Seltenheit solcher Finsternisse in Erdnähe gab es ja schon hier zu sehen, während die größten Missverständnisse zu speziell dieser MoFi noch einmal hier zusammen gefasst sind. Zu Perigäen und MoFis findet man hilfreiche Tabellen auch hier und hier, wie unterschiedlich groß MoFis im Peri- und Apogäum sind, zeigt dieser direkte Vergleich (auch viele im Vergleich, ein Gleichnis mit Euros und dasselbe mit Vollmonden), und was man von Leuten halten soll, die „Blutmond“ sagen, erklärt der Eclipse-Guru hier. Auch ein Live-Ticker, ein ISS-MoFi-Transit in Berlin, ein Press Release und weitere Artikel in mehreren Sprachen hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier (die letzten beiden mit Links zu diesem Blog), hier, hier, hier, hier, hier und hier. [20:00 MESZ am Vortag]

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Die MoFi-Brille liegt bereit, und der Mond ist von Bonn (mehr) bis Berlin aufgegangen: Was soll jetzt noch schief gehen? [20:20 MESZ] Na, und gerade wurde das Volk auch belehrt, wie man’s richtig fotografiert … [21:35 MESZ] Dieser Blogger macht sich gleich auf den Weg zum nächtlichen Einsatzort: Mal sehen, wann was weiter berichtet werden kann. Der Mond hängt noch arglos rum, und die BBC erwähnt immerhin, dass mit der NASAnischen Seltenheits-Behauptung etwas faul ist. Zur Erinnerung noch mal der Link zu Bildern der ToMoFi von Dezember 2011 in Indien mit allen technischen Daten zwecks eigener Planung – und der magere Ausblick auf die folgenden MoFis in Deutschland. [22:10 MESZ]

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Der Supermond 2015, aufgenommen freihändig mit einer Bridge-Kamera, beim Warten auf die Straßenbahn – und noch eine Art Live-Blog ist bereits aktiv. [23:50 MESZ. NACHTRAG: das Bild größer]

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Und da ist schon die Umbra, wenige Minuten nach dem Beginn der ersten Partialität – Mut zur langen Belichtung! Hier in größer. [3:20 MESZ am MoFi-Tag]

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Jetzt ist der rötliche Farbton in der Umbra bei langer Belichtung schon deutlich zu erkennen. Tolle Atmosphäre bei der öffentlichen Beobachtung am Argelander-Institut für Astronomie in Bonn, wo aus allen Rohren fotografiert wird. [3:35 MESZ]

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Die überraschend dunkle Totalität in einem hübschen Sternfeld – hier auch größer – die Helligkeitsverteilung innerhalb der Umbra ist ziemlich interessant, und zur Umbramitte ist sie sehr dunkel, für das bloße Auge kaum mehr zu erkennen. [4:30 MESZ]

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Beobachter bei der Arbeit, kurz nach der Mitte der Totalität – über deren verblüffende Dunkelheit viel diskutiert wird. [5:05 MESZ]

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Ein Finale fast wie bei einer totalen Sonnenfinsternis: das Wiedererscheinen der Penumbra, mit dem Drama eines Diamantrings in Zeitlupe. Und es gibt schon eine erste Auswahl von Bildern der ganzen MoFi, bearbeitet noch während der Heimfahrt dieses Bloggers! [7:05 MESZ] Eine grobe Lichtkurve der MoFi, tiefe (dito), detailreiche und weitwinklige Bilder, Bilderstrecken hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier (u.a. mit den Bildern des Bloggers), Berichte hier und hier, Artikel hier, hier und hier – und dem LRO get es gut. [9:10 MESZ] Weitere Beobachtungsberichte hier, hier, hier, hier und hier, ein Artikel – und ein ISS-Transit während der MoFi. [20:30 MESZ]

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Eine schöne Totalität von der University of Texas; auch nochmal 49 Bilder dieses Bloggers von Anfang bis Ende, viele weitere Bilder und Berichte hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, Zeitraffer-Videos mit Tele hier, hier und hier und mit Weitwinkel hier und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. [23:55 MESZ] Viele weitere Berichte mit Bildern hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, Bilder hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, Animationen hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, viele Bilder und Fotometrie, Spekulationen über die dunkle Umbra, Europa im MoFi-Schein und Artikel hier, hier, hier, hier und hier. [23:55 MESZ am Tag danach]

Allgemeines Live-Blog vom 26. September 2015

26. September 2015

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Ein 139-seitiges Buch mit Ergebnissen von Indiens Marsorbiter MOM ist zum Einjährigen im Orbit vorgelegt worden, voller doller Bilder von der Mars-Oberfläche und mehr, darunter auch Phobos vor dem Planetenrand. Eine angeblich bevorstehende Enthüllung von Methan-Messungen MOMs hat indes nicht stattgefunden … [3:40 MESZ] Hier und hier weitere Artikel zum Atlas. [14:20 MESZ – Ende]

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Die ersten Detailbilder von Charon ohne fiese Artefakte

durch die Datenkompression sind unter den jüngsten eingetroffenen LORRI-Rohbildern von New Horizons: Natürlich wurde daraus bereits ein Mosaik gestitcht. Auch ein weiterer Press Release und ein Artikel zu den neuen Pluto-Farbbildern, ein Versuch, ein Echtfarb-Bild daraus zu erzeuhen, und ein Blog-Bericht zu den Gegenlicht-Aufnahmen – und das Sonnensystem mit 1 km Auflösung im Vergleich. [3:25 MESZ. NACHTRAG: ein simulierter Flug über Charon]

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Wie Hubble dem Cirrus-Nebel beim Expandieren zuschaute: oben ein neues Bild eines kleines Teils des Supernova-Überrests mit der Wide Field Camera 3 von 2015, unten ein Vergleich 1997 vs. 2015, der die Weiterbewegung der Ejekta zeigt – und in der Mitte eine dreidimensionale Rekonstruktion.

Und gleich noch ein Pretty Picture von Hubble, die flokkulente Spiralgalaxie NGC 3521. Plus die Planung der nächsten Überwinterung des Marsrovers Opportunity, was der NASA-Mars-Rover 2020 soll, ein 2011 entstandes Muster im D-Ring Saturns und das Oberflächen-Alter seiner mittelgroßen Monde aus Cassini-Bildern sowie irdische Analoga zu Titan-Dünen und -Mega-Yardangs, GPS in extremem Erdabstand mit der Magnetospheric Multiscale-Mission, die Übergabe der neuesten Galileo-Satelliten, der Erstflug der Langer Marsch 11 in China – und vage NASA-Planungen für das SLS, die einen Crew-Besuch auf Phobos 2033 und die Landung von Menschen auf der Marsoberfläche 2039 beinhalten. [3:15 MESZ. NACHTRAG: mehr Links zur Langer Marsch 11]

Die Montag-Morgen-MoFi: seltener Fall or nicht?

25. September 2015

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Jetzt sind es noch drei Tage bis zur totalen Mondfinsternis am 28. September, und eigentlich braucht man nur zu wissen, was oben in der Grafik des Hamburger Planetariums zusammen gefasst ist: erste Partialität von 3:07 bis 4:11 MESZ, dann 73 Minuten Totalität und zweite Partialität von 5:24 bis 6:27 MESZ, wenn längst die Morgendämmerung begonnen hat. Nachzulesen auch hier, hier, hier, hier oder hier für die MESZ-Zeitzone, hier, hier und hier für das UK und hier, hier, hier, hier, hier oder hier für Amerika, wo die Finsternis zeitlich günstiger liegt, wie auch den ersten beiden Videos zu entnehmen ist. Aber etwas soll angeblich diesmal ganz besonders sein: Wohl vor allem dieser Mitteilung der NASA folgend, wird aller Orten eine angeblich unglaublich seltene Koinzidenz von Ereignissen behauptet und insinuiert, der total verfinsterte Mond werde irgendwie außerordentlich groß erscheinen, da er erstmals seit 1982 mit einem „Supermoon“ zusammen fiele – dazu auch das dritte Video.

Nun ist der „Supermond“-Begriff – von einem Astrologen erfunden, aber längst von astronomischen Öffentlichkeitsarbeitern vereinnahmt, da er eh nicht mehr weg geht – freilich nur schwammig definiert, mal als der perigäumsnächste Vollmond eines Jahres, mal als die drei perigäumsnächsten nacheinander, mal als generell perigäumsnahe Vollmonde wie bei Fred Espenak. Und seiner Tabelle ersieht man sofort, dass totale Mondfinsternisse („t“) bei ‚Supermonden‘ überhaupt keine Seltenheit sind. Auch die Grafik unten dieses Bloggers macht das deutlich: Aufgetragen sind (grob) die Erdabstände sämtlicher totaler MoFis von 1975 bis 2055, also 2015±40 Jahre, von denen die kommende (offener Kreis) zwar besonders erdnah ausfällt, was aber auch für jede Menge andere gilt. Im Detail nachgerechnet war bzw. ist der Mond bei den MoFis vom 9. Januar 2001 und 26. Mai 2021 nur um 0.15% weiter entfernt als am 28. September 2015, und auch am 16. Mai 2003 bzw. 21. Januar 2019 waren/sind es nur 0.23% mehr.

Auch bei der nächsten MoFi nach der kommenden überhaupt, am 31. Januar 2018, ist der Mond nicht einmal 1% weiter weg als dieses Mal: All diese Finsternisse werden visuell exakt denselben Eindruck hinterlassen (bei der von der NASA gefeierten am 30. Dezember 1982 war der Mond übrigens 0.07% weiter weg). Gleichwohl macht die Elliptizität der Mondbahn schon einen Unterschied aus: Im Aphel ist der Abstand 14% größer und der Durchmesser mithin um diesen Wert geringer bzw. die Fläche sogar um 30%. Dieser Unterschied und insbesondere der besonders große Perigäumsvollmond ist tatsächlich auffällig für das bloße Auge, und Fotografen kommt die Perigäums-MoFi auch (buchstäblich) entgegen – aber die Rarität, zu der sie jetzt allerorten erhoben wird, die ist sie nicht. In anderer Hinsicht ist es allerdings schon, jedenfalls für Europa: Dort ist sie die letzte bis 2029 mit der Totalität komplett an dämmerungsfreiem Nachthimel, was für die volle Show essentiell ist.

Wer noch Tipps für Fotos des so gesehen doch seltenen Ereignisses braucht, kann sich an den technischen Angaben hier orientieren; modernere Kameras erlauben meist höhere ISO-Werte ohne zu viel Rauschen, so dass kürzer belichtet werden kann als damals in Indien. Wenn das Wetter nicht mitspielen sollte, sind bereits zahlreiche Webcasts angekündigt, so hier, hier und hier, es gibt eine Einladung für Experimente, um ähnlich wie Aristarch mit der MoFi das Sonnensystem zu vermessen, in China wird aus Flugzeugen beobachtet, der Lunar Reconnaissance Orbiter muss aufpassen, kann aber auch was messen, und die Bekloppten sind unterwegs, wie immer. Die MoFi mag auch Anlass sein, über das Wesen der Mondphasen nach zu denken – und verspätet ist noch ein Bericht von der vorangegangenen partiellen SoFi in der Antarktis am 13. September aufgetaucht.

Ein bunter Pluto … mit 8000 mal 8000 Pixeln!

24. September 2015

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Donnerstag ist Pluto-Tag – und unter den heute vorzeigten Bildern aus dem laufenden Download in voller Qualität war ein mit enormen Aufwand hergestelltes Falschfarbbild des Gesamtpluto aus Daten der Farbkamera Ralph, das hier herunter geladen werden kann. Was man auch tun sollte, denn das 8000×8000-Pixel-Format bringt manchen Browser zum Absturz und sollte in einen Bildbetrachter (der freie IrfanView hat keine Probleme) geladen und ausgiebig im Zoom überflogen‘ werden: hier außer dem Gesamtbild mit Original-Color-Table (in ‚enhanced colors‘ aus Nah-IR, Rot und Blau) diverse Ausschnitte mit jeweils dafür angepassten Helligkeiten und Kontrasten. Die Auflösung beträgt eigentlich 1.3 km, wurde aber bei der umfangreichen Bildverarbeitung deutlich gesteigert.

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Viel Spaß beim Interpretieren der eisigen Geologie – auch in einem schmalen Streifen, für den die Ralph-Farben in einer aufwändigen Prozedur auf ein LORRI-Mosaik gelegt wurden, das 250 bis 270 Meter Auflösung hat. Hier drei Ausschnitte sowie unten noch eine zylindrische Kartenprojektion des neuen Ralph-Bildes, die Methan-Verteilung von Leisa erfasst (die halbe Scheibe fehlt noch) und der Abend-Terminator wieder von Ralph [NACHTRÄGE: ein anderes kurioses Detail und weitere Artikel hier, hier, hier, hier, hier und hier]:

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Mehr Landschaften von Ceres aus 1470 km Höhe

22. September 2015

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von Ende August: Typischerweise ein Bild pro Tag wird veröffentlicht (zu den hellen Flecken mehr, mehr, mehr, mehr und mehr). Derweil feiern sowohl MAVEN der NASA wie die Mars Orbiter Mission der ISRO jeweils das erste Jahr im Mars-Orbit – und die Mission MOMs könnte noch lange weiter gehen. Ferner Ideen zu kuriosen Rippels auf dem Mars, wie das Problem, das den ExoMars-Start verschob, auch ein halbes Dutzend andere ESA-Missionen betrifft (BepiColombo, Solar Orbiter und CHEOPS zum Beispiel) – und die Europlanet 2020 Research Infrastructure (RI) ist gestartet.

Ein Hubble-Bild der wechselwirkenden Galaxien NGC 3921 in UMa (die beiden ähnlich großen Galaxien sind vor 700 Mio. Jahren zusammen gestoßen) – auch Indiens erster Astro-Satellit vor dem Start, wie Kepler die Exo-Planetologie beflügelte – und eine 3D-Animation aller SOHO-Kometen sowie ein kurioses Artefakt letztens bei einem LASCO-Koronographen, nicht zum ersten Mal.

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Manche ISS-Bilder sehen aus wie aus einem Flugzeug

Vor allem Meere und Küsten im Gegenlicht: Die erscheinen aus 10 km Höhe kaum anders als aus 40-mal größerer Höhe, wo natürlich der Himmel schwarz, der Blick weiter und der Horizont gekrümmt ist – aber sonst … Auch eine mögliche Rolle eines kanadischen Robot-Arms bei einer orbitalen Entsorgung des EnviSat, die langsame Rückkehr der Falcon 9 nach dem Unfall – und der erfolgreiche Erstflug einer Langer Marsch 6 in China (mehr und Bilder). NACHTRAG: das Bild in hoher Auflösung und viel heller.

DLR/ESA-TdLR im Rausch der Philae-Landung(en)

20. September 2015

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Zwar kamen heute „nur“ etwas über 60’000 Besucher zum alle zwei Jahre abgehaltenen Tag der Luft- und Raumfahrt von DLR und ESA auf deren gemeinsamem ausgedehnten Campus bei Köln – aber gefühlt waren es mehr, vor allem an den Brennpunkten des Interesses: zum Beispiel dem Kontrollzentrum des Kometenlanders Philae, inzwischen mit Pressestimmen zur Landung dekoriert, vor dem sich eine lange Schlange bildete und in dem das Gedränge groß war.

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Als das LCC vor zwei Jahren die Türen öffnete, lag die Kometenlandung noch in weiter Ferne – heute werden auf einem Modell des Kerns die vier Kontaktpunkte gezeigt: von oben nach unten der planmäßige Aufsetzpunkt in Agilkia, der Kraterrand, wo er gestreift wurde, der zweite Aufsetzpunkt und die endgültige Landestelle Abydos. Und mal wieder nett beleuchtet das elektrische Bodenmodell Philaes; zu anderer Zeit ist das nicht der Fall.

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Von Philae-Chef S. Ulamec auf der Hauptbühne und -Ingenieur K. Geurts am dicht umlagerten 1:1-Modell waren auch ein paar Neuigkeiten zum weiteren Missionsverlauf von Rosetta und vielleicht auch Philae zu erfahren: So sollte der Orbiter dem Kern bald wieder näher kommen, und irgendwann ab Oktober auch wieder den Lander anpingen. Sollte dieser reagieren und stabile Kommunikation zustande kommen, wäre binnen ein paar Tagen die Wiederaufnahme des wissenschaftlichen Programms möglich – das bis Dezember oder Januar laufen könnte, denn nach neueren Berechnungen geht erst dann der Sonnenstrom zu stark zurück. Und auch die Suche nach Philae mit der OSIRIS-Kamera ist noch nicht vorbei: Im Sommer 2016 soll Rosetta kurz vor dem Missionsende extrem nah an den dann wieder inaktiven Kern heran fliegen, nur 1-2 km hoch, und noch einmal Abydos absuchen.

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Mehr praktische Astronomie als je zuvor bei einem TdLR, angeboten von gleich mehreren auswärtigen Organisationen – leider nur kurz war dabei Sonnenbeobachtung möglich (dafür waren aber gleich zwei Aufblas-Planetarien aufgebaut).

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Der „andere“ Star auf dem TdLR natürlich Alexander Gerst bei seinem ersten Auftritt hier nach dem ISS-Flug. Oder besser Auftritten: Hier sieht man man ihn vor Kindern (eine Frage: Gibt es Feuer auf dem Mars?), bei einer Autogrammstunde mit endloser Schlange – daher lieber durch die Zeltwand fotografiert – und auf der Hauptbühne.

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Und noch jede Menge mehr Impressionen (hier 33 Bilder mehr) – oben Sternenkrieger, ein Prototyp für ein Habitat auf einer anderen Welt (interessiert vorne rechts der Chef der SMART-1-Mission Bernard Foing, der von weiteren Mondprojekten der ESA träumt), der Astronaut Jean-François Clervoy als Kronzeuge dafür, was Weltraummediziner alles mit einem anstellen, und Regolith-Industrie auf dem Mond in einer Vision der FH Aachen, unten eine simulierte EVA des Österreichischen Weltraumforums, just mit der neuen DLR-Chefin als Capcom (die ‚Astronautin‘ braucht 3 Stunden zum An- und Ablegen des ‚Raumanzugs‘), Bonus-Essen für den nächsten britischen Astronauten, die ISS-Kaffeemaschine, Marslandschaften in 3D-Projektion, die SpaceLiner-Studie, die Originalrakete und -nutzlast MAPHEUS 5 – und der nächste DLR-Lander MASCOT, der schon mit Hayabusa 2 unterwegs ist:

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Bald kommt die Flut der 1.5 Milliarden Sterne

19. September 2015

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In ziemlich genau einem Jahr sollte die Welt der Astronomie mit einem Schlag eine völlig andere werden: Noch im Sommer 2016 wird voraussichtlich der erste von mehreren Sternkatalogen des Gaia-Projekts veröffentlicht, mit den bereits extrem genauen Positionen und Gesamthelligkeiten von rund 1.5 Milliarden Sternen der Milchstraße. Denn trotz allerlei anfänglichen Schwierigkeiten („Brillianter Vortrag …) arbeitet der Astrometrie-Satellit der ESA jetzt so gut, dass er mit einer Grenzgröße von 20.7 mag. noch einmal 50% mehr Sterne erreichen wird als geplant war. Und es sieht nun so aus, dass er den Ort eines 15-mag.-Sterns am Himmel am Ende auf 20 bis 25 Mikrobogensekunden genau angeben können wird. Diese erfreuliche Kunde gab es vorgestern in Kiel („Die letzte AG-Tagung vor der Veröffentlichung des ersten Gaia-Katalogs“) in einem Splinter-Meeting der AG-Tagung zu hören, auf dem sich Astronomen detailliert auf die kommende Datenflut vorbereiten konnten: Oben sieht man links den Großvater von Gaia, Erik Høg („Im Splintermeeting H …“), vorne ein Modellchen des Satelliten aus dem ARI in Heidelberg und rechts Toni Sagrista bei seinem Vortag über die Visualisierung der Gaia-Daten. Denn mit denen sinnvoll umzugehen, ist eine Herausforderung auch an die Informatik.

Die Zahlen sind in jeder Hinsicht beeeindruckend: Von einer guten Milliarde Sternen soll Gaia am Ende – der abschließende Katalog wird frühestens 2022 erwartet – Positionen, Eigenbewegungen, Parallaxen, Helligkeiten in zwei Farben, Spektren geringer Auflösung und mehr liefern, dazu detaillierte Spektren von 50 bis 100 Mio. Sternen. 50-mal genauer als bei seinem Vorgänger Hipparcos (dem Satelliten, nicht dem griechischen Astronomen natürlich) wird die Ortsgenauigkeit sein, und 10’000-mal empfindlicher ist er, mit 10’000-mal mehr Sternen. Und während Hipparcos nur stur einen Input-Katalog abarbeiten konnte, findet Gaia alles selbst und wird auch zur Entdeckungsmaschine: Man rechnet mit am Ende 5 Mio. neuen Quasaren, 1-10 Mio. Galaxien, 100 Mio. Doppelsternen, 400’000 Weißen Zwergen, 50’000 Braunen Zwergen, 50’000 Exoplaneten-Systemen (die sich durch die Ablenkung der Sterne in der Himmelsebene verraten) und 100’000 Asteroiden. Um mit dem kommenden Gaia-Katalog schon mal üben zu können, hat die ESA mit dem Gaia Object Generator einen Fake-Katalog erzeugt, auf den über das Table Access Protocol hier zugegriffen werden kann, mit der Datenbank-Sprache ADQL, die speziell für astronomische Anwendungen entwickelt wurde. Und spätestens in der Gaia-Ära sollte man sich wirklich mal mit dem German Astrophysical Virtual Observatory vertraut machen, dem Zugang zur astronomischen Datenflut des 21. Jahrhunderts.

Der Satellit ist nun seit gut einem Jahr im Routine-Betrieb, und die drei großen Probleme, die bei der Inbetriebnahme 2014 entdeckt worden waren, sind entweder gelöst oder so gut verstanden, dass man damit leben kann. Das Verschmutzungsproblem der Optik ist nach vier Erhitzungszyklen weitgehend verschwunden und scheint nicht mehr wieder zu kommen. Bei dem sehr ärgerlichen Streulicht weiß man jetzt, dass es von einzelnen Gewebefasern des Sonnenschilds stammt, die ein bisschen über den Rand hinaus ragen und das Sonnenlicht verblüffend effizient um den Schild herum in die Optik streuen (man wusste schon vor dem Start von den Fasern, hielt sie aber für nicht störend genug, um ein Kontaminationsrisiko beim Abschnippeln einzugehen). Und die periodische Variation des Basic Angles zwischen beiden Teleskopen Gaias ist zwar mit 1 mas statt 4 µas schockierend groß aber andererseits so regelmäßig, dass sie fast perfekt modelliert werden kann. Und so kann die Gaia Astrometric Global Iterative Solution (AGIS) ihre Arbeit tun, die Stern-Entfernungen in 40 parsec auf 1 Promille und in 4 kpc auf 10% genau liefern soll. Als spektakuläres „Abfallprodukt“ der Mission gibt es schon jetzt mit der „Gaia Sandbox“ einen tollen Online-Simulator des Satelliten wie des Kosmos für den Outreach, wobei aber empfohlen wird, die Standalone-Version lokal laufen zu lassen.

Allgemeines Live-Blog vom 16. bis 18. 9. 2015

16. September 2015

18. September

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Die „aLIGO“-Ära der Gravitationswellen-Jagd hat begonnen

Seit heute 17:00 MESZ läuft der erste Science Run von advanced LIGO, den nach siebenjähriger Arbeit nun drastisch empfindlicher gewordenen Laser-Interferometern in den USA zum Nachweis von Gravitationswellen (oben einer der Kontrollräume). Die nunmehr erreichte Messgenauigkeit sollte eigentlich binnen weniger Jahre zum ersten direkten Nachweis kosmischer G-Wellen reichen: auch frühere Artikel hier, hier und hier – und auch das deutsche GEO 600 läuft weiter, bei dem viele der in aLIGO angewendeten Verbesserungen erprobt worden waren. [23:55 MESZ – Ende. NACHTRÄGE: ein Press Release und ein Artikel zum Beginn von Run „O 1“ sowie drei Video-Clips von GEO 600 zum Kontext]

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Bald noch viel weiter weg vom Kometenkern als hier mit 319 km am 11. September wird Rosetta sein, wenn am 23. September eine Exkursion in die fernere Koma bis in 1500 km Abstand beginnt – auch eine Amateuraufnahme derselben nebst Schweif von heute und Philaes ungewisses Schicksal. [23:50 MESZ]

ExoMars 2016 fliegt später, Ankunft trotzdem im Oktober

Wegen Problemen mit der Zusatznutzlast, dem Entry, Descent & Landing Demonstrator, ist der Start des ExoMars-Orbiters auf den März 2016 gerutscht, mit dem Fenster vom 14. bis 25. – aber wegen der dann schnelleren Bahn kann er den Mars trotzdem wie geplant im Oktober erreichen. Auch der Start von Indiens 1. Astronomie-Satelliten ASTROSAT am 28. September dieses Jahr, ein gelungener Proton-Start – und die erste Orion mit Crew fliegt wohl erst 2023, trotz Fortschritten im Programm, das reichlich langgezogen daher kommt … [23:45 MESZ. NACHTRAG: mehr Links dazu]


17. September

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New Horizons‘ neueste Downloads: schräg auf Plutos Terminator geblickt, nur 15 Minuten nach der größten Annäherung aus 18’000 km Abstand. Andere kürzlich eingetroffene Bilder vom Juli zeigen Sputnik Planum im Detail, wobei in diesem Bild weitere Hinweise auf Gletscher gefunden wurden, hier markiert. Und ein anderes Gletscher-Detail, das hier markiert ist. Auch Artikel hier und hier zu den älteren neuen Bildern, Hinweise auf einen großen Ozean auf Enceladus (mehr, mehr, mehr und mehr), was die Kontext-Kamera des MSL beiträgt, eine Kolumne über Curiosity, die Gezeiteneffekte auf den Mond – und die Suche nach den Retroraketen der Surveyor-Lander daselbst. [20:35 MESZ. NACHTRÄGE: ein weiterer Press Release und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier zu und Amateur-Verarbeitung der obigen Pluto-Bilder der MVIC sowie eine neue Animation aus den LORRI-Bildern von letzter Woche – in dieser gab es keine neuen]


16. September

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Ein auffälliger Komet stürzt gerade in Richtung Sonne

SOHO-LASCO-C2- und -C3-Bilder von 0:36 und 0:30 MESZ (Anklicken liefert die jeweils neuesten) sowie -C3-Animationen hier und hier eines erst vor wenigen Stunden aufgetauchten Sungrazer-Kometen, um den es bald geschehen sein wird – im Gegensatz zu Catalina, hier vorgestern, der noch eine leuchtende Zukunft haben könnte. Oh, und kurz vorher hatte SOHO seinen 3000. Kometen entdeckt. [1:45 MESZ]

Der Sturz des Kometen im Zeitraffer, der bereits für beide Koronographen hinter den Masken verschwunden ist. [11:25 MESZ] Und auch ein Zeitraffer von LASCO C2 mit höherer Auflösung. [16:15 MESZ. NACHTRAG: sowie ein spätes Standbildvon C2]

Einsteins Spuren: jetzt auch in Kiel dokumentiert

15. September 2015

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Den Saal gibt es schon lange nicht mehr, wohl aber das Gebäude, das Kieler Gewerkschaftshaus in der Legienstraße 22: Hier hat heute vor genau 95 Jahren Albert Einstein vor – zeitgenössischen Quellen zufolge – über 1000 Zuhörern einen allgemeinverständlichen Vortrag über „Raum und Zeit im Lichte der Relativitätstheorie“ gehalten. Ein Jahr nach der viel beachteten Bestätigung einer zentralen Voraussage der 1915 vollendeten Allgemeinen Relativitätstheorie bei der SoFi von 1919 war Einstein ein auch in Deutschland gefeierter Wissenschaftler – der gleichzeitig wegen seiner jüdischen Herkunft und pazifistischen Haltung auch zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt war. Auch die Angriffe feindseliger ‚Kollegen‘ nahmen just 1920 erheblich zu, während die Kieler (sozialdemokratische) Presse vor „Raudau-Antisemiten“ warnte. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass Einsteins Vortrag nicht etwa an der traditionsreichen Christian-Albrechts-Universität Kiels stattfand, die heuer ihr 350-jähriges Bestehen feiert, sondern bei den Gewerkschaftern. Bei der Enthüllung der Gedenktafel durch die CAU-Vizepräsidentin K. Schwarz, den Kieler OB U. Kämpfer und den Geschäftsführer der DGB-Region KERN F. Hornschu wurde dies – wie von Kämpfer auch schon bei der Eröffnung einer Astronomen-Tagung am Morgen – als großer Schandfleck in der Geschichte der CAU gewertet und Mahnung, nie wieder Menschen wegen ihrer Religion oder Meinung auszugrenzen.

Die genauen Umstände von Einsteins Kieler Auftritt bleiben allerdings unklar: Die einzige Quelle für die Ereignisse vor 95 Jahren, die Hornschu bereits vor zwei Jahren die Anbringung der Tafel motivierte, ist letztlich ein Satz in dem Kapitel „Einstein als Politikum“ des Buches „Einstein, Anschütz und der Kieler Kreiselkompass“ (Schriften der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Nr. 16, hrsg. von Lohmeier 1992) auf den Seiten 71-72, aus dem auch obige Aussagen zitiert sind. Daraus geht allerdings nicht zwingend hervor, dass die Universität Einstein explizit auslud, auch wenn antisemitische Tendenzen dort bereits 1920 anderweitig dokumentiert sind, wie am Rande der Enthüllung zu erfahren war. (Und Einsteins lautstärkster Gegner in der Physik, Philipp Lenard, war peinlicherweise ein Kieler Alumnus.) So oder so werfen die damaligen Vorgänge ein grelles Licht auf den Geisteszustand Deutschlands vor 95 Jahren – mit gewissen Parallelen zur Gegenwart, mag man hinzufügen – und zugleich die Rezeptionsgeschichte Einsteins in den ersten Jahren nach der Veröffentlichung der ART. Und der Frust der Kieler ist spürbar: 1922 dachte Einstein o.g. Buch zufolge nämlich über eine Umsiedlung von Berlin nach Kiel nach, wohnte dort zeitweise und hatte sogar schon eine permanente Wohnung in Aussicht – aber wohl u.a. durch die Umstände des 1920-er Auftritts unsicher geworden, ob er in der Ostseestadt willkommen war, entschied er sich dagegen. NACHTRAG: Artikel hier, hier und zuvor hier. NACHTRAG 2: Mehr zu Einstein und Kiel (er wohnte bis 1926 immer wieder mal dort) – und wie Recherchen von R. Bülow ergeben waren, war der 1920-er Vortrag Teil der 1. Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft und wurde von Einstein in einem Brief vom Vortag erwähnt, ohne Hinweise auf irgendwelche Probleme.