Archive for 20. Oktober 2015

Statt Alien-Blödsinn: den Stern selber erforschen!

20. Oktober 2015

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Der Kepler-Satellit hat ihn während der regulären Mission permanent beobachtet und seine kuriose Lichtkurve (diverse Ausschnitte oben) aufgezeichnet, aber dann fiel er aus – und scheint’s niemand hat sich mehr um den Stern KIC 8462852 gekümmert, obwohl seine außergewöhnliche Lichtkurve schon bald den Planet Hunters aufgefallen war, Citizen Scientists, die sich die Photometrie des Satelliten direkt anschauen. Mit 11.9 mag. und z.T. erheblichen Helligkeitseinbrüchen unbekannter Ursache wäre er auch für die Überwachung mit Amateurteleskopen geeignet gewesen, aber ein Aufruf erfolgte offenbar nicht. Und auch nicht, nachdem letzten Monat ein detailliertes Paper das Rätsel diskutierte und u.a. nach mehr Daten rief: Dabei ist die Fortschreibung der Lichtkurve unabdingbar, um der Natur der offenbar erratisch den Stern bedeckenden Objekte auf die Spur zu kommen. Aber damals spielten in der ‚Story‘ noch keine Aliens mit und nur ’normale‘ Astrophysik-Ideen … was sich vor einer Woche bekanntlich mit diesem einen Artikel schlagartig geändert hat, der die von den Autoren des Papers favorisierte Hypothese eines zerbrochenen Kometen herunter spielte und stattdessen eine Spekulation mit einer bauwütigen Superzivilisation aufbauschte – die freilich selbst deren Vertreter für unwahrscheinlich hält, in diesem konkreten Fall!

Später in einer detaillierten Arbeit [alt.] hat er den Fall zwar für verfolgenswert erklärt, warnt aber: „Invoking alien engineering to explain an anomalous astronomical phenomenon can be a perilous approach to science because it can lead to an “aliens of the gaps” fallacy […] and unfalsifiable hypotheses. The conservative approach is therefore to initially ascribe all anomalies to natural sources, and only entertain the ETI hypothesis in cases where even the most contrived natural explanations fail to adequately explain the data.“ Was hier sicher nicht der Fall ist; eine Auswahl vergleichsweise seriöser Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier (früher, noch früher) und hier und trefflicher Tweets hier, hier, hier, hier und hier. Erst der Alien-Rummel hat nun heute die AAVSO zu einem Beobachtungsaufruf bewogen: „Filtered time-series observations in one or more photometric filters are encouraged. Individual fading events have lasted for several days each, but show complex structure on very short timescales. The star itself is also rotating, and shows rotational variation at the millimagnitude level with a period of 0.8797 day. Instrumental observers world-wide are encouraged to participate, and we encourage observers from Asia and the northern Pacific especially to participate to improve temporal coverage of this star.“ Der steht praktischerweise im Schwan und geht zur Zeit am frühen Abend durch den Zentralmeridian, noch bis Anfang 2016 kann er gut beobachtet werden – auch eine neue Nova Oph und wie sich große Sonnenstürme dem Nachweis entziehen können.

Ein Teil des „Kohlensacks“ mit dem 2.2-m-Teleskop der ESO aufgenommen: ein besonders dunkler Dunkelnebel. Auch das neue Robo-AO-System für das 2.1-m-Teleskop auf dem Kitt Peak, die Kamera MICADO für das E-ELT (mehr, mehr und mehr und noch zwei Instrumente), ein Luftbild-Film vom fast fertigen FAST in China, der Cosmology Large Angular Scale Surveyor für Chile – und die Bedeutung des SKA für Afrika.

Seltener Asteroiden-Besuch: gleichzeitig groß und nah

Wenn am 31. Oktober der frisch entdeckte NEA 2015 TB145 auch mit 12 mag. über unseren Himmel zieht, dann ist das schon ein besonderer Fall: Er hat auf einem Faktor 2 einen Durchmesser von 320 Metern und kommt der Erde bis auf 1.3 Monddistanzen nahe, wobei er auch noch mit ungewöhnlich flotten 35 km/s an ihr vorbei schießt. Und das gibt’s nicht alle Tage: „This is the closest approach by a known object this large until 1999 AN10 approaches within 1 lunar distance in August 2027. The last approach closer than this by an object with H < 20 was by 2004 XP14 in July 2006 at 1.1 lunar distances" – Artikel hier, hier, hier und hier und die Celestia-Files. Auch die Erforschung des Ries-Kraters, ein neuer Meteoriten-Fall in Uruguay (Artikel hier, hier, hier und hier, die Kometen Catalina am 10.10., PANSTARRS am 14.10. und Lovejoy über 9 Monate, der Uranus am 14./15. und 7./8. Oktober, das Wetter auf dem Jupiter 2014/15, die Planeten am Morgen heute und die Mars-Jupiter-Konjunktion davor (mehr und mehr). So ein schöner Green Flash in Norwegen, ein selbst entwickelter Fulldome-Projektor für Planetarien, der Astro-Aspekt des IYL, eine gerettete Volkssternwarte in Mexiko, ein Amateurastronom in Gladbeck, zwei Massen-Starparty-Rekorde in Australien – und Wissen vom Fass, eine besonders harte Science-in-the-Pub-Variante ohne Vorwarnung …

Zum zweiten Mal: Starparty im Weißen Haus

20. Oktober 2015

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Zum zweiten Mal nach der Premiere im IYA 2009 hat vergangene Nacht wieder eine Starparty im Weißen Haus stattgefunden, wobei Präsident Obamas öffentlicher Auftritt (Video oben) diesmal knapp 15 Minuten dauerte. Nach einer Ansprache mit Anspielungen auf aktuelle NASA-Ereignisse und viel Werbung für MINT ließ er sich – Minute 10 – von der Schülerin Agatha Sofia Alvarez-Bareiro ein SCT auf einer deutschen Montierung erklären (warum war die eigentlich nicht umgeschlagen?), mit dem er dann kurz den Mond betrachtete. Danach verschwand er in der Menge, die sich mit anderen Teleskopen vergnügen konnte; zuvor hatte Obama auch mit der ISS telefoniert. Zwei Starparties im Zentrum der Macht, beide Male klarer Himmel – und wieviele hat es in der Zeit vor dem Kanzleramt gegeben …? NACHTRÄGE: eine Aufzeichnung des kompletten Abends (beginnt mit Obamas Auftritt; ab 1:38:55 und 2:21:25 wird wieder gesprochen), ein Vortrag von und ein Hangout mit Beteiligten und Artikel hier, hier, hier, hier und hier.

Die schärfsten Bilder von Plutos Mond Charon

20. Oktober 2015

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von der LORRI-Kamera sind letzte Woche eingetroffen: Sie haben etwa 300 Meter Auflösung und wurden unten sowie hier und hier zu Mosaiken zusammen gefügt und auch schon in 3 D visualisiert, zusammen mit anderen Bildern. Die große glatte Fläche im Mosaik u.l. mit dem informellen Namen Vulcan Planum erinnert an ein Mare auf dem Mond, aber statt Basalt ist hier natürlich Wassereis ausgetreten und hat die Oberfläche neu geformt. Auch ein 3D-Charon aus zwei anderen Datensätzen, die Sputnik Planum Plutos im Detail mit merkwürdigen Gruben und eine erste ‚Nah‘-Aufnahme von Styx, auch im Größenvergleich mit Nix & Hydra.

Wenig Neues im ersten Paper zu New Horizons bei Pluto

Die Open Access verfügbare Arbeit – Press Releases hier, hier, hier und hier und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, hier – geht in der Beschreibung von Pluto, Charon und Co. fast nirgends über das hinaus, was bereits im Juli auf Pressekonferenzen und seither bei diversen gewebcasteten Vorträgen erzählt wurde, auch neuartiges Bildmaterial ist kaum enthalten, und Interpretationen jenseits der Instant Science vom Sommer sucht man auch vergebens. Präziser sind allerdings manche Zahlen geworden: Plutos Durchmesser wird nun zu 2374±8 km angegeben (was mitten im Bereich der letzten Schätzungen von 2300 bis 2400 km liege), Charons zu 1212±6 km, genau wie erwartet. Beide Körper zeigen keine erkennbare Abplattung, sie muss unter 1% liegen. Pluto besitzt einen Gürtel dunkler Regionen von 25°S bis 10°N, unterbrochen von helleren Gebieten, deren markantestes das ‚Herz‘ Tombaugh Regio – alle Namen sind nach wie vor informell – von 1800 (Ost-West) x 1500 km (Nord-Süd) ist. Pluto zeigt die größten Albedo-Variation im Sonnensystem außer auf Iapetus, auch mit starken Farbunterschieden: Das dominante Gelb bis Rot passt dabei generell zu Tholinen, durch UV oder Teilcheneinwirkung entstanden aus einem Stickstoff-Methan-Mix.

Der Verkraterung nach weist die Oberfläche große Altersunterschiede auf: Die dunkle Cthulhu Region ist voller alter Krater, die Tombaugh Regio höchstens ein paar 100 Mio Jahre alt. In ihrer Westhälfte Sputnik Planum ist nicht ein einziger Impaktkrater zu finden – und ein wirklich naheliegender Prozess, der sämtliche Krater zum Verschwinden gebracht hat, lässt sich nicht ausmachen. Sputnik Plamum füllt wohl ein großes Becken und scheint eine Schlüsselrolle zu spielen, als Quelle der meisten flüchtigen Eise: Vielleicht gibt es eine Verbindung in die Tiefe, vielleicht auch nicht – wenn doch, dann wäre der Wassereis-Körper Plutos (der sonst die ausgeprägte Topografie erklärt) dort durchbrochen. Die Tombaugh Regio wird von Dutzende km großen Polygonen und Ovoiden bestimmt, deren Entstehung unklar aber wohl am ehesten mit ‚fester Konvektion‘ verträglich ist. An einigen Stellen gibt es gefrorene ‚Flüsse‘ ähnlich irdischen Gletschern: Bei Plutos 38 Kelvin Oberflächentemperatur kommen N2, CO und CH4 als das geflossene Medium in Frage. Insgesamt herrscht Verwirrung, dass Pluto deutlich anders aussieht als Neptuns großer Mond Triton in einer ähnlichen Zone des äußeren Sonnensystems – andererseits kann man nun vermuten, dass andere Bewohner des Kuiper-Gürtels ähnlich vielgestaltig wie Pluto sind.

Plutos Atmosphärendruck an der Oberfläche beträgt nach New-Horizons-Messungen ca. 10 µbar, was geringer als aus erdgebundenen Sternbedeckungen extrapoliert wäre – noch ist unklar, ob es seit deren letzten einen plötzlichen Rückgang gegeben hat oder nur ein Kalibrationsproblem (welcher Seite auch immer) hinter der Diskrepanz steckt. Die Atmosphärenstruktur ist global einheitlich: Nachgewiesen wurden N2 bis in 1670 km, CH4 bis in 960 km, C2HX bis in 420 km und Dunst (mit einer optischen Tiefe von 0.004) bis in 150 km Höhe. Charon hat keine oder zumindest wesentlich weniger Atmosphäre als Pluto. Sein auffälligstes Albedo-Feature ist die Mordor Macula am Nordpol, deren Zentralregion nur halb so hell ist wie der Rest des Mondes. Dessen Verkraterung ist regional unterschiedlich, vermutlich gibt es auch Unterschiede in der Zusammensetzung, dazu ein globales Netzwerk von Bruchzonen. Bei den kleinen Monden fittet bei Nix ein Dreiachsellipsoid von 54 x 41 x 36 km alle Beobachtungen, Hydra misst 43 x 33 km. Beide sind der Albedo nach offenbar von saubererem Wassereis bedeckt als Pluto – überraschend, da es viele Eindunkelungs-Prozesse geben sollte. Und auch Negatives gibt es zu berichten: Dank New Horizons gibt es nun erheblich bessere Limits für kleine Monde und Ringe als bisher.