Allgemeines Live-Blog vom 14. bis 20. 11. 2015


20. November

lent

Wie britisches Astrotainment vor 200 Jahren funktionierte

Vor kurzem ist ein außergewöhnlich rares Dokument entdeckt worden: das vollständige Skript einer mehrstündigen Astronomie-Show „Ouranologia“ mit gewaltigen Requisiten, die der Schauspieler George Bartley von 1820 bis 1828 während der Fastenzeit – in der sonst wenig geboten wurde – im English Opera House in London veranstaltete. Jetzt wurde ein komplettes Transkript nebst detailliertem Hintergrund-Paper open access veröffentlicht: rund 100 Seiten, die ein bewegtes Kapitel der astronomischen Öffentlichkeitsarbeit dieser fernen Ära verblüffend lebendig werden lassen. „The most significant inspiration from the manuscript Ouranologia to modern readers is perhaps in its revelation of the the connections between astronomy and theatre,“ heißt es in dem Paper: „Theatrical facilities and showmanship were frequently used in popular astronomical lectures in the first half of the nineteenth century. Lent was a competitive marketplace but not an exclusive season – astronomy lecturing took place all year round in every nook and cranny of the British Isles. The blend of scientific instruction, entertainment and religious narratives, all indicate a very distinct performance from what we conceive of as scientific discourses today.

The Ouranologia is a lively specimen of these long-forgotten astronomical shows“ – von der wir nun den Text haben aber leider keinerlei Requisiten, ja selbst was diese genau waren, ist unbekannt: „The transparent orreries, and visual aids for displaying scenic transparencies, were critical apparatus moulding onstage lectures. These visual aids were often advertised by lecturers as major attractions. However, the mechanism of the transparent orrery remains unclear. […] In the Ouranologia, [Skript-Autor] Arnold elaborated on spectacular onstage scenes, but neglected backstage technical parts. There are no known preserved fragments of these stage machines,“ die teilweise als ‚Grand Planetarium‘ angesprochen wurden – und das Publikum mächtig beeindruckten, wie man aus zeitgenössischen berichten weiß. Bonus 1: ein knapp 100 Jahre altes Paper von George Ellery Hale über die große Bedeutung des (High-End-)Amateur-Astronomen, der eigentlich alles kann und deshalb ein ausgeklügeltes Sonnenteleskop bauen möge. Bonus 2: ein Artikel über das ‚GalileoMobile‘ des IYA 2009, das derzeit wieder in Schulen in Südamerika unterwegs ist. Und Bonus 3: ein White Paper über die nächsten 20 Jahre des Planetariums einer schwedischen Firma, das auch hier und hier zusammen gefasst wird. [1:35 MEZ – Ende]

Zeitgeraffte Polarlichter von einer typischen Hurtigruten-Tour Anfang des Monats – immer wieder reichlich grün, oft Wolken, schließlich eine richtig große Show: So kommt’s häufig. Auch ein Meteor mit persistent train zeitgerafft – und der laufende El Nino im Vergleich zu 1997/98 (mehr und mehr). [0:40 MEZ]


19. November

scout

Solch ein Mini-Helikopter könnte 2020 auf dem Mars sein

und den nächsten NASA-Marsrover als „Scout“ begleiten, um für ihn wieder und wieder die beste Fahrtroute auszukundschaften: Was Anfang des Jahres als Konzeptstudie vorgestellt und auch schon als verkleinertes Modell getestet worden war, wurde heute in einer Rede am JPL erstmals öffentlich in Zusammenhang mit dem 2020-er Rover gebracht! Genehmigt ist der Mitflug freilich noch nicht, aber es sind 2016 Tests mit einem 1:1-Modell in einer Simulationskammer geplant, und das Mini-Modell tut’s ja schon. Der Herausforderungen sind viele: Die dünne Atmosphäre erfordert geringes Gewicht und enorme Drehzahl, der Heli muss dabei der Marsumwelt standhalten und viele Male autonom starten und auch wieder landen können. Auch der Status von Curiosity (um dessen Klon es geht), ein Chaos-Bild vom Mars Express – und eine möglicherweise günstigere Route zum Mars mit Auftanken am Mond. [20:00 MEZ]

cg1117

Der Rosetta-Komet vorgestern aus 141 km Entfernung – so nahe war der ‚Orbiter‘ dem Kern seit Wochen vor dem Perihel nicht mehr, dann wurde er durch zu viel Staub, der die Lageregelung irritierte, auf Distanz gehalten. Auch ein früheres Stereopaar des Kerns mit Jets, Amateuraufnahmen vom 16.11. und 12.11., ein paar neue Rosetta-Erkenntnisse von der DPS-Tagung letzte Woche und in Videos hier und hier und ein Artikel zur Philae-Suche. Auch der bevorstehende 2. Versuch Akatsukis einer Venus Orbit Insertion [NACHTRAG: mehr dazu sowie zu PROCYON im Erdanflug], ein Hangout mit den Israelis beim GLXP, ein Huygens-Jux auf einer Kinder-Seite, US-Erkenntnisse über Chinas Raumfahrt (S. 15-19) – und ein neues Space-Debris-Teleskop (S. 9 + 12-13) auf Ascension Island. [19:45 MEZ]


18. November

fast

Baufortschritte beim größten Radioteleskop der Welt, dem 500-Meter-FAST in China, das 2016 fertig sein soll – auch die ungelöste Krise um Arecibo ohne Direktor, Big Data beim SKA, die Modernisierung des HET, die Morgen-Planeten-Wanderungen und der Anblick vorgestern, Jupiter-Karten von Amateuren im Hubble-Vergleich, die BAA-Seite für 2015/16 und der aktuelle Jupiter-Bericht, der Planet Uranus jetzt gut zu finden, Vorhersagen des Magnetfelds der Korona aus Oszillationen in Sonnenflecken, Sonnenzeichungen des 18. Jh. neu ausgezählt – und was man in den letzten 20 Jahren über Exoplaneten gelernt hat. [22:55 MEZ]


16. November

P1820875

Seltene Einblicke in die Philae-„Landung“ aus Kölner Sicht verschaffte heute Koen Geurts, der technische Projektleiter des Rosetta-Landers beim DLR, auf einer Geek-Veranstaltung daselbst: So hatte man im Lander Control Center binnen Sekunden realisiert, dass Philae nach dem ersten Kontakt offensichtlich nicht auf dem Kometenkern stand, denn er rotierte danach weiter frei im Raum – während auf einem TV-Schirm eine Jubelfeier aus Darmstadt zu sehen war, waren die Experten entsetzt und lange nicht einmal sicher, ob Philae zur Oberfläche zurück kehren würde. Eigentlich war abgesprochen gewesen, dass man in Darmstadt erst auf ein klares „Wir stehen“ aus Köln warten sollte. Der Grund für das Versagen der Harpunen ist auch ziemlich klar: chemische Zersetzung des Sprengstoffs, wie sie sich auch bei unter Weltraumbedingungen aufbewahrten Proben im Labor gezeigt hatte. Eine Verringerung der Zündspannung rettete dort die Auslösung bei 5 von 6 Tests, in der kosmischen Realität leider nicht. Inzwischen wird jeden Monat zwei Wochen lang versucht, ein drittes Mal Kontakt zu bekommen, denn Rosettas Abstand zum Kern konnte inzwischen wieder auf 140 km verringert werden – bis Ende Januar besteht noch Hoffnung. Auch ein Amateur-Bild C-Gs von gestern mit dem Leo-Galaxien-Trio, bald grünes Licht für Indiens Aditya – und auf der ISS ist schon wieder was kaputt, das eine EVA zur Reparatur erfordert. [23:55 MEZ. NACHTRÄGE: mehr und mehr dazu sowie zu µg-Augenproblemen]


15. November

Nordlicht aus einem gecharterten Flugzeug vergangene Nacht über dem Nordatlantik, hier und hier auch Standbilder anderer Passagiere [NACHTRÄGE: und hier sowie aus obigem Video und ein weiterer Zeitraffer]. Plus ein tolles Stück Zirkumhorizontalbogen, ein russisches Meteor-Video, ein Mini-Asteroid in Erdnähe nur Stunden nach der Entdeckung und nun auf dem 13. Platz der Tabelle der Rekord-Annäherungen, ein neuer Komet auf sehr ferner Bahn (Perihel 9 au, Periode 178 Jahre), mal wieder die Nachtseite der Venus im NIR, die Wetterchancen für die Ring-SoFi 2017 in Südamerika, eine neuartige Technologie für thermisches IR, ein ferngesteuertes Teleskop für die Uni Stuttgart – und die Rettung mehrerer Kleinplanetarien im deutschsprachigen Raum. [23:05 MEZ]


14. November

Comet_on_12_November_2015_NavCam

Genau ein Jahr sitzt Philae hier schon auf dem Kern von Komet C-G, denn diese Rosetta-Aufnahme entstand an 12.11.2015 – aus 178 km Abstand: Die vorsichtige Annäherung an den nicht mehr ganz so aktiven Kern schreitet voran, und es sind wieder mehr Einzelheiten zu erkennen. Auch eine schöne erdgebundene Aufnahme von heute mit einem 61-cm-Spiegel, wie die Pluto-Atmosphäre mit Radiowellen durchleuchtet wird, amerikanisch-russische Gespräche über eine gemeinsame Venus-Mission, das Raketen-Teleskop PICTURE-B vor dem Start, warum Hubble den hellen Procyon angeschaut und Erdbeobachter UrtheCast die ISS satt hat und auf Satelliten setzt, wie es dem DeorbitSail ergangen ist (schlecht) – und treffende Worte des ESA-Chefs zum Pariser Massenmord. [23:55 MEZ]

Eine Antwort to “Allgemeines Live-Blog vom 14. bis 20. 11. 2015”

  1. DLR @ Geeks@Cologne | Daniels Dies & Das Says:

    […] und Koen Geurts, der technische Projektleiter des Rosetta-Landers Philae, auf, der die Landung mal aus der ‘Innenperspektive’ […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: