Allgemeines Live-Blog vom 22. bis 24. 11. 2016


24. November

„Arrival“ – ein Alien-Besuch im Kino … mal ganz anders

Die Herausforderung war ja eigentlich kaum zu bewältigen: eine außergewöhnliche, außergewöhnlich brillante und vor allem außergewöhnlich konstruierte SF-Kurzgeschichtevollständig hier zu lesen! – über linguistische Bemühungen an zunächst besonders unbegreiflichen Aliens in einen Kinofilm für den Massenmarkt zu verwandeln. Die Morphose der „Story of your Life“ von Ted Chiang in „Arrival“ ist zahlreichen durchweg überschwänglichen Reviews – wie hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier – zum Trotz nicht der ganz große Wurf geworden und irgendwo zwischen „Contact“ am ge- und „Interstellar“ am misslungenen Ende des Spektrums intellektuell angelegter SF-Filme hängen geblieben. Die visuelle Umsetzung und manches – überwiegend dazu erfundene – Detail überzeugen zwar über weite Strecken, auch wenn man vieles nun doch schon woanders gesehen hat, von mysteriös über der Erde schwebenden edel geformten Riesen-Raumschiffen über verblüffte Wissenschaftler im Clinch mit verwirrten Militärs bis zu wunderlichen Aliens in nebligen Aquarien (dieser Blogger musste da immer an The 456 denken). Und die Ausgestaltung der „Handschrift“ der Aliens ist einfach brillant. Aber die namensgebende ‚Story of your Life‘ der Vorlage (wer „you“ ist, sei hier mal nicht verraten) ist oft zu konfus in die Gegenwarts-Handlung des Alien-Kontakts eingeflochten, als dass sich die immer wieder aufblitzenden Szenen ohne Kenntnis der im Gegensatz dazu strikt komponierten Kurzgeschichte als wesentliche Teile des Ganzen erschließen dürften – und in der Tat hat das mindestens ein hier nicht verlinkter Zeitungskritiker schlicht nicht verstanden. Als Anregung für tiefschürfende Betrachtungen über Alien Contact, das Wesen der Zeit, interstellare Sprachprobleme usw. eignet sich „Arrival“ aber unbedingt, wie z.B. Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier demonstrieren. [19:45 MEZ – Ende. NACHTRAG: In Science vs. Cinema kommen viele der Beteiligten zu Wort – und bei 20:55 wird verraten, dass im Skript ursprünglich eine Demonstration des Fermatschen Prinzips vorkam, das letztlich die physikalische Grundlage der ganzen Story bildet. Und dann gestrichen wurde …]

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13 mag.: C/2016 U1 (NEOWISE) 6 Größenklassen „zu hell“

Was geht denn da ab? Der erst diesen Monat vom Satelliten WISE entdeckte Komet sollte derzeit 19. Größe haben – aber auf dieser gestrigen Aufnahme von Michael Jäger hat er 13.0 mag.! Und seine Bahn wird ihn bis auf 0.32 au an die Sonne heran führen (Perihel am 14. Januar 2017): Nach einer Standardformel sollte die Helligkeit dann gegenüber jetzt um 10 bis 12 Größenklassen zulegen. Ein Komet mit 1. Größe am Winterhimmel? Nicht so stürmisch: Selbst wenn die 13 mag. jetzt eine stabile Grundhelligkeit und nicht die Folge eines Ausbruchs sind, sind die geometrischen Sichtbedingungen nicht gerade ideal. Ende des Jahres steht U1 für Deutschland – theoretisch 8 mag. heller als jetzt – bei Beginn der Morgendämmerung noch knapp 20° hoch (und immerhin mondfrei) im Oph, aber das Sichtfenster schwindet Anfang Januar rapide: Schon mit Beginn der 2. Woche (10 mag. heller als jetzt?) beträgt die Höhe bei Dämmerungsbeginn nur noch wenige Grad, und zur Zeit der größten Helligkeit Mitte Januar geht gar nichts mehr, und der Komet kommt auch danach nicht wieder. Auch Reisen auf die Kanaren oder nach Namibia bringen den Kometen nicht an dunklen Himmel – wie auch, die Elongation liegt bei 12°. Sollte C/2016 U1 (NEOWISE) tatsächlich – drei Jahre nach der ISON-Pleite darf man ja mal wieder träumen – erste Größe erreichen und einen ordentlichen Staubschweif entwickeln, könnte es aber trotzdem eine interessante Show geben: Die nächsten Wochen werden vielleicht schon zeigen, wohin die Reise geht …

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Derweil ist das Microlensig-Event gaia16aye definitiv zuende: Wie auch Bildpaare 21./22. November hier und hier zeigen, ist der gelinste Stern nach der letzten Kaustik-Kreuzung wieder auf seiner Normalhelligkeit angekommen. Auch der periodische Komet 323P/SOHO im Gesichtsfeld von LASCO C2, ein kometarer Pro/Am-Beobachtungsaufruf für drei Kometen 2017/18 – und Details zur neuen VdS-Fachgruppe Astronomische Vereinigungen hier und hier. [10:35 MEZ] Die Helligkeit von NEOWISE wurde soeben von einem bekannten visuellen Beobachter bestätigt: 12.8 mag. im 41-cm-Reflektor! [17:35 MEZ] Ebenfalls von heute ein diffuses Foto, aber immerhin: Irgendwas tut sich … [19:45 MEZ]


23. November

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Was das TAROT-Teleskop auf La Réunion beim Start des Galileo-Quartetts sah, hat die ESA nun genauer erläutert: Zu sehen sind die vier Satelliten, die Ariane-Oberstufe EPS und zwei Treibstoffwolken, die sie beim Selbst-Passivieren ausgestoßen hat – zuerst besonders viel, daher sind die Wolken außen dichter. Auch der Beginn der EDRS-„SpaceDataHighway“ per Laser, der gute Zustand der ISS, die erste In-Orbit-PK von Thomas Pesquet, was die ESA eigentlich will, ein weiterer NASA-Auftrag für SpaceX, die bevorstehende Bahnänderung von Cassini näher an die Ringe heran, Beobachtungen mit SHARAD auf dem MRO von jeder Menge Wassereis unter der Oberfläche der Utopia Planitia – und Zwei-Jahres-Verlängerungen für viele ESA-Wissenschafts-Missionen. [23:55 MEZ]

Endlich wieder was Offizielles zum Schiaparelli-Absturz

hat die ESA heute verlauten lassen: Im Einklang mit früheren fragmentarischen Informationen war die Fehleinschätzung des Bordcomputers verantwortlich, der die Kapsel bereits auf bzw. sogar unter der Marsoberfläche wähnte, als sie noch 3.7 km hoch war. Diesmal wird die Hauptschuld bei der Inertial Measurement Unit zur Messung der Rotation der Kapsel gesehen, die bald nach der Abtrennung des Fallschirms in Sättigung geriet (während der Radarhöhenmesser korrekt arbeitete und die Kombination der Messungen den Rechner verwirrte): Was genau dazu geführt hatte, wird nicht ausgeführt, aber Info-Happen schon vor Wochen (in „Die Hinterlassenschaften von …“) hatten von heftigen Bewegungen der Kapsel am Fallschirm gesprochen. Nach zornigen italienischen Medienberichten hier und hier hätte das Problem vermutlich erkannt werden können, wenn die ESA nur etwas mehr in konkrete Tests des Mechanismus in der irdischen Hochatmosphäre investiert hätte. Die verspricht jetzt einen unabhängigen Untersuchungsbericht, aber erst für Anfang nächsten Jahres. Während sich der ESA-Chef abermals zur Einschätzung der Bruchlandung ausgelassen hat, ist durch die Analyse von HiRISE-Bildern nochmals klarer geworden, dass Beagle 2 tatsächlich weich gelandet war, damit wesentlich weiter kam als Schiaparelli und 2003 nur ganz knapp einen Erfolg verpasste: weitere Artikel hier, hier, hier, hier und hier. [15:10 MEZ] Schiaparelli-Artikel, die technisch nicht über die ESA-Notiz hinaus gehen, hier, hier und hier. [17:20 MEZ] Dito ein ASI Release und weitere Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. [23:45 MEZ. NACHTRÄGE: und hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier – während dieser französische Artikel ein paar Details mehr zur fatalen Sekunde des IMU-Versagens nennt und Roskosmos klar stellt, dass man nix dafür kann]

Feurio im Erdorbit: Die ersten Videos von Experimenten mit Feuer auf dem Cygnus-Transporter, der kürzlich abdockte, liegen jetzt vor. Insgesamt wurden 9 Proben von Sicherheits-Relevanz in der Raumfahrt angezündet, hier aus Plexiglas wie es vor Fenstern verwendet wird. [14:45 MEZ]


22. November

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Die letzte Kaustik von „gaia16aye“ liegt definitiv hinter uns

Die Helligkeit des gelinsten Sterns (s.u.) ist um mehrere Größenklassen gefallen, wie weitere Beobachtungen von heute aus den USA (unten via AAVSO, auch eine dichte Messreihe aus Pennsylvania) und später aus Europa (oben & Mitte via Cambridge Univ.) bestätigen – leider bleiben große Lücken, und der genaue Verlauf des Peaks bleibt einstweilen unklar. Aus dieser türkischen Lichtkurve von gestern ergibt sich mit einem Parabel-Fit immerhin ein Maximums-Zeitpunkt von gestern 18:54 MEZ, was zu dem mittleren Plot hier passt. Auch weitere Amateur-Fotometrie vom Tag davor – und Gaia hat auch gemessen, leidet aber an thermischen Problemen. [22:30 MEZ. NACHTRÄGE: Die türkischen Messungen werden hier gefeiert. Und da jemand fragte, fundamentale Papers zu Microlensing dürften dieses 25 Jahre alte und diese Einführung sein]

Eine beachtliche Feuerkugel gestern über Florida, die auch dieses und dieses Video zeigen: Die gemeldeten Helligkeiten streuen wild zwischen venus- und sonnenhell … [22:15 MEZ. NACHTRÄGE: eine Zusammenfassung, weitere Artikel hier und hier und noch ein Video]

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Immer noch hell: Was hat die Gravitationslinse jetzt vor?

Neue Beobachtungen über die AAVSO zeigen das Microlensing-Ereignis gaia16aye auch zu Beginn des neuen Tages weiter nahe der Maximalhelligkeit (V um 13.6 mag.), wie auch ein Foto kurz vor Mitternacht MEZ: Kein Anzeichen für die scharf abfallende Flanke am Ende der Kaustik-Kreuzung. Was diese Datensammlung nicht verrät, ist das Helligkeitsplateau seit bereits mindestens dem frühen Nachmittag gestern. Auch ein schneller Meteoriten-Fund in Australien nach Aufnahmen der Feuerkugel durch ein Kameranetz, was Amateure zur Forschung beitragen, ein schöner TV-Beitrag über Lichtverschmutzung und einfache Gegenmaßnahmen, Ärger über blaue LED-Lampen in Minnesota, der kein Einzelfall ist – und der Versuch einer Satire über den Supermond, die gar nicht wirklich eine ist … [2:45 MEZ]

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Ein neuer Schrägblick auf den Ceres-Krater Occator vom Oktober, als Dawn wieder eine 1480 km hohe Bahn um den Zwergplaneten eingenommen hatte. Auch ein Beobachtungen des Ziel-Asteroiden von Hayabusa 2, die ersten wissenschaftlichen Beobachtungen des TGO im Marsorbit, was Indiens Orbiter gekostet hat (nur 62 Mio. Euro, sogar €380’000 weniger als geplant), grünes Licht für den UAE-Mars-Orbiter von gaaanz oben, wie EDLs modelliert werden können, eine Fan-Bearbeitung von Saturns Hexagon aus aktuellen Cassini-Bildern, der Gaia-Daten-Workshop, was aus Spektr-X-Gamma geworden ist, ein Vortrag über das JWST – und deutsch-brasilianische Raketen-Tests. [1:35 MEZ]

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