Ein Monument für den „fränkischen Galilei“

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Von solch einer publizistischen Unterstützung kann ein historischer Astronom – ein Jahrhunderte lang verkannter zumal – nur träumen: Leben und Werk des Simon Marius (1573-1624) sind in einem viel-sprachigen Web-Portal und nun auch einem 481-seitigen Buch erschlossen, Simon Marius und seine Forschung. Die 16 Beiträge ebenso vieler Autoren unterscheiden sich in Länge und Stil gewaltig, was das monumentale Werk für Nicht-Historiker unter den Astronomie-Interessierten nicht eben leicht verdaulich macht. Aber es hat Lektüre und Verbreitung verdient, befasst es sich doch mit einer der dramatischsten Epochen der Astronomiegeschichte Ende des 16./Anfang des 17. Jh., als die Diskussion um das rechte Weltmodell – geozentrisch, heliozentrisch oder etwas dazwischen – in vollem Gange war, die moderne Physik schemenhaft in Erscheinung trat und das Fernrohr plötzlich auf der Bühne erschien.

Diese Epoche des Umbruchs wird in der populären Darstellung meist auf Brahe, Galilei und Kepler reduziert, die scheinbar geradlinig die moderne Astronomie begründeten und Antike wie Mittelalter endgültig begruben – aber so einfach war es keineswegs (und ist es fast nie in der Geschichte): Auch manch anderer Akteur verdient Beachtung. Darunter eben auch jener Simon Marius aus Gunzenhausen, Hofastronom des Ansbacher Markgrafen: Lange wurde er als Plagiator Galileis verdächtigt, erst vor einem Jahrhundert als gleichwertiger unabhängiger Entdecker der Jupitermonde und anderer Phänomene rehabilitiert und danach gleichwohl eher als ein fränkischer Lokalheld gehandelt, ohne Platz unter den Größen seiner Zeit. (Oben eine Zeichnung von Maria Dementeva auf der Basis des einzigen bekannten Portraits; s.a. ganz unten.)

Die Beiträge in dem gewichtigen Band zeigen überzeugend auf, dass Marius an wesentlichen Entdeckungen in der chaotischen Umbruchphase Anteil hatte, seine Leistungen aber weit weniger gut als insbesondere Galilei zu ‚verkaufen‘ verstand – und die geistige Landschaft vor 400 Jahren wird durch zahlreiche Facetten lebendig. Viel zu viele freilich für den eher allgemein interessierten Leser, der auf den Punkt kommen möchte. Die meisten Leser dürften deshalb gut daran tun, die Lektüre zunächst mit den Seiten 407-439 (!) zu beginnen, denn die „Priorität, Rezeption und Rehabilitation des Simon Marius“ von Pierre Leich – der treibenden Kraft hinter dem Portal, der aktuellen Marius-Renaissance und dem Buch, das aus einer Fachtagung hervor ging – bilden die ideale Einführung in Leben, Leistung und bewegte Wahrnehmung des Astronomen.

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Schon 1596 hatte sich Marius gegen das ptolemäische (und für das tychonische) Weltsystem entschieden, er war wahrscheinlich erste „Profi“-Astronomen außerhalb der Niederlande, der von der Erfindung des Fernrohrs Kenntnis erhielt, und er machte unabhängig – wie allerdings Historiker erst um 1903 endgültig klären konnten – etliche fundamentale Entdeckungen damit, namentlich der Jupitermonde, die er leider erst 1614 in seinem Hauptwerk Mundus Iovialis (drei Seiten in der Mitte und unten) im Detail publizierte. Seine Beobachtungen der Jupitermonde, von Sonnenflecken und Kometen beschreiben mehrere Artikel auf den Seiten 163-216 genauer – und die zwei im großen Kontext wichtigsten Beiträge des Buches untersuchen auf den Seiten 217-255, warum sich Marius klar für das nur scheinbar so absurde tychonische Weltbild (alle Planeten des Himmels kreisen um die Sonne, die wie der Mond aber die Erde umkreist) aussprach, das ja die Bahnschleifen und Venusphasen genau so gut wie das kopernikanische erklärt.

Die tychonische Interpretation passte nämlich zugleich deutlich besser zur Gesamtlage der Beobachtungen Anfang des 17. Jh., mit keinen messbaren Sternparallaxen und gleichzeitig vermeintlich als Scheibchen aufgelösten Sternen – die im kopernikanischen Weltbild sehr weit weg und unfassbar groß hätten sein müssen. (Was sie aber nicht waren, weil die „Durchmesser“ im Teleskop nur durch damals unverstandene Beugungseffekte vorgetäuscht wurden.) In diesem erstaunlichen Irrweg der Astronomiegeschichte, der noch bis in die zweite Hälfte des 17. Jh. mit Verve vertreten wurde, liegt auch eine Botschaft für die Gegenwart: Gelegentlich sollte man sich schon fragen, ob das aktuelle Standardbild der Kosmologie, wo alles so schön zusammen passt (auch wenn Dunkle Materie und Energie noch der physikalischen Erklärung harren), nicht auch grob falsch sein kann. (Spoiler: Der Autor dieser Zeilen glaubt dieses nicht.)

Nach so viel Tiefsinn mag sich der Leser dann in die drei Biografien vertiefen, mit denen der Band beginnt (Seiten 13-161): Die bei weitem längste und vor Detailfülle aus allen Nähten platzende behandelt natürlich Marius‘ Leben selbst, belegt durch 478(!) Fußnoten und ich manchem Detail Neuland. Wiederum von allgemeinem Interesse ist die viel kürzere Biografie von Marius‘ Förderer – und Teleskop-Beschaffer – Fuchs von Bimbach, dessen sich der bekannte Astronomiehistoriker Wolfang Dick angenommen hat: Exemplarisch wird sichtbar, wie man mit Quellen kritisch umgehen muss und dass sich vermeintliche Wahrheiten in der Sekundärliteratur in Wohlgefallen auflösen, wenn man Informationen aus erster Hand zumindest näher kommt. (Diese Erfahrung machte auch der Rezensent immer wieder, z.B. hier und hier auf der Suche nach dem Entdecker der Venusatmosphäre oder im Zusammenhang mit dem Finsternis-Kometen von 1948.)

Die drei Aufsätze über Marius als Kalendermacher und Astrologe (Seiten 257-365) setzen einige Toleranz gegenüber esoterischem Aberwitz voraus, lassen den damaligen Zeitgeist aber auch besonders markant aufblitzen – und den feschen Stil Marius‘, der Kollegen in seinen Kalender-Texten schon mal als faul und Idioten bezeichnet, während er sich selbst im Besitz der besseren Ephemeriden-Mathematik wähnt. Altsprachler werden ihre Freude an den Seiten 367-405 haben, in denen Schlüsseltexte Marius‘ im lateinischen Original in Form gymnasialer Aufgaben erscheinen (mit Übersetzungen und Lösungen dankenswerterweise am Schluss!), und das Gesamtwerk wird auf den Seiten 441-481 abgerundet durch Details über den jüngst nach dem Astronomen getauften Asteroiden Nr. 7984 und Berichte über aktuelle Öffentlichkeitsarbeit zu Marius‘ Ehren. Die ist immer noch nicht zuende: Das Buch soll 2017 auch in Englisch erscheinen (drei seiner Kapitel sind ihrerseits Übersetzungen aus dem Amerikanischen) und sein Inhalt über das Marius-Portal verfügbar werden.

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2 Antworten to “Ein Monument für den „fränkischen Galilei“”

  1. vnawrath Says:

    Hat dies auf Volker Nawraths Blog rebloggt und kommentierte:
    Vielen Dank an Daniel für die Rezension. Sie kam gerade richtig, da ich diesen Band zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. 😀 So weiß ich als Nicht-Historiker, in welcher Reihenfolge ich die Kapitel lesen sollte.

    Ich freue mich auf diesen Band. Wie Daniel schreibt, gibt der Band auch differenzierte Einblicke in die Zeit, die nach heutiger Wahrnehmung nur von wenigen „Großen“ „beherrscht“ wurde. Und auch damals ging es in der Wisschenschaft nicht nur um Erkenntnisgewinn, sondern auch um Selbstdarstellung.

  2. Whewell’s Gazette: Year 3, Vol. #20 | Whewell's Ghost Says:

    […] Skyweek Zwei Punkt Null: Ein Monument für den „fränkischen Galilei“ […]

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