Allgemeines Live-Blog vom 2. bis 4. Januar 2017


4. Januar

lucy

2 NASA-Sonden zu Jupiters Trojanern und Asteroid Psyche

wird die NASA als die nächsten beiden Discovery-Missionen fliegen: Sie wurden aus fünf Finalisten ausgewählt (und zwei Venus-Vorschläge und das Asteroidenteleskop NEOCam nicht genommen, letzteres wird aber ein weiteres Jahr finanziert). Die Mission Lucy, benannt nach dem Urmenschen, soll 2021 beginnen und 2025 einen Asteroiden im Hauptgürtel und zwischen 2027 und 2033 gleich sechs jener Asteroiden besuchen, die den Riesenplaneten Jupiter in der Nähe seiner Lagrangepunkte L4 und L5 begleiten (Grafik): Dort hat sich noch nie eine Raumsonde umgesehen, nun kommen Instrumente zum Einsatz, die sich bereits auf New Horizons am Pluto bewährten bzw. auf OSIRIS-REx unterwegs sind. Die Mission Pysche geht 2023 zu dem gleichnamigen Asteroiden Nr. 16, der besonders metallreich zu sein scheint („Drei Jahre, 100 Nächte, …“ – letzter Satz): Nach Erd- und Mars-Gravity-Assists soll 2030 ein Orbit um Psyche eingenommen werden. [20:55 MEZ]

Auf einer Telecon zu der Auswahl wurde gerade mitgeteilt, dass zu den Zielen von Lucy die Trojaner Eurybates, der eine Kollions-Vergangenheit hat, und der Doppeltrojaner (617) Patroculus / Menoetius – Abstand 700 km – gehören, der besonders urtümlich sein sollte. [22:15 MEZ] Die Bilder von Psyche sollen sofort veröffentlicht werden, z.T. binnen einer halben Stunde! Das ist mal ’ne Aussage. [22:20 MEZ] Nachdem Lucy die Primärmission erfüllt hat, könnten weitere Ziele unter den Trojanern wie im Hauptgürtel angeflogen werden – darunter kurioserweise auch Psyche! Auch Artikel hier, hier und hier. [22:30 MEZ] Press Releases der zuständigen Institute zu Lucy und Psyche, ein NASA-Video und weitere Artikel hier und hier. [23:35 MEZ. NACHTRÄGE: weitere Press Releases hier, hier und hier, eine Slooh-Show zu Psyche und weitere Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier]

frb-slide

frb-gemini

frb-panel

Fast Radio Burst in sehr ferner Zwerggalaxie lokalisiert

Ein weiterer Schritt bei der mühsamen Aufklärung der Natur der Fast Radio Bursts, inzwischen 18 am Himmel bekannten Quellen, von denen 17 genau ein einziges Mal einen scharfen Radioblitz geschickt haben, FRB 121102 aber immer wieder blitzt. Das ermöglichte es dem Very Large Array, in nur 83 Beobachtungsstunden über 6 Monate des vergangenen Jahres verteilt gleich 9 dieser Blitze zu beobachten und so die Position auf 0,1 Bogensekunden einzugrenzen. Tiefe Aufnahmen mit dem 8-m-Gemini-Teleskop zeigten dann an dieser Stelle eine unscheinbare ferne Zwerggalaxie (Bild Mitte) mit nur 1/10 des Durchmessers der Milchstraße und 1/1000 ihrer Masse, die aber aktiv Sterne bildet und wegen ihrer Armut an schweren Elementen gerne kurzlebige massereiche, die bald wieder als Supernovae enden.

Das spricht für die Hypothese, dass junge Neutronensterne die Quelle des FRB-Phänomens sind (siehe z.B. hier und hier, „Fast Radio Bursts von jungen extragalaktischen Pulsaren?“), beweist sie aber natürlich noch nicht. Die Intensität der Blitze ist jedenfalls enorm und entspricht dem, was Aktive Galaktische Kerne zuweilen schaffen. An der vom VLA lokalisierten Stelle wurde auch eine permanente Radioquelle gefunden, deren Stärke ein wenig variiert und deren direkter Zusammenhang mit dem FRB unklar ist: Ihre Position konnte mit Interkontinental-VLBI wiederum auf 10 Millibogensekunden fest gelegt werden, identisch mit der zweier ebenfalls beobachteter Bursts und nicht im Zentrum der unscheinbaren Galaxie gelegen. Trotz der erfreulichen Lokalisierung der Ursprungsgalaxie eines FRB ist also noch vieles unbekannt, wie auch in der vergangenen Stunde auf einer Pressekonferenz in Texas (unten das Panel) klar wurde (das letzte Slide oben).

So bleibt neben der konkreten Natur der Quelle, die hier blitzt, zu klären, ob überhaupt alle FRBs dieselbe Art von Ursache haben – oder gerade der einzige bekannte Wiederholer unter ihnen vielleicht ein Exot ist. [19:00 MEZ] Die Schlussfolgerung eines Papers (wenn alle FRBs aus so unscheinbaren Galaxien kommen, helfen nur supergenaue Positionen bei der Zuordnung), weitere Press Releases hier, hier, hier und hier, mehr Visuals, ein Video und Artikel hier, hier, hier, hier und hier. [19:35 MEZ] Ein Paper über die Galaxie und ihre Rotverschiebung 0.193: Das bedeutet, dass das Licht 2.4 Mrd. Jahre unterwegs war bzw. die Quelle helligkeitsmäßig scheinbar 3.1 Mrd. Lichtjahre entfernt ist. Und ein Paper über die Astrometrie mit Interkontinental-VLBI. [19:50 MEZ. NACHTRÄGE: das VLA-Paper open access, weitere Press Releases hier und hier, wie die Quelle am Himmel steht, weitere Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier – und ein, äh, exotisches Paper zu den FRBs …]


3. Januar

ulu

Der Uluru von einem ISS-Astronauten fotografiert letzten September – auch ein Safe Mode von Mars Odyssey, der Bohrer-Ärger Curiositys, der Status von Dawn, der Zweck von Chinas Mond-Programm, die Auswahl des Imaging X-ray Polarimetry Explorer (IXPE) als NASA-Mission, wo die Vibrations-Tests mit dem JWST inzwischen angekommen sind, langsame Fortschritte mit Spektr-RG, weitere kommerzielle Crew-Transport-Aufträge zur ISS, die erhoffte Rückkehr der Falcon 9 am 8.1. (mehr, mehr, mehr, mehr, mehr, mehr, mehr, mehr und mehr), das chinesische White Papermit vielen Ideen, die Anhebung der Bahnen der zu tief ausgesetzten Satelliten – und die Start-Statistik 2006 im Detail. [23:55 MEZ. NACHTRAG: noch viel mehr Statistik]


2. Januar

michael-jacger-2016u1janlrgbjaeger_1483302205

Komet C/2016 U1 (NEOWISE) dreht auf – aber zu spät …

Auf dieser Aufnahme von Michael Jäger von gestern früh hat der einst von vorsichtigen Hoffnungen begleitete Komet (2. Artikel) einen beachtlichen Gasschweif von über 70 Bogenminuten entwickelt – doch was hilft’s? Die Helligkeit hat immer noch eine 8 vor dem Komma, und auch wenn sie bis zum erwarteten Maximum zum Perihel am 14. Januar noch um ein paar Größenklassen ansteigen dürfte (die meisten gehen von nur noch 2 mag. Zugewinn aus), würde es dem Kometen nichts nützen: Die Höhe über dem Horizont bei Dämmerungsbeginn fällt von 11° heute auf 7° am 5. und 2° am 8. Januar, so dass jede Menge Licht und Kontrast durch Luftmassen im Weg verloren gehen, und selbst beim Beginn der nautischen Dämmerung steht der Komet am 8. Januar nur 7° bzw. 3° am 11. Januar hoch.

Was von ihm bleiben wird, ist eher ein Schwall absurder Artikel mit Statements wie „Komet C/2016 U1 NEOWISE könnte mit bloßem Auge sichtbar sein“ (nicht von der BILD-Zeitung sondern einem großen deutschen Wissenschafts-Verlag verbrochen!): Die Ursache ist ein irreführender Press Release des JPL, der dann allerorten ohne Nachdenken kopiert wurde. Auch der Komet 45P/H-M-P gestern mit dem Mond hier genial getroffen aus Japan und auch hier zu sehen, mit dem Mond versteckt, eine Animation eines langlebigen persistent train (keine ‚Rauchspur‘ natürlich) nach einer Feuerkugel – und das drohende Ende des McMath-Sonnenteleskops, des Wahrzeichens des Kitt Peak National Observatory in Arizona. [0:45 MEZ. NACHTRAG: Standbilder des persistent trains] Noch ein Komet-Mond-Paar von vorgestern aus Korea: Bum-Suk Yeom am 31.12. um 9:58 UTC mit einem Nikkor 105 mm und einer EOS 6D bei ISO 800, f/5.6, 30 Sek. x 2. Und der Mond nahe der Venus heute, aus Japan, Indonesien, Australien und Malaysia. [14:25 MEZ]

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Der Mond, auch mit Erdschein, die Venus, ein Flugzeug und der Mars heute Abend aus Bochum von diesem Blogger. [18:45 MEZ] Der Mond, der Erdschein, die Konstellation hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier von anderen – und der Komet Johnson heute, der im Frühjahr noch besser werden sollte. [19:20 MEZ] Mehr Konstellationen hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier sowie der schwache Komet 43P/Wolf–Harrington heute – und ein sehr ungewöhnliches Bild von Messier 31 mit galaktischem Zirrus drumrum. [20:45 MEZ. NACHTRAG: viele Details zu dem Bild] Noch mehr Konstellationen hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, Mars bei Neptun hier und hier und Komet HMP heute hier = hier. [23:45 MEZ. NACHTRÄGE: die heutige Konstellation sehr tief belichtet und sogar mit dem Kometen im Bild, dieser mit langem Schweif trotz widriger Umstände, auch alle hellen mit Neptun im Bild sowie Medien-Reaktionen in China auf die Mond-Venus-Konjunktion und die Konstellation später über Honduras – und wieder später der Mond dicht beim Mars über Japan am 3.1.]

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3 Antworten to “Allgemeines Live-Blog vom 2. bis 4. Januar 2017”

  1. Uwe Pilz Says:

    Lieber Daniel, ich sehe es nicht als absurd an, dass der Komet Neowise als freisichtigt angekündigt wurde: Erst ab dem 6.12. entwickelt er sich schwächer, als erst erwartet. Wir haben in den letzten Tagen ca. 8 mag: Da fehlen nur noch 2 mag zur Freisichtigkeit. DIe Höhe war zu Dämmerungsbeginn von wenigen Tagen noch im 20°-Bereich: Unter guten Bedingungen wäre da was mit dem freien Auge zu machen gewesen. Man kann von den Meiden nicht erwarten, dass sie die Eigenheiten der Lichtkurve engmaschig verfolgen.

    • skyweek Says:

      Besagter Nonsense-Artikel erschien am 30.(!) Dezember – da war es schon lange gelaufen für eine irgendwie mögliche öffentlichkeitswirksame Erscheinung des Kometen (von der ich Ende November ja mal zu träumen gewagt hatte – aber ausschließlich in der Amateurastronomen-Bubble und nicht in Medien, die auch von Astro-Laien viel gelesen werden). Es gibt auch unter naturwissenschaftlichen Journalisten praktisch null Gefühl dafür, was eine Kometenhelligkeit eigentlich bedeutet – und welch dramatische Wirkung große Zenitdistanz auf das Erscheinungsbild hat (selbst der schöne PANSTARRS 2013 ging visuell schnell vor die Hunde, sobald er unter ca. 10° Höhe sank): Das müssen die Verfasser von Pressemitteilungen berücksichtigen, und das hat die NASA nicht getan.

  2. Notizen zu der 229. Tagung der AAS in Texas | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] Alles übers All … von Daniel Fischer … seit 1985 – und jetzt online im klassischen Blog-Format « Allgemeines Live-Blog vom 2. bis 4. Januar 2017 […]

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