Halos, Plankton, Meteore: das AKM-Seminar 2018

Von Schneestürmen in Schleswig-Holstein über optische Erscheinungen an Plankton, Meteoritensuche in der Sahara und Halobeobachtung mit Stratosphärenballons bis zur optimalen Ausrichtung von Meteorkameras reichte das außerordentlich breite Spektrum der Vorträge auf dem Frühjahrsseminar 2018 des Arbeitskreises Meteore (AKM). Schauplatz vom 16. bis 18. März war der KiEZ Waldpark Grünheide bei Auerbach im sächsischen Vogtland – genau zum Seminar kräftig eingeschneit beim letzten (?) Wintereinbruch der Saison (130 Fotos, auch vieler Slides). Trotzdem erreichten fast alle Teilnehmer pünktlich das ausgedehnte Kinder- und Jugenderholungszentrum 700 m über NN, wo der erste Abend mit dem bewährten Rückblick auf die atmosphärischen Erscheinungen des vorangegangenen Jahres begann, zusammengestellt von Claudia Hinz.

Dramatische Displays Leuchtender Nachtwolken (und erst recht von Polarlicht) hatte es nicht gegeben, und die größte Pracht entfalteten wieder einmal Eisnebelhalos. Im Anschluss berichtete noch Frank Wächter über eine Schwedenreise im August 2017, während der sich trotz sommerlichen Sonnenstands schon erste Nordlichter bemerkbar machten – und dabei in der Nacht 24./25. August auch kurz zwei kuriose Strahlen mit ungewohnter Geometrie: womöglich Verwandte des erst kürzlich beschriebenen und vor allem aus Kanada bekannten STEVE-Phänomens, das wird derzeit noch näher analysiert (wobei weitere Beobachtungen aus derselben Nacht oder Informationen über ungewöhnliche geomagnetische Vorgänge in dieser Zeit hilfreich wären).

Der Samstag begann mit der Fortsetzung von Wolfgang Hinz‘ Vortrag vom Vorjahr über 30 Jahre Haloerfassung im AKM: Was haben wir gelernt? Von 1986 bis 2017 waren 166’739 Halos berichtet worden, das Gros von November bis Februar (mit dem Januar herausragend), 97% durch Cirrus verursacht und 93% an der Sonne, bei dieser wieder der 22°-Ring mit 34% am häufigsten. Aber auch 11566 Mondhalos waren dabei: 53% dieser Sichtungen umfassten den 22°-Ring, gefolgt von Nebenmonden (19%) und Lichtsäulen (16%). Interessant die – natürlich normierte – Halo-Häufigkeit: Die Jahre 1986 bis 1988, 1994 bis 2002 und dann noch 2010, 2012 und 2014 lagen über dem 32-jährigen Durchschnitt, während es um 1992 ein 5 Jahre währendes tiefes Minimum und auch 2011 und just 2017 besonders dürftige Jahre gab. Eine vage Korrelation mit dem Sonnenzyklus mag sich da andeuten, ein plausibler Mechanismus zunächst nicht. Im Jahresgang wiederum gibt es Maxima der Haloaktivität im Frühjahr und Herbst und Minima im Juli und Dezember, andere Verteilungen mögen indes eher das typische Verhalten der Beobachter reflektieren.

Halobeobachtungen mit Actioncams, die wissenschaftliche Ballons in die Stratosphäre mitnahmen, präsentierte sodann André Knöfel mit dynamischen Filmausschnitten: 22°-Halos mit Nebensonnen, Untersonnen – und auch mal Gewässer im Gegenlicht. Jörg Strunk verblüffte dann mit Beobachtungen der 2017-er Sonnenfinsternis in Wyoming durch einen Cirrenschirm, der vor und nach der Totalität einen auffälligen 22°-Halo erzeugte, welcher aber komplett verschwand, während nur noch die Sonnenkorona als Lichtquelle diente. Wie das, wo doch der Ring der inneren Korona weit heller als der Vollmond ist und letzterer – siehe oben – auffällige Halos produzieren kann? Dieses Paradoxon – mutmaßlich ein Kontrastproblem wegen der Resthelligkeit des Finsternishimmels – führte noch während der Tagung zu angeregten Diskussionen auch in diversen SoFi-Foren im Internet wie diesem und diesem: eine auch als solche bemerkenswerte Wechselwirkung von realem und virtuellen ‚Treffen‘.

Nächstes Thema Regenbogen: Alexander Haußmann hatte neue Simulationen dieses im Detail verblüffend komplexen Phänomens mitgebracht, dem man sich in später, eisiger Nacht auch noch mit handfesten Experimenten nähern würde. Die Verteilung der Tropfengrößen ist orts- und zeitabhängig, die Wassertropfen werden deformiert und verkippt, reagieren empfindlich auf Windfelder usw. Und viele Faktoren sind noch nicht mal quantitativ erfasst. Elmar Schmidt hatte es diesen Januar schon zum dritten Mal nach Hawaii gezogen, zwecks Präzisionsfotometrie der totalen Mondfinsternis. Nicht zuletzt weil er erneut auf dem Mauna Loa Observatory beobachten wollte, zogen sich die Vorbereitungen über 8 Monate hin.

12 Stunden lang wurde schließlich gemessen: Die Helligkeit des Mondes fiel von -13.3 auf -2.8 astronomische Größenklassen, also auf 1/16’000. Es war damit eine besonders helle Finsternis, was nicht recht dazu passt, dass der Mond diesmal recht tief in den Kernschatten der Erde eingedrungen war: Andere MoFis mit ähnlicher Magnitude waren teils eine ganze Größenklasse dunkler ausgefallen. Andere Faktoren sind mithin noch am Werk, wovon das irreguläre Muster der Maria der Mondoberfläche nur einer ist. Weitere Messungen plant Schmidt diesen Juli in Namibia und nächstes Jahr in Mexiko: Der engagierte MoFi-Forscher muss sich schon anstrengen, denn es gibt im Jahrhundert keine 20 totalen Finsternisse pro Erdviertel, und da sollten schon Orte mit guter Wetterstatistik angesteuert werden.

Von Grünheide sind es nur ein paar Kilometer bis zum Dorf Morgenröthe-Rautenkranz, das neuerdings zur Gemeinde Muldenhammer gehört – und vor 40 Jahren überregionale, ach was, kosmische Bedeutung erlangte: Hier wurde der erste deutsche Raumfahrer, Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn, geboren, und hier enstand schon bald eines der wenigen dezidierten Raumfahrtmuseen Deutschlands. Viele Seminarteilnehmer machten sich zu Fuß auf, andere ließen sich lieber von durcheinander quasselnden Navis in breitem Bogen auf der Straße zur „Deutschen Raumfahrtausstellung“ leiten, die 2007 in eine große Halle umgezogen war: So mancher AKM’ler hatte sie 2004 im alten Haus in drangvoller Enge besucht. Jetzt kann die Sammlung, die sich auf die 11 deutschen Raumfahrer konzentriert, recht übersichtlich auf zwei Etagen präsentiert werden.

Komplette originale Raumkapseln findet man hier zwar nicht, dafür immerhin das echte (westliche) Trainingsmodell der Raumstation Mir – und zahlreiche authentische „Kleinteile“. Das beginnt schon mit dem knappen historischen Einstieg: In Morgenröthe-Rautenkranz werden doch tatsächlich mehr Original-Komponenten (bzw. Wrackteile) von A4-Raketen gezeigt als im viel größeren Museum in Peenemünde, das sich zunehmend verkrampft bemüht, gerade kein Raumfahrtmuseum (mehr) zu sein. Den deutsche Raumfahrer werden große Vitrinen mit zahlreichen Informationen und Utensilien gewidmet, wobei Jähn in keiner Weise überhöht wird: Bis hin zu Alexander Gersts ISS-Aufenthalt 2014 ist alles dokumentiert, auch die von ihm mitgeführte „Bundesbiene“ hat hier ihr Zuhause gefunden. Die anderen Interkosmos-Kosmonauten, deren dritter Jähn war, kommen in Bildern vor, und die Weltraumforschung – jetzt nicht nur die deutsche – wird ebenfalls gewürdigt.

Wieder zurück in Grünheide umfasste die kurze Mitgliederversammlung des AKM Ehrungen für 40 Jahre treue Dienste (Mitbegründer Wolfgang Hinz, der auch z.Z. an einer Schrift über die Vereinsgeschichte arbeitet), Relaunch und Pflege der Homepage (Andreas Möller) und 20 Jahre Meteoros (André Knöfel) sowie in absentia Ina Rendtel für die Betreuung der Kasse von Anbeginn. Da diese weiter gut gefüllt ist, bleiben – die einzige Abstimmung diesmal – die Mitgliedsbeiträge unverändert. Und schon ging das Vortragsprogramm weiter: mit Beobachtungen Rainer Arlts von kuriosen Lichtphänomen vor Varna während Algenblüte im Schwarzen Meer, die ein Zwischenrufer hinten im Saal sogleich als typische Wasser-Aureole identifizierte, und Sirko Molaus ersten Schritten mit autonomen Allsky-Kameras des FRIPON-Projekts aus Frankreich (10-Minuten-Summenbilder aus Seysdorf und Ketzür). Das Netz der Kameras soll nun auch in Deutschland ausgebaut werden: Die Universität Oldenburg hat etwa 5 bestellt und sucht nun Freiwillige, die sie betreiben.

Das Abendprogramm begann mit spektakulären Polarlichtern in Echtzeit, die Anke Hamann und Manfred Heinrich im September in Skandinavien aufgenommen hatten – mit einer frisch angeschafften Sony Alpha7s nahe am Anschlag der Empfindlichkeit, was zu einem ausnehmend hellen und bunten Treiben auf der Leinwand führte. Dann Laura Kranich mit gleich zwei Auftritten in Stand- und Bewegtbild: zu ungewöhnlichen Dämmerungserscheinungen im Herbst 2017, für die vor Qualm der Waldbrände in Kanada und den USA gesorgt hatte, den Windströmungen bis nach Europa trugen – und zum kürzlichen Wintereinbruch in Schleswig-Holstein, der insbesondere an der Küste zu ungewohnten Wellenphänomenen führte. Ein paar zu allem Entschlossene um Alexander Haußmann wagten sich dann noch ins Freie, um bei vielleicht -10°C mit einem Scheinwerfer und eine Sprühflasche Regenbögen zu erzeugen [NACHTRAG: was da unter kontrollierteren Bedingungen alles geht].

Und schon der letzte Tag: Ulrich Sperberg stellte zahlreiche – bestätigte – Impaktkrafter in Skandinavien vor, nebst der Physik hinter ihrer Entstehung, und André Knöfel berichtete launig über eine Abenteuerreise in einen Randbereich der Sahara in Marokko, wo mit Hilfe spezialisierter Berber tatsächlich eine Reihe kleine Meteoriten gefunden wurden. Das muss so: Auf die Erde fallen jährlich 82 Meteoriten pro Million Quadratkilometer, macht etwa 550 pro Jahr in jenen sandarmen Landschaften der Sahara, wo sie auch zu finden sind. Und da die Sahara etwa 3000 Jahre alt ist, müssten allein in den 100’000 km^2 dieser Hammada bzw. Serir im vergleichweise noch am leichtesten zu bereisenden Marokko etwa 24’000 Meteoriten herum liegen. Jetzt sind es 24 weniger …

In der letzten Session schließlich das ’normale‘ Meteorgeschehen am Himmel: Jürgen Rendtel verwies auf den kontinuierlichen Anstieg der Aktivität der Geminiden, die inzwischen mit einer ZHR um 160 (!) der beste jährliche Meteorstrom geworden sind. Der langsame Anstieg der Fallraten wird außer von visuellen Daten seit 1985 (ältere harren der Hebung in der Literatur) und modernen Videodaten auch von Radioechos seit Beginn dieses Jahrhunderts bestätigt. Dieses Jahr sollte die ganze Nacht 13./14. Dezember beobachtet werden. Dieser Autor verwies auf einen möglichen Tau-Herculiden-Sturm am 31. Mai 2022 gegen 5:15 UTC, der eine Reise auf die Azoren oder in die Karibik rechtfertigen könnte.

Georg Dittié zeigte Ergebnisse laufender Meteorecho-Beobachtungen, u.a. mehrerer prominenter Feuerkugeln des letzten Jahres – und Sirko Molau rechnete vor, wo am Himmel eigentlich die meisten Meteore eines Stroms aufleuchten: Jede Menge Faktoren spielen eine Rolle, aber bei den meisten Strömen sollten Kameras die beste Ausbeute erzielen, die in den Bereich Nordosten bis Südosten in 30° Höhe schauen. Visuelle Beobachter brauchen das allerdings weniger streng zu sehen. Mit dieser Erkenntnis endete das lehrreiche wie unterhaltsame Seminar 2018 auf den Punkt, und die nächsten AKM-Veranstaltungen stehen auch schon fest: Es sind das Treffen der Beobachter atmosphärischer Erscheinungen im tschechischen Bozi Dar vom 29.11. bis 2.12. und das AKM-Seminar 2019 im thüringischen Lauterbach vom 22.-24.3.2019.

2 Antworten to “Halos, Plankton, Meteore: das AKM-Seminar 2018”

  1. In der Deutschen Raumfahrtausstellung – Daniels Dies & Das Says:

    […] des AKM-Seminars 2018 quasi nebenan konnte auch die Deutsche Raumfahrtausstellung in Muldenhammer-Morgenröthe-Rautenkranz besucht […]

  2. Himmelsglühen bis Leuchtpilz: AKM-Seminar 2019 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] zu Überlegungen geführt, Lauterbach zum Stammplatz der Jahrestreffen – siehe Berichte von 2018 und 2017 – zu machen, die zu in etwa gleichen Teilen die ’normale‘ Meteor- und […]

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