Hätte Neil Armstrong eine Action-Cam gehabt …

Und nun sind es tatsächlich drei geworden: aufwändig produzierte Kinofilme, die wichtige Epochen der frühen amerikanischen bemannten Raumfahrt bis 1970 – das Adjektiv passt hier wirklich, denn Frauen flogen auf US-Seite noch lange nicht – packend umgesetzt haben. Nach The Right Stuff von 1983, der den Zeitraum 1947 bis 1963 abdeckt, und Apollo 13 von 1995, der 1969 bis 1970 spielt, schließt First Man perfekt die Lücke: Primär ein Biopic über Neil Armstrong behandelt das streckenweise fast dokumentarisch anmutende Werk den Zeitraum 1961 bis 1969 und mischt die Familiengeschichte der Armstrongs mit Facetten der X-15-, Gemini- und Apollo-Programme. Während der Film in zahlreichen Ländern zwischen heute und übermorgen in die Kinos kommt, ist Deutschland (wo er „Aufbruch zum Mond“ heißen wird) mysteriöserweise erst am 8. November dran – dieser Blogger hatte aber das Vergnügen, schon gestern einer Pressevorführung in Köln mit First Man in der Originalfassung beiwohnen zu können.

Während all die Dokumentarfilme über das Apollo-Programm kaum mehr zu zählen sind, war die Mission von Apollo 11 bislang nur ein einziges Mal Thema eines größeren Spielfilms, der 1996 in Folge des Kinoerfolgs von Apollo 13 für das US-Fernsehen produziert wurde – und nach Erinnerung dieses Bloggers auch gar nicht schlecht war und der doch vermeintlich auserzählten Geschichte neue, auch visuelle, Aspekte abgewinnen konnte. Von konkreten Plänen, die autorisierte Biografie First Man: The Life of Neil A. Armstrong von 2005 für die Leinwand zu verfilmen, war erstmals 2008 zu hören gewesen, nebst Spekulationen über zum Beispiel Brad Pitt als offensichtlichem Titelhelden. Geworden ist es aber Ryan Gosling, mit Damien Chazelle als Regisseur, ein inzwischen bewährtes (und reichlich Oscar-gesegnetes) Team.

Gosling gibt einen wundervollen – und diesem Blogger spontan sympathischen – Astro-Nerd, dessen trockene und präzise Antworten auch in emotionsgeladenen Situationen eins ums andere Mal ein wenig comic relief in den durchweg angespannten 2 Stunden und 20 Minuten beisteuern (und unter den Kölner Kritikern auch manchen Lacher produzierten). Denn auch wenn seine brillant von Claire Foy gespielte Frau Janet (die sich 1994 scheiden ließ und diesen Juni verstarb) zunehmend an Armstrongs weltraumwärts gerichteter Persönlichkeit verzweifelt, zeigt er doch gelegentlich Herz – auch in der Schluss-Szene des Films, die übrigens den Weg in einen der Trailer gefunden hat. Die Verschränkung der rasanten Raumfahrt-Geschichte mit den Härten des Astronauten-Lebens gelingt First Man durchweg souverän, der damit ein breites Publikum ansprechen dürfte: Die Balance kommt hin.

Der Erzählrhythmus ist allerdings etwas uneinheitlich und immer wieder von harten Sprüngen gekennzeichnet: Die betreffen insbesondere das Raumfahrtprogramm, wo jede Menge weg gelassen wurde (insbesondere die Mission Apollo 8, bei der Ende 1968 immerhin Menschen zum ersten Mal um den Mond kreisten). First Man beginnt mit einem Flug Armstrongs in einer X-15 am 20. April 1962, der beinahe schief geht: Das erlebt der Zuschauer völlig unvermittelt – einen Vorspann gibt es nicht! – und weitgehend aus der gebeutelten Perspektive Armstrongs, ganz so als ob der eine Action-Cam am Helm getragen hätte. Dieses Stilmittel durchzieht den ganzen Film, was Fans pathetisch ins Bild gesetzter L&R-Technik enttäuschen mag, aber einen ganz anderen Zugang zu der Materie und einen ungewöhnlichen Realismus der Erfahrung schafft. Wozu auch die schon von Apollo 13 gewohnte Flut von NASA-Abkürzungen in den Dialogen beiträgt …

Auch Armstrongs ersten seiner beiden Raumflüge erlebt der Zuschauer fast nur aus der Sicht der Hauptfigur: die Mission 1966 von Gemini 8 mit dem Andocken an ein Agena Target Vehicle – was bekanntlich beinahe in einer Katastrophe endete. Die heftige Rotation der Gemini-Kapsel wird allerdings derart schwungvoll ins Bild gesetzt, dass nicht nur die beiden Astronauten irgendwann die Orientierung verlieren; hier wären ruhige Blicke von außen durchaus hilfreich gewesen. Schon bald folgen das Feuer beim Apollo-1-Test im Januar 1967 (wie qualvoll die drei Astronauten starben, wird taktvoll ausgelassen) – und abrupt danach der Absturz von Armstrongs Lunar Landing Research Vehicle (alias „fliegendes Bettgestell“) im Mai 1968: nicht nur ein all zu harter historischer Sprung von mehr als einem Jahr sondern auch ein krasser emotionaler, denn wie Armstrong den Tod der drei Kameraden letztlich verarbeitet hat, bleibt unerzählt. „Hier fehlt doch was“, mag der Rezensent denken – aber angesichts der Länge des Gesamtwerks kann das auch ein Vorteil sein.

Als Film-Biografie unterscheidet sich First Man deutlich von den anderen beiden o.g. Meisterwerken (wobei Hidden Figures als später ‚weiblicher Begleiter‘ des Right Stuff nicht unerwähnt bleiben sollte): Die anderen Astronauten entwickeln nur wenig eigene Persönlichkeit, mit Ausnahme des schlecht weg kommenden Mond-Begleiters Buzz Aldrin, der öfters mal mit taktlosen Bemerkungen auffällt und allmählich eine eigenes Biopic verdient hätte. Das riesige Team in der Flugkontrolle – in Apollo 13 die eigentlichen Helden – und erst recht im Hintergrund bleibt Staffage. Und die amerikanische und globale Öffentlichkeit sowie die sowjetische Konkurrenz kommen praktisch nur indirekt vor, mit Ausnahme einer Demo schwarzer Aktivisten gegen das ‚weiße‘ Apollo-Programm. Ein ‚traditionellerer‘ Raumfahrt-Spielfilm wird First Man erst gegen Ende, wenn der Start von Apollo 11 nun doch in klassischer Weise bebildert wird und bekannte O-Töne zu hören sind bzw. nachgesprochen werden: Beim „giant leap for mankind“ kracht es erst etwas später.

Über die künstlerischen Freiheiten, die sich First Man – mit dem Autor der Buchvorlage als Co-Produzent – genommen hat, wird noch zu diskutieren sein, insbesondere was Abläufe während der EVA auf der Mondoberfläche betrifft. Aber die Optik vor allem der lunaren Szenerie – z.T. im IMAX-Format gedreht – und der immer wieder hautnah gezeigten Weltraumtechnik kann sich sehen lassen, wobei der überraschend kurze Abspann andeutet, dass viel mit echten Modellen und wenig mit Scharen von Computer-Künstlern gearbeitet wurde: ein würdiges Monument für das Apollo-Projekt, ein Dreivierteljahr vor dem 50-Jährigen der ersten Mondlandung. Und nun? Kein Kinofilm über das folgende halbe Jahrhundert US-Raumfahrt mit Skylab, Space Shuttle und ISS ist je gedreht worden – aber auch das ändert sich jetzt: Die Produktion von The Challenger über den Unglücksflug STS-51L von 1986 kommt nun voran, wohl wiederum primär als Biopic, über Christa McAuliffe.

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