Wohin will „Weihnachtskomet“ Wirtanen wohl?

Nach den jüngsten visuellen Helligkeits-Schätzungen – immer noch das relevante Maß für die Beurteilung der Sichtbarkeit eines Kometen – hat er etwa 7.0 mag. erreicht (Grafik oben), mit einem Komadurchmesser von einem knappen halben Grad (Mitte, in Bogenminuten) und einen sehr geringen Kondensationsgrad (unten, Degree of Condensation, Skaka 0 bis 10): Der kurzperiodische Komet 46P/Wirtanen, zeitweise als Ziel für die Raumsonde Rosetta vorgesehen, hat sich einen Monat vor dem nächsten Perihel am 12. Dezember (1.06 au Sonnenabstand) erwartungsgemäß entwickelt.

Denn er kommt dieses Mal der Erde besonders nahe (schon jetzt 0.20 au, Minimum am 16. Dezember nur 0.08 au), so dass seine Gesamthelligkeit deutlich stärker ansteigt als bei vergangenen Periheldurchgängen, als stets bei etwa 8 mag. Schluss war – aber das Licht verteilt sich auch über eine viel größere Fläche, so dass die Kometenkoma zu einer riesigen diffusen Scheibe wird, deren Durchmesser auf tiefen Fotos bereits 40 Bogenminuten erreicht hat.

Die Fortschreibung der Helligkeitsentwicklung der vergangenen zwei Monate – wie die Grafiken zuvor heute aus der internationalen Comet Observers Database erzeugt – lässt die Gesamthelligkeit noch bis auf knapp 4 mag. steigen: Das ist etwa so hell wie die Sterne der Deichsel des Kleinen Wagens (und eine Größenklasse schwächer als der schwächste Kastenstern des Großen Wagens), nur eben über die dann wohl mehrfache Fläche des Vollmonds verschmiert.

Extrapoliert man aus den Komadurchmesser-Schätzungen eines Beobachters (Marco Goiato, im Bogenminuten) aus besagter Database, dann würde Wirtanens Durchmesser am Himmel in der Nähe des Perihels (rote Marke) sogar 2 Grad überschreiten. Wobei natürlich die Helligkeit der Koma nach außen immer weiter abnimmt und irgendwann im Himmelshintergrund verschwindet: für den visuellen Beobachter definitiv, fotografisch ist aber noch einiges mehr heraus zu holen. Doch was das Auge – im Teleskop, Fernglas oder ohne Hilfsmittel – überhaupt sieht, hängt entscheidend von der Hintergrundhelligkeit des Himmels ab, die heute für die meisten vom Grad der Lichtverschmutzung abhängt. Auch relativ helle Kometen der letzten Jahre, die ihre Helligkeit nur der Erdnähe verdankten, haben sich bereits bei suburbanem Himmel schlicht unsichtbar gemacht, da hilft dann auch – und da irren leider auch die Experten („The Good News“) – kein Fernglas oder Fernrohr mehr, wenn der Himmelshintergrund die diffuse Kometenwolke schlicht verschluckt hat.

Hier noch einmal die komplette Helligkeitsentwicklung seit dem Frühjahr und Extrapolationen: oben für die Beobachtungen aus der Database, unten für Messungen nur des kernnahen Bereichs durch Astrometriker. Leider hat es ein Wirtanen-Perihel, das mit einer derartigen Erdnähe zusammen fällt, seit seiner Entdeckung 1948 nie gegeben, so dass die Erscheinung – oder Unsichtbarkeit – im Dezember schlicht nicht seriös vorhergesagt werden kann. Vielleicht hilft die Erfahrung mit der Riesenkoma von 17P/Holmes nach dem Ausbruch im Oktober 2007: Die Situation Wirtanens Mitte Dezember könnte der von Holmes im Januar 2008 ähneln. Der Öffentlichkeit einen tollen „Weihnachtskometen“ zu versprechen, wie es zunehmend geschieht, ist jedenfalls völlig unseriös! Was dagegen perfekt vorausgesagt werden kann, ist die Position Wirtanens am Himmel, und zumindest die lässt für Nordhemisphäriker nichts zu wünschen übrig! Denn Mitte Dezember steht er im Stier, erreicht Höhen von über 50°, und nach Mitternacht ist auch – extrem wichtig für den nötigen dunklen Himmelshintergrund – der zunehmende Mond untergegangen. Ein Fahrplan berechnet für Bochum, aber im Groben für weite Teile Europas gültig:

  • Um den 22. November: Wirtanen erreicht im Fornax erstmals mehr als 10° Höhe über dem Horizont, aber es ist Vollmond. Sonnenelongation 126°, Sonnenabstand 1.09 au, Erdabstand 0.16 au, Gesamthelligkeit vielleicht 6.5 mag.

  • 28. November: Kulmination des Kometen im Cetus in 16° Höhe, der Mond geht gerade auf – ein zweiwöchiges dunkles Fenster beginnt! Sonnenabstand 1.07 au, Erdabstand 0.13 au, ~5.5 mag.

  • 4. Dezember: Die Kulminationshöhe Wirtanens im Eridanus erreicht 25°. Fast Neumond. Sonnenabstand 1.06 au, Erdabstand 0.10 au, ~5.0 mag.

  • 10. Dezember: Der Komet – wieder im Cetus – kulminiert 40° hoch, zunehmender Mond längst untergegangen. Sonnenabstand 1.06 au, Erdabstand 0.08 au, ~4.5 mag.

  • 14. Dezember: Wirtanen im Taurus kulminiert 55° hoch, während der Mond kurz vor dem ersten Viertel gerade untergeht – Ende des optimalen Fensters. Weiter Sonnenabstand 1.06 au, Erdabstand 0.08 au, ~4.0 mag., etwa das erwartete Maximum.

  • 19. Dezember: Am Morgen Untergang des zu 83% beleuchteten Mondes, wenn Wirtanen im Perseus noch 35° hoch steht – danach dürften sich zumindest visuell die Bedingungen drastisch verschlechtern. Weiter Sonnenabstand 1.06 au, Erdabstand 0.08 au, ~4.5 mag.

  • Am Abend des 25. Dezember beginnt wieder ein langes dunkles Fenster vor Aufgang des abnehmenden Mondes, mit Wirtanen im Auriga 50° hoch. Sonnenabstand 1.07 au, Erdabstand 0.10 au, ~5.0 mag.
Bis zum 15. Januar – Sonnenabstand 1.15 au, Erdabstand 0.20 au – kann der Komet dann in bis in über 80° Höhe ohne Mond gesehen werden, während seine Gesamthelligkeit wieder unter 6 mag. fällt. Aber gleichzeitig der Durchmesser wieder schrumpft: Vielleicht ist Wirtanen gerade dann visuell am interessantesten – aber nur für Besitzer von Newton-Teleskopen oder Zenitprismen … Und mit großer Optik und speziellen Filtern gibt es schon jetzt Interessantes zu sehen: Eine „sequence of enhanced narrowband CN images, obtained during Nov. 1-4 […] reveal at least two rotating spiral-arc structures in the coma“, hieß es gestern im CBET #4571 vom Lowell Observatory. „Images obtained on Nov. 1, 2, and 4 show nearly identical morphology, with the first pair indicating that the rotation period is a sub-multiple of about 26.5 hr. The sequence of images was phased to periods around 13.3, 8.8, 6.6, 5.3 and 4.4 hours, with the smoothest apparent motion resulting for a value of 8.91 +/- 0.03 hr, which is assumed to represent the rotation period of the nucleus“ – die auch stabil zu sein scheint.

Hier noch kurze Anmerkungen zu Wirtanen auf einem NASA-Meeting im Sommer. Aus der Amateurszene (aber mit z.T. sehr großem Gerät!) ganz aktuelle Aufnahmen – z.T. schon mit einem langen schmalen Schweif – hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier und vom 8. November (mehr, mehr und mehr und im Vergleich mit dem 6.11.), 7. November (mehr, mehr und mehr), 6. November (mehr), 4. November (mehr), 3. November (mehr und mehr), 2. November, 29. Oktober (mehr) und 27. Oktober. Und Webseiten zu Komet Wirtanen, auf denen zumindest die Aufsuchkarten nützlich sein dürften, und Vorschau-Artikel gibt es inzwischen eine Menge: zum Beispiel hier (von einer internationalen Pro-Am-Kampagne), hier (eine Kampagne speziell zur Koma-Morphologie), hier (jede Menge Tabellen), hier (jede Menge Karten), hier (jede Menge Himmels-Ansichten), hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

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Eine Antwort to “Wohin will „Weihnachtskomet“ Wirtanen wohl?”

  1. Allgemeines Live-Blog vom 28. 11. bis 2. 12. 2018 | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] Entwicklung von Komet 46P/Wirtanen entspricht den Erwartungen, die hier vor drei Wochen vorgerechnet wurden: Die Helligkeit hat nach den letzten visuellen Schätzungen rund 5.0 mag. erreicht und folgt […]

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