SpaceShipTwo schafft es in eine Art Weltraum

Ist heute zum ersten Mal in der Geschichte des Planeten ein Vehikel in den Weltraum gelangt, das speziell dafür entwickelt wurde, um in Zukunft zahlende Passagiere mitzunehmen, beim ersten Raumflug mit einem amerikanischen Raumschiff seit 2011 und dem ersten privaten seit 2004 – oder ist nichts von alledem gesehen? Das SpaceShipTwo der Firma Virgin Galactic ist bei seinem vierten Flug unter Antrieb nach 60-sekündigem Brennen des Motors 82.7 km hoch gekommen: Das liegt knapp über der Grenze von 50 (Land-)Meilen = 80.5 km, ab der die U.S. Air Force, die NASA und ihnen folgend die amerikanische Flugaufsicht (FAA) einem Passagier die ‚astronaut wings‘ verleihen – aber weit unter den 100 km, die international als Grenze zum Weltraum gelten und die es nach aktuellen Reglement der maßgeblichen Fédération Aéronautique Internationale (FAI) zu knacken gilt, um eine anerkannte Leistung im Weltraum zu vollbringen.

Nicht erst seit klar geworden ist, dass es das SpaceShipTwo nie so weit bringen wird (im Gegensatz zum SpaceShipOne, das 2004 bei seinen letzten drei Flügen jeweils etwas über 100 km hoch kam), wird allerdings über die Grenze des Weltraums debattiert, und gewichtige Argumente für nur 80 km – namentlich dieses wissenschaftliche Paper (die Autoren-Version und ein Vortrag dazu) – haben die FAI letztens zum Nachdenken gebracht, mit vielleicht einer offiziellen Neubewertung zur Folge. Dazu muss allerdings erst einmal ausgiebig auf internationalem Parkett diskutiert werden, aber sollte die Grenze des Weltraums wirklich verringert werden, dann würden alle Leistungen ab dem Zeitpunkt dieser Mitteilung – dem 30. November – rückwirkend anerkannt, der heutige SS2-Insasse Mark Stucky also nachträglich ein ‚echter‘ Astronaut. Sein Kollege an Bord C.J. Sturckow muss sich da keine Gedanken machen, war er doch einst per Shuttle viermal auf der ISS. Allerdings ist keinesfalls jeder überzeugt, dass 80 km besser als 100 km sind, es gibt sogar Argumente für bis zu 120 km (2. Vortrag), und auch die treibende Kraft hinter den 80 km muss zugeben, dass es auf Feinheiten ankommt: Wenn man länger in einer Kreisbahn bleiben will, sind 120 km eine gute Idee – 80 km dagegen nur als Apogäum einer stark elliptischen Bahn.

Hier allerdings geht es um suborbitale Flüge, bei denen ausschließlich von unten am Limit gekratzt wird, und da wird vielleicht der Markt entscheiden: Der einzige verbliebene Virgin-Galactic-Konkurrent für suborbitale Touristenflüge Blue Origin nimmt mit seiner Passagier-Kapsel New Shepard die 100 km nämlich spielend … Auch weitere Bilder vom Tage hier, hier, hier [alt.], hier und hier, Videoclips hier, hier und hier, Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier und vorher Press Releases von Virgin Galactic und der NASA, die erstmals Experimente an Bord hatte, und Artikel hier, hier, hier und hier. NACHTRÄGE: ein Virgin Galactic Release, was Branson sich denkt, ein weiterer Videoclip vom Flug, weitere Artikel hier, hier, hier und hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, TV-Beiträge hier und hier, alle Flüge des SS2 und Leute, die mind. 80 km hoch kamen, die Entwicklung der Sicherheit von Flugzeugen und was das mit Virgin Galactic zu tun hat – und ein Fazit von Alfred E. Neumann

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3 Antworten to “SpaceShipTwo schafft es in eine Art Weltraum”

  1. Alderamin Says:

    Ist heute zum ersten Mal in der Geschichte des Planeten ein Vehikel in den Weltraum gelangt, das speziell dafür entwickelt wurde, um in Zukunft zahlende Passagiere mitzunehmen

    Nicht ganz, Bezos‘ New Shepard war bekanntlich schon viel früher und höher oben. Dies war nur der erste bemannte Flug eines solchen Geräts in diese Höhe. Man muss schon eine Menge Zusatzbedingungen beifügen, damit es ein Rekord war, den man Branson dennoch gönnen darf. Lange hat er darauf warten müssen.

    • skyweek Says:

      Stimmt, es hätte ganz exakt heißen müssen, dass das erste speziell für Suborbitaltouristen entwickelte Vehikel mit Leuten drin eine Höhe erreicht hat, die manche für den Weltraum halten und andere nicht. (Und … hatte der New Shepard bei seinen letzten Demo-Flügen bereits ein funktionsfähiges Lebenserhaltungssystem an Bord?)

  2. Alderamin Says:

    Darüber finde ich nichts im Netz. Einerseits sollte aber das Absaugen der Luft durch ein Lithiumhydroxid-Filter, Frischlufteinspeisung durch eine Sauerstoffflasche und eine Klimaanlage nicht die größte technische Herausforderung bei so einem Flug sein. Und andererseits testet man sowas am besten am Boden und mit einer atmenden CO2-Quelle. Da man eine Weile nicht mehr geflogen ist und vermutlich sehr bald schon Menschen mitfliegen sollen, könnte der Testfokus derzeit auf genau solchen Kleinigkeiten liegen.

    Aber solche Details verrät eine kluge Firma nicht nach außen, sonst fragt am Ende noch jemand, warum es so lange dauere und ob es Probleme gebe. Deswegen gibt’s auch keinen kommunizierten Termin für den ersten Touristenflug (mit seinen Mutmaßungen hat sich Branson da keinen Gefallen getan). Es dauert eben so lange, wie es dauert, dann ist auch keiner beunruhigt, wenn es länger dauert als angekündigt.

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