Himmelsglühen bis Leuchtpilz: AKM-Treffen 2019

Von Innovationen bei elektronischen Feuerkugel-Kameras über Halos, die wiederum Halos erzeugen, bis zu leuchtenden Pilzen reichte das wieder einmal besonders breite Spektrum der Vorträge beim 39. Treffen des Arbeitskreises Meteore vom 15. bis 17. März im Urwald-Life-Camp Lauterbach im Nationalpark Hainich bei Eisenach in Thüringen, der selbst wiederum zum europaweiten UNESCO-Weltnaturerbe Buchenwälder gehört. Es war der erste Tagungsort in der Geschichte des AKM, der ein zweites Mal aufgesucht wurde: Seine zentrale Lage in Deutschland, die angenehmen Bedingungen und ein perfektes Preis-Leistungs-Verhältnis haben gar schon zu Überlegungen geführt, Lauterbach zum Stammplatz der Jahrestreffen – siehe Berichte von 2018 und 2017 – zu machen, die zu in etwa gleichen Teilen die ’normale‘ Meteor- und Halo-Beobachtung und mitunter höchst kuriose Randgebiete der Astronomie und Naturbeobachtung abdecken [NACHTRAG: mehr Bilder].

Gleich vier All-Sky-Systeme zur Aufzeichnung von Feuerkugeln waren das Thema von drei Referaten zu Beginn und Ende der Tagung (ein Referent hatte die falsche Präsentation mitgenommen und musste erst ins nächste Dorf fahren, um per Internet die richtige zu beschaffen :-). Jörg Strunk experimentiert mit der ASI 178 MM, die 6 Megapixel große Bilder liefert und automatisch die Helligkeit regelt, so dass auch der Mond am Himmel nicht stört (oben eine geshutterte Feuerkugel). Sirko Molau verglich die beiden fertig gelieferten Systeme FRIPON und AllSky6, die speziell für die Feuerkugel-Detektion entwickelt wurden, Interessenten für rund 2000 bzw. 800-1100 Euro zur Verfügung gestellt werden und sehr verschiedene Ansätze verfolgen. Das französische FRIPON mit einer einzelnen Kamera ist einfach und robust und ziemlich ausgereift, aber ein kommerzielles und weitgehend geschlossenes System. Über 150 dieser Kameras sind bereits in Europa im Einsatz, sie decken den ganzen Himmel ab, mit allerdings nur 5 Pixeln pro Grad und einer Grenzgröße von -4 mag.

Ein AllSky6-System (oben) besteht aus 6 Kameras, die in der ersten Version des Himmel nur lückenhaft abdeckten (das ändert sich gerade), dafür aber mit 25 Pixeln pro Grad und Grenzgröße +2 mag. Die hohe Auflösung bei geringerem Preis ist der Vorteil, dafür ist AllSky6 noch in einer „Reifephase“ und mehr für experimentierfreudige Nutzer – deren Feedback fließt aber erkennbar schnell in die Entwicklung ein, während sich FRIPON eher wie eine Blackbox verhält. Was übrigens auch für die Daten der eigenen Kamera gilt, die bei AllSky6 lokal zur Verfügung stehen und bei FRIPON nur mit Mühe zu erhalten sind. Die MOBOTIX-Q25-Kameras schließlich, die André Knöfel vorstellte, sind eigentlich Überwachungskameras, die an Decke montiert nach unten schauen. Ihre Fischaugen-Optik aber erweist sich als Feuerkugel-tauglich (in der Mitte zwei im Test am Meteorologischen Observatorium Lindenberg), und die Empfindlichkeit steigt mit jedem neuen Modell (richtig fette Boliden wie am 14. Februar sind schon zuviel des Guten; unten ein harmloser Fall). Hier kostet ein Gesamtsystem etwa 1500 Euro – und ist dem normalen harten Einsatz in der Sicherheits-Branche entsprechend außerordentlich robust.

Eine ganz spezielle Feuerkugel während der Perseiden 2018 diskutierte ausführlich Bernd Gährken, die Peter Slansky und ihm u.a. vor eine Sony Alpha7s geraten war. Nicht nur konnte der folgende Persistent Train in hoher Auflösung dokumentiert werden, es gab auch eine Parallelbeobachtung in Tschechien, mit der zusammen die dreidimensionale Flugbahn berechnet werden konnte. Und die Farbkamera registrierte ein mysteriöses blaues Glühen in der Nähe der Meteorbahn, das sich trotz aller Bemühungen nicht als Kamera-Artefakt wegdiskutieren ließ und daher für ein reales geophysikalisches Phänomen gehalten wird. Was allerdings hinter diesem ‚Gährken Glow‘ oder ‚Slanskyschein‘ physikalisch steckt, ist noch völlig rätselhaft. Die betreffende Feuerkugel zumindest ist ideal dokumentiert: Es wurde auch ein Radioecho von ihrer Ionisationsspur empfangen.

Mit bistatischer Radiobeobachtung von Meteoren beschäftigte sich auch Georg Dittié, der in Königswinter ein vollautomatisches System mit dem belgischen Beacon in Dourbes als besonders stabilem Sender betreibt: In über 800 Tagen sind 500 Gigabyte Daten (in Gestalt archivierter Wasserfall-Diagramme) zusammen gekommen, die nun einer systematischen Auswertung harren. Dopplereffekte an den Echos sind oft deutlich erkennbar, womit sich die Raumgeschwindigkeit der Meteore ableiten lässt. Auch die klassisch-visuellen Meteorbeobachter im AKM sind erfolgreich, wie Jürgen Rendtel (im Rahmen der Mitgliederversammlung) berichten konnte: 2018 haben 21 Beobachter zusammen genau 725 Stunden lang an den Himmel geschaut und dabei 16’396 Meteore gesichtet – allein im August so viele wie im ganzen Jahr 2017. Neben den mondfreien Perseiden waren 2018 besonders die Draconiden interessant, die – nach zuletzt 2011 und 2012 – einen schönen (und vorausgesagten) Ausbruch lieferten (ganz unten): Die visuelle ZHR erreichte 120 bis 160 (Grafik). Diesen Oktober ist leider keine Wiederholung in Aussicht, und der nächste ordentliche Schauer mit auch guter Mond-Lage sind sogar erst wieder die Quadrantiden 2020 (Tabelle).

Das zweite große Thema des AKM, Halos und andere Erscheinungen der atmosphärischen Optik, wurde in Lauterbach von drei Seiten beleuchtet. Zum einen natürlich in traditionellen Jahresrückblicken der Highlights 2018 von Claudia Hinz in Musikvideo- und Vortragsform und einem weiteren Referat zu Refraktionseffekten an Wolken. Besonderes Aufsehen erregten dabei zwei Extra-Videos: einmal Gerd Franzes Wolkenspiegelung (oben) – und ein urkomischer Dashcam-Zeitraffer eines Beobachters, der kreuz und quer über Dorfstraßen und Feldwege einem besonders ausgeprägten Halophänomen hinterher jagte. Zu feiern gibt es heuer 40 Jahre Halo-Beobachtung im AKM, denn seit dem 1.1.1979 wird systematisch beobachtet: Es ist die längste durchgehend aktive Halo-Gruppe weltweit. Wobei freilich die längsten Beobachtungsreihen im Mitgliederkreis 60, 55 und 54 Jahre währten, da manche schon lange vorher begonnen hatten. Vom Beginn der elektronischen Erfassung 1986 bis 2018 wurden 170’371 Haloerscheinungen registriert, die meisten an der Sonne und fast alle von Cirren verursacht.

Ein besonders exotisches Thema behandelte Alexander Haußmann: Können Halos selbst wieder Haloerscheinungen hervorrufen? Mitunter sind Halos ja relativ kompakt und hell, und ihr Licht könnte weitere Reflexion, Brechung und Beugung erfahren. Haußmann wusste von immerhin neun derartigen Mehrfachstreuungshalos zu berichten, die tatsächlich nachgewiesen wurden, etwa Nebensonnen von Nebensonnen, 22°-Ringen an Untersonnen oder Nebensonnen des oberen Berühungsbogens (hier ein besonders beachtliches schwedisches Display vom letzten Dezember). Ein regelmäßiges AKM-Thema, leuchtende Nachtwolken, wurde diesmal hintangestellt: Die quantitative Auswertung wird durch ständige unkontrollierte Fortschritte der Fototechnik – die inzwischen praktisch jedes Jahr zu nächsten „Rekordjahr“ machen – immer schwieriger. Dasselbe gilt für die wenigen Polarlichter in Deutschland 2018, die durch energische Bildverarbeitung beeindruckender wirken als sie waren. Im Gegensatz dazu natürlich die tatsächlich hellen skandinavischen, die in einem isländischen Silvester-Zeitraffer von Ina Rendtel zur Vorführung kamen – und in einem Vortrag über einen Beobachtungsflug von Clara Dittié, mit 11 Jahren der mit Abstand jüngsten Referentin der AKM-Geschichte.

Unter den weiteren Themen des 39. Seminars bildete die Mondfinsternis von diesem Jahr gleich zu Beginn einen kleinen Schwerpunkt: Andreas Möller und Elmar Schmidt hatten sie am nordmexikanischen Observatorio de San Pedro Mártir unter erschwerten Bedingungen beobachtet, denn insbesondere die partiellen Phasen waren stark von durchziehenden Wolken beeinträchtigt. Trotzdem gelang Schmidt die Messung der Gesamthelligkeit des total verfinsterten Mondes zu -2.0 mag. mit nur einem Fehler von ±1/4 Größenklasse, dank des zuvor unter besten Bedingungen photometrierten Sirius als Vergleichsstern. Damit war die Finsternis exakt so dunkel wie die vom Juli 2018, als der Mond mitten durch den Kernschatten gelaufen war, und mithin „zu dunkel“ für eine mit nur ‚flachem‘ Eindringen in die Umbra. Zwar gibt es generelle Korrelation von Eindringtiefe und Dunkelheit aber mit gewaltigen Residuen – und keiner überzeugenden Theorie für den Mechansimus hinter der Variationsbreite.

Da Mondfinsternisse leider ziemlich selten sind und außer von Schmidt von kaum jemand mit hoher Genauigkeit fotometriert werden und v.a. wurden, ist die Datenbasis für etwaige Hypothesen leider ziemlich begrenzt – und die Umbrahelligkeit als Sensor für bestimmte Zustandsgrößen der Erdatmosphäre leider kaum zu gebrauchen. Das Wolkenproblem von Mexiko hat immerhin einen ungeplanten Bogen zum Hauptthema Halos geschlagen: Visuell war nämlich noch bis 9 Minuten vor der Totalität ein 22°-Ring zu erkennen und 8 Minuten nach ihrem Ende erneut einer. Fotografisch ließ sich der Ring jeweils noch einige Minuten näher an die Totalität heran nachweisen, während dieser jedoch selbst durch das Stacken Dutzender Einzelbilder nicht. Derselbe Effekt also, der Beobachter 2017 bei der letzten totalen Sonnenfinsternis verblüfft hatte: Der Helligkeitsunterschied zwischen Halo und Lichtquelle muss schlicht so groß sein, dass ersterer einfach unter jedwede Nachweisgrenze fällt, wenn die Sonnen- bzw. Mondhelligkeit in der Totalität um viele Größenordnungen abgestürzt ist.

Bleiben noch fünf Vorträge, um den Reigen abzuschließen: Jürgen Rendtel fragte sich, warum man vom Observatorio del Teide auf Teneriffa das Kreuz des Südens komplett sehen kann, obwohl dessen südlichster Stern Acrux eigentlich 1.4° unter dem Horizont stehen müsste. Die Refraktion schafft das nicht, da sie ein Objekt am Horizont bestenfalls um etwa 1/2° anheben kann – aber der Kimmtiefe durch die 2.4 km Höhe des Beobachtungsortes über NN gelingt dies ohne Weiteres, denn der Horizont wird dadurch auf erstaunliche 91.6° vom Zenit entfernt. Frank Wächter demonstrierte, dass man im Bayerischen Wald – namentlich an einem entlegenen Grenzübergang nach Tschechien bei Waldhäuser – nicht nur den Gegenschein fotografieren (und auch sehen) kann, sondern sogar die noch lichtschwächere Lichtbrücke, die ihn mit den Zodiakallicht-Pyramiden zum Zodiakalband verbindet.

Christian Fenn erläuterte in großem Detail den Bau einer Gartensternwarte (unter den eher exotischen Rahmenbedingungen eines Süd-Steilhangs und unter kreativer Interpretation des Baurechts – eine Schiebedachhütte ist eigentlich ein Zaun …), Ulrich Sperberg faszinierte mit Astronomie und vor allem atmosphärischer Optik auf alten Sammelbildern namentlich eines Herstellers von Fleischextrakt (bei Darstellungen von Meteorschauern fliegen grundsätzlich immer welche quer) – und Bernd Gährken schilderte seine Abenteuer mit dem Leuchtpilz Panellus stipticus, dem einzigen Pilz, bei dem auch das Mycel leuchtet. Ein Spektrum dieses schwachen „Foxfire“ – dem Vernehmen nach Linien-Emission – aufzunehmen gelang zwar noch nicht, wohl aber die Fotometrie der Reaktion des Pilzes auf allerlei äußere Einflüsse. Da muss noch mehr geforscht werden – und egal was Pilze, Halos oder Feuerkugeln in den kommenden 12 Monaten vor haben: Auf dem nächsten AKM-Seminar (über dessen Ort noch kein Beschluss gefasst wurde) wird man davon hören.

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