Archive for 19. März 2019

Allgemeines Live-Blog vom 19. März 2019

19. März 2019

Da fliegen die Felsbrocken los, die Bennu ausgespuckt hat

bei einer seiner mindestens 11 Eruptionen (siehe unten „Asteroid Bennu ist aktiv …“), die OSIRIS-REx bei intensiven Beobachtungen zwischen dem 19. Januar und 18. Februar beobachtet hat und von denen drei Dutzende bis über 100 Steine von Zentimeter- bis mehreren Dezimeter-Größe ausgeworfen wurden. Hier wurden eine 1.4-ms-Aufnahme des Asteroiden und die Partikelwolke vom 19. Januar 5 Sekunden lang belichtet zusammen montiert. Die Steine wurden bei jeder Eruption gleichzeitig und von derselben Stelle aus „abgeschossen“, wobei die Orte auf der Oberfläche noch bestimmt werden müssen. Sie flogen mit Zentimetern bis mehreren Metern pro Sekunde ab, wobei die langsameren mitunter Wochen lang verfolgt werden konnten: als natürliche Satelliten oder am Ende auf die Oberfläche zurück regnend. Der Mechanismus dieser Stein-‚Geysire‘ ist noch völlig unklar: Das Perihel Bennus auf seiner elliptischen Bahn (0.89 bis 1.35 au Sonnenabstand) am 10. Januar mag eine Rolle gespielt haben, aber niemand weiß, wie lange das schon so geht – denn das gänzlich unerwartete Phänomen wurde nur zufällig bei lang belichteten Navigationsaufnahmen entdeckt! Nach Einschätzung dreier unabhängiger Analyse-Gruppen gefährdet es die Sicherheit von OSIRIS-REx aber nicht – aber bei anhaltender Aktivität des Asteroiden könnte es immer Ende September einen kleinen Meteorschauer (für die Südhemisphäre der Erde) geben.

Problematisch ist dagegen – für das Proben-Einsammeln – die extreme Felsendichte auf der Oberfläche: oben ein Schrägblick auf den Bennu-Rand vom 7. März aus 5 km Abstand; der helle große Brocken misst 7.4 Meter. Eigentlich sollte OSIRIS-REx eine Zielgenauigkeit von einem Kreis von 25 Metern Radius erreichen, aber wie das Beispiel unten zeigt, ist in jeder sol großen Zone nur ein kleiner Teilbereich geeignet. Deswegen soll nun für das entscheidende Manöver im Sommer 2020 ein viel genauerer Anflug namens Bullseye TAG benutzt werden: Dazu sollte die Raumsonde nach den bisher exzellenten Erfahrungen mit ihrer Navigation in der Lage sein.

Zu weiteren frühen Erkenntnissen der Mission, die gerade auf einer Telecon mit diesen Visuals und Press Releases hier, hier, hier, hier und hier präsentiert wurden, gehört die chemische Zusammensetzung der Oberfläche, die Spektren zufolge Magnetit enthält – und die Zunahme der Rotationsgeschwindigkeit: aufgetragen ist die relative Helligkeit in 0.02-er Schritten gegen die Zeit in 0.02 Tagen. Nur der schwarze Fit mit einer YORP-Beschleunigung passt, eine früheres Modell der Beschleunigung (orange) oder eine konstante Rate seit 2009 (grün) nicht. Leider ist das wissenschaftliche Paper zur Rotation das einzige von insgesamt sechs heute, das Open Access ist: aus anderen wenigstens ein Aufmacher, eine Gesamtkarte, etliche Neigungs-Karten und diverse Spektren sowie Artikel hier, hier, hier, hier und hier.

Unmittelbar vor der Telecon hatte es eine Pressekonferenz zu Hayabusa 2 bei Ryugu gegeben, auf der zum einen neue Animationen von der Landung in Februar gezeigt wurden (die auf einen Meter genau gelang!) und die drei – diesmal alle Open Access – Papers hier, hier und hier zu ersten Erkenntnissen über den Asteroiden diskutiert wurden. Z.B. mit diesem Gestaltmodell aus 314 Aufnahmen, aus unterschiedlichen Richtungen gesehen: Die Kreisel-Form lässt sich am besten durch schnellere Rotation in der Vergangenheit verstehen.

Die Albedo Ryugus ist noch geringer als bei einem Modell, das bei der PK gezeigt wurde, und beträgt nur etwa 1.7%! Und Spektraluntersuchungen mit Hayabusas NIRS3-Instrument – hier auf das Gestaltmodell projziert – sprechen für einen in der Zusammensetzung homogenen Trümmerhaufen (mit über 50% Porösität übrigens). Er bildete sich aus den von einem Impakt erzeugten fragmenten eines undifferenzierten Usprungskörpers (mutmaßlich Asteroid Polana oder Eulalia), dessen Gestein aber durch Wasserkontakt verändert worden war – und dann durch radiogene Wärme wieder eines Großteils der hydrierten Minerale verlor.

Und hier etwa soll am 5. April der künstliche Krater geschlagen werden, den sich Hayabusa 2 dann bei einem weiteren Abstieg zwei Wochen später aus der Nähe anschauen soll. Eine zweite Probenentnahme ist Monate später geplant, die dritte aber fällt vermutlich aus, weil letztes Jahr zu viel Zeit für die Suche nach sicheren Stellen auf dem ebenfalls extrem felsenreichen Körper gesucht werden musste. Die schon abgesetzten MINERVA-Lander liefern zwar längst keine Daten mehr – aber ganz ausgefallen sind sie offenbar noch nicht: Man wird versuchen, sie noch einmal zu aktivieren. Auch Artikel hier, hier, hier, hier, hier und hier sowie ein weiteres erfolgreiches Bahnmanöver von Beresheet, mal wieder Venera D angedacht, die Suche nach Lösungen für InSights Maulwurfs-Problem, der Systems Test 1 am NASA-Mars-Rover 2020 – und mal wieder Planänderungen für Orion und Co. in Arbeit. [21:25 MEZ – Ende. NACHTRÄGE: die Bennu-Gesamtkarte, ein rotierendes 3D-Modell und weitere Artikel zu Bennu hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, zu Ryugu hier, hier, hier und hier und zu Beresheet hier, hier, hier und hier]

Der Reflektionsnebel NGC 1788 auf einem VLT-Bild mit IR-Anteil, nur ein tief im Staub steckender Sternhaufen lässt ihn sichtbar werden. Auch die Restaurierung des Perth-Astrografen, 15 Jahre Highlights des Faulkes Telescope, ein scharfer Jupiter von vorgestern aus Australien, der dritte Supermond 2019 vor der Tür (nebst dem ersten Oster-Paradoxon des 21. Jahrhunderts; mehr und mehr), in Deutschland und Spanien Artikel über SoFi-Fans – und weitere Schritte zum Verständnis des merkwürdigen STEVE. [15:55 MEZ]

Asteroid Bennu ist aktiv und „startet“ eigene Mini-Monde!

Die größte Überraschung der Mission von OSIRIS-REx zu Bennu wurde gerade auf einer Tagung verkündet: 11-mal hat der Asteroid seit der Ankunft des Orbiters Felsen-Material ausgestoßen, von dem manches auf hyperbolischen Bahnen, anderes aber auf Orbits um den Mini-Körper – oben Nahaufnahmen von Ende Februar – gelandet ist. Der Mechanismus dieser Aktivität ist unklar. Außerdem rotiert Bennu immer schneller, was aber durch den YORP-Effekt gut verstanden ist. Die meisten Impaktkrater liegen auf dem erhöhten ‚Rand‘, der also älter ist als der Rest des Körpers, der die Form eines 505.6±0.1 x 492.4±0.2 x 457.4±0.3 Meter großen Ellipsoids hat. Um 18:30 MEZ gibt’s auch eine Pressekonferenz zu OSIRIS-REx – und zuvor um 17:45 MEZ eine zu Hayabusa 2. Diese komplementäre Mission zu Ryugu (der übrigens exakt die Dichte Bennus hat, 1.19 g/cm³) war bereits gestern Gegenstand einer Pressekonferenz in Japan zum aktiven Krater-Machen am 5. April: die japanischen Slides und eine englische Zusammenfassung. Außerdem die Dawn-Kameras für Hera (wenn diese ESA-Asteroiden-Mission denn kommen sollte), über 500 neue Krater auf dem Mond seit Ankunft des LRO, ein Kostenproblem beim NASA-Marsrover 2020 – und ein Interview mit dem ESA-Wissenschafts-Chef in Korea. [15:40 MEZ]

Start einer Delta IV mit dem 10. Wideband Global SATCOM (WGS-10) für die U.S. Air Force in der Nacht 15./16. März auf der Cape Canaveral Air Force Station: Press Releases hier und hier, Artikel hier und hier, mehr Links und mehr Fotos in diesem Album [NACHTRAG: und diesem] und hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier – auch der Start von REXUS 26, der kommende CubeSat CatSat, die bevorstehenden EVAs auf der ISS und der Beginn einer simulierten Mondreise in Moskau. [15:15 MEZ]

Ein Airburst mit 40% Chelyabinsk-Energie letzten Dezember

ist erst vor zehn Tagen bekannt (gegeben) worden: Eine kosmische Explosion über der Bering-See – schon wieder Russland – wurde per Infraschall nachgewiesen [NACHTRAG: ein weiterer Nachweis], und ihre Infrarot-Beobachtung durch US-Frühwarn-Satelliten erscheint inzwischen in deren öffentlicher Tabelle auf dem zweiten Platz, wenn man die letzte Spalte durch zweimaliges Anklicken ihrer Überschrift absteigend nach der berechneten gesamten Explosions-Energie sortiert. Diese entsprach demnach bei dem Airburst am 18. Dezember 2018 um 23:48 UTC etwa 173 Kilotonnen TNT, gegenüber den 440 kt von Chelyabinsk auf Platz 1. Der Impaktor hatte eine Masse von ~1400 Tonnen und ~ 10 m Durchmesser, trat sehr steil mit 32 km/s in die Atmosphäre ein – und die dort noch hängende Rauchwolke seines Airbursts nebst ihrem Schatten wurde vom japanischen Wettersatelliten Himawari 8 erfasst: oben ein Ausschnitt aus einem Bild von 23:50 UTC, dahinter sowie hier und hier andere Zoom-Stufen plus das Erscheinen der Wolke in Schwarz-Weiß (Bildpaar in 10 Minuten Abstand) und weitere Darstellungen der Bilder [NACHTRÄGE: plus eine bemerkenswerte Animation, und noch eine, der verwehenden Wolke sowie ein noch schärferes aber senkrechtes Bild von Terra mit MODIS aufgenommen und der Ort des Airbursts]. Auch Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier [NACHTRAG: und hier, hier, hier, hier und hier] sowie ein Video einer Feuerkugel über Russland vor ein paar Tagen, ein alter schottischer ‚Impakt‘, der sicher keiner war, eine ausgiebige Analyse der Leoniden 2018 und der Komet gewordene Asteroid Gault am 9. und 8. März. [2:05 MEZ]