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Auf dem ersten Amateur Astronomy Day der IAU

13. April 2019

Die Internationale Astronomische Union hatte geladen: in denselben Palais des Academies in Brüssel, wo sie vor 100 Jahren gegründet worden war. Und das hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar in jenem (ehemaligen Thron-)Saal stattfgefunden, in dem heute der IAU100 Amateur Astronomy Day abgehalten wurde, als Abschluss mehrtägiger Feierlichkeiten zum Jubiläum: über 100 Bilder dieses Bloggers, auch eine Auswahl und Bilder & Notizen anderer hier, hier, hier, hier, hier, hier (mehr, mehr, mehr, mehr und mehr) und hier [NACHTRAG: und ein kurzer Bericht des Veranstalters].

Dass die IAU die Bedeutung von Amateurastronomen für Forschung wie Outreach zunehmend anerkennt, war schon auf der letzten Hauptversammlung 2018 angeklungen („Strategischer Plan der IAU nennt auch Amateurastronomen“), aber auch diesmal wurde nicht wirklich klar, was das für praktische Folgen haben würde. Zwar war die IAU-Präsidentin Ewine van Dishoeck zu Beginn wie Ende des inhaltsreichen Tages – der zeitweise in zwei Parallel-Sessions ablief – des Lobes voll, deutete aber nur an, dass vielleicht in 10 Jahren konkrete Pro-Am-Strukturen etabliert sein könnten. (Sie nahm immerhin den Vorschlag dieses Bloggers wohlwollend zur Kenntnis, verdienten Amateuren bei den sündhaft hohen Tagungsgebüren der Vollversammlungen entgegen zu kommen.)

Ein Running Gag des Tages wurde diese Amateur-Astronomen-Pyramide aus einem Vortrag der AAVSO-Direktorin Stella Kafka: Sie sind schon ein Völkchen mit großer Variationsbreite. In Brüssel standen sowohl Spitzenleistungen auf dem Programm als auch cleveres Crowd-Sourcing, um astronomisch relevante Ergebnisse zu erzielen. (Die AAVSO, einst zur Koordinationen von Amateur-Beobachtungen zur Unterstützung des Harvard Observatory gegründet, hat übrigens schon über 38 Millionen Messungen in ihrer Datenbank.)

Den erstaunlichen technischen Stand der amateurastronomischen Technik verdeutlichte Johan Knapen mit diesem Vergleich von Serien von Spektren – vor 1/4 Jahrhundert mit einem Teleskop der 4-Meter-Klasse und letztens mit einem Celestron 11. Als bedeutenden Amateur-Beitrag zu einem bekannten Stern nannte er die Pulsationen von AR Sco. Knapen verwies auch auf Dwarf Galaxy Survey with Amateur Telescopes, die besonders flächenschwache Strukturen erfassen – und die genaue Bahnbestimmung des Chelyabinsk-Boliden aus zahlreichen Dashcam-Videos: Deren Betreiber waren nun sogar Amateurastronomen ohne eigenes Zutun.

Indem er Zufallsbeobachtungen einer ganzen Reihe von Video- und Fotografen zusammentrug, konnte Jorge Zuluaga aus Kolumbien eine Fülle von Erkenntnissen über den Impakt während der letzten Mondfinsternis gewinnen, die z.T. bereits in diesem Paper stehen. Den Krater-Durchmesser berechnet er jetzt zu 8 Metern – und die Position ist ziemlich genau abgeleitet worden. Zuluaga wusste zu berichten, dass sie der Lunar Reconnaissance Orbiter nun auf der Zielliste hat. Es war nicht sein erster Erfolg mit Crowdsourcing: Vor ein paar Jahren hatte er so die Lichtgeschwindigkeit und Entfernung des Mondes bei einer Mars-Bedeckung durch denselben bestimmen können.

Im Rahmen der Tagung traten auch ein paar Fachastronomen mit aktueller Forschung auf – von denen ausgerechnet Martin Hendry vom LIGO-Projekt wohl den direktesten Bezug zur Amateurastronomie herstellen konnte, dank der nun offenen Datenpolitik des Runs O3. Nach dem ersten Ereignis am 8. April hat es gestern das nächste gegeben, erneut ein verschmolzenes Schwarz-Loch-Paar. Solcherlei Ereignisse werden jetzt etwa 1-mal pro Woche erwartet (passt), die viel interessanteren von verschmelzenden Neutronensternen etwa einmal im Jahr. Clevere Wege müssen noch gefunden werden, für das Dutzend Quadratgrad am Himmel, wo die Quelle irgendwo saß, sofort eine Liste vielversprechender Kandidaten-Galaxien zu erstellen, die dann Amateure mit größerem Gerät systematisch nach der schnell verblassenden Kilonova absuchen könnten.

Einige Prominente hatte die Sprecherliste zu bieten: etwa den Fünffach-Shuttle-Flieger und Hubble-Pfleger John Grunsfeld, der an die letzte Servicing Mission vor 10 Jahren erinnerte – und auf einer Folie eine Deorbit- Mission ca. 2035 aufführte. (Dem Vernehmen nach will er danach Überreste aus dem Meer fischen.)

Guillem Anglada berichtete über die Exoplaneten-Suche bei sonnennahen Roten Zwergen, bestätigte die mögliche Entdeckung eines 2. Planeten von Proxima Centauri (die am Tag zuvor kurios geleakt worden war, während eines offenen Live-Streams von einer anderen Tagung), deutete einen neuen Planeten eines nicht identifizierten Zwergs unter den 15 nächsten an – und wusste auch zu berichten, dass an dieser Charakterisierung von Barnards Pfeilstern etwa 10 Amateurastronomen beteiligt waren.

Und der bekannte Astro- und Nightscape-Fotograf Babak Tafreshi stellte klar, dass nichts über ein gutes Einzelbild geht – und wenn man unbedingt Bilder stacken muss, dann ausschließlich solche von exakt demselben Ort und mit derselben Brennweite. Da es allerdings selbst innerhalb The World at Night unterschiedliche Meinungen gibt, was ’noch geht‘, hat man die internen Regeln bisher nicht öffentlich gemacht.

Am Rande der Tagung präsentierte das National Astronomical Observatory of Japan ein IAU100 Telescope Kit, das im Juli für etwa 35 Euro in den Handel kommen soll: ein Mini-Refraktor mit 50 mm Öffnung und 396 mm Brennweite, das die Nachfolge des vergriffenen Galileoscope antreten soll und ebenfalls eines Extra-Stativs bedarf. Zumindest unter den ‚Laborbedingungen‘ des Saals für’s Catering machte die Optik einen guten Eindruck. Am Abend gab es übrigens noch Teleskope satt – bei einer von der Volkssternwarte MIRA organisierten Starparty auf dem Agoraplein in der innersten Innenstadt, wo natürlich nur der Halbmond ging: