„Apollo 11“: was die gefeierte Kino-Doku bietet

In dem großen Armstrong-Biopic „First Man“ vom letzten Jahr, das unverdient an den Kinokassen floppte, ändert sich die Optik komplett, wenn der Abstieg zur Mondoberfläche beginnt: Sind die Szenen davor auf grobkörnigem Film gedreht, um an Dokumentarmaterial der 1960-er Jahre zu erinnern, wird die Bildschärfe plötzlich grandios und hat IMAX-Auflösung. In der allseits gefeierten Doku „Apollo 11“, die dieser Tage endlich auch – wenige Male! – in deutschen Kinos läuft, in einigen wenigen auch in IMAX-Qualität, ist es dagegen genau andersherum: Reale Bewegtbilder aus dem Raumschiff und vom Mond existieren nämlich ausschließlich auf 16-mm-Film, von den grottigen TV-Live-Bildern ganz zu schweigen. Dagegen gibt es, was bis vor kurzem kaum jemand wusste, jede Menge Aufnahmen vom Boden in atemberaubend scharfer 70-mm-Qualität: vieles davon ursprünglich gedreht für die NASA-Auftragsproduktion „Moonwalk One“ (der komplette Film in leidlicher Qualität), wo sie aber nur beschnitten und in geringerer Auflösung Verwendung fanden.

Ein Teil des seither eingelagerten und fast vergessenen, nun aber aufwändig gescannten Materials ist in „Apollo 11“ erstmals in voller Qualität zu sehen – und weil auch die Kamera-Arbeit Kino-Niveau hatte, steigert es kurioserweise das Realismus-Gefühl erst einmal nicht wirklich. Die perfekten Bilder von den Startabläufen und den Scharen von Zuschauern – diese Frisuren! Diese Brillengestelle! – sowie aus dem Kontrollraum und vom Flugzeugträger, der die Astronauten am Ende abholte, erinnern verblüffend an bessere Weltraum-Spielfilme der Epoche, Stanley Kubrik hätten sie sicher gefallen. Auch die umfangreichen 35- und 16-mm-Filmaufnahmen rund um die Mission (die Astronauten stehen diesmal nicht im Mittelpunkt) sind neu digitalisiert worden, und aus dem Ganzen ist ein von der Erzählweise weitgehend konventioneller Dokumentarfilm im Kino-Stil – kein Off-Kommentar, keine Talking Heads, sparsamste Grafik – komponiert worden. Die Bildqualität springt dabei mit den Quellen erheblich, und manchmal erscheint Material geringerer Schärfe gnädig in Split-Screens verkleinert. Das fehlende hochaufgelöste Filmmaterial vom Flug selbst wie insbesondere vom Mond wird dabei zuweilen durch sanft animierte Mittelformat-Fotos ersetzt, die auch im IMAX-Format beeindrucken.

Der Soundtrack von „Apollo 11“ besteht überwiegend aus O-Tönen der Kommunikation zwischen Boden und Raumschiff – aber überlagert von reichlich lauter elektronischer Musik. Die ist zwar mit Instrumenten der damaligen Zeit eingespielt worden, macht aber das Verständnis der Akronym-reichen Dialoge nicht eben leichter. Praktischerweise kommt die deutsche Version mit Untertiteln, die leider nur den Versuch einer Übersetzung darstellen: Klöpse gibt es mehr als genug, und es bleibt unverständlich, warum man hier nicht einen Raumfahrt-Experten hat drüber sehen lassen. „Apollo 11“ ist damit ein Kinoerlebnis für Nerds einerseits und Fans des damaligen Zeitgeists andererseits, denn so manches kuriose Detail, bislang nur verschwommen wahrzunehmen, tritt nun knackig hervor. Ein frischer visueller Zugang zu einem altbekannten historischen Ereignis fürwahr: Besprechungen und noch mehr Hintergrund gibt’s z.B. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier [NACHTRÄGE: und hier, hier und hier]. Weiteres superscharfes Filmmaterial, das nur sekundenweise während des Abspanns aufblitzt, lässt derweil erahnen, was da noch alles im Archiv schlummert: ein Assembly Cut aus all den Resten, das wär’s …

Eine Antwort to “„Apollo 11“: was die gefeierte Kino-Doku bietet”

  1. Apollo 11: die TV-Bilder, die (fast) niemand sah | Skyweek Zwei Punkt Null Says:

    […] die Landung und dann der Ausstieg in der Nacht 20./21. Juli 1969. Wie bereits im Zusammenhang mit der neuen Kino-Doku „Apollo 11“ erwähnt, waren an Kameras für bewegte Bilder nur zwei 16-mm-Filmkameras, eine […]

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