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Vor 30 Jahren: HST unscharf – Skyweek weiß was

15. Juni 2020

Vor 30 Jahren war Skyweek noch ein gedruckter Newsletter, im 6. Jahrgang – und natürlich intensiv mit dem Hubble Space Telescope beschäftigt, das nach einer letzten Verschiebung von vielen schließlich am 24. April 1990 gestartet worden war: hier die Ausgaben vom 6., 13. und 27. April 1990. In den folgenden Wochen wurde über manches heute vergessene technische Problem mit dem Satelliten selbst berichtet (alle HST-relevanten Ausgaben von April bis September 1990 in diesem Album komplett, einzelne auch hinter den Ausschnitten hier), aber seine Optik kam erst später an die Reihe.

Einen Monat nach dem Start hatte die NASA mit diesem Bildpaar den Eindruck erweckt, es stehe alles bestens um den neuen teuren Astronomiesatelliten und er sehe schon jetzt schärfer als Teleskope auf der Erde: In wie weit man damals schon ahnte, dass Hubble einen gravierenden Fehler aufwies (und die Auswirkungen der sphärischen Aberration durch harte Darstellung kaschierte), sei dahin gestellt.

In Ausgabe 21 vom 25. Mai werden diese First-Light-Bilder erstmals erwähnt – mehrere Jahre vor der Einführung des World Wide Web bezog dieser Blogger seine Informationen auf heute exotisch klingenden elektronischen Wegen … und mit Verschärfung der Optik-Krise auch durch gezieltes Nachfragen bei europäischen Hubble-Insidern. So weit bekannt, hat kein anderes Medium darüber bis zu einer Mitteilung der NASA am 26. Juni berichtet, Skyweek dagegen schon Wochen vorher.

Auf der zweiten Seite der Ausgabe 22-23 vom 8. Juni beginnt sich das gravierende Optik-Problem abzuzeichnen: Zwar liegen Skyweek keine Aufnahmen Hubbles vor, aber es gibt bereits detaillierte Beschreibungen der seltsamen Gestalt seiner Bilder von Sternen, die später als „squasched spider“ bezeichnet werden würden.

In Ausgabe 24 vom 15. Juni – heute vor 30 Jahren – nur eine kurze Notiz. Aber die hat es in sich, denn „die letzte Bewegung des Sekundärspiegels bewirkte gar nichts, die Bildqualität gilt als bedenklich …“

Die Ausgabe 25 vom 22. Juni berichtet detaillierter: Es gibt „kaum Fortschritte“ mit dem Fokussieren, die besten Bilder bestehen aus einem zentralen Helligkeitspeak von 0.1 bis 0.2 Bogensekunden, den aber ein eine Bogensekunde großer Halo umgibt – plus die merkwürdigen Finger. Zu einem fundamentalen Verständnis des Problems sei man zumindest in Europa aber noch nicht gelangt.

In einer kurzen Mitteilung am 26. und auf der PK am 27. Juni legte die NASA schließlich die Karten auf den Tisch: Berichtet wurde, wie man das Teleskop einfach nicht scharf bekam und dann durch extra unscharfe Aufnahmeserien in den letzten Tagen herausgefunden habe, dass Hubble unter starker sphärischer Aberration leidet. Und die Aktuatoren unter dem Hauptspiegel sind leider für alle möglichen Korrekturen gut – nur dagegen gerade nicht. Zwar wurde auf die ohnehin geplanten Servicing Missions verwiesen und dass man den Fehler des Hauptspiegels durch Optiken vor den Instrumenten beseitigen könne – und insbesondere würde die WF/PC 2 dann genau so scharf sehen wie es der WFPC nun verwehrt bleibe (wozu es dann 2014 auch genau so kam). Kontraproduktiv war allerdings die Aussage, dass Hubble jetzt nur so unscharf wie ein Teleskop auf der Erde abbilde – die Möglichkeiten von Nachschärfung der verschleierten Bilder hatte man wohl schlicht nicht auf dem Schirm.

In der Ausgabe 26 vom 29. Juni wurde über das Eingeständnis der NASA ausgiebig berichtet, das Wesen einer sphärischen Aberration erläutert und konstatiert, dass mindestens einer der beiden Spiegel falsch – aber dabei erstaunlich präzise – geschliffen worden war. Und dass man nie beide gemeinsam getestet hatte:

Danach entschwand der Blogger für einige Wochen nach Finnland zu einer totalen Sonnenfinsternis – und Ende Juli hatte sich dann heraus gestellt, dass auch mit dem unscharfen HST noch eine Menge Science möglich war. In Ausgabe 32 vom 10. August kam derweil der ESO-Optik-Star Ray Wilson zu Wort, der ausführte, wie ein ganz einfacher und in der Brache wohlbekannter Test die spährische Aberration des Hauptspiegels hätte finden können:

Die Ausgabe 34 vom 24. August vermeldete einen Stimmungswandel in der Astronomie, als sich allmählich die Erkenntnis durchsetzte, dass in dem zentralen Helligkeits-Peak zwar nur ein paar Prozent des Lichts eines Sterns steckten, mit seiner Schärfe aber durchaus zu arbeiten war. Und die Gegenmaßnahmen während der ersten Servicing Mission werden eifrig diskutiert:

Die Nr. 37-38 vom 21. September schließlich berichtete über die entscheidenden Schlussfolgerungen der Allen-Kommission zur Untersuchung des Debakels (die ihren kompletten Bericht im November vorlegen sollte) – ein winziger Fehler beim Hersteller des Spiegels, mit gravierenden Folgen: