Allgemeines Live-Blog vom 13. – 15. Januar 2022


15. Januar

Ringen um die Hubble-Konstante: Klarheit dieses Jahrzehnt

Der ewige Streit um die wahre aktuelle Expansionsgeschwindigkeit des Universums ist zuende, wenn drei unabhängige Methoden ein Ergebnis mit 1% Genauigkeit liefern – und diese drei Werte auch übereinstimmen: Das sagt Wendy Freedman, die vor zwei Jahrzehnten jene Hubble-Konstante H0 mit einem großen Projekt des Hubble Space Telescope auf 10% genau bestimmte und die gestern Abend in der „Golden Webinars“-Serie den Stand der Forschung u.a. mit diesen drei Grafiken zusammen fasste, von ihrem „Key Project“ bis heute. Oben in Braun Methoden, die mit Ia-Supernovae arbeiten, und in Grau die Ableitung von H0 aus der kosmischen Hintergrundstrahlung: Seit Planck (letzte vier Punkte) überlagern sich die Fehlerbalken nicht mehr, die ‚tension‘ beträgt 3 bis 6 Sigma. In der Mitte die Wahrscheinlichkeitsdichte einer ganzen Reihe Methoden, mit auffällig in der Mitte dem Tip of the Red Giant Branch (TRGB), mit dem als Weg zur Entfernungsmessung Freedman selbst auf 70±1 km/s/Mpc kommt. Mit so viel Überlapp mit Planck (auch in der unteren Grafik), dass Freedman ätzt, ohne die Supernovae & Cepheiden würde es schlicht keine Tension geben … und vermutet, dass v.a. in der Eichung letzterer ein übersehener systematischer Fehler stecke und ihre Genauigkeit zumindest deutlich geringer sei als bisher gedacht.

Das sehen die großen Cepheiden- und Supernova-Projekte natürlich völlig anders: Vor einem Monat erschien das Paper „A Comprehensive Measurement of the Local Value of the Hubble Constant with 1 km/s/Mpc Uncertainty from the Hubble Space Telescope and the SH0ES Team“, das ebenfalls in einem Webinar (die wichtigsten Folien, ein Thread und ein Gag) und einem langen Interview präsentiert wurde und auf 73±1 km/s/Mpc kommt – auch eine Material-Sammlung und Artikel hier und hier. Und was ist mit den Gravitationslinsen, die hier 2019 als dritte starke Methode neben Cepheiden/Supernovae und Hintergrundstrahlung diskutiert wurden? Von der hält Freedman wenig, was wiederum diese Community völlig anders sieht. Freedmans Vortrag – der bald in dieser Playlist erscheinen wird – endete jedenfalls optimistisch: Gaia, Hubble und das JWST würden es noch in diesem Jahrzehnt richten, wobei Gaia mehrere Methoden in der Milchstraße supergenau eichen kann und das JWST dank IR besonders gut geeignet ist, die TRGB-Methode auf ferne Galaxien anzuwenden. Und am Ende werden wir wissen, ob es die inzwischen bald 10 Jahre alte H0-Tension wirklich gibt – die einen Weg zu neuer Physik weisen könnte. Und wenn nicht: auch gut, denn das Standardmodell der Kosmologie alias ΛCDM lässt ansonsten kaum etwas zu wünschen übrig. [0:35 MEZ – Ende]


14. Januar

Donald Gurnett, Pionier der Astro-Sonifikation, 1940-2022

Gestern ist der Weltraum-Plasmaphysiker Donald „Don“ Alfred Gurnett im Alter von 81 Jahren gestorben: Diesen Blogger hatte er 1989 im JPL während des Encounters von Voyager 2 mit Neptun mächtig beeindruckt, denn er spielte auf einer Pressekonferenz die Messungen seines Plasma Wave Systems als Audiofiles vor … die er danach auf Musikkassetten an uns Berichterstatter verteilte! Dabei erzählte Gurnett Erstaunliches über das Thema seines Lebens, Plasmen im Weltraum: Er hörte sich deren Wellen in Töne umgesetzt auch selbst intensiv an, nahm dabei z.B. Parallelen zu den Geräuschen von Wasser in einem Bach wahr und zog dann daraus Schlüsse über Vorgänge in den Magnetosphären anderer Planeten. Auch das neue Paper „A source of very energetic oxygen located in Jupiter’s inner radiation belts“ – in dem Gurnett 3-mal zitiert wird (Ref. 36-38) – nebst einer PM des MPI für Sonnensystemforschung dazu und ein weiteres über Messungen von InSight während EDL von Zhurong auf dem Mars, die keinen Effekt nachweisen konnten. [1:55 MEZ]

Ein Abhang auf dem Mars, von dem mehrere Steine herunter gekullert sind: ein Stück aus einem Bildstreifen dem CaSSIS-Kamera auf ExoMars TGO von 2020. Auch Überlegungen hier, hier und hier zum mutmaßlichen neuen Orbit des Mutterschiffs von Chang’e-5 (distant retrograde um den Mond) und ein Falschfarbenbild des Kangerlussuaq-Gletschers von Sentinel 1. Und die Exoplaneten-Mission PLATO hat eine weitere Hürde genommen mit einer umfangreichen Critical Milestone Review, während das Paper „Beating the Lyth bound by parametric resonance during inflation“ Hoffnung auf mehr Ausbeute mit dem Kosmologie-Satelliten LiteBIRD macht – und sich die kuriose Lichtkurve des JWST am Himmel, auf dem derzeit nur ganz kleine Bewegungen an den Spiegelsegmenten stattfinden, exakt wiederholt [NACHTRAG: ein Zeitraffer dazu].

Raumfahrt gestern ganz im Gegenlicht … hier der Start einer Falcon 9 mit „Transporter 3“ = je nach Zählweise etwa 105 Kleinsatelliten und die Rückkehr der Unterstufe zum Cape mit ihrer 10. Landung (wobei sie ein Video aus dem Orbit danach zeigt): der Webcast, daraus Start, Staging, Landung (Detail), ein Deployment und Screenshots, ein anderer Webcast, mehr Fotos hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, die 44 SuperDoves (mehr), Sich-2-30 und Artikel hier, hier, hier, hier (früher), hier (früher), hier, hier, hier, hier und hier.

Und das Trägerflugzeug und der Abwurf der Rakete von Virgin Orbit mit sieben weiteren Kleinsatelliten: das Flug-Profil, der Webcast, in dem es aber wenig zu sehen gab, Press Releases von NASA, U.K. Gov’t und Spaceforce, Artikel hier, hier, hier und hier – und ein Kuriosum bei Virgin Galactic und der Abwurf-Prozedur. Heute gab es den vielleicht unterhaltsamsten Live-Auftritt von Matthias Maurer während seiner bisher zwei Monate auf der ISS, diesmal gleich mit sieben deutschen Schulen verbunden – und nach dem Inflight Call ist vor dem Inflight Call: Am 26. Januar gibt’s hier den nächsten, diesmal mit der Uni Stuttgart. Derweil wird in Köln die Mond-Simulation LUNA gebaut, hofft die NASA noch auf einen SLS-Erststart noch im März (während Beobachter eher auf den Sommer tippen), legt die neue Chef-Wissenschaftlerin der NASA mehr Wert auf Klima – und lässt die ESA in Sachen Solar Power aus dem Orbit forschen. [17:35 MEZ]


13. Januar

Leonard gibt nicht auf: noch einiger Schweif – und ~6 mag.

Zwar ist der Plasmaschweif von Komet C/2021 A1 inzwischen arg verblasst, aber der Staubschweif sieht noch gut aus (oben ein 12-ZollBild von Gerald Rhemann vom 10. Januar) – und die Helligkeit ist gar am 8. Januar noch einmal von 6.5 auf 5.5 mag. gesprungen (mehr), wobei sich das Aussehen des Kometen deutlich veränderte, und liegt jetzt um 6.0 mag. Oben noch zwei Videos von Beobachtern auf Hakos in Namibia und auf La Palma – neue Fotos sind inzwischen rar geworden, aber es gibt noch welche von gestern, vorgestern, dem 10.1. (mehr und mehr), 9.1. (mehr) und 8.1. (mehr und mehr) sowie einen Nachzügler vom 2.1. [2:55 MEZ] Soeben wurde Leonard übrigens auf nur noch 6.8 mag. geschätzt – ist nun wirklich Schluss? Auch der vermutlich fragmentierte 108P/Ciffreo am 9.1. (mehr und mehr), 8.1. (mehr, mehr und mehr) und 7.1., C/2022 A1 (Sarneczky) am 9.1., 8.1. und 7.1., 67P/C-G gestern, am 10.1., 8.1. (Zeichnung), 7.1. und 6.1., C/2019 L3 (ATLAS) gestern, 4P/Faye am 9.1. und 6.1., der Fern-Komet „Bern-Bern“ am 4.1. – und das Paper „Cometary Activity beyond the Planets“ über u.a. C/2017 K2 und diesen.

Eine bemerkenswerte eruptive Protuberanz mit einem koronalen Massenauswurf hat sich gestern früh am Sonnenrand ereignet: diverse Animationen im XUV sowie die Sonne vorgestern (mehr), am 10.1., 9.1. (mehr, mehr, mehr und mehr) und 8.1., der Anstieg des neuen Zyklus, Korrelationen von Röntgen- und Radio-Emission mit der Fleckenzahl, geomagnetische Effekte der arktischen SoFi vom Juni 2021 und drei Sonnenfinsternisse durch die Erde bei Mondmissionen 1967-2009. Ferner die Venus-Sichel heute, vom 8.-10.1. und am 9.1. (wegen der Unflachheit des Sonnensystems weit nördlich der Sonne und daher als Morgenstern noch am Abend zu sehen; mehr [roh], mehr, mehr und mehr), 8.1. (mehr, mehr, mehr und mehr) und 7.1. (mehr, mehr und mehr), die Geminiden 2021, Feuerkugel-Meldungen aus Heilbronn und Uruguay, der Asteroid 2022 AE1 mit heute einer Impakt-Wahrscheinlichkeit von 1:2800 (gestern waren’s noch 1:1500 gewesen), Palermo -1.15 und Torino 1 – und in 5 Tagen kommt (7482) 1994 PC1 recht nahe und sollte 10 mag. erreichen: Grafiken hier, hier und hier und Artikel hier und hier. [15:15 MEZ] 2021 war das sechst-wärmste Jahr, trotz La Nina, hat die NASA heute auf einer Telecon verkündet: auch Grafiken, ein Press Release und mehr dazu, eine weitere Kurve, noch mehr Daten und ein Artikel.

Der Chamaeleon Infrared Nebula, ein Outflow in der Dunkelwolke Chamaeleon I, aufgenommen mit Gemini South und dem Instrument GMOS-South – auch die größte 3D-Karte des Kosmos vom Dark Energy Spectroscopic Instrument (auch ein Thread [NACHTRAG: und ein Artikel]), wann das Rubin Observatory fertig sein soll (Mitte 2024), 50 Jahre Rothney Astrophysical Observatory in Kanada und Weltraum-Wetter-Forschung mit LOFAR. Sowie ein Nachruf auf Eric Elst, ein Vortrag über einen indischen Astronomie-Text in Kanaresisch von 1604, eine Bilanz der letzte Sonderausstellung zur Himmelsscheibe in Halle, die jetzt ein Gastspiel in England hat, Erfahrungen mit einem Aufblas-Planetarium in Österreich, das 292-seitige „Technical Document: Dark and Quiet Skies II Working Group Reports“, ein Keogramm von 2021 aus den Niederlanden – und das Paper „The International Pulsar Timing Array second data release: Search for an isotropic Gravitational Wave Background“ mit eventuell Hinweisen auf ein Signal: Press Releases hier, hier, hier und hier. [23:25 MEZ]

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