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Das erste amtliche JWST-PR-Bild seit drei Wochen

2. August 2022

Kein Witz: Seit dem Schwung Early Release Observations am 12. Juli war weder von der NASA noch von der ESA irgendein weiterer Press Release gekommen. In dem im ersten Halbjahr 2022 so aktiven Missionsblog entschuldigt man dies mit fehlender ‚peer review‘ der – zahlreichen und potenziell bedeutenden – ersten wissenschaftlichen Ergebnisse, die über Preprints und Social Media direkt durch die beteiligten Wissenschaftler verbreitet wurden. Und verspricht „in the coming weeks“ neue Pretty Pictures, die aber wenig mit echter Forschung zu tun haben: Das erste wurde soeben von von der NASA und von der ESA exakt 3 Wochen nach den EROs veröffentlicht, ein NIRCam/MIRI-Komposit der Wagenrad-Galaxie. Und das Webb-Blog empfiehlt, sich doch selbst bei den Rohdaten zu bedienen: Wie das geht, hatte bereits dieses Video-Tutorial erklärt. [16:55 MESZ]

Diesem Blogger und auch manch anderem JWST-Fan war auf dem Bild des Galaxienhaufens mit Linsen-Wirkung sogleich dieses besonders krass verzerrte Exemplar einer Hintergrund-Galaxie aufgefallen, eigentlich nur ein paar Lichtpunkte – wohl einzelne Sternentstehungs-Gebiete – aufgereiht auf einer Linie. Guillaume Mahler von einer der Arbeitsgruppen, die diese Linse anhand der Webb-Bilder analysierte, hat gestern diesem Blog die Geometrie erklärt: „Der Linsen-Effekt ist hier asymmetrisch und streckt die Galaxie praktisch nur einer Richtung. In derjenigen senkrecht dazu bleiben die Emissions-Knoten unaufgelöst, trotz der starken Vergrößerung. Das liefert eine scharfe Obergrenze für die Ausdehnung von Sternentstehungs-Gebieten im Universum mit hoher Rotverschiebung: ein faszinierender Gegenstand der Forschung, wir werden bald darüber publizieren.“

Und hier gleich noch ein – neues – Webb-Bild einer vom Linseneffekt eines (anderen) Galaxienhaufens extrem in die Länge gezogenen Galaxie. Markiert ist ein Knoten auf dem Galaxien-Strich, der bereits auf einer entsprechenden Hubble-Aufnahme des Haufens entdeckt worden war und der als Kandidat für einen Einzelstern mit Rotverschiebung 6.2 gilt, der so perfekt hinter dem Vordergrund-Haufen sitzt, dass er um ein Mehrtausendfaches heller erscheint. Das wäre ein Entfernungs-Rekord für einen Einzelstern, aber die Meinungen der Referees waren geteilt (Reviewer 2 empfand es sogar als Frechheit, das Paper überhaupt einzureichen). Und in der Tat gibt es weder eine Messung der Rotverschiebung dieses Objekts selbst, nur von der Galaxie, und auch kein Spektrum, das seine Natur als massereicher Einzelstern belegen könnte: Diese Interpretation basiert vor allem darauf, dass Hubble die Quelle nicht auflösen konnte. Webb wird nun hoffentlich per Spektrum die Sache eindeutig klären: über die Hubble-Beobachtungen ein ESA Release, Threads hier, hier und hier, kurze Videos hier und hier und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

„Jedes Webb-Bild ist ein Deep Field“, lautet bereits ein geflügeltes Wort: Egal was das eigentliche (Deep-Sky-)Motiv ist, es erscheinen immer jede Menge Galaxien im Hintergrund bzw. daneben. So war das bei den Early Release Observations zum Beispiel bei Stephan’s Quintett der Fall gewesen – oder beim „Südlichen Ringnebel“ NGC 3132, neben dem NIRCam wie MIRI eine auffällige Galaxie von der Seite zeigen: Oben das Webb-Bild gestreckt und die Galaxie (und noch ein paar Meer) im Ausschnitt. Jetzt liest man zuweilen, Webb habe diese Galaxie „entdeckt“ – stimmt das? Tiefe ältere Aufnahmen dieses Planetarischen Nebels und seiner Umgebung sind im Web (mit einem „b“) kaum zu finden, und eine oft gezeigte Hubble-Aufnahme war in der 1998 veröffentlichten Version (Mitte) zu stark beschnitten und hatte nur wenig Dynamik. 2013 hatte sich jedoch die Spezialistin für die Bildverarbeitung von Weltraumobservatorien Judy Schmidt der Hubble-Daten nochmals angenommen und eine andere Version erstellt, die im Bild darunter grob auf Webb-Orientierung gedreht wurde. Und extrem getreckt taucht ganz unten doch tatsächlich am Bildrand neben dem Stern ein Teil der Galaxie auf. Schreibt der ERO-Leiter Klaus Pontoppidan diesem Blog dazu: „I am not aware of it being previously catalogued or described as a galaxy before. Of course JWST sees new galaxies wherever it looks, so this one is not special in that sense!“ [17:50 MESZ]

Wie Sie sehen … sehen Sie hier im Wesentlichen nur die Point Spread Function des JWST, auch wenn das Motiv – hier von NIRISS – der Jupitermond Io war: Da geht sicher noch viel mehr, und vom Jupiter von 27. Juli gibt es schon wieder eine neue Verarbeitung. Und auch wieder reichlich neue JWST-Papers, zumeist über den fernen Kosmos: „The brightest galaxies at Cosmic Dawn“, „Red Spiral Galaxies in the Cosmic Noon Unveiled in the First JWST Image“, „Unveiling the Nature of Infrared Bright, Optically Dark Galaxies with Early JWST Data“, „A first look at JWST CEERS: massive quiescent galaxies from 3 < z < 5" (mit einem Thread dazu), „Evidence for lensed, gravitationally bound proto-globular clusters at z=4 in the Hubble Frontier Field A2744“ und „A faint, distant, and cold brown dwarf“. Zu Technik-Tests erschienen ferner „Performance of near-infrared high-contrast imaging methods with JWST from commissioning“ und „JWST/NIRCam Coronagraphy: Commissioning and First On-Sky Results“, es gibt ein Essay von OHB, ein gewagtes Kunstwerk, ein Liedchen über Webb (das Planetarien kostenlos verwenden dürfen) und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, ein Kurz-Video und einen Kinder-Podcast (ab Minute 8). [18:30 MESZ] Zum Wagenrad Vergleiche JWST vs. HST z.B. hier und hier [NACHTRAG: und hier in s/w], auch Senf dazu von der ESO mit MUSE-Datenkuben, noch ein Thread und ein Artikel. Und zu anderen Weltraum-Observatorien die Papers „Gaia Data Release 3: Summary of the content and survey properties“ und „The scientific payload of the Ultraviolet Transient Astronomy Satellite“ (ULTRASAT) sowie das anstehende Descoping von Athena, weil die Kosten davon laufen.

Im Gedenken an Nichelle Nichols (1932-2022) und eine Zeit, als die NASA den kommende Space Shuttle als eine Art Linienflugzeug anpries, ein Rekrutierungs-Film für das Programm, das die Uhura-Darstellerin 1977 zusammen mit Alan Bean aufnahm. Auch neue Regeln für private Missionen zur ISS (der Kommandant muss von der NASA sein), der kommende nächste private Flug eines Crew Dragon nicht zur ISS aber 1400 km hoch – und noch ein Stück des Trunks eines Crew Dragon ist in Australien aufgespürt worden [NACHTRAG: Alle drei Teile konnten eindeutig SpaceX zugeschrieben werden] …

… während erhebliche Reste der Langer Marsch 5 an mehreren Orten auf Borneo gefunden wurden: ein Standbild aus diesem Video, weitere Clips hier, hier und hier und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Zum Kontext derart massiver Reentries auch eine alte Studie über einen Absturz von Hubble und der Fall der Saturn V, die SKylab startete – und eine Denial Troll Bingo Card: Viele dieser Sprüche durfte sich dieser Blogger auch anhören … bevor die ersten Trümmer gefunden wurden. Immerhin macht sich Tiangong gut am Himmel mit dem von nämlicher Rakete gelieferten Modul.

Der Himmel mit Plejaden, Airglow und Gewitter sowie ein Waldbrand in Polen aus der ISS und der weiter qualmende Anak Krakatau in Indonesien von Sentinel 2 – auch das Paper „The Hunga Tonga-Hunga Ha’apai Hydration of the Stratosphere“ basierend auf Messungen des Microwave Limb Sounder (MLS) auf dem Aura-Satelliten, das Schrumpfen des Great Salt Lake in Utah aus Satelliten-Sicht, der Mann hinter der Erd-Visualisierung GIBS & Worldview und die Rolle von Gletschern auf dem Mars. Und in Sachen Russland & ISS hat Borisov nochmal genau erklärt, wie es weiter gehen soll: weitere Artikel hier, hier, hier, hier und hier.

Hier startet eine Soyuz 2-1 den geheimnisvollen Satelliten Kosmos 2558, der vermutlich einen US-Foto-Aufklärer ‚inspizieren‘ soll, die aktuelle Bahn ist jedenfalls sehr verdächtig: weitere Artikel hier und hier [NACHTRAG: und hier, hier, hier, hier und hier sowie beide Satelliten über den Niederlanden in 30 Minuten Abstand]. Am 4. August könnte es derweil – wenn man UTC benutzt – bis zu fünf (!) orbitale und einen Suborbital-Start geben. Und in Washington, DC, wurde das National Air & Space Museum mal wieder umgebaut und öffnet wieder am 14. Oktober. [22:30 MESZ – Ende]