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Wurde vor 75 Jahren „der Weltraum“ erreicht?

1. Oktober 2017

Es naht – übermorgen – ein runder Jahrestag, mit dem umzugehen nicht leicht ist: Am 3. Oktober 1942 gelang nach drei Versagern der erste Flug eines Aggregat 4, bei dem diese spätere Massenvernichtungswaffe nicht nur 190 km weit flog sondern dabei auch bis in 84.5 km Höhe aufstieg. Das war ein neuer Rekord – und wird gerne als erstes Erreichen des Weltraums betrachtet. Anlässlich des 50. Jahrestags wollte das die damalige Bundesregierung 1992 sogar groß feiern (nach Protesten wurde es eine eher verhaltene Gedenkstunde in Peenemünde, an der auch dieser Blogger teilnehmen konnte; Berichte erschienen seinerzeit im gedruckten Skyweek und SuW), jetzt will man den Termin allerorten möglichst lautlos verstreichen lassen [NACHTRAG: weitere neue Artikel hier und hier]. Aber abseits der düsteren Hintergründe und diffizielen Erinnerungskultur bleibt eine ganz konkrete Frage: Hat das A4 – hier eine Rekonstruktion auf den Gelände des ehemaligen Peenemünder Kraftwerks – Nummer 4 tatsächlich 1942 „den Weltraum erreicht“?

Wo der überhaupt beginnt, darüber wird seit gut einem halben Jahrhundert gestritten: Die bei weitem populärste Definition lautet 100 km, die in den 1950-er Jahren eingeführte „Kármán-Linie“, oberhalb derer die Orbital- die Aerodynamik dominieren soll. Aber bereits seit Anfang der 1960-er Jahre feierte die U.S. Air Force ihre Piloten als „Astronauten“, sobald sie – mit dem Überschallflugzeug X-15, hier 1965 eins nach dem Abheben – höher als 50 Landmeilen = 80.5 km gekommen waren. Bei acht X-15-Piloten war das der Fall: Während die fünf, die zur USAF gehörten, ihre „Astronaut Wings“ verliehen bekamen, gingen die anderen drei in Diensten der NASA leer aus (was 2005 schließlich symbolisch „korrigiert“ wurde; einer von ihnen hatte übrigens auch die 100-km-Marke geknackt). Die Vereinten Nationen haben offenbar überhaupt keine amtliche Meinung, wo denn nun der Weltraum beginnt, in Papieren von einzelnen Raumfahrtagenturen tauchen zuweilen sogar Höhen über 100 km auf, und so müssen wohl die Astronomen ran:

Das sind die Schlussfolgerungen einer Analyse des Raumfahrtchronisten Jonathan McDowell, die demnächst auch als Paper erscheinen soll: Die wahre Kármán-Linie liegt demnach deutlich erdnäher als seinerzeit abgeschätzt, nämlich (Zufall?) just bei den USAF-bevorzugten 80 km! Eine gewisse Art Luftfahrt ist demnach noch bis rund 50 km Höhe möglich, dann beginnt eine 30 km breite Übergangszone – und Raumfahrzeuge können sich ab etwa 80 km Höhe eine Zeitlang im Orbit halten. Nach dieser Definition hätte das A4 Nr. 4 tatsächlich „den Weltraum“ erreicht, wenn auch als Abfallprodukt einer Waffenentwicklung (emsige Beteuerungen in der Nachkriegszeit, dass von Braun und Co. ja eigentlich immer zum Mond statt nach London wollten, mal beiseite). Und auch wenn man auf der 100-km-Regel beharrt, „gewinnt“ erneut ein Aggregat 4, wenn auch ein viel späteres: Am 20. Juni 1944 gelang auf der vorgelagerten Insel Greifswalder Oie ein Senkrecht-Schuss, der bis in 174.6 km Höhe führte. Und es gab tatsächlich Pläne, das A4 mit Meßgeräten für echte Weltraumforschung zu nutzen, doch dazu kam es in Deutschland nicht mehr, sondern erst später in den USA mit erbeuteten Raketen in White Sands, wo bereits am 10. Mai 1946 abermals die 100-km-Marke überschritten wurde. Und diesmal als öffentliches Spektakel – mit der Rakete in gelb:

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