Posts Tagged ‘Allgemeine Relativitätstheorie’

Einsteins Spuren: jetzt auch in Kiel dokumentiert

15. September 2015

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Den Saal gibt es schon lange nicht mehr, wohl aber das Gebäude, das Kieler Gewerkschaftshaus in der Legienstraße 22: Hier hat heute vor genau 95 Jahren Albert Einstein vor – zeitgenössischen Quellen zufolge – über 1000 Zuhörern einen allgemeinverständlichen Vortrag über „Raum und Zeit im Lichte der Relativitätstheorie“ gehalten. Ein Jahr nach der viel beachteten Bestätigung einer zentralen Voraussage der 1915 vollendeten Allgemeinen Relativitätstheorie bei der SoFi von 1919 war Einstein ein auch in Deutschland gefeierter Wissenschaftler – der gleichzeitig wegen seiner jüdischen Herkunft und pazifistischen Haltung auch zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt war. Auch die Angriffe feindseliger ‚Kollegen‘ nahmen just 1920 erheblich zu, während die Kieler (sozialdemokratische) Presse vor „Raudau-Antisemiten“ warnte. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass Einsteins Vortrag nicht etwa an der traditionsreichen Christian-Albrechts-Universität Kiels stattfand, die heuer ihr 350-jähriges Bestehen feiert, sondern bei den Gewerkschaftern. Bei der Enthüllung der Gedenktafel durch die CAU-Vizepräsidentin K. Schwarz, den Kieler OB U. Kämpfer und den Geschäftsführer der DGB-Region KERN F. Hornschu wurde dies – wie von Kämpfer auch schon bei der Eröffnung einer Astronomen-Tagung am Morgen – als großer Schandfleck in der Geschichte der CAU gewertet und Mahnung, nie wieder Menschen wegen ihrer Religion oder Meinung auszugrenzen.

Die genauen Umstände von Einsteins Kieler Auftritt bleiben allerdings unklar: Die einzige Quelle für die Ereignisse vor 95 Jahren, die Hornschu bereits vor zwei Jahren die Anbringung der Tafel motivierte, ist letztlich ein Satz in dem Kapitel „Einstein als Politikum“ des Buches „Einstein, Anschütz und der Kieler Kreiselkompass“ (Schriften der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Nr. 16, hrsg. von Lohmeier 1992) auf den Seiten 71-72, aus dem auch obige Aussagen zitiert sind. Daraus geht allerdings nicht zwingend hervor, dass die Universität Einstein explizit auslud, auch wenn antisemitische Tendenzen dort bereits 1920 anderweitig dokumentiert sind, wie am Rande der Enthüllung zu erfahren war. (Und Einsteins lautstärkster Gegner in der Physik, Philipp Lenard, war peinlicherweise ein Kieler Alumnus.) So oder so werfen die damaligen Vorgänge ein grelles Licht auf den Geisteszustand Deutschlands vor 95 Jahren – mit gewissen Parallelen zur Gegenwart, mag man hinzufügen – und zugleich die Rezeptionsgeschichte Einsteins in den ersten Jahren nach der Veröffentlichung der ART. Und der Frust der Kieler ist spürbar: 1922 dachte Einstein o.g. Buch zufolge nämlich über eine Umsiedlung von Berlin nach Kiel nach, wohnte dort zeitweise und hatte sogar schon eine permanente Wohnung in Aussicht – aber wohl u.a. durch die Umstände des 1920-er Auftritts unsicher geworden, ob er in der Ostseestadt willkommen war, entschied er sich dagegen. NACHTRAG: Artikel hier, hier und zuvor hier. NACHTRAG 2: Mehr zu Einstein und Kiel (er wohnte bis 1926 immer wieder mal dort) – und wie Recherchen von R. Bülow ergeben waren, war der 1920-er Vortrag Teil der 1. Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft und wurde von Einstein in einem Brief vom Vortag erwähnt, ohne Hinweise auf irgendwelche Probleme.

Eine Wolfram-Kugel im Orbit bestätigt „Frame-Dragging“ schon auf 1.5 Prozent genau

11. Oktober 2012

Wem ist eigentlich bewusst, dass seit diesem Februar eine 386.8 kg schwere und 36.4 cm große massive Kugel aus dem dichten Metall Wolfram in 1450 km Höhe um die Erde fliegt – und dabei eine wesentliche Voraussage der Allgemeinen Relativitätstheorie mit um eine Größenordnug höherer Genauigkeit als alle Vorgänger überprüfen soll? Und diesem italienischen Passiv-Satelliten namens LARES – oben bei den Startvorbereitungen – ist dies bereits im ersten halben Jahr seit seinem Start auf der ersten Vega-Rakete weitgehend gelungen, war heute auf der Tagung „from quantum to cosmos 5“ in Bergisch-Gladbach zu erfahren, wo Ignazio Ciufolini erste Ergebnisse aus der Bahnverfolgung dieses Satelliten per Lasermessung verriet, dessen Name gleichzeitig ein Akronym für LAser RElativity Satellite und ein Anagramm von LASER ist und zudem auf römische Schutzgötter Bezug nimmt.

Viele Details des Erfolges mochte Ciufolini vor einer formellen Publikation noch nicht verraten, aber doch genug: Noch nie war ein künstlicher Satellit gleichzeitig so klein und so massereich, und entsprechend ist auch noch nie einer so ungestört von Luftreibung auf seiner Bahn allein dem Schwerefeld der Erde gefolgt. LARES übertrifft damit seine Vorgänger LAGEOS I und II, aus deren sich langsam drehender Bahnebene bereits 2004 eine Bestätigung des relativistischen „Frame-Dragging“ auf 10% genau abgeleitet worden war (Artikel 963). Möglich gemacht hatte dies die höchpräzise Vermessung des Schwerefelds der Erde durch das Satellitenpaar GRACE (Artikel 713 und 447), denn der alles andere als kugelsymmetrische Aufbau des Planeten muss bei der Analyse der Bahnebenen-Drehung genauestens heraus gerechnet werden: Ciufolini beschreibt dies anschaulich in einem großen Review-Artikel in Nature 449 [6.9.2007] 41-47.

Inzwischen sind die GRACE-Vermessungen natürlich noch viel besser als damals, und die wesentlich störungsärmere Bahnvermessung des LARES hat zusammen damit und mit den früheren LAGEOS-Erkenntnissen den Relativitätstest dramatisch verbessern können. Nach dem gegenwärtigen Stand der Analyse beträgt das Frame-Dragging 100.3±1.6 % des erwarteten Wertes, d.h. das auch als Lense-Thirring-Effekt bezeichnete „Mitziehen“ des Raumes durch die rotierende Erde ist auf 1.5% genau bestätigt. Der weit aufwändigeren Gravity Probe B war dies nur auf 19% genau gelungen … Die erhofften 1% Genauigkeit sollte LARES in ein paar Jahren spielend schaffen – wobei es übrigens erstaunlich diffizil ist, solch einen scheinbar simplen passiven Satelliten mit (in diesem Fall 92) Laser-Retroreflektoren zu bauen: Die verziehen sich nämlich leicht unter Weltraumbedingungen, und der Satellit ist nicht mehr zu orten. NACHTRAG: Vier Jahre später spricht man von ~5% – nach einiger Diskussion