Posts Tagged ‘Astronomiegeschichte’

„Jenseits des Horizonts“: neue Ausstellung zu Raum und Wissen in Berlin bietet auch viel für Freunde der Astronomie-Geschichte

21. Juni 2012

„Eine etwas andere Ausstellung“, eine „intellektuelle Schatzreise“, eine „Konzept-Ausstellung“, die „etwas ganz Neues“ schafft und „Narrativen erarbeitet“, dabei spielend Grenzen von Kulturräumen überschreitet und „diachron“ auch Zeiträume: Die beiden Sprecher des Exzellenzclusters Topoi zur „Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations“, Michael Meyer (oben) und Gerd Graßhoff (Mitte), und der Direktor des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel machten heute morgen auf einer Pressekonferenz im Mschatta-Saal desselben (unten) dem reichlich vertreteten Publikum den Mund wässrig. Wenige Stunden waren es noch bis zur Eröffnung von Jenseits des Horizonts – Raum und Wissen in den Kulturen der Alten Welt, die leider nur drei Monate lang vom 22. Juni bis 30. September im Nordflügel des 1. OG des Pergamonmuseums gezeigt werden kann (der danach umfassend saniert wird), und wie üblich wurde noch kräftig an Beleuchtung und Beschriftungen gewerkelt.

Der große Plan der beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Gabriele Pieke und Astrid Dostert (hier mit einem Radio-Mann) und die mehr als 400 Exponate – viele Originale aus Berliner Museen (eine „exorbitante Luxussituation“ für die Ausstellungsmacher, so Meyer), ein paar Leihgaben und auch mache Kopie – erschlossen sich auch da schon. In 16 Sälen, die der Reihe nach durchschritten werden sollen (am besten „laut schwätzend“ mit anderen Besuchern, wie Graßhoff empfahl) werden Teilergebnisse des Exzellenzclusters, dessen 2. Phase gerade bewilligt wurde, nach Themen – und eben nicht nach Kulturräumen oder Epochen – sortiert dargestellt. Mal aufwändig multimedial, mal clever-banal (die Erfindung der Zahl anhand von Pappschafen!), meist visuell aber zuweilen auch akustisch – und an einer Stelle soll der Besucher gar selbst in die Saiten (einer nachgebauten antiken Harfe) greifen. In der Tat eine Fundgrube, von den großen Fragen des Raum-Verstehens bis zur Verfluchung des Nachbarn mit kleinen griechischen Täfelchen. Und zwischendrin immer wieder Astronomie-Geschichte (der sich auch begleitende Vorträge am 5. und 27. Juli widmen), ein paar Beispiele hier – dem Ausstellungskonzept frech zuwider laufend – chronologisch umsortiert:

Demonstration der Peilfunktionen in der jungsteinzeitlichen Kreisgrabenanlage im bayerischen Ippesheim, ca. 4800 v.u.Z.

Standfigur des Tschaitschai, Ägypten, 2323-2319 v.u.Z., aus Grauwacke und Kalkstein – die Instrumententasche am Gürtel mit dem Leopardenkopf weist den Träger als Astronomen aus.

Sternenliste aus Uruk (Irak), 320-150 v.u.Z., aus Ton: Genannt werden jeweils das Sternbild, die Zahl der Sterne und der Abstand von der nächsten Konstellation.

Fragment eines vermutlich römischen Himmelsglobus, 1. Jh. u.Z.: Cas, Cyg, Lyr und ein Stück Her sind erhalten. Die Sternbilder waren farblich eingelegt und möglicherweise auch die Milchstraße im Schwan angedeutet.

Blick in den astronomischsten Saal der Ausstellung, mit dem Globusfragment ganz rechts, einer Rekonstruktion des Globus in der Mitte und einer Kopie des Himmelsglobus von Farnese links.

Gipsabguss des Löwenhoroskops von Nemrud Dagh, Türkei, Mitte 1. Jh. v.u.Z. (die Mond/Planeten-Konstellation verweist auf den 7.7.62 BCE) – damit verwies Antiochos I. von Kommagene auf seinem Grabheiligtum auf seinen göttergleichen Status.

Fragment einer ungewöhnlich großen Sonnenuhr mit Weihinschrift, Milet (Türkei), 2. Jh. u.Z., aus Marmor.

Blick von einer Brüstung in den Kopfsaal der Ausstellung: Während in einer 19 Meter breiten Videoprojektion mit drei Beamern die Erde aus der Perspektive einer Raumstation umkreist wird, breiten sich unten Erdkarten aus unterschiedlichen Epochen aus.

Lateinische Handschrift mit geozentrischer Karte unseres Sonnensystems; 2. Hälfte 14. Jh., Pergament. NACHTRAG: noch ein längerer Bericht erschienen. NACHTRAG 2: und noch ein kürzerer – sonst war bisher im Web nichts weiter an Echos zu finden. NACHTRAG 2: da, ein ultra-kurzer Videoclip! NACHTRAG 3: schon wieder der Tagesspiegel – diesmal auch ein bisschen kritisch.

Delhis alte Sternwarte: noch für Messungen gut

23. Dezember 2011

Es ist einer der faszinierendsten Orte auf diesem Planeten für Freunde der Astronomiegeschichte: fast genau im Zentrum der 11-Millionen-Metropole Delhi gelegen, in leidlich gutem Erhaltungszustand und größtenteils zugänglich und aus nächster Nähe zu inspizieren. Von den fünf riesigen Fernrohr- und sogar Metall-freien Sternwarten, die der Maharaja Jai Singh II. zwischen 1724 und 1734 errichten ließ, ist zwar das Exemplar in Jaipur am größten und bekanntesten – aber dessen Instrumente sind vor den Besuchern abgesperrt. Das als erstes gebaute Jantar Mantar in Delhi jedoch kann – nach Entrichten einer Eintrittsgebühr von derzeit Rp. 100 = EUR 1.40 für Ausländer oder Rp. 5 = EUR 0.08 für Einheimische – fast nach Belieben ‚benutzt‘ werden, wie es dieser Blogger im Rahmen der Reise zur SoFi-Tagung mehrere Stunden lang getan hat (Panoramen [NACHTRÄGE: es geht noch krasser – und mehr normale Fotos] & Details oben); eine an der Kasse verkaufte Broschüre für Rp. 25 erwies sich dabei als recht guter Führer. Jai Singh misstraute nicht nur dem damals im Westen schon ein Jahrhundert etablierten Teleskop sondern auch den klassischen Winkelmessinstrumenten aus Messing: Stattdessen setzte er auf präzise konstruierte Monumentalbauten, um die gewünschte Messgenauigkeit zu erreichen.

Dass dies gelungen ist, haben in den letzten Jahren umfassende Forschungen und Experimente durch Mitarbeiter des Nehru-Planetariums in Delhi unter Leitung von dessen energischer Direktorin Rathnasree Nandivada (unten) gezeigt: So kann man – wie ein regelrechter Blindtest mit Studenten bewiesen hat – mit dem zentralen Instrument, der Riesensonnenuhr Samrat Yantra, die Zeit auf etwa eine Sekunde genau ablesen. Leider fehlen dort wie auch bei den meisten anderen Instrumenten inzwischen die Skalen, nur im Ram Yantra sind noch allerlei Messmarken erkennbar (s.a. oben die Aufnahme aus dem Planetarium, wo ein Horizontal-Koordinatensystem über ein Fulldome-Mosaik gelegt wurde) – und hier finden sogar wieder konkrete öffentliche Beobachtungen statt. Seit Jahrzehnten wird über eine Restauration der gesamten Anlage diskutiert, wie z.B. einem Paper von 1993 und Artikeln von 2000 (noch einer), 2007 und 2010 (noch einer) zu entnehmen ist. Gerade wird darüber gestritten, ob man die verlorenen Skalen durch besonders haltbare aus Marmor ersetzen sollte: Dagegen spricht, dass sich Schatten auf dem durchscheinenden Material weniger scharf als auf der vermutlich in der Vergangenheit verwendeten weißen Farbe abzeichnen. Zeitpläne für eine tatsächliche Wiederherstellung der faszinierenden astronomischen Instrumente, die architektonisch unerwartet modern wirken, waren einstweilen nicht in Erfahrung zu bringen …

Klein aber oho: Astro-Geschichte in Mannheim

19. September 2011

Im Rahmen des Treffens des Arbeitskreises Astronomiegeschichte im Rahmen der Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft heute in Mannheim gab es die Möglichkeit, die Abteilung Astronomiegeschichte des ‚Technoseums‘ (ehem. BW-Landesmuseum für Technik und Arbeit) zu bestaunen: zwar nur wenige Quadratmeter des riesigen Museums, aber gefüllt mit edlen Exponaten, vor allem aus dem Inventar der ehemaligen Mannheimer Sternwarte aus dem 18. Jahrhundert. Während deren Gebäude – hier ein Modell von 1991, das den Zustand um 1792 zeigt – vor sich hin gammelt und jetzt von einem Aktionsbündnis gerettet werden soll, sind die Schmuckstücke im Museum gesichert (und können vielleicht eines Tages an den alten Ort zurück). Als da z.B. wären:

Ein Mauerquadrant aus London von 1775 mit 2.5 m Radius und 450 kg Masse, der in dem merkwürdig vorstehendenen Bau des fünfstöckigen residierte und v.a. für Doppelsternbeobachtungen eingesetzt wurde, hier erläutert von Kurator Kai Budde.

Ein Refraktor mit Heliometer-Objektiv von Dollond aus der 2. Hälfte des 18. Jh., 1769 in London erworben, im Zusammenhang mit dem Venustransit dieses Jahres; wichtigte Teile der Mechanik fehlen leider.

Ein „Sternfinder“ von G. F. Brander (Augsburg) von 1776 mit einer aufwändigen Äquatorialscheibe.

Ein Tellurium aus London von 1796, dessen Räderwerk – das wie aus einem modernen Baukasten aussieht aber original ist – mit einer Handkurbel in Bewegung gesetzt wurde.

Zwei Himmelsgloben und ihre interessanten Details: oben einer von D. R. de Vaugondy aus Paris von 1751, auf dem das von Hevelius eingeführte aber wieder verschwundene Sternbild ‚Kleines Dreieck‘ unter dem richtigen Triangulum zu sehen ist, und der Hase auf einer Globus von ca. 1804 nach Sternkarten von J. E. Bode.

Ein Detail aus dem Sternbeobachtungsbuch Liber III von Christian Mayer von 1778/79 – als ob er es gestern geschrieben hätte!

Zum Schluss noch das – für diesen Blogger – erstaunlichste ‚Fundstück‘ aus der Mannheimer Ausstellung: eine colorierte Darstellung der Venus-Transits von 1761 und 1769 in dem Buch „Die Bestimmung der denkwürdigen Durchgänge der Venus durch die Sonne …“ von G. F. Kordenbusch von 1769 (als einziges Bild dieses Artikels durch Anklicken erheblich größer zu erhalten). Die Mannheimer Sammlung kann es zwar nicht mit der Pracht z.B. des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in Kassel (herunterscrollen) aufnehmen oder dem breiten Anspruch der großen IYA-Ausstellungen 2009/10, repräsentiert aber mit der Konzentration auf eine bestimmte Epoche vor über 200 Jahren eine bestimmte Phase der Astronomiegeschichte in anschaulicher Weise, neuerdings auch ergänzt durch bewegliche Modelle zur ‚Hands-On‘-Verdeutlichung einer Prinzipien astronomischer Instrumente. Besucher von Heidelberg – die auf der alten Landessternwarte schon eine Menge Astro-Geschichte geboten bekommen – oder Mannheim sollten den Ausflug ins oberste Stockwerk des Technoseums nicht versäumen!

Kosmisches Bonner Dreigestirn: 3 Ausstellungen zur Geschichte der Astronomie gleichzeitig

14. Dezember 2009

sind seit dem Wochenende geöffnet, alle inspiriert durch das zuende gehende Internationale Jahr der Astronomie und noch bis ins kommende Jahr hinein zu sehen:

  • Im Deutschen Museum Bonn gibt es bis zum 5. April Bonner Durchmusterungen – Argelander und sein astronomisches Erbe, wo die Astronomie der Mitte des 19. Jahrhunderts lebendig wird. Im Bild links eines der wenigen noch existierenden Heliometer; mit einem fast baugleichen – aber verschollenen – Gerät maß Bessel die erste Fixsternparallaxe. Und rechts der Kometensucher der Bonner Durchmusterung; weitere Impressionen hier, hier, hier, hier und hier sowie in einer Galerie und einem Videoclip.

  • In der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn wird bis zum 29. Januar Kosmos im Wandel gezeigt, eine Geschichte der letzten 500 Jahre Astronomie anhand von bedeutenden Büchern, die allerdings überwiegend nur in Faksimile gezeigt werden – eine letzte Chance, mit wertvollen Originalen aus dem Bestand (siehe die Bilder eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht und neun) in Kontakt zu kommen, besteht nur bei einer Sonderführung am 4. Advent. Berichte zur Ausstellung selbst auch hier und hier.

  • Im Frauenmuseum Bonn schließlich werden bis zum 4. April Astronominnen – Frauen, die nach den Sternen greifen präsentiert: in Form großer Poster die Vitae ausgewählter Astronominnen der Vergangenheit und der Gegenwart, dazu jede Menge teils raumgreifende moderne Kunstwerke mit mehr oder weniger erkennbarem Weltraumbezug. Ein paar Impressionen von der ungewöhnlichen Vernissage am Sonntag: Im Kontext der historischen Astronominnen sind auch – diesmal originale – sehr alte Bücher zu sehen und auch ein bisschen Astro-Hardware.
Wem das alles immer noch nicht reicht, der möge bis zum 28. Februar in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland James Cook und die Entdeckung der Südsee ansehen: Dort gibt es mehrere Teleskope und Navigationsinstrumente aus seiner Zeit zu bestaunen. NACHTRAG: Festrede zur Eröffnung der 3. Ausstellung – mit Bildern dieses Bloggers.