Posts Tagged ‘Chang’e’

Allerlei Nachrichten vom Mond kompakt

30. Juni 2011

Der Zentralberg des Kraters Tycho vom LRO am 10. Juni im Schrägblick – um 65° – im Morgenlicht aufgenommen.

192 TB des Lunar Reconnaissance Orbiter abgeheftet

Die Primärmission des LRO – im Auftrag der NASA-Abteilung für bemannte Raumfahrt – ist nun formell abgeschlossen: Die dabei gesammelten mehr als 192 Terabyte Monddaten, die natürlich auch jenseits der einstweilen gestrichenen neuen bemannten Aktivitäten einen Wert haben, wurden nun in das Planetary Data System eingespielt und sind damit frei verfügbar. Die große Nähe des Mondes – verglichen mit allen anderen Körpern des Sonnensystems – ermöglicht die enormen Downloads. Bereits letzten Herbst war das Kommando des LRO an die Wissenschafts-Abteilung übergeben worden, die den Mondorbiter zunächst bis September 2012 betreiben darf, zzgl. 6 Monaten Auswertung, sich aber um mindestens eine weitere zweijährige Verlängerung bemühen wird. Im gegenwärtigen nur 50 km hohen Orbit wird man allerdings nur bis Ende dieses Jahres bleiben: Hier muss zu oft die Bahn korrigiert werden, um nicht abzustürzen. Für den Rest der Mission soll ein inhärent stabiler elliptischer Orbit eingenommen werden, mit dem nächsten Punkt über dem Südpol: Das kann im Prinzip noch 6 bis 8 Jahre beibehalten werden. (NASA Press Release, Visuals & Transkript einer PK 21.6.2011)

Levitierter Staub auf dem Mond alles nur Messfehler? Astronauten wie unbemannte Lander sahen etwas diffus Leuchtendes über der Mondoberfläche, und das Apollo-Experiment LEAM schien auch allerlei Impakte elektrostatisch levitierter Staubteilchen zu registrieren – aber jetzt behauptet eine Neuanalyse der alten Daten, das seien alles nur elektrische Störsignale gewesen, verursacht von anderen Oberflächen-Experimenten in 7 m Entfernung. Kann nicht sein, schimpfen die LEAM-Forscher – vielleicht gelingt ja dem NASA-Orbiter LADEE 2013 aus dem Orbit eine eindeutige Antwort. (Science 24.6.2011 S. 1439. Und ein ESA Release 31.5.2011 zum vorgeschlagenen Euro-Mondlander von 2018, der sich mit der ‚Umwelt‘ der Mondoberfläche und natürlich auch der Staubsituation befassen würde)

Chinas zweiter Orbiter Chang’e 2 hat den Mond verlassen

und bewegt sich seit dem 9. Juni Richtung des Lagrangepunkts L2 des Erde-Sonne-Systems, den er nach ca. 85 Tagen 1.5 Mio. km in Antisolar-Richtung von der Erde entfernt erreichen soll: Damit hat sich China für die riskanteste mehrerer Möglichkeiten entschieden, die aber als Testlauf für Operationen tiefer im Sonnensystem (sprich: am Mars) verstanden werden kann. Beobachter hatten eher mit einer viel einfacheren Reise zum L2 des Erde-Mond-Systems („Chang’e verlässt …“) gerechnet. Vor dem Aufbruch war Chang’e 2 – dessen Primärmission („Wieder ein chinesischer …“) am 1. April beendet war – noch einmal bis auf 15 km hinunter gegangen, um erneut den Sinus Iridum unter die Lupe zu nehmen, wo „um 2012“ Chang’e 3 landen soll, und hatte erneut die beiden Polregionen aufgenommen. Die jetzige Missionsphase ist riskanter, da Chang’e 2 – so ein Projektmitarbeiter – für Operationen jenseits des Mondorbits eigentlich gar nicht ausgelegt ist. (Xinhua 9., China Daily 10., AW&ST 13., Space.com 15., Planetary Society Blog 16.6.2011. Indiens nächster Orbiter Chandrayaan 2 muß derweil etwas länger warten und abgespeckt werden, weil er sicherheitshalber nur eine normale GSLV-Rakete – die man für prinzipiell sicher hält – und keine Mk-III bekommen wird)

Die Artemis-Sonden erreichen die Mond-Umlaufbahn: Zwei der fünf THEMIS-Erdorbiter waren bekanntlich – da sie durch lange Schattenphasen eh‘ zerstört worden wären – auf verschlungenen und störungsanfälligen aber auch enorm Treibstoff sparenden Wegen Richtung Mond geschickt worden (siehe ISAN 123-8). Zunächst hielten sie sich eine Weile quasi „hinter“ dem Mond auf, wo sie einem „veritablen Zoo von Plasma-Phänomenen“ begegneten, aber jetzt werden sie tatsächlich zu Orbitern: ARTEMIS P1 am 27. Juni und P2 am 17. Juli. (NASA Feature 23., NASA Release 28.6.2011) NACHTRAG: ein Berkeley Release 13.7.2011.

Auch Dreck vom Mond gehört den Vereinigten Staaten …

Jedenfalls wenn er bei einer der Apollo-Mondlandungen an etwas haften blieb, das dann zur Erde zurückkehrte: Das ist die dezidierte Meinung des amerikanischen Gesetzgebers, und die hat sie nun wieder einmal durchgesetzt. Ein Fotograf hatte beim Öffnen einer der Kameras, die bei Apollo 11 auf der Mondoberfläche waren, etwas Mondstaub vorgefunden, der dort nicht hingehörte und den Film zu zerkratzen drohte: Unter anderem mit einem Streifen Klebeband entfernte er ihn. Diesen Streifen klebte er später auf eine Tafel mit Erinnerungsfotos, die ihm die Astronauen geschenkt hatten, und – so sagt er heute – niemand hatte was dagegen. 2001 verkaufte er die Tafel für 25’000$ an einen deutschen Händler für Weltraum-Memorabilia (ohne dass es Probleme gab): Der löste das Klebeband mit dem Mondstaub ab, schnitt es in kleinere Schnipsel und verkaufte diese. Eines dieser Stücke – mit so wenig Mondstaub dran, dass man ihn kaum sieht – gelangte (wie genau, ist ungeklärt) in den Besitz eines Amerikaners, der nun verstorben ist, woraufhin seine Witze das Objekt zur Versteigerung gab.

Der Auktionator wusste, dass das US-Gesetz keinen Privatbesitz an Apollo-Steinen erlaubt, dachte sich bei dem Staub aber nichts weiter. Das Justizministerium schon: Es verlangte unmißverständlich nach dem Schnipsel, hat ihn nun wieder (weder Auktionshaus noch Witwe leisteten Widerstand) und feiert den großen Fang in einer dramatischen Presseerklärung, in der der NASA-Fotograf als Verbrecher und die gefügige Witwe als Heldin mitspielen: Das „amerikanische Volk“ (O-Ton) habe sein Eigentum zurück. Das einzige Argument für die erbarmungslose Jagd auf mikroskopische Partikel ist wohl ein „Wehret den Anfängen“, so ein US-Experte für Weltraum-Sammelstücke: Bei welcher Größe der Mondprobe sollte man sonst die Grenze ziehen? Legal Mondmaterial besitzen kann man – auch als Amerikaner – gleichwohl: Teile der Proben von den Luna-Landern der Sowjetunion sind seit Jahren auf dem Markt, eindeutig dem Mond zugeschriebene Meteoriten ebenfalls. (Dept. of Justice PR, CBS, AP, New York Times 23., Space.com, Discovery, TIME 24.6.2011; Diskussion & Hintergründe. Und KHOU 28.6.2011 zu einem verschollenen und LA Times Blog 20., Space.com 26.5.2011 zu einem mutmaßlichen geklauten Apollo-Stein) NACHTRAG: Jetzt soll auch noch ein Apollo-14-Astronaut eine Mond-Kamera geklaut haben …

Fünf große Satelliten finanziert: China puscht – endlich – seine Weltraumforschung

23. Mai 2011

Über 100 Satelliten hat die VR China bereits in den Weltraum gebracht, aber nur ein einziges Projekt – Double Star zusammen mit der ESA – diente allein der Forschung; auch die beiden Mondmissionen waren bzw. sind (s.u.) eher als Ingenieurexperimente zu sehen. Aber das wird jetzt anders: Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hat in ihren 10-Jahres-Plan „Innovation 2020“, der ab diesem Jahr gilt, fünf z.T. ziemlich anspruchsvolle Forschungssatelliten aufgenommen, die bis 2016 starten sollen. Für die Weltraumforschung stehen in den kommenden 5 Jahren 3.6 Mrd. Yuan (400 Mio. Euro) zur Verfügung, und es soll ein neues Nationales Zentrum für Weltraumforschung entstehen. Den Anfang der neuen Ära macht das Hard X-ray Modulation Telescope (HXMT), dessen Start schon mehrfach verschoben worden war und das nun 2014 abheben soll: Geplant ist eine Himmelsdurchmusterung mit großem Gesichtsfeld. Andere der nun möglich gewordenen Missionen beschäftigen sich u.a. mit Weltraumwetter, Dunkler Materie & Energie und … Quantenverschlüsselung. (Science 20.5.2011 S. 904)

Chang’e verlässt im Juni den Mondorbit wieder – und zwar in Richtung des zweiten Lagrange-Punkts

Die Informationen sind vage, aber es scheint nun fest zu stehen, dass der zweite chinesische Mondorbiter Chang’e 2 (siehe ISAN 123-8) nach der Aufnahme von allerlei Bildern (von denen aber kaum etwas veröffentlicht wurde) am 16. Juni wieder aus der Umlaufbahn entfernt und zum Lagrangepunkt 2 des Erde-Mond-Systems geschickt wird, also von der Erde aus gesehen „hinter“ den Mond. Was er dort tun soll, wird nicht verraten, und Beobachter vermuten, dass es vor allem um’s Ausprobieren der Himmelsmechanik geht. Und was hat Chang’e im Mondorbit getrieben? Geschichten von einer globalen Mondkarte mit 7 Metern pro Pixel erscheinen – im Vergleich mit anderen, großen Mondmissionen – eher fragwürdig. (Planetary Society Blog 18.5.2011. Und ein NASA Feature 19.5.2011 zur Fertigstellung des GRAIL-Mondorbiter-Paares der NASA, das Ende des Sommers starten soll [NACHTRAG: und soeben am Cape angekommen ist])

Ärger mit GSLV-Rakete verzögert zweiten indischen Mondorbiter: Frühestens 2014 kann Chandrayaan-2 („Russischer Lander …“) starten, weil die indische Raumfahrtbehörde die dafür notwendige Großrakete GSLV nach mehreren spektakulären Fehlstarts noch einmal gründlich in die Mangel nehmen will. Russland soll inzwischen zugegeben haben, dass eine Designschwäche der Nutzlastverkleidung die Ursache für zumindest das jüngste Versagen im Dezember 2010 war. (India Today, DNA 15.5.2011. Und PTI 27.4.2011 über eine mögliche indisch-amerikanische Mond-Kollaboration und BBC Online 18.5.2011 über einen vorgeschlagenen ESA-Mondlander 2018 als Vorbereitung eventueller bemannter Missionen, den aber der Ministerrat noch absegnen muss)

NASA steigt aus LISA, IXO aus – ESA allein gelassen

7. April 2011

Noch sind die Quellen allein Blog-Stories, die auf einem internen Rundschreiben und einzelnen Interviews basieren, aber das Bild ist eindeutig: Die NASA hat alle Arbeit an den großen Weltraumastronomie-Projekten LISA (Gravitationswellen-Nachweis durch mehrere Satelliten) und IXO (großes Röntgenobservatorium) abgebrochen. Beide gehören auch zu den 3 Finalisten für das erste Großprojekt der Cosmic Vision der ESA („Erste Riesenforschungsmission …“); der dritte wäre eine Mission zum Jupiter ebenfalls mit der NASA zusammen. Angesichts der Unwägbarkeiten der NASA-Politik war die ESA-Auswahl bereits verschoben worden („NASA zu verwirrt …“): Da nunmehr allen drei Kandidaten der NASA-Beitrag abhanden gekommen ist, wird diesseits des Atlantuik ein gewaltiges Umdenken nötig, die bisherigen Missionskonzepte sind allesamt Geschichte und müssen deutlich vereinfacht werden. Und jenseits des Teichs? Dort werden die Karten erst recht neu gemischt werden müssen (womöglich mit gleich einer neuen Decadal Review für die Astrophysik) – und schon munkeln manche, das viel zu teuer geratene JWST könnte doch noch dran glauben müssen … Cat Dynamics, Cosmic Variance 6., BBC Blog, Living LIGO, Nature Blog [NACHTRAG: mit einem Update vom 11.4.] 7.4.2011. NACHTRAG: ein offizielles Wort zu LISA. NACHTRAG 2: ein Statement des AEI Hannover zum Weiterleben von LISA … NACHTRAG 3: … und ein Statement der NASA (in einem Update vom 13.4.)

Nur ein gemeinsamer Marsrover von ESA & NASA 2018

Auch das gemeinsame Marsprogramm von ESA und NASA („Grünes Licht …“) wird abspecken müssen: Eigentlich sollten 2018 gemeinsam ein ESA- und ein NASA-Rover starten, der erste zu intensiven astrobiologischen Forschungen, der andere zum Probensammeln für einen Transport irgendwann zur Erde, aber beide (ExoMars bzw. MAX-C) werden nun zu einem Fahrzeug vereinigt, größer als die beiden gewesen wären. Viele Details müssen noch ausgehandelt werden, aber der Rover wird vermutlich in Europa gebaut und mit europäischen und amerikanischen Instrumenten bestückt, und die USA sorgen auch für Verpackung und Start – und die Landung, mit genau derselben Skycrane-Technik, die erstmals beim MSL (s.u.) zum Einsatz kommt: Deren exakte Wiederverwendung soll entscheidend zum Geldsparen beitragen. (BBC 7.4.2011) NACHTRAG: Die ESA soll sich Ende Mai entscheiden, ob das was wird.

Erste Spektren des deutschen GREAT-Instruments auf der fliegenden Sternwarte SOFIA, aus der Sternentstehungsregion M17SW im Terahertz-Bereich, die beim ersten Wissenschaftsflug in der Nacht 5./6. April aufgenommen wurden, auch die Galaxie IC342 war beobachtet worden. Auf dem Jungfern-Flug wurden mit GREAT die stärksten Emissionslinien beobachtet, über die eine Kühlung des interstellaren Mediums erfolgt: Pressemitteilungen von MPG, MPIfR und DLR und den Universitäten Stuttgart und Köln und NASA und USRA Press Releases 7.4.2011.

Soyuz TMA-21 im Anflug auf die ISS heute morgen, knapp 49 Stunden nach dem Start und 10 Minuten zu früh: Man sah die Chance, schneller zum Ziel zu kommen und dabei etwas Sprit zu sparen und nutzte sie. Und nun? Die ‚Abschaltung‘ der US-Regierung ist immer noch nicht abgewendet und hätte z.B. gravierende Folgen am KSC für die Vorbereitung von STS-134, z.Z. für den 29.4. geplant. Und noch schlimmer: Es gäbe dann kein NASA-Fernsehen mehr …

So „sieht“ das Laseraltimeter LOLA auf dem LRO den Mond: von links ein Höhen-, ein Neigungs- und ein Rauigkeitsbild, das aus den Höhenmessungen aus dem Orbit abgeleitet wurde, alle auf den jungen Krater Tycho zentriert – alle 192 Terabyte Daten der ersten Missionsphase (die einer längst nicht mehr existierenden bemannten Mission zuarbeiten sollte) sind inzwischen öffentlich, darunter auch eine 1.1 GB große Höhenkarte mit 100 m Netzweite. Der LRO betätigt sich weiterhin, nun rein wissenschaftlich; derweil hat der zweite chinesische Orbiter Chang’e 2 seine Primärmission abgeschlossen und wendet sich weiteren Aufgaben zu – während es bereits Pläne bis Chang’e 5 gibt.

So weit ist der nächste Marsrover schon gediehen: das Mars Science Laboratory der NASA alias „Curiosity“ (allmählich wird der, äh, kuriose Name etwas populärer). Gestartet werden soll zwischen dem 25.11. und 18.12., und wo gelandet werden soll, wird auch bald entschieden. Das Bild des 3-m-Rovers enstand am 4. April im Rahmen einer Pressevorführung, von der Fotografen reichlich Gebrauch machten.

Eine Merkuraufnahme vom ersten Wissenschaftsorbit MESSENGERs von 80°S: Wie angekündigt, gibt es seither genau einen Bild-Happen pro Tag in der Galerie, während der Planet systematisch fotografiert wird: Die morphologische Basiskarte soll 90% der Oberfläche mit 250 Metern pro Pixel Auflösung zeigen, überwiegend mit schrägem Sonnenstand.

Nachrichten aus der Planetenforschung kompakt

4. November 2010

Beide ARTEMIS-Sonden kreisen um die Langrangepunkte L1 und L2 des Erde-Mond-Systems

Am 25. August bzw. 22. Oktober haben die beiden ehemaligen THEMIS-Satelliten („Erste ARTEMIS-Sonde …“) den ersten Schritt hin zu ihrer neuen Aufgabe als Mondorbiter geschafft: 60’000 km „vor“ bzw. „hinter“ dem Mond und knapp außerhalb der Erdmagnetosphäre kümmern sie sich zunächst mit ihren je 5 Instrumenten um den Sonnenwind in der Mondumgebung und immer gegen Vollmond auch um den Magnetschweif der Erde. Sechs Monate später sollen sie sich dann noch näher an den Mond heranpirschen und extrem elliptische Bahnen einnehmen, auf denen sie sich meist in bis zu 18’000 km Enfernung aufhalten aber auch gelegentlich in zunächst 100 und später wenigen Dutzend km Höhe über die Mondoberfläche schießen: Nun geht es um die Wechselwirkung von Sonnenwind und Regolith. „Acceleration, Reconnection, Turbulence and Electrodynamics of Moon’s Interaction with the Sun“ ist schließlich die wahre Bedeutung des neuen Akronyms für die NASA-Mondmission, die fast nichts kostet. Und den größtmöglichen Nutzen aus den beiden Satelliten der ehemaligen Fünferkonstellation zieht, die sonst durch zunehmenden Aufenthalt im Erdschatten erfroren wären; die anderen drei machen als verkleinertes THEMIS – „Time History of Events and Macroscale Interactions during Substorms“ – im Erdorbit weiter. (Berkeley Release, Science@NASA 27., UCLA Release 28.10.2010. Und eine NASA-Notiz über einen möglichen – harmlosen – Treffer eines Mikrometeoriten)

Chang’e ist jetzt auf einer 15×100-km-Bahn um den Mond, so dass sich der neue chinesische Mondorbiter („Wieder ein chinesischer …“) den Sinus Iridum aus der Nähe ansehen kann: Hier wird vermutlich eines Tages die erste Landung versucht. (Xinhua 26., Peoples‘ Daily 25.10.2010. Und Voice of Russia über die bevorstehende Wiederaufnahme des russischen Mondprogramms)

Analyse der Teilchen in Hayabusas Kapsel zieht sich hin

Inzwischen sind schon über 150 µm-große Partikel in der Probenkapsel von Hayabusa entdeckt und geborgen worden, aber noch immer vermag die japanische Weltraumbehörde nicht mit Sicherheit zu sagen, ob auch nur eins davon vom Asteroiden Itokawa stammt. Inzwischen ist von „mindestens Februar“ 2011 für eine Verlautbarung die Rede, aber der Optimismus ist doch gewachsen, denn um metallische Splitter von der Sondentechnik selbst handelt es sich nicht: Die meisten sind offenbar felsiger Natur. Bisher ist auch nur an einer von zwei Kammern („A“) gearbeitet worden: Die Kammer B, in der beim Kontakt mit Itokawa noch mehr Bodenmaterial gelangt sein müsste, wird erst dieser Tage angegangen. (Daily Yomiuri 28., Mainichi Daily News 9., Nature Blog 7., Science Journalism Tracker 6.10., Spaceflight Now 29.9.2010)

Erste Erkenntnisse des Rosetta-Vorbeiflugs an Lutetia im Juli sind im Oktober auf einer Konferenz berichtet worden: Danach zeigt der bis zu 130 km große Asteroid eine Menge geologische Strukturen (Header-Box) aber auch Anzeichen für eine bis zu 600 m dicke Regolith-Schicht, wie sich aus der Flachheit von Einschlagskratern ergibt. Fast 240 Felsbrocken bis 100 m Größe hinab wurden gezählt – und die Masse Lutetias durch die Ablenkung von Rosettas Bahn bestimmt, was wiederum zu einer Dichte von etwa 3.1 oder 3.4 g/cm^3 führt: Ein Konglomerat aus kleineren Körpern mit viel Hohlräumen dazwischen ist das nicht, die Zahl entspricht viel mehr unserem Mond. Bei der Volumenbestimmung helfen auch Aufnahmen mit Adaptiver Optik von der Erde aus, die zusätzliche Blickwinkel liefern. Zu welchem Typ Lutetia gehört, weiß man übrigens immer noch nicht: Wichtige IR-Daten harren noch der Auswertung. (Keck, SwRI Releases, ESO Announcement, Scientific American 7., ESA Tweet 6., Space.com 5.10.2010. Und ein ESA-Statement zu Ärger mit Rosettas Reaction Control System, der Änderungen beim Betrieb der Sonde erzwingt aber die Mission nicht gefährdet)

Staubdetektor auf New Horizons nun der sonnenfernste aller Zeiten

Nachdem die Raumsonde am 10. Oktober die Marke von 18 Astronomischen Einheiten oder 2.7 Mrd. km Sonnenabstand passierte, kann sich der Venetia Burney Student Dust Counter an Bord nun rühmen, das am weitesten von der Sonne entfernt arbeitende Staubinstrument zu sein: Ungefähr in dieser Distanz gaben Anfang der 1980-er Jahre entsprechende Detektoren auf Pioneer 10 & 11 den Geist auf. Bisher stimmten die Messungen des SDC zum interplanetaren Staub gut mit Daten von Galileo und Ulysses auf dem Weg zum Jupiter überein. (New Horizons Headlines, Colorado Daily 11.10.2010; SDC Homepage. Auch eine Headline zum Verbleib der Oberstufe – und ein Nature-Editorial mit einer möglichen makabren Beigabe zur Juno-Mission zum Jupiter …)

New Horizons hat genau die halbe Reisezeit zwischen Erde und Pluto hinter sich: Diese Marke zwischen Start im Januar 2006 (siehe Artikel B77 und Pluto-Passage im Juli 2015) wurde am 17. Oktober um 3:24 UTC passiert. Kurz zuvor hatten sich die Flugkontrolleure mächtig erschrocken: Am 6.10. war wie schon viele Male nach Telemetrie der Sonde gelauscht worden – aber da war gar nichts! Das gab’s in den fünf Reisejahren noch nie, und man fürchtete schon das Schlimmste – doch es war nur die Antenne am Boden falsch konfigutiert gewesen … (PI Perspective 18.10.2010 – man beachte die bizarre Bildunterschrift, die alles Mögliche zu „kleinen Planeten“ erklärt …)

Eintauchen in Venus-Atmosphäre liefert verblüffende Dichte-Daten

Immer wieder wird – unter streng kontrollierten Bedingungen – die Periapsis der Bahn des Venus Express etwas abgesenkt („Der Venus Express …“), auf dass die ESA-Sonde den Widerstand der oberen Atmosphäre spürt: Er wirkt sich auf die Bahn aus und verursacht auf ein Drehmoment auf die Sonde mit ihren zwei um 90° gegeneinander versetzten Solarsegeln. Beide Informationen können ausgewertet werden und haben u.a. zu der Erkenntnis geführt, dass die Dichtemodelle der Venusatmosphäre nicht stimmen: Über den Polen ist die Dichte 60% geringer als angenommen. Diese Erkenntnisse sind auch operationell interessant, denn Anfang 2012 soll die Bahnhöhe des VEX durch Aerobraking permanent verringert werden: Das ermöglicht neue Beobachtungen und auch eine weitere Missionsverlängerung, da eine niedrigere Bahn in der Apoapsis weniger von der Sonne gestört und Treibstoff für Korrekturen eingespart wird. (ESA Release. ESA Science Release 7.10.2010. Auch EPSC Releases zur Variabilität des Venus-Vortex und Venus-Blitzen, die irdischen vergleichbar sind)

Nachrichten vom (Erd-)Mond kompakt

21. Oktober 2010

12 1/2 Monate danach: LCROSS-Papers endlich publiziert

Jetzt kann man endlich auch in referierten Papers – gleich 6 an der Zahl: morgen in Science – nachlesen, was beim LCROSS-Impakt heraus gekommen ist, ganz wörtlich gesehen: Es waren Körnchen aus reinem Wassereis, zuzüglich so vieler flüchtiger Beimischungen, dass eine ganze Reihe von Quellen (sowie komplexe chemische Prozesse) angenommen werden müssen. Dominante Lieferanten waren wohl Kometenkerne, ihre Hinterlassenschaften auf dem Mond sind ungleichmäßig verteilt, und allerlei leichte Metalle gibt es auch noch. Die genauen Abläufe während des Impakts liefern auch Aussagen über die physische Beschaffenheit des Regoliths und wie das flüchtige Material darunter gemengt ist. (Ames [telecon visuals], Brown, U of A, JPL, SwRI Releases, Washington Post, New York Times, Space.com, Planetary Society Blog, IO9, Universe Today [more] 21.10.2010)

Der LRO ist nun ein wissenschaftlicher Mondorbiter und keiner mehr, der in erster Linie die Landung von Astronauten vorbereiten soll: Am 16.9. beendete der Lunar Reconnaissance Orbiter seine „Exploration“ – alle Ziele wurden erreicht – und wird nun die kommenden 2 bis 4 Jahre reine Forschung betreiben. Als als Gehilfe der bemannten NASA-Fraktion hat der LRO eine Menge Wissenschaft (und mehr Daten als alle anderen Planetenmissionen zuvor zusammen) abgeworfen: So hat sein Laseraltimeter einen kompletten Katalog von 5185 Impaktkratern > 20 km Durchmesser geliefert, aus dem man schließen zu können glaubt, dass sich die Population der Impaktoren vor 3.8 Gyr veränderte. Und sein IR-Instrument Diviner hat gezeigt, dass der Mond geologisch komplexer als bisher gedacht ist. (Head & al./Greenhagen & al./Glotch & al., Science 329 [17.9.2010] 1504-13; NASA Release 15., JPL, Stony Brook Releases, Diviner Blog, Planetary Society Blog 16., Oxford Release, Science Journalism Tracker 17., Physics World 21.9.2010. Auch LROC-Bilder, Planetary Society Blog und Universe Today zu kleinen Mondbrücken, LROC-Bilder von Mondlöchern und Universe Today, StarStryder, New Scientist Blog mit weiteren LRO-Entdeckungen)

Wieviel über die Ausgasungen des Mondes fand Chandrayaan I schon 2008 heraus?

In Indien erhitzen sich die Gemüter („Zu wenig Anerkennung …“) weiter über die Frage, wie viel der vermeintlichen „NASA-Entdeckungen“ in Sachen Wasser & mehr im Mondboden – durch LCROSS bzw. NASA-Instrumente auf dem indischen Orbiter Chandrayaan I – eigentlich das kleine CHACE-Instrument vorweg genommen („Chandrayaans Moon Impact Probe …“) hat, das 2008 mit der Moon Impact Probe auf die Oberfläche stürzte. Diese Kapsel war primär ein Ingenieur-Experiment mit der Wissenschaft nur als Zugabe – aus diesem Grund war es nicht möglich, CHACE vor dem Abwurf ausgiebig zu eichen. Seine Daten während des Abstiegs, mit H2O, C02 und manchem mehr, sehen zwar gut aus (und scheinen zu den nun publizierten LCROSS-Auswertungen zu passen) – aber der letzte Beweis, dass es sich nicht doch überwiegend um Ausgasungen des Instruments oder der MIP selbst handelt, kann scheint’s nicht geführt werden. Und so ruhen die Hoffnungen nun auf einem ähnlichen Instrument auf dem Orbiter Chandrayaan II, das a) geeicht und b) wesentlich länger und systematischer nach Ausgasungen vom Mondboden – d.h. der Mondexosphäre – schnüffeln soll. (Frontline 25., Beyond Moon & Mars 24., Parallel Spirals 23., 21., Telegraph 19., Beyond Moon & Mars 15.9.2010. Und ein EuroPlaNet Release und Astronomy Now zu Chandrayaan-Beobachtungen zur Wechselwirkung von Mondoberfläche & Sonnenwind)

12 Instrumente werden auf dem russischen Lander von Chandrayaan II sitzen, wurde jetzt bekannt; der Orbiter und vom Lander ausgesetzte Rover („Russischer Lander …“) tragen weitere 5 bzw. 2 Instrumente. Bei der russischen Lander-Nutzlast geht es in erster Linie um die Entstehung des Mondbodens und Prozesse, die darin ablaufen. Derweil scheint es möglich, dass der kleine Rover u.a. in eine Höhle rollen wird. (Parallel Spirals 13., Space.com 9.10., Parallel Spirals 24.9.2010)

Wieder ein chinesischer Satellit im Mondorbit

Chang’e 2 ist das Ersatzmodell des erfolgreichen Orbiters Chang’e 1, das auch wieder mit denselben, wenn auch z.T. verbesserten, Instrumenten auf die Reise gegangen ist – aber diesmal in nur 5 Tagen (1. bis 6. Oktober) statt 12. Und der kurz nach der Ankunft eingenommene 100 km hohe Orbit liegt nur halb so hoch wie beim letzten Mal: Besonderes Interesse soll dem Sinus Iridum gelten, wo die Chinesen mit Chang’e 3 vermutlich die erste Landung wagen werden. (Und sich inzwischen wegen der ganzen lunaren Ausgasungen Sorgen machen, dass ein astronomisches UV-Teleskop auf den Lander womöglich Probleme haben wird.) Die Primärmission von Chang’e 2 dauert 6 Monate: Danach wird sie entweder verlängert oder aber Chang’e 2 in ein Ingenieurexperiment umgewandelt und entweder zur Erde zurück oder noch tiefer in den Raum hinein geschicht, beides als Training für künftige komplexere Missionen. Da diesmal auf der stärkeren Langer Marsch 3C statt der 3A gestartet wurde, konnte reichlich Sprit für exotische Manöver mitgenommen werden. (Beijing Review 18., Space Daily 12., Space Today 7., Xinhua, Spaceflight Now, Space Daily 6., Lunar Networks 4., Xinhua, Planetary Society Blog, Space Today 1.10., EPSC Release 21.9.2010. Und ein EPSC Release und der Spiegel zur 1. Mikrowellenkarte des Mondes von Chang’e 1)

Alle Daten von SMART-1 stehen nun der Wissenschaft zur Verfügung – und vor allem die vielen Bilder der AMIE-Kamera auf dem europäischen Mondorbiter sind bislang kaum ausgewertet worden: Sie zeigen die Mondoberfläche mit 40 m Auflösung unter vielen verschiedenen Beleuchtungen, woraus man einiges über die physische Beschaffenheit des Bodens lernen kann. (ESA Release 21.9.2010. Auch ESA und Astrium Releases und BBC zu einer Studie für einen ESA-Mondlander)

Hervorragende Laser-Echos vom lange verschollenen Lunochod 1, der erst dieses Jahr auf Bildern des LRO gefunden wurde, sind mit dem APOLLO-System des Apache Point Observatory erhalten worden: Sie sind viermal so stark wie von Lunochod 2. Nun eröffnen sich eine Menge Möglichkeiten für detaillierte Vermessungen der Mondbewegungen, „parkt“ doch der 1. sowjetische Mondrover als einziger nahe am Mondrand. Und weil sein Retroreflektor noch so gut ist, kann er sogar in der Sonne benutzt werden. (Murphy & al., Preprint 28.9., arXiv blog 1.10.2010)

Nachrichten vom Mond kompakt

19. August 2010

Der Mond ist um 200 Meter geschrumpft – und noch kein Ende in Sicht

Die Abkühlung des Mondes seit seiner Entstehung geht mit einem geringfügigen Verlust an Durchmesser einher, der sich durch tektonische Verwerfungen auf seiner Oberfläche bemerkbar macht: Bisher kannte man nur wenige solcher „lobate scarps“ (wörtlich: gelappte Böschungen), aber die Kamera des Lunar Reconnaissance Orbiter hat nun 14 weitere entdeckt und sie nun auf dem gesamten Körper nachgewiesen. Viel größere lobate scarps kennt man vom Merkur, der im Rahmen seiner Abkühlung gleich um Kilometer kleiner geworden ist – beim Mond dagegen spricht das scarp-Muster für einen Durchmesserverlust um gerade einmal 200 Meter.

Allerdings passierte das nicht schon in der fernen Vergangenheit: Die scarps sind so frisch und kraterarm, dass sie in den letzten 800 Mio. Jahren entstanden sein dürften. Und die Schrumpfung dürfte noch immer andauern, wenn sie auch mit abnehmender Restwärme des Mondes ständig langsamer wird und irgendwann ganz zum Erliegen kommt. Von der Erde aus nachweisen kann man den winzigen Effekt wohl gar nicht, aber er zeigt doch, dass der Mond geologisch gesehen noch ‚lebt‘. (NASA Telecon, Visuals, Press Release, Air & Space Blog, Scientific American, New Scientist, Telegraph 19.8.2010) NACHTRAG: wer sonst noch im Sonnensystem schrumpft.

Ein natürlicher Mondkrater, der höchstens 38 Jahre alt ist, findet sich auf einer LRO-Aufnahme: Zu Apollo-Zeiten (konkret: als Apollo 15 vorbei kam) war an dieser Stelle eindeutig noch nichts, und weit und breit ist kein – bekanntes – Stück Mondhardware eingeschlagen, der alle bisher vom LRO entdeckten neuen Krater zuzuschreiben sind. (Planetary Society Blog 27.7., LSI News 3.8.2010. Auch Details des Kraters Bhabha in schräger Sicht, Nature zur Datierung mit Mondkratern und LRO-Bilder eines Mond-Vulkans sowie von Löchern, die nun auch im Schrägblick untersucht werden sollen. Neue LRO-Datenprodukte auch von Diviner und Mini-RF)

Indizien für ein – moderat – feuchtes wie ein sehr trockenes Inneres des Mondes

sind kurz nacheinander veröffentlicht worden, basierend auf Untersuchungen von Mondgestein mit neuartigen Techniken: Ein klares Bild ergibt sich daraus nicht. Erst wurden Fluor, Chlor und das Hydroxyl-Ion OH- in Apatit (Kalziumphosphat) von einer Apollo-15-Probe („Tatsächlich Wasser …“) und einem Mondmeteoriten und Wasserstoff/OH-, Chlor und Schwefel in Apatit in einem Apollo-14-Stein gefunden, die im letzteren Fall auf Mengenanteile flüchtiger Substanzen (Wasser inklusive) wie in irdischem Magma hinwiesen – aber dann wurden in anderem Mondgestein stark schwankende Isotopenverhältnisse von Chlor entdeckt. Die Anwesenheit von Wasser hätte dies vermutlich verhindert, da das Chlor mit dem Wasserstoff eine Verbindung eingegangen wäre, sich so aber an Metalle halten musste; das führt zu anderen Entweich-Verhältnissen. Vielleicht haben beide Studien recht, und das Mondinnere ist sehr uneinheitlich: Um das zu klären, müssen noch viel mehr Mondproben untersucht werden. (Boyce & al., Nature 466 [22.7.2010] 466-9; PSRD 1., Caltech, Univ. TN Releases 21.7., Univ. of NM, LANL Releases 5.8.2010; Science News „28.“, Sky & Tel. 11., Nature 6., Scientific American 5.8.2010. Und Universe Today zum weiter konfusen lunaren „Wasserzyklus“ auf der Oberfläche)

Der erste Nachweis von Graphit auf dem Mond – teilweise in Gestalt sogenannter Whiskers – ist in einer Probe von Apollo 17 gelungen: Entweder brachte die der Impaktor mit, der das Mare Serenitatis schuf, oder sie kondensierten aus der Dampfwolke nach dem Einschlag. Auf jeden Fall scheint kohlenstoffhaltiges Material aus der Zeit des Late Heavy Bombardement noch auf dem Mond zu existieren. (Steele & al., Science 329 [2.7.2010] 51; JPL Release, Scientific American 1.7.2010)

Russischer Lander mit indischem Mini-Rover auf Chandrayaan-2

Nach gewisser Verwirrung scheint nun klar zu sein, dass die nächste indische Mondsonde („Der Bau von …“) nur einen Rover mitführen wird, und zwar einen selbst gebauten – aber abgesetzt wird er mit einem russischen Lander. Mit einer Masse von 15 kg ist der indische Rover ein Winzling, verglichen mit den russischen Lunochods (750 kg), aber für ein paar Instrumente reicht’s (während auf dem Lander bis zu 10 russische Instrumente, z.T. entwickelt im Rahmen von Fobos-Grunt, installiert werden könnten). Ungefähr zur selben Zeit – Anfang 2013 – soll auch im Rahmen der 3. chinesischen Mondmission Chang’e 3 („Ergebnisse …“) ein Rover abgesetzt werden: Hier zeichnet sich ein interessanter Wettlauf ab. (Parallel Spirals, Deccan Chronicle 15., BBC 13., Parallel Spirals 5., Ministry of Science and Technology PR 4.8., The Hindu 27.7.2010. Auch: Lunar Networks und Xinhua zu Ergebnissen von Chang’e und NASA und Parallel Spirals zu Ergebnissen von Chandrayaan-1 – und Current Science zu Unmut über dessen Datenpolitik …) NACHTRAG: Ein spanisches Blog hat Bilder des Landers. NACHTRAG 2: Warum kein russischer Rover mehr? Spekulationen … NACHTRAG 3: die Nutzlast von Chandrayaan-2 – erwartungsgemäß diesmal alles Made in India auf Orbiter & Rover. NACHTRAG 4: doch ein 30- bis 100-kg-Rover möglich, sagen die Russen. NACHTRAG 5: Der Orbiter wird tiefer fliegen als Chandrayaan-1.

Konsequenzen für den Google Lunar X-Prize werden möglicherweise die indischen und chinesischen Mondrover haben: Die Regularieren für den Wettbewerb, bei dem ein zu 90% privat finanzierter Mondrover abgesetzt werden soll, um dann bestimmte Aufgaben zu erfüllen, werden vermutlich verschärft. Sollte nämlich einer der Regierungs-Rover dem ersten privaten zuvor kommen, dann gibt’s ein geringeres Preisgeld – dafür wird aber gleichzeitig die Deadline entschärft. (Asia Times 12.8.2010)

Erste Artemis-Sonde (Ex-THEMIS) bald im Mondorbit: Diesen Monat und im Oktober sollen die beiden umgeleiteten Erdorbiter in Umlaufbahnen um den Mond eintreten („Die beiden …“); bis nächsten April müssen die Bahnen noch angepasst werden. Dann kann die neue Mission „Acceleration Reconnection and Turbulence and Electrodynamics of the Moon’s Interaction with the Sun“ beginnen, deren Finanzierung zwar noch nicht steht aber als ausgemacht gilt. (Discovery 27., New Scientist Blog 29., Lunar Networks 30.7., DLF 6.8.2010. Auch: JPL Release zum Bau der GRAIL-Mondorbiter) NACHTRAG: ARTEMIS-P1 ist am 25.8. im Orbit angekommen! NACHTRAG 2: Nee, nicht wirklich!

Das Bild des Wassers auf dem Mond wird immer komplizierter

7. März 2010

Noch vor einem Jahr wurde das Thema kaum ernstgenommen, angesichts allenfalls schemenhafter Indizien, aber das hat sich dank einer Flut von Entdeckungen der aktuellen Generation von Mondmissionen schlagartig geändert – und schon wieder gibt es neue Erkenntnisse, die das Gesamtbild immer komplizierter erscheinen lassen.

  • Ein weiteres Instrument auf dem Lunar Reconnaissance Orbiter sorgt für Verwirrung, denn der Neutronendetektor LEND registriert die Signatur von Wassereis nur aus einem Bruchteil von schattigen Polkratern (darunter immerhin jenem Cabeus, wo LCROSS eine Wasserdampfwolke aufsteigen ließ), während andererseits auch in gut besonnten Mondregionen Eis vorzukommen scheint. Wenn sich das bestätigen sollte, haben wir einen wesentlichen Prozess des Mond-Wasser-Kreislaufs – Eisablagerung in größerer Menge nur in polaren Kältefallen – überhaupt nicht verstanden, doch es gibt auch gewisse Zweifel an den Messungen selbst. (Nature Blog 2.3.2010, New Scientist 22.12.2009)

  • In rund 40 – korrekt schattigen – Kratern in der Nähe des Mond-Nordpols hat das Radar Mini-SAR auf Chandrayaan-1 Hinweise auf Wassereis gefunden: Das streut nämlich dank vieler interner Reflexionen zirkular polarisierte Strahlung mit derselben Drehrichtung zurück, während normaler Boden die Richtung umdreht. Den Eis-Effekt kann zwar auch besonders rauher Boden nachahmen, der bei einem Impakt zu erwarten ist, aber die Mini-SAR-Daten zeigen, dass der Effekt auf die glatten Böden der 2 bis 15 km großen Krater beschränkt ist. Und es gibt ihn auch nur in permanent schattigen Kratern. Hochgerechnet mindestens 600 Mio. Tonnen Wassereis dürfte das Radar damit nachgewiesen haben, in grobem quantitativem Einklang mit alten Neutronendaten des Lunar Prospector. (NASA Feature, Air Space Mag Blog 1., ISRO Release, Tagesschau 2., Scientific American, Times of India, Space Today, Science Blogs 3.3.2010)

  • In der Ejektawolke nach dem LCROSS-Impakt („Wassereis …“) sind neben Wasserdampf inzwischen sicher SO2, CH3OH und H2C4 nachgewiesen worden. Eine klare Antwort auf den Ursprung des Wassers in Cabeus („Das Wassereis …“) und seiner Beimischungen wird aber offenbar weiter gesucht: Angesichts der Vielfalt der Daten scheint es nun möglich, dass das Wasser auf dem Mond mehrere verschiedene Quellen haben könnte. (Sky & Tel. 2.3.2010)

Die Anlieferung des Mondwassers durch Kometen oder bzw. Bildung mit Hilfe des Sonnenwinds, der Transport der Moleküle von einem Ort zum anderen und ihre langfristige Ablagerung sind ein ganz frisches Thema für die Planetenforschung geworden – während sich Inder und Amerikaner gerade noch um die Priorität streiten, wer als erster was klar nachgewiesen hat: Für die indische Presse sind diese ‚lunar water politics‘ bereits ein Thema … (Times of India 3.3.2010) NACHTRÄGE: Science@NASA und Discovery zur Herkunft des ‚Moon water‘.

Die Laser-Retroreflektoren auf dem Mond werden immer schlechter, offenbar die Wirkung von – elektrostatisch angehobenem und herumgeblasenem – Mondstaub: Entweder zerkratzt er die von Apollo-Astronauten und Lunochod-Rovern zurückgelassenen Katzenaugen oder er legt sich nur drauf. So oder so verändert er die thermischen Eigenschaften der Spiegel, die jeweils bei Vollmond – aber nicht während der Totalität einer MoFi – besonders schlecht die irdischen Laserblitze zurückwerfen. Das erschwert zumindest für kleinere Laserteleskope die Vermessung der Mondbahn, was für die Suche nach subtilen relativistischen Effekten immer noch interessant ist. Und dient als Warnung für die Planer futuristischer optischer Sternwarten auf der Mondoberfläche. (Murphy & al., Preprint 3.3.; New Scientist 15., Lunar Networks 16.2., Science Blogs 5.3.2010)

Lava-Tunnel auf dem Mond bleiben in den Schlagzeilen

Während die Kamera LROC des Lunar Reconnaissance Orbiters neue Bilder der bekannten „Marius-Hills-Grube“ geliefert hat, wo offenbar ein unterirdischer Lavakanal eingebrochen ist, gibt es von der Terrain Mapping Camera auf Chandrayaan-1 ein Bild aus dem Oceanus Procellarum, wo eine Mondrille streckenweise unterirdisch zu verlaufen scheint. Schon wird in der indischen Presse spekuliert, dass man doch in solch einem Mond-Tunnel gut einen Rover parken könnte … (The Hindu 9.2., LROC Featured Image 1., Parallel Spirals 3.3.2010) NACHTRAG: lunare Lavaröhren als Habitate für Mondbewohner.

Noch eine Chandrayaan-1-Entdeckung: eine „neue Art Mondgestein“, das von Magnesium-Spinel dominiert wird – das soll nicht zu gängigen Modellen der Entwicklung der Mondkruste passen. (The Hindu 9.2.2010)

Der Bau von Chandrayaan-2 beginnt dieses Jahr

Bei der 2. indischen Mondmission – deren Start für das 1. Quartal 2013 angepeilt wird – geht es um das Absetzen von zwei Mondrovern, die jeweils bis zu einem halben Jahr durchhalten sollen. Dafür wird die Zahl der mitgeführten Instrumente deutlich kleiner als bei Chandrayaan-1 mit seinen 11 ausfallen. Und Bewerber aus dem Ausland haben diesmal entsprechend weniger Chancen. (The Hindu 2., DNA 27., Sify 28.1.2010)

Chang’e-2 soll bis zu 1 Meter Auflösung erreichen: Zwar wird als Bildauflösung der Kamera des 2. chinesischen Mondorbiters – der noch dieses Jahr starten soll – 7 Meter angegeben, aber im Tiefflug könnte sie bis auf einen Meter steigen. Derweil hat China verkündet, die Technologie seit bald bereit für eine Mondlandung, und auch wenn es explizit keine konkret Pläne für eine bemannte solche gibt (die US-Politiker so gerne beschwören), so dürfen die Ingenieure des Landes zumindest schon mal über eine Mega-Rakete im Stil der Saturn V nachdenken. (People’s Daily 12.1., 8.2., AW&ST 5.3.2010) NACHTRAG: „Um 2013“ soll Chang’e 3 starten, mit Lander & Rover. NACHTRAG 2: Und über ein Labor für Mondgestein wird auch schon nachgedacht.

Nachrichten vom Mond kompakt

22. Dezember 2009

LRO-Erkenntnisse: kalte Krater, heiße Strahlung …

Im halben Jahr seit seinem Eintritt in den Mondorbit hat der Lunar Reconnaissance Orbiter schon eine Menge erreicht:

  • Das Diviner-Instrument hat auf polaren Kraterböden Temperaturen bis 25 Kelvin hinab gemessen (diesen Rekord hält Hermite, im Bild lila, aber in Peary und Bosch ist es kaum wärmer) – man muss sonst im Sonnensystem schon jenseits der Kuipergürtels nach so niedrigen Temperaturen suchen. Die Polkrater sind damit als ideale Kältefallen für Volatiles aller Art bestätigt, auch wenn die Extremwerte nur die obersten Millimeter des Bodens zur Zeit der lunaren Wintersonnenwende betreffen: Darunter dürfte etwas Wärme aus sonnigeren Jahreszeiten gespeichert sein.

  • Mit der Kamera LROC wurden zu Eichzwecken ausgiebig die Landestellen der Apollo-Missionen abgelichtet aber auch 50 ganz anders geartete Stellen möglicher künftiger Landungen, um die Szenerie dort einschätzen zu können: Der Mond ist weit vielseitiger als es aufgrund der Apollo-Naherkundung besonders sicherer Gebiete erscheinen könnte.

  • Das Instrument CRaTER fand heraus, dass neben der Galaktischen Kosmischen Strahlung (GCR) – die wegen der derzeit sehr geringen Sonnenaktivität besonders reich vorhanden ist – auf Astronauten auch überraschend viel sekundäre Strahlung wartet, die die GCR im Mondboden auslöst: Insgesamt liegt die Strahlungsbelastung 30-40% über der Erwartung, würde sich aber gut genug abschirmen lassen.
(NASA Release, Diviner Blog 15., San Francisco Chronicle 16., Discovery 17., Spaceflight Now 20.12.2009. Auch ein Image Prerelease der LROC – der erste große Bilderschwall soll dann Mitte März kommen – und viele Präsentationen von einer Mond-Tagung im November)

Das Wassereis, das LCROSS fand, stammt wahrscheinlich von Kometen: Dafür sprechen einmal die schiere Menge, die der Sonnenwind wohl nicht deponiert haben kann, zum anderen aber die vielen Beimischungen flüchtiger Substanzen, von denen inzwischen CO2, CH4, SO2, NH3 und H2S identifiziert zu sein scheinen – und es gibt auch Anzeichen für Gold sowie (vom LAMP-Instrument auf dem LRO gesehen) Quecksilber, das mobil genug zu sein scheint, um ebenfalls in die polare Kältefalle Cabeus gelangt zu sein. Und die dortige Wassermenge passt auch zu den Signalen, die einst der Lunar Prospector maß und die mancher damals nicht glauben wollte. (Martian Chronicles 17., Lunar Networks 8.12., The Hindu 26., New Scientist, Who hung the Moon 19.11.2009. Auch sehr ausführliche Berichte der letzten und vorletzten Schicht der LCROSS-Controller!)

Ergebnisse der 1., Starttermin der 2., Pläne zur 3. chinesischen Mondmission

Die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse des chinesischen Mondorbiters Chang’e-1 sind gerade publiziert worden (darunter ein 3D-Geländemodell, in dem unbekannte Impaktbecken identifiziert wurden), und nun wird der Oktober 2010 als Starttermin von Chang’e-2 genannt: Diesmal soll der Mond in 100 statt 200 km Höhe umkreist werden. Der Orbiter war einst Back-Up für Chang’e-1, ist aber technisch verbessert worden und soll nun Daten mit höherer Auflösung liefern. Und noch „vor 2013“ ist mit Chang’e-3 die erste weiche Landung – und zwar im Sinus Iridum – geplant, bei der auch ein Rover ausgesetzt werden soll. „Vor 2017“ schließlich soll dann in einer 3. Phase des Mondprogramms eine Bodenprobe zur Erde gebracht werden. (China Daily 27., Lunar C/I 30.11., Science in China Press 1.12.2009; Österreichisches Weltraumforum)

Organische Chandrayaan-Spekulationen und Pläne für Indiens 2. Mondflug: Die Moon Impact Probe von Chandrayaan-1 soll kurz vor dem Aufschlag auf die Mondoberfläche mit einem Massenspektrometer Signaturen organischer Verbindungen registriert haben, wurde jetzt auf einer Tagung erzählt (was die Presse sogleich als „Zeichen von Leben auf dem Mond“ missverstand) – und es scheint jetzt festzustehen, dass Chandrayaan-2 im Jahr 2013 starten und gleich zwei Rover auf dem Mond absetzen soll. Diesmal sollen auch mehr indische Instrumente an Bord sein: Ausländische, die bei Chandrayaan-1 eine wesentliche Rolle spielten, dürfen nur mit, wenn noch Platz ist. (DNA 12., The Hindu 15., Discovery 16.12.2009)

Telemetrie-Bänder von Apollo 11 – mit besseren Videobildern – bleiben verschollen

Es war vor gut drei Jahren die Sensation (siehe ISAN 23-5): Irgendwo auf diesem Planeten könnte es noch ein paar Kisten mit Funkdaten von Apollo 11 geben, in denen auch Fernsehbilder in ungekannter Qualität schlummern würden – nämlich so, wie sie von den Bodenstationen direkt empfangen wurden, bevor man sie für den TV-Gebrauch auf primitive Weise umwandelte. Doch diese Bänder waren unauffindbar, und jetzt hat die NASA bekannt gegeben, dass sie wohl nie gefunden werden dürften: Vermutlich wurden sie entweder überspielt oder entsorgt. Künftig will man besser auf historisches Bildmaterial aufpassen … (NASA Report 22.12.2009) NACHTRAG: Am 22.12. ist der Entwicklungsleiter der Mond-TV-Kamera verstorben, Stan Lebar. NACHTRAG 2: ein detaillierterer Nachruf, auch zur Apollo-Kamera – und ein Video zur Emmy-Verleihung dafür diesen August. NACHTRAG 3: noch ein ganz später Nachruf.