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Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

13. Februar 2011

300 Mio.$ weniger für die NASA 2011 als letztes Jahr

sieht ein Plan des Hous Appropriations Committee vor, der – im Rahmen weitreichender Sparmaßnahmen – der Weltraumbehörde im (längst laufenden) Finanzjahr 578 Mio.$ weniger als in Obamas FY2011 Budget Request und damit 303 Mio.$ weniger als im FY2010 geben würde. Wo gespart werden soll, wird nur allgemein genannt: Am stärksten leiden sollen Exploration und Wissenschaft. Immerhin würde die NASA endlich von entbunden, sinnlos weiter Geld für Constellation auszugeben („Continuing …“) und kann stattdessen in eine Schwerlastrakete und Raumkapsel investieren. Und die NASA muss sich von China fernhalten … (Space Politics, Space News 12.2.2011. Auch NASA Spaceflight und Spaceflight Now zu vagen Plänen für das ultimative Foto der ISS und ein ESA Release über den Blick aus der ISS) NACHTRAG: weitere Einzelheiten zu den o.g. Kürzungs- und Politik-Plänen – die natürlich nicht nur die NASA sondern alle Bereiche der Wissenschaft betreffen.

Privat-Raumfahrer hoffen weiter auf NASA-Kohle: Auch wenn es bei weitem nicht so viel Förderung für Privatfirmen, die in der bemannten Raumfahrt mitmischen wollen, geben wird wie von Obama gewünscht – viele hoffen immer noch auf entscheidende Unterstützung im Rahmen von CCDev 2 („Mindestens 4 Bewerber …“). Etwa Sierra Nevada, die auf der Basis des Uralt-Minishuttle-Projekts HL 20 der NASA ihren Dream Chaser fit machen will. Bald wird das Feld der Bewerber ausgedünnt. (New York Times 31.1.2011)

Amerikanisch-europäische Billigrakete für die bemannte Raumfahrt?

Die Firma ATK, die die Feststoffbooster für den Shuttle baute und auf deren Basis die 1. Stufe der Ares I (die keiner mehr will), und Astrium mit Ariane-Erfahrung haben vorgeschlagen, gemeinsam eine preiswerte Rakete zu entwickeln, die jede Art von künftiger amerikanischer Raumkapsel in den Orbit Richtung ISS schicken könnte – als Alternative zur Atlas V. Die „Liberty“ könne diese – und erst recht die Ares I – locker unterbieten, weil sie auf bewährter Technik basiert: Die 1. Stufe entspräche derjenigen der 2009 erfolgreich getesteten Ares I-X, die 2. würde auf der zweiten der Ariane 5 basieren (während sie für die Ares hätte neu entwickelt werden müssen). Und das Manrating wäre auch kein Problem: Die Shuttle-Booster sind es schon, und die Ariane V war eigentlich mal für den bemannten Einsatz vorgesehen (man erinnere sich an den Hermès) und ist nicht weit davon entfernt. Ein Liberty-Start soll für unter 180 Mio.$ machbar sein; wenn die Firmen NASA-Mittel aus dem CCDev-2-Topf abgreifen können, wäre ein Testflug vielleicht schon 2013 denkbar. (ATK Release, New York Times, Space Today 8.2.2011)

Testflug der Taurus 2 weiter unklar: Wegen der unklaren finanziellen Zukunft der NASA (s.o.) ist weiter nicht sicher, ob es einen Test der Taurus-2-Rakete („Erster Start …“) vor dem ersten Flug direkt zur ISS geben kann. Der würde u.a. die Leistung der Rakete genauer charakterisieren, so dass u.U. mehr Nutzlast zur ISS gebracht werden könnte. Der Vorab-Flug würde 100-200 Mio.$ kosten und wäre im Spätsommer möglich. (Spaceflight Now 11.2.2011) NACHTRAG: Der erste Testflug des Hauptkonkurrenten Dragon wird derweil von der NASA ausgewertet – noch ist unklar, ob schon der 2. direkt zur ISS gehen darf. NACHTRAG 2: Das NASA-Geld für den Taurus-Testflug kommt nun doch.

Erste Riesenforschungsmission: ESA vor schwieriger Entscheidung zur Sommensonnenwende

Am 21. Juni muss sich das Science Programme Committee der Europäischen Weltraumbehörde zwischen einem von drei Kandidaten für die erste große Mission („L-Klasse“) des Langzeitplans Cosmic Vision (siehe Artikel C63) entscheiden, die ca. 2022 starten würde: Zur Auswahl stehen ein Flug zum Jupiter und speziell dem Mond Ganymed, der gigantische Röntgensatellit IXO und der Gravitationswellen-Detektor LISA. Allenfalls noch den Ganymed-Flug, keineswegs aber die anderen beiden Projekte, könnte die ESA alleine stemmen: Die NASA und/oder die JAXA wären wesentliche Partner. Und so hat die Entscheidung der ESA starke Auswirkungen auf die Weltraumforschung der anderen, während sie umgekehrt von deren Richtung beeinflusst wird. In Sachen Jupiter haben sich immerhin gerade NASA und ESA koordiniert und die Zielsetzung ihrer „Europa Jupiter System Mission“ (zu der die NASA einen Europa- und die ESA einen Ganymed-Orbiter beisteuern würde) definiert: „the emergence of habitable worlds around gas giants“. Am 7. März erscheint der Decadal Report zur Richtung der US-Planetenforschung: Das – noch unbekannte – Ranking der EJSM darin könnte entscheidend sein. (ESA-Dokumente 3., JPL Release 4.2.2011; Nature News, BBC Blog, Space News, DLF 4., NZZ 2.2.2011)

Zweifel an ESA-Erdbeobachter Earthcare: Drei Earth Explorers hat die ESA bereits im Orbit, aber die Arbeit an Earthcare ist in eine Sackgasse geraten – unter Vakuumbedingungen kontaminiert sich das entscheidende LIDAR-Instrument selbst. Der Sinn der ganzen Mission, die wesentlich teurer zu werden droht, wird jetzt noch einmal hinterfragt. (BBC 24.1.2011. Und ein ESA Release zur Freigabe der Daten des CryoSat)

Japanischer Labortest zur Space Solar Power – und bald ein Satellit?

Riesige Satelliten mit Solarzellen im Orbit, die Energie per Mikrowellenstrahl auf die Erde und in die Stromnetze pumpen, werden seit Jahrzehnten theoretisch diskutiert – aber in einem japanischen Labor wird jetzt der vielleicht kritischste Schritt, die effiziente Umwandlung von elektrischem Strom in Mikrowellen, getestet. Bei Erfolg könnte um 2016 ein Satellitendemonstrator folgen – und ein operationelles System (40 Satelliten à 200 Meter) namens Solarbird um 2025, das mit 1 GW Leistung einem KKW entspräche. (Daily Yomiuri 23.1.2011)

Fortschritte für zwei nationale deutsche Raumfahrtprojekte: Sowohl der Demonstrator für Funktechnik „Heinrich Hertz“ („Deutscher Satellit …“) wie der Rendezvous-Demonstrator „DEOS“ („Dürfen DLR …“) – „Deutsche Orbital Servicing Mission“ – haben erste Studien passiert und werden vorangetrieben, dito der Methan-Satellit Merlin gemeinsam mit Frankreich. (DLR PM 26., AW&ST 28.1., Space News 4.2.2011)

Private Mondfahrer buchen eine Falcon 9

Im Rahmen des Google Lunar X Prize hat Astrobotic Technogy – eine Ausgründung der Carnegie Mellon University – eine Falcon 9 gebucht, die ihren geplanten Rover vielleicht schon Ende 2013 zum Mond befördern könnte. Die Rakete würde sich praktisch nicht von der zweimal erfolgreich gestarteten Version unterscheiden, lediglich die Navigationssoftware müsste für das Verlassen des Erdorbits angepasst werden. Es ist sogar noch Platz für 110 kg zusätzliche Nutzlast: Kundschaft für 1.5 Mio.$/kg (plus 250’000$ Servicegebühr) willkommen! Ist Astrobotic jetzt der Frontrunner des Mondflug-Wettbewerbs? (Astrobotic Release 6., Discovery 7.2.2011. Und YouTube, GXLP Podcast, Golem, EE Times, FR und Spiegel zum deutschen GLXP-Bewerber PTS [„Deutsche Computerfreaks …“])

Space Adventures hat angeblich ein Ticket für eine Mondumkreisung verkauft, für 150 Mio.$ an einem noch geheim gehaltenen Promi – und der zweite freie Sitz in der Soyuz für den Apollo-8-gleichen Stunt ist auch schon fast weg. So hieß es jedenfalls kürzlich auf einer Konferenz in München (wo auch Virgin Galactic verkündete, im ersten Jahr der suborbitalen Touristenflüge – ab 2012 – 500 Passagiere befördern zu wollen; nach New Mexico soll der zweite ‚Bahnhof‘ in Abu Dhabi entstehen). Der bereits 2005 erstmals angekündigte Touristen-Mondflug soll um 2015 stattfinden. (New Space Journal 23., Spaceports 24.1.2011)

Russischer Kartografie-Satellit auf falschem Orbit gelandet

Offenbar weil die Oberstufe Briz-KM einer Rockot bei ihrer zweiten Zündung versagte, landete der überwiegend militärische Geo-IK-2 am 1. Februar auf einer 330×1000-km-Ellipse statt der gewünschten 1000-km-Kreisbahn. Zwar besteht inzwischen Kontakt zu ihm, aber es ist fraglich, ob er in diesem Orbit seine Mission durchführen kann. (AntaraNews, Spaceflight Now, Space.com 1., Space Today, Spiegel 2., Red Orbit 3., Space.com 4.2.2011) NACHTRAG: Der Satellit musste aufgegeben werden.

Bald fliegt der zweite X-37B, der am 4. März – abermals ohne Nennung des Zwecks – auf einer Atlas V abheben soll. Derweil wird das bereits geflogene Exemplar („Der zweite …“) überholt und darf auch noch mal ins All – der Termin ist allerdings offen. (Spaceflight Now 31.1.2011)

„Hundred Year Starship“ auf Meeting kontrovers diskutiert

Im Rahmen der berühmt-berüchtigten Studie von DARPA und NASA („Eine – bescheidene – Studie …“) über den rechten Weg zu einem interstellaren Raumfahrtprojekt gab es im Januar ein erstes Brainstorming – bei dem sehr unterschiedliche Meinungen aufeinander prallten. Geld ausgegeben werden darf nur für die Diskussion über mögliche Organisationsformen für solch ein Projekt, nicht dessen technische Umsetzung – aber schon an der Frage, ob man überhaupt schon am Anfang eine klar umrissene Organisation (mit einem Jahrhundert garantierter Lebensdauer) brauche oder diese sich schon ganz von selbst finden werde, schieden sich die Geister. Und erst recht daran, ob ein interstellares Raumschiff besser von der öffentlichen Hand oder Privatspenden finanziert werden oder aber kommerziell betrieben werden sollte. Und ob Religionsgruppen etwas zu sagen haben sollten. Jetzt „verdauen“ DARPA und NASA erst einmal die Debatte – ob sie zu irgendetwas führen wird, ist völlig offen. So endet auch ein knapper Press Release zum Workshop mit der Feststellung: „The workshop concluded with unanimous acknowledgement that there exist many unanswered questions and a great deal of work ahead …“ (Centauri Dreams 28.1., DARPA Release 9., The Register 10.2.2011) NACHTRAG: noch ein später Bericht.

Mars Express am Sonntag wieder nah bei Phobos

7. Januar 2011

Zuletzt war der ESA-Orbiter Mars Express im März 2010 dicht am Marsmond Phobos vorbei geflogen (Bild, aus Aufnahmen zweier Flybys dieses Monats; s.a. hier, hier und hier) – aber übermorgen, am 9. Januar um 15:06:30 MEZ, ist es wieder so weit, wenn der Abstand vom Phobos-Zentrum bis auf 111 km schrumpft: die drittnächste Annäherung bisher und die bei weitem nächste der aktuellen Serie von Begegnungen vom 20.12. bis 16.1. Grund genug, am 3.1. das ESA-Missions-Blog zu reaktivieren. Dort lesen wir z.B. gerade, dass heute alle Kommandos für den autonomen Vorbeiflug zum Orbiter gefunkt wurden, wobei die Signallaufzeit für eine Strecke fast 20 Minuten beträgt (Mars ist schließlich fast in Sonnenkonjunktion und 356 Mio. km entfernt). Aber ein „Live“-Erlebnis ist ohnehin nicht zu erwarten: Die Übertragung aller Daten des Flyby wird sich bis zum 18. Januar hinziehen (ab dem 19. Januar sind Mars und Mars Express der Sonne dann so nah, dass gar keine verlässliche Kommunikation mehr möglich ist), und mit Nahaufnahmen sollte nicht vor dem 21. Januar gerechnet werden. Zwar sind diesmal alle Fernerkundungsinstrumente im Einsatz, aber Stereoaufnahmen mit wenigen Metern Auflösung v.a. der wenig erforschten Südhalbkugel stehen im Mittelpunkt; auf Farbe wird verzichtet.

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

13. Dezember 2010

‚Sah‘ ein Satellit eindeutige Vorläufer des Haiti-Erdbebens?

Die konkrete Vorhersage von Erdbeben – über die rein statistische Gefährdung einzelner Regionen hinaus – ist eines der großen ungelöstend Probleme der Geophysik. Jetzt soll in den extrem niederfrequenten elektromagnetischen Wellen (ULF), die der kleine Satellit DEMETER – Detection of Electro-Magnetic Emissions Transmitted from Earthquake Regions – in den 30 Tagen vor dem schweren Erdbeben in Haiti diesen Januar maß, ein signifikanter Energieanstieg aufgespürt worden sein, der mit der ‚Vorbereitung‘ des Bebens in der Tiefe zusammen gehangen haben könnte. Mehr oder weniger plausible Hypothesen für die Erzeugung solcher Strahlung (und anderer angeblich vor Erdbeben aufgetretener EM-Effekte) gibt es durchaus – aber dass sich daraus jemals eine operative konkrete Warnmöglichkeit ergeben könnte, gilt als fraglich. Die Mission des Satelliten ist derweil am 9. Dezember nach über 6 Jahren beendet worden. (Homepage; Athanasiou & al., Preprint 7., arXiv Blog 9.12.2010) NACHTRAG: Auch beim Japan-Beben 2011 könnte was gewesen sein.

Venus-Express-Beobachtungen stellen Geoengineering-Idee in Frage: Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, künstlich Schwefelsäuretröpfchen in die Erdatmosphäre zu bringen, um dem anthropogen Temperaturerwärmung entgegen zu wirken – das legen Modellrechnungen nahe, die die Entstehung einer Schwefeldioxid-Schicht in der oberen Venusatmosphären erklären, auf die der Venus Express gestoßen ist. Das Gas entsteht offenbar durch Verdampfen der Schwefelsäuretröpfchen, wobei die Säuremoleküle von der Sonnenstrahlung zerbrochen werden (und der Schwefelkreislauf der Venus mithin komplizierter als gedacht ist). Genau das würde küntlichen Schwefelsäuretropfen in der Erdatmosphäre wohl auch blühen, deen Einbringung in Analogie zu der temporär global kühlenden Wirkung des Pinatubo-Ausbruchs 1991 öfters mal vorgeschlagen wird – in Gasform geht die kühlende Wirkung indes verloren. (ESA Release 30.11.2010)

IKAROS passierte Venus – mit Gravity Assist

Am 8. Dezember ist auch der zusammen mit Akatsuki gestartete Sonnensegler IKAROS an der Venus vorbei gekommen und sollte sich dem Planeten bis auf 80’800 km Entfernung genähert haben. Dabei wurde die Bahn des Seglers durch die Schwerkraft des Planeten deutlich abgelenkt: das erste Mal, dass ein Gravity Assist einem Sonnensegler widerfuhr! (Eureka 13.12.2010. [NACHTRAG: noch ’ne Notiz dazu.] Und Kyodo zu einem Programmierfehler von Hayabusa, der 2005 das Zünden der Pellet-Kanone verhinderte)

MESSENGER keine 100 Tage mehr vor dem Eintritt in den Merkurorbit am 18. März 2011: Nach 6 Planeten-Vorbeiflügen und 5 Bahnkorrekturen dazwischen steht dem entscheidenden Manöver nun nichts mehr im Wege – das haben dem Projekt jedenfalls auch externe Gutachter bestätigt. (MESSENGER Mission News 7.12.2010. Auch CollectSpace zu einer US-Briefmarke anlässlich der Ankunft)

Elf Wissenschaftsmissionen der ESA werden verlängert

Das hat das Science Programme Committee am 18./19. November entschieden: Die Missionen von Cluster, Integral, Planck, Mars Express, Venus Express und XMM-Newton sowie die ESA-Beteilungungen an Hinode, Cassini, Hubble, SOHO und Proba 2 werden fortgesetzt. Alle zwei Jahre müssen Projekte, die sich dem Ende ihrer regulären Finanzierung nähern, ausgiebig geprüft werden: Kann noch weiterer wissenschaftlicher Gewinn aus den großen Investitionen der Vergangenheit gepresst werden? (ESA Release 22., Physics World, Planetary Society Blog 23.11.2010)

Labortests einer entscheidenden Technologie für die LISA-Satelliten zur Messung von Gravitationswellen haben gezeigt, dass das Rauschen ihrer Laser weit genug unterdrückt werden kann, um per Interferometrie die extrem geringen Verschiebungen der drei Satelliten zueinander beim Durchlaufen einer Welle messen zu können. Konkret sollen die Lichtphasen auf den Satelliten bestimmt werden, während die eigentliche Interferometrie erst mathematisch am Boden erfolgt – und am Ende sind die relativen Positionen der Satelliten auf einen Picometer genau bekannt. (JPL Release 23.11.2010)

SOFIA hat alle drei Wissenschaftsflüge absolviert, und es kehrt bereits eine gewisse Routine ein. (Allerdings nicht in der Öffentlichkeitsarbeit: Von keinem der drei Flüge, auch dem ersten vor 2 Wochen, sind bisher Bilder publik geworden.) Nächstes Jahr geht es mit einem neuen wissenschaftlichen Instrument, GREAT, weiter. (365 Days of Astronomy 12., DLR Blog [mit schönen Impressionen vom 3. Flug], S. Casey Tweet 8., Ithaka College Release 7., Daily Camera 4.12.2010)

New-Millennium-Mission EO-1 schon seit 10 Jahren im Einsatz: Erdbilder auf Bestellung

Das entsprechende NASA-Technologie-Programm gibt es schon lange nicht mehr – aber einer der wenigen Satelliten, die daraus hervorgegangen sind (Artikel 411), arbeitet immer noch: Earth Observing 1 ist jetzt 10 Jahre im Orbit, obwohl eigentlich nur für ein Jahr ausgelegt. Nach ausgiebigen Technologietests dient der Satellit jetzt als Erdbeobachter mit ungewöhnlicher Autonomie, der einfach und schnell kommandiert werden kann, um sich spezielle Dinge von oben anzusehen. Und weil das alles nicht viel kostet, gibt’s die Bilder sogar gratis! (Homepage; NASA Feature 22.11., ASU Press Release 2.12.2010)

CryoSat 2 ist jetzt operativ: Die Inbetriebnahme des Eis-Forschungs-Satelliten ist nun abgeschlossen, und am 19.11. wurde die Kontrolle feierlich an das Operationsteam übergeben. (ESA Release 22.11., UKSA Release 6.12.2010. [NACHTRAG: ein paar erste wissenschaftliche Ergebnisse von CryoSat.] Auch eine Missionsverlängerung für GOCE – und die CubeSats, die Glory begleiten werden)

Die NASA bekommt vermutlich 18.9 Mrd.$ im FY2011

im Rahmen einer modifizierten Continuing Resolution, die das Repräsentantenhaus beschlossen hat, die aber den Senat noch passieren muss: Das würde weitgehend dem entsprechen, was die Authorization Bill vorsieht und die prinzipielle Umsetzung der Weltraumpläne Obamas einleiten. Das Constellation-Programm – bisher durch eine Klausel im FY2010-Haushalt künstlich am Leben erhalten – kann endgültig abgewickelt werden, jedenfalls die Ares-Raketen, während an der Orion-Kapsel weiter gearbeitet und rasch die Konstruktion einer Schwerlastrakete aufgenommen wird (ohne vorher erst nach besseren Technologien zu suchen). Eine explizite Genehmigung für einen zusätzlichen Shuttle-Flug nach den zwei letzten im Manifest ist allerdings nicht enthalten. (Space News 7., Space Politics 8., Space Policy Online 9.12.2010. [NACHTRAG: Der Senat scheint es ähnlich zu sehen.] Auch Wired und Space Policy Online zur unklaren Zukunft des JWST – und Space.com zur Versenkung der ISS)

Deutschland hat eine neue Raumfahrt-Strategie – und ein Rahmenabkommen mit den USA: Stark auf wirtschaftlichen Nutzen ausgerichtet ist das neue Dokument, das Projekte der wissenschaftlichen Grundlagenforschung nur noch im Rahmen der ESA und in bilateralen Unternehmungen vorsieht. Von rein deutschen Mondflügen, die immer wieder mal gepuscht wurden, kann man sich also endgültig verabschieden, aber ein neues Rahmenabkommen mit den USA, das kurz danach am 8.12. unterzeichnet wurde, sieht zwar keine konkreten neuen Projekte vor, führt aber explizit die Mondforschung beider Seiten näher zusammen. Auch ein gemeinsames Paar Radarsatelliten scheint möglich. (Strategie-Dokument; PMn von BMWi und DLR, Welt, Tagesschau 30.11., Nature Blog 1., Deutsche Welle, Alles was Fliegt 2., SpaceMart 6., DLR PM, NASA PR, Spiegel 8., Space News 9., NASA Ames Release 13.12.2010) NACHTRAG: eine Glosse zur deutschen Erdfahrt-Stragie …

Auch Südafrika bekommt eine eigene Weltraumagentur, auch wenn die South African National Space Agency (SANSA) erst ab April 2012 voll funktionsfähig sein wird. Mehrere Forschungseinrichtungen werden unter dem neuen Dach und im Rahmen eines nationalen Weltraumprogramms zusammen geführt, und auch eingemottete Anlagen aus der Apartheid-Zeit wieder belebt. (Engineering News, Sify 9.12.2010. Und die Irish Times zu Mondplänen in, ääh, Uganda?)

Zuviel Treibstoff in die Oberstufe getankt – Proton kommt nicht hoch genug!

Hat es schon einmal solch einen Grund für einen Fehlstart in der Raumfahrt gegeben? Da sitzt ein neues Modell der DM-Oberstufe (DM-03) auf der Proton-Rakete, das über einen größeren Tank als der Vorgänger verfügt – und die Startmannschaft macht ihn einfach bis zu der Marke voll, wie man das früher auch immer tat. Dumm nur, dass damit nun 1 bis 2 Tonnen Sprit zuviel im Tank sind, die Stufe damit zu schwer – und die 3. Stufe der Proton schaffte es nicht, sie samt drei Satelliten für das Navigationssystem GLONASS in den Orbit zu bringen, die stattdessen im Pazifik landen. Immerhin war die Proton nicht schuld, die vielleicht noch dieses Jahr wieder starten darf. (Space Today 11., Spaceflight Now, Space News, Novosti, UPI, AFP 10., Space News, TASS, Spiegel 6., Spaceflight Now, Novosti [man beachte die Formulierung, dass die Satelliten im Pazifik „may fail to function as normal“ …], BBC, Space Today, Eureka 5.12.2010) NACHTRAG: Laut dem Abschlussbericht wurden 1.5 bis 2 Tonnen zuviel Oxidator in die Tanks gepumpt.

Mysteriöser Schaden beim Start lässt Nachrichtensatellit auf Transferorbit stranden: Es ist nach wie vor unklar, wie bei Eutelsat W3B während des Ariane-5-Starts am 28. Oktober die Leitung vom Oxidator-Tank zum Triebwerk einreissen konnte, während einem anderen Satelliten an Bord nicht das Geringste passierte und es auch keinerlei Anzeichen für Anomalien bei der Ariane gab. Jedenfalls kann sich der Satellit mangels Antriebs weder in den Graveyard oberhalb des geostationären Orbits heben noch kontrolliert zum Absturz gebracht werden: Eutelsat hat ihn wenigstens so ‚inert‘ wie möglich gemacht, damit es bei einer eventuellen Kollision mit einer alten Raketenoberstufe (sonst treibt sich auf dem elliptischen Transferorbit wenig herum) nicht zu einer Explosion kommt. Modellieren lässt sich der natürliche Verfall solch einer Bahn auch kaum: 20 bis 30 Jahre es wohl bis zum Wiedereintritt dauern. (Space News 3.12., Spaceflight Now 8., Space News 5.11.2010. Auch Space News und Raumfahrer zur mühsamen Entfaltung der Riesenantenne von SkyTerra 1 [NACHTRAG: Jetzt ist sie offen])

Was wird aus US-Forschungssatelliten nach dem Ende der Delta 2, die seit 1998 zahlreiche Starts besorgte aber inzwischen nicht mehr hergestellt wird? Die – dieses Jahr zweimal erfolgreiche – Falcon 9 und die Taurus 2 sind als Träger für kleinere wissenschaftliche Satelliten ausgeguckt, aber bis sie für den Einsatz zertifiziert sind, v.a. wenn es um wertvolle Nutzlasten geht, vergehen typischerweise drei Jahre. (Space News 24.11.2010)

Was wird aus der bemannten US-Raumfahrt nach den Kongress-Wahlen?

10. November 2010

Neun Monate nach der Ankündigung eines Kurswechsels in der bemannten Raumfahrt der USA sieht die Lage so aus: Beide Häuser des Kongresses haben – nach langem Hickhack – eine Authorization Bill (S. 3729) für den NASA-Haushalt der kommenden drei Jahre verabschiedet, die Präsident Obama am 11. Oktober auch unterzeichnet hat. Dieses Dokument gibt aber nur den generellen Kurs vor, der – je nach Sichtweise – weitgehend Obamas Vorstellungen entspricht oder doch Kernbereiche des Constellation-Programms (minus dem Mond als erstem Ziel allerdings) gerettet hat. Was noch fehlt, ist die zugehörige Appropriation Bill, die konkrete Freigabe der Finanzen für das – bereits seit dem 1. Oktober laufende – Finanzjahr 2011 (einstweilen gilt per Continuing Resolution der FY2010-Haushalt weiter). Hier ist nicht abzusehen, ob der alte („Lame Duck“-)Kongress – der Mitte November wieder zusammen tritt – darüber abstimmen wird oder erst der neue, bei dem bekanntlich die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu den Republikanern gewechselt ist.

Die haben im Vorfeld der Wahlen versprochen, alle ‚freiwilligen‘ Staatsausgaben auf das Niveau von 2008 zurück zu fahren, was für die NASA nur noch 17.3 statt den in der Authorization vorgesehenen 19 Mrd.$ bedeuten würde – ein Disaster nicht nur für die bemannten Aktivitäten. Aber ist die Raumfahrt aus Republikaner-Sicht überhaupt eine freiwillige oder nicht eher eine für die Sicherheit des Landes relevante Aufgabe? In einem solchem Fall würde der Sparzwang hier nicht zwingend greifen. Die Authorization Bill ist jedenfalls ziemlich „bipartisan“ und wird von beiden Fraktionen getragen: Kurz vor Mitternacht am 29. September hatte sie auch das Repräsentatenhaus mit 304 zu 118 Stimmen verabschiedet, in genau der Fassung, die bereits am 5. August der Senat abgesegnet hatte (auf eine Kompromissversion hatte man sich nicht einigen können). Danach sollen in den Jahren 2011 bis 2013 insgesamt 58 Mrd.$ für die NASA zur Verfügung stehen.

Neu gegenüber Obamas Plänen ist ein sofortiger Beginn der Entwicklung einer Schwerlastrakete für Missionen über den Erdorbit hinaus ab Ende 2016 (11 Mrd.$) mit mutmaßlich Anteilen des Shuttles und der Ares I und V – Kritiker fürchten indes, dass Geld wie Zeit bei weitem nicht reichen werden – und die Fortsetzung der Entwicklung einer dafür tauglichen Raumkapsel auf der Basis der Orion. Zugleich soll es für die Förderung kommerzieller Raumvehikel für den Flug in den Orbit nur 1.3 Mrd.$ geben, aber immerhin: Das ist der vielleicht wichtigste Punkt, den Obama durchbringen konnte. Das Primärziel dieser Transportmittel, die ISS, bleibt bis mindestens 2020 in Betrieb, und ihr US-Segment wird zu einem „Nationallabor“ ausgebaut. Und es soll einen zusätzlichen Shuttle-Flug zu ihr im Sommer 2011 geben (der rund 500 Mio.$ kostet). Viele Abgeordnete beider Seiten stimmten der Authorization nur mit Murren zu, fürchteten aber, dass im Falle eines Scheiterns die NASA gänzlich ziellos geblieben wäre. Zahlreiche Artikel gibt’s im Cosmic Mirror #338 im grünen Kasten, vom 29.9.-6.11.

Deutschland macht schon mit bei der Verlängerung des ISS-Betriebs bis 2020: Der DLR-Chef hat als erster innerhalb der ESA zu verstehen gegeben, dass man den bisher üblichen 38%igen Anteil der europäischen Kostenbeteiligung auch für die kommenden 10 Jahre tragen will, die sich auf insgesamt 3.8 Mrd. Euro beläuft. Und auch kein anderes ESA-Land hat sich bislang gegen den langen Betrieb der Raumstation ausgesprochen. (Space News 30.9.2010. Auch Space.com 1.11.2010 zur Frage, ob in den Jahren, in denen die ISS nun permanent bewohnt ist, etwas Sinnvolles erforscht wurde. Und die BBC 11.10.2010 zu vagen Ideen, außen an der ISS gewaltige interplanetare Raumschiffe zu montieren)

So oder so: Das Ende des Shuttle-Programms rückt näher

Und das unabhängig davon, ob es jetzt noch zwei (am 30.11.2010 und 27.2.2011) oder drei Flüge geben wird: Am 30. September gab Lockheed Martin bekannt, dass die Produktion der riesigen Außentanks in Michoud bei New Orleans eingestellt worden ist. Insgesamt 136 External Tanks sind dort hergestellt worden, der letzte kam am 27. September im Kennedy Space Center an. (Space.com 1.10.2010)

Eine – bescheidene – Studie über ein interstellares Raumschiff, mit dem Astronauten in 100 Jahren zu einem anderen Stern aufbrechen könnten, läuft derzeit bei der DARPA, die sich sonst um futuristische Militärtechnologie kümmert, mit einem kleinen Beitrag der NASA: Dieses „Hundred Year Starship“ hat zwar für einiges Aufsehen gesorgt, aber es geht wohl vor allem um eine mögliche Strategie, solch ein kühnes Projekt (für das noch keinerlei Technik zur Verfügung steht) über viele Jahrzehnte stabil am Leben zu halten. Private Investoren sollen dazu ins Boot geholt und eine „multigenerationale“ Begeisterung geschaffen werden … (DARPA Release, Nature Blog 28., Science Journalism Tracker 29.10., Cosmic Log 1., Centauri Dreams 2.11.2010)

Sollen die EU oder die ESA die europäische Weltraumpolitik bestimmen?

Ersteres ist die Position Frankreichs, letzteres die u.a. Deutschlands: Die unterschiedlichen Sichtweisen wurden – dem Vernehmen nach; der entsprechende ESA Press Release schweigt sich dazu aus – auf der Konferenz „A new space policy for Europe“ Ende Oktober im Europäischen Parlament deutlich. (ESA Release vs. Space News 29.10.2010. Auch Spaceflight Now 28.9.2010 über den offenbar stabilen ESA-Haushalt – und Telegraph 7. und Reuters 23.10.2010 zu neuem Kostenärger mit den Galileo-NavSats. Für die – DLR, ESA Releases 26.10.2010 – immerhin der Vertrag über ihren Betrieb unterschrieben worden ist)

Nachrichten vom Mars kompakt

11. September 2010

Opportunity auf halbem Weg zu Endeavour – und jetzt geht’s schneller voran

Zwei Jahre hat der Mars Exploration Rover Opportunity gebraucht, bis er am 8. September die Hälfte des 19 km langen Weges zwischen dem 800-m-Krater Victoria und dem nächsten Rand des 22-km-Kraters Endeavour zurücklegte: Ein Dünenfeld hatte einen ca. 7 km langen Umweg erzwungen, und Interessantes am Wegesrand für Stopps gesorgt. Aber jetzt scheint der Weg einfacher zu sein, und bis zum nächsten großen Ziel wird es wahrscheinlich nicht noch einmal so lange dauern. Dort warten die ersten Aufschlüsse von Phyllosilikaten, die je in Reichweite eines Marslanders waren: Diese Art Gips entsteht nur unter geradezu lebensfreundlichen Bedingungen und wurde aus dem Orbit auch schon mancherorts aufgespürt. (Planetary Society Tweet 7., NASA Release, Bild, Cosmic Log 8., Road to Endeavour 10.9.2010)

Gebt dem schweigenden Spirit noch etwas Zeit! Eine überraschende – und widersprüchliche – Pressemitteilung des JPL, die fast wie ein Nachruf klang, versetzte die Fans des anderen Marsrovers Ende Juli in helle Aufregung, aber Gemach: Konkret mitgeteilt wurde nur, dass es diesem seit März schlafenden MER („Spirit offenbar …“) nach neuen Rechnungen möglicherweise so kalt geworden ist, dass seine innere Uhr ausfiel. In diesem Fall würde der Rover in einem zufälligen – und z.Z. nur kurzen – Intervall nach Kommandos von der Erde lauschen, die er sofort quittieren würde. Also wird Spirit seit dem 26. Juli systematisch angefunkt; realistisch mit einer Antwort rechnen kann man aber wohl nicht vor November, aber es kann auch bis April 2011 dauern. Erst wenn dann immer noch nichts vom Mars zurück kommt, darf man Spirit abschreiben. (Planetary Society 31., San Francisco Chronicle 1.8., Planetary Society, Space Today 31., JPL Release, Science@NASA, Spaceflight Now, Planetary Society Blog 30.7.2010)

Experimente für den 2016-er Marsorbiter von NASA und ESA ausgewählt

Unter 19 Kandidaten sind nun fünf Instrumente für den ersten Marsorbiter („Grünes Licht …“) des gemeinsamen Marsprogramms von NASA und ESA ausgewählt worden: Vier haben einen amerikanischen, eines einen belgischen Principal Investigator, aber in der Regel sind bei jedem Instrument Wissenschaftler beiderseits des Atlantiks beteiligt, allerdings nur bei einem – der Marskamera HiSCI aus Arizona – auch deutsche. Der ExoMars Trace Gas Orbiter startet auf einer US-Rakete und setzt nebenher auch einen Landedemonstrator der ESA ab, ferner dient er später als Funkrelais für die aufwändigere Mission von 2018.

Das Hauptinteresse gilt zwar der chemischen Erforschung der Marsatmosphäre mit ihren Spurengasen, die – v.a. das Methan – erhebliche Rätsel aufgeben: Sie werden mit verschiedenen Techniken mit enormer Empfindlichkeit gemessen; MATMOS z.B. könnte bereits drei irdische Kühe (aufgrund ihrer Methan-produzierenden Bakterien) auf dem Mars nachweisen. Aber es sind auch wieder zwei neue Kameras dabei. Die HiSCI ist dabei eine Variante von HiRISE auf dem MRO: Diesmal ist die Auflösung mit 2 m/Pixel geringer, dafür aber das Bildfeld so viel größer, dass der komplette Planet erfasst werden kann. Und zwar sofort in 3D, ähnlich wie mit der HRSC des Mars Express. (JPL, ESA, UA, Caltech Releases 2., Uni Bern PM 3., JPL Release 26.8.2010)

Der nächste Marslander Curiosity ist zum ersten Mal gefahren

Allerding nur einen Meter vor und zurück, nachdem das Mars Science Laboratory im Juli seine 6 Räder nebst Aufhängung und Motoren bekommen hat.Und auch der Robotarm hat sich erstmals bewegt: Das Vehikel ist nun zu 80-90% fertig, und alle wesentlichen Hürden scheinen genommen, so dass es mit dem Start im Fenster Ende 2011 klappen dürfte. Auch der Ärger mit dem Titan-Betrug liegt weitgehend hinter dem gebeutelten Projekt und gilt gleichfalls als zu 80-90% erledigt. (JPL Releases 1., 13., 23.7., 3.9.2010; Spaceflight Now 23., Space Today 24.7.2010. Auch ein JPL Release zur Abstiegs-Filmkamera MARDI und das Planetary Society Blog zum ebenfalls 2011 – als Mitpassagier auf Russlands Fobos-Grunt – startenden ersten chinesischen Marsorbiter Yinghuo-1)

Mars-Scout-Programm beendet – aber Billig-Mars-Missionen dürfen bei „Discovery“ eingereicht werden: Weil sich die NASA in Zukunft auf teure Landeoperationen (inklusive irgendwann einer Sample Return Mission) konzentrieren will, wird die Scout-Reihe für Marsmissionen bis 485 Mio.$ nach nur zwei Missionen, Phoenix (s.u.) und MAVEN (Start 2013) schon wieder eingestellt. Sollte aber doch noch jemand eine vielversprechende „preiswerte“ Marssonde einfallen, dann darf diese künftig im Rahmen der Discovery-Serie von Billigplanetensonden – bis 425 Mio.$ – eingereicht werden, wo der Mars bisher keinen Platz hatte. Die Konkurrenz von anderen spannenden Zielen im Sonnensystem ist dann natürlich gewaltig. (Spaceflight Now 29.7.2010)

CO2-Isotopen-Messungen von Phoenix sprechen für durchgehenden Vulkanismus auf dem Mars

und möglicherweise auch Kontakt der Atmosphäre des Planeten mit flüssigem Wasser bis in die Gegenwart: Das EGA-Spektrometer des TEGA-Instruments auf dem 2008-er Marslander Phoenix hat die Isotopenverhältnisse des CO2 in der Marsatmosphäre genauer als je zuvor bestimmen könnnen – und sie sind nicht so, wie man sie bei einem ‚toten‘ Planeten erwarten würde. Diverse geochemische Prozesse wirken auf dieses Verhältnis ein, und ziemlich klar ist wohl, dass Vulkane beständig CO2 mit leichtem C-12 nachliefern: Ansonsten hätte sich das schwerere Isotop C-13, das leichter in den Weltraum entweicht, längst anreichern müssen, was aber laut den EGA-Daten nicht der Fall ist. Strittiger ist da die andere Schlussfolgerung, dass das CO2 bis in die Gegenwart mit flüssigem Wasser in Kontakt gewesen sein müsse, doch für die beobachtete Anreicherung von O-18 kommen auch andere Prozesse in Betracht. (Niles & al., Science 329 [10.9.2010] 1334-7, auch 1267-8; JPL Release, UA News 9., CSM 10.9.2010)

Erzwingen Phoenix-Erkenntnisse die Neubewertung von Viking-Messungen? Das Fehlen von organischen Substanzen auf der Marsoberfläche, dass die NASA-Lander 1976 gemeldet hatten und das angesichts eines Regens derartiger Verbindungen (die mit Leben erst einmal gar nichts zu tun haben) aus dem Weltraum auf die Oberfläche Verblüffung ausgelöst hatte, ist vielleicht ein Artefakt des Messprozesses. Der 2008-er Lander Phoenix hatte auf der Marsoberfläche Perchlorat nachgewiesen, das mit organischen Verbindungen koexistieren kann – doch wenn man das Gemisch so erhitzt, wie in den Viking-„Labors“ geschehen, wird alle Organik zerstört, weil Perchlorat dann zu einem starken Oxidator wird. Wobei allerdings zwei Chlor-Methan-Verbindungen frei werden – und genau diese hatte Viking damals gemessen, aber sie waren für Rückstände eines Reinigungsmittels gehalten worden.

Ob die neuen Erkenntnisse im Umkehrschluss die Existenz organischer Substanz – welcher Quelle auch immer – auf der Marsoberfläche beweisen, ist allerdings nicht klar: Sie basieren nämlich auf Laborversuchen mit Erdreich aus der Atacama-Wüste als Analog des Marsbodens. (JPL Release 3., Washington Post 4., BBC 6., Science Insider 7., Science Journalism Tracker 8.9.2010) HISTORISCHE ANMERKUNG: Genau dieselbe Erklärung (minus das Atacama-Experiment) sorgte bereits im Frühjahr 2009 für Aufsehen; ein längerer Artikel wurde seither hinter einer Paywall versteckt, aber es gibt Zusammenfassungen bei Softpedia und auf SF- und Verschwörungs-Webseiten (s.a. diese Diskussion) …

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

8. September 2010

Die erste Soyuz-Rakete in Kourou startet frühestens im nächsten Frühjahr

Und welcher Satellit der Passagier sein wird, ist auch noch nicht klar, nachdem ein Nachrichtensatellit umgebucht wurde, weil er zu lange hätte warten müssen – der Bau der Startanlagen hatte sich immer wieder verzögert. Nun gelten der französische Erdbeobachter Pleiades (dessen Bodensegment aber u.U. nicht rechtzeitig fertig wird) und zwei Galileo-Testsatelliten als die besten Kandidaten für die Premiere. (Space News 8.9.2010. Auch die Vega-Raketen fliegen erst ab 2011, aber neue Produktionsverträge bringen das Programm voran) NACHTRAG: warum das so lange dauert mit der Soyuz-Rampe. NACHTRAG 2: der Status beider Programme. NACHTRAG 3: Jetzt heißt es März 2011 für den 1. Soyuz-Start.

Zweiter Brenntest einer starken indischen Raketenstufe erfolgreich: Während die L 110 („Im Januar …“) für die künftige GSLV Mk-III beim ersten Bodentest („Test der indischen Raketenstufe …“) nicht die vollen 200 Sekunden brannte, hat der heutige Bodentest tadellos geklappt. (ISRO Release, Parallel Spirals 8.9.2010)

Boeing könnte Indiens bemannte Raumkapsel bauen

Oder der ISRO zumindest dabei helfen, bis 2016 den – offenbar seitens der Politik heftig gewünschten – Einstieg in die bemannte Raumfahrt zu schaffen: Der entsprechende Papierkram für das US-Außenministerium wird schon vorbereitet. Die Kapsel könnte dann zur Versorgung der ISS dienen; konkrete Verträge gibt es aber noch keine. (Times of India 6.9.2010)

Widersprüchliche Pläne in Sachen US-Raumfahrt verfolgen bislang noch beide Häuser des US-Kongresses: Während sich der Senat mit den Zielen des Weißen Hauses halbwegs angefreundet hat, will das Abgeordnetenhaus deutlich mehr des alten Constellation-Programms retten und dafür die Förderung privater Initiativen drastisch zusammen streichen. Einig sind sich aber alle, dass die USA – auf eigene Rechnung – noch schneller als in Obamas Vorstellung eine neue Schwerlastrakete entwickeln sollen. (zahlreiche Links im Cosmic Mirror #337 im grünen Kasten aus Juli und August. Bester Kommentar zur Lage ist aber dieser hier vom Juni. [NACHTRAG: Man kann’s auch noch härter sagen …] Und dieser Artikel macht klar, dass die spontane Reparaturaktion des Kühlsystems mit 3 EVAs demonstriert hat, wie die ISS-Wartung in den kommenden 10 Jahren aussehen wird)

Bewerber für eine mittelgroße ESA-Wissenschaftsmission 2020-22 gesucht

In den Jahren 2017/18 wird die ESA die erste beiden „Mittelklasse“-Missionen des neuen Langzeitplans ‚Cosmic Vision‘ für den Zeitraum 2015-25 starten, wobei die Zahl der Bewerber auf drei geschrumpft ist („Drei Finalisten …“), gefolgt voraussichtlich 2020 von der ersten Großmission (L-Klasse). Aber man möchte für diesen Zeitpunkt auch schon die dritte Mittelklassemission M3 bereit haben, falls es mit der L-Mission Probleme gibt: Bis zum 15. Dezember wird nun um Vorschläge gebeten werden, die nicht mehr als 470 Mio. Euro kosten dürfen (was die aus nationalen Budgets finanzierten Instrumente an Bord nicht einschließt). 2012 sollte der M3-Gewinner fest stehen, der je nach Zustand der L-Mission 2020 oder 2022 auf die Rampe darf. (ESA Release 29., Spaceflight Now 23., BBC 21.7.2010. Auch ein ESA Release und Science Insider zur Fundamentalphysik-Planung)

Die Aufwärmung des NASA-Satelliten WISE hat begonnen, nachdem kurz nach dem Ende der ersten Himmelsdurchmusterung (am 17. Juli) das gefrorene Kühlmittel aufgebraucht war. Der Detektor für das langwelligste IR ist bereits ausgefallen, die anderen können aber noch ein paar Monate weiter machen. (Mission Status 10.8.2010. Auch ein NASA Release, Spaceflight Now und der Orlando Sentinel zu Fortschritten und Problemen mit dem JWST [„Eine neuerliche Startverschiebung …“])

Virgin Galactic peilt 110 km Gipfelhöhe an – exakt

Wenn mit dem SpaceShipTwo („Das erste …“) Touristen auf Suborbitalflüge geschickt werden, dann wird es sie bis in genau 110 km Höhe tragen: genug, um sicher die magische 100-km-Grenze des Weltraums unter sich zu lassen – aber auch nicht höher, denn dann würden die körperlichen Belastungen für die Passagiere erheblich zunehmen. Aber so sollen 93% aller Menschen zwischen 22 und 88 Jahren fit genug für den Trip sein, der „eine tiefe und organische Verbindung mit dem Universum“ verspricht. Noch diesen Herbst soll das SS2 zum ersten Mal vom Trägerflieger abgekoppelt werden und solo zur Erde gleiten: Man sieht sich schon „auf der Zielgeraden“ zum ersten Raumflug. (Discovery 2.8.2010. Auch Wired zum 1. Testflug mit Passagier und die Süddeutsche zu den juristischen Fragen)

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

20. Juni 2010

Wir haben wieder „Augen“ auf der Raumstation!

Mit der Rückkehr von S. Noguchi von der ISS war der monatelange Strom faszinierender „Live“-Fotos aus dem Orbit abrupt zuende – aber drei Wochen später ist er wieder da: Kaum mit Soyuz TMA-19 auf der Raumstation angekommen, hat der US-Astronaut Doug Wheelock die ‚Tradition‘ heute wieder aufgenommen. Seine ersten beiden Bild-Sendungen via TwitPic zeigen ein schönes Polarlicht und eine Gegenlichtansicht der ISS – und schon vor dem Start hatte er aus Baikonur einen ungewöhnlichen Blick auf ’seine‘ Rakete geschickt. NACHTRAG: Wie ein österreichischer Amateur-Archivist von Erdaufnahmen aus dem Orbit herausgefunden hat, waren die ersten Bilder nach Wheelocks Start alle alt, mal Monate, mal Jahre! (Persönliche Mitteilung 25.6.2010) Mißtrauen geweckt hatte ein falsches Mondbild („Wer hat …“) – und die Aurora könnte von O. Kotov stammen.

Vorbereitung des nächsten Falcon-9-Starts – und ein Riesenauftrag

Noch im Spätsommer soll das zweite Exemplar der schlagzeilenträchtigen Privatrakete („Nächste Falcon 9“) starten, dann mit einer vollwertigen Dragon-Kapsel, die zu 95% fertig ist: Vom Erfolg dieses ersten Tests im NASA-Auftrag wird entscheidend abhängen, ob bereits beim nächsten Mal direkt zur ISS geflogen werden darf. Der praktisch tadellose Erstflug der Rakete – der Zielorbit in 250 km Höhe wurde prozentgenau getroffen – hat jedenfalls schon Folgen: Vom Satellitenhandy-Betreiber Iridium Communications Inc. (dem einzigen, der die gesamte Erde abdeckt) gab es Startauftrag für den Großteil der 72 Satelliten der nächsten Generation. In den 492 Mio.$ ist auch die Entwicklung eines Adapters inbegriffen, der den gleichzeitigen Start mehrerer Satelliten erlaubt (weil noch gar nicht feststeht, wie groß und schwer die Iridium-NEXT-Satelliten sein werden, ist auch nicht klar, wieviele Falcon 9s zum Einsatz kommen sollen). Die Starts sollen zwischen 2015 und 2017 erfolgen – vorher sind noch 24 andere Flüge geplant. Den Auftrag bekam die Falcon, weil sie unschlagbar billig ist: Nur 7 Mio.$ pro Iridium-Satellit! Derartige Tarife gab es in den 1990-er Jahren mal in Russland und der Ukraine, heute aber nirgendwo mehr. (Space X Press Release 16.6.2010; Raumfahrer 19., peHUB 18., Space News, Space Today, 17., Spaceflight Now, Space.com, Nature Blog, Discovery, Spiegel 16., AW&ST, Raumfahrer 15.6.2010)

Weiterhin Streit um die Schuld am koreanischen Raketenfehlschlag: Weder von der ersten noch der zweiten Stufen des KSLV-1 waren vor dessen plötzlichem Verlust irgendwelche offensichtlichen Signale gekommen, die auf ein Problem hingedeutet hätten, und so sind sich Korea und Russland weiter uneins („Russland und …“) über die Verantwortung, die nun eine gemeinsame Komission klären soll. Unklar bleibt daher auch, wie es mit dem KSLV-Programm weitergehen soll und ob Russland nun eine dritte 1. Stufe gratis liefern muss; eine weitere zweite hätte Korea noch übrig. Dort werden derweil Vorwürfe laut, der misslungene Start sei unter zu großem – selbstgemachtem – Zeitdruck erfolgt. (Novosti, LaunchSpace 18., Yonhap 16., Korea Times, Yonhap, Arirang 14.6.2010)

Kein Deutscher da: Dordain bleibt ESA-Generaldirektor

Eigentlich wäre nun Deutschland an der Reihe gewesen, aber dessen ESA-Delegation konnte keinen geeigneten Kandidaten finden (nachdem der DLR-Chef keine Lust hatte, nach Paris zu gehen): So bekommt der Generaldirektor der Europäischen Weltraumbehörde Jean-Jacques Dordain eine dritte Amtszeit bis 2014; vielleicht findet sich ja dann ein passender Nachfolger aus Schland. (ESA Release 17.6.2010; BBC Blog, Space Today 18., Space News, BBC 17., Spiegel 13., Spaceflight Now 8.6.2010)

Eine deutsche „Raumfahrt-Strategie“ bis Ende des Jahres verspricht der DLR-Chef – in Erfüllung des Koalitionsvertrages der Bundesregierung – in einem Interview: Ziel dieser Strategie müsse sein, längerfristige Perspektiven zu formulieren, die dann durch Einzelziele und daraus abzuleitende Projekte und Missionen umgesetzt werden. (Kowalski 7.6.2010. Auch Woerner-Blog, Parabolic Arc und Flight Global zu neuer deutsch-amerikanischer Raumfahrt-Nähe und Space News zu deutschem Drang nach optischen Aufklärungssatelliten)

Bilderbuchstart für CryoSat 2 im ersten Anlauf

8. April 2010

Solch einer Art von Raketenstart eines Forschungssatelliten hatten wohl nur wenigsten schon einmal beigewohnt, die heute bei der Launch Party im europäischen Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt der Reise des Eisdickenerkunders CryoSat 2 – dessen Mission die ESA hier in zahlreichen Artikeln in Deutsch beschreibt – in den Orbit beiwohnten: Statt einer Rakete auf einer Startrampe zeigte das Livebild aus dem kasachischen Baikonur lediglich ein Loch im Boden inklusive einer offenen Klappe. In diesem Silo steckten eine Dnepr-Rakete, abgeleitet von der Interkontinentalrakete SS 18, und gut verpackt der CryoSat – so groß, dass die Klappe offen bleiben musste. Aus diesem Silo wurde die Dnepr pünktlich um 15:57 MESZ herauskatapultiert, und erst in der Luft zündete ihre erste Stufe (Bild), dann zischte die Rakete schnell davon. An Telekameras fehlt es wohl in Baikonur, und so wurden die weiteren Phasen des erfrischend kurzen Raketenfluges nur per Computergrafik angezeigt.

Alle ‚Väter‘ des Projekts waren in Darmstadt versammelt und konnten die folgenden 16 Minuten nur warten – aber dann ging alles ganz schnell: Abtrennung des Satelliten von der Oberstufe und Empfang der ersten Signale in Kenia, zelebriert mit einer Lightshow im auf Eishöhle getrimmten ESOC-Saal. Strahlende Gesichter überall, umso mehr als der erste CryoSat bei einem Fehlstart 2005 verloren gegangen war. Jetzt konnte gefeiert werden, und vor allem CryoSats Principal Investigator Duncan Wingham dürfte heute ein ganzer Eisberg vom Herzen gefallen sein. Auch in den zwei Stunden vor dem Start war immer alles im grünen Bereich gewesen, auf die Bedeutung der CryoSat’schen Eismessungen im Rahmen der globalen Erwärmung und des steigenden Meeresspiegels wiesen Vorträge hin, und einer bloggte live: erst hier, dann hier, und ein anderer bloggte hier. Auch Pressemitteilungen in Deutsch von ESA und DLR zum Start, ein Video davon, Standbilder daraus und ein Blog aus Baikonur – zahlreiche weitere Links zur Mission und dem Start im Cosmic Mirror #336!

Raumfahrt-Nachrichten kompakt

8. Dezember 2009

Roll-Out des „Virgin SpaceShip Enterprise“

Bei unterirdisch schlechtem Wetter ist pünktlich in der vergangenen Nacht das erste SpaceShipTwo mit Namen „Virgin SpaceShip Enterprise“ der kalifornischen Firma Scaled Composites (rechts: Chef Burt Rutan) in Mojave der Öffentlichkeit vorgestellt worden, das zunächst exklusiv für die Firma Virgin Galactic (links: Chef Richard Branson) ab ca. 2012 suborbitale Touristenflüge durchführen soll. Jetzt sind aber erstmal zahlreiche Testflüge dran: zuerst fest montiert unter dem Trägerflugzeug White Knight Two alias Eve (wie hinten zu sehen), dann simple Abwürfe in der Luft, schließlich – wohl nicht vor 2011 – die ersten Flüge mit dem eigenen Raketenantrieb. Mehrere weitere SS2 könnten später auch für andere Firmen fliegen – oder auch für bescheidene Weltraumforschung oder rasante Reisen von A nach B. (Bilder vom Roll-Out gibt’s hier, hier und hier, einen Virgin Press Release und Artikel hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier, mehr Links hier und hier, ein Videointerview mit Branson sowie einen früheren Virgin Press Release und Vorberichte hier, hier, hier, hier, hier und hier – und ein paar Visionen hier, hier und hier)

Der erste kommerzielle Transporter zur ISS könnte schon kommendes Jahr die Dragon-Kapsel der Firma Space X sein, deren Rakete Falcon 9 auch bald den ersten Testflug absolvieren soll – damit niemand von einer etwaigen Verspätung desselben sprechen kann, wird allerdings kurzerhand kein konkretes Zieldatum genannt. Die ISS-Crew, die die erste Dragon in Empfang nehmen könnte, wurde jedenfalls schon mal mit der Hardware am Boden vertraut gemacht. (Space News, Space Fellowship 3.12., Spaceflight Now 26.11.2009)

Im Januar: Premiere für Indiens eigenes kryogenes Triebwerk – und ein großer Booster-Test

Fünfmal ist das indische Geosynchronous Launch Vehicle (GSLV) schon mit einer russischen kryogenen Oberstufe geflogen – aber im Januar 2010 kommt zum ersten Mal eine selbst entwickelte Stufe mit dieser edlen Technologie zum Einsatz, die nur wenige beherrschen. (Neben einem Nachrichtensatelliten wird auch der israelische UV-Astrosatellit TAUVEX an Bord sein; siehe Artikel 821.) Ebenfalls für den Januar ist der Bodentest eines gewaltigen neuen Feststoffboosters geplant, die ab 2011 die Tragkraft des GSLV glatt verdoppeln soll. (Sify 4., PTI 7.12.2009 zur Oberstufe, IANS 6.12.2009 zum Booster)

Russlands Angara-Rakete fliegt frühestens 2012: Im Prinzip ist der künftige Ersatz für die Proton wie auch etliche andere Raketen so gut wie fertig, beim Bau der Startanlagen in Plesetsk ist aber das Geld ausgegangen. (Spaceflight Now 4.12.2009)

Ares I-X flog ohne nennenswerte Probleme

Noch läuft die Auswertung des einsamen Ares-Tests vom Oktober auf Hochtouren (inklusive der Rekonstruktion unvollständig an Bord aufgezeichneter Daten), aber bislang sind keine nennenswerten Schwachstellen entdeckt worden: Insbesondere kam es zu keinen übermäßigen Oszillationen. Das Versagen des Fallschirmsystems wird weiter untersucht. (Spaceflight Now, Orlando Sentinel Blog 3., Space Today 4.12.2009)

Vier Schmetterlinge schlüpften auf der ISS, nachdem sich dort im Rahmen eines mit dem letzten Shuttle gelieferten Experiments vier Raupen verpuppt hatten – dabei geht es v.a. darum, in Parallelexperimenten auf dem Boden involvierte Schüler zu beeindrucken. (Homepage des Experiments; Space.com 8., Universe Today 7., National Space Biomedical Research Institute Press Release 2.12., Discovery 30.11.2009)

„Ground Truth“ für Satellit SMOS durch Regattas

Die Jachten der SolOcean-Rennen werden mit automatischen Datenloggern für 8 Messgrößen ausgestattet, so dass sie während ihrer 48’000 km auf See auch aus entlegenen Meeresgebieten Vorort-Werte liefern – die dann mit den Fernerkundungsdaten des ESA-Hydrologie-Satelliten verglichen werden können. Die Rennen finden allerdings erst – alle zwei Jahre – ab 2011 statt. (On Orbit 2.12.2009)

Noch Spenden für neuen Jason-Satelliten gesucht: Seit 1992 gibt es – erst von den Topex/Poseidon-Satelliten, dann zwei Jasons – eine lückenlose Altimetrie-Serie des Meeresspiegels, die für die Ozeanografie wie Klimaforschung von hohem Wert ist, aber die Finanzierung von Jason-3 steht immer noch nicht. Die Mitglieder von Eumetsat müssen noch 63 Mio. Euro aufbringen; insbesondere Deutschland fehlt noch im Topf … (BBC 3.12.2009)

Nächste Auswahl-Runde der „Cosmic Vision“ kündigt sich an

Im Oktober waren sechs Vorschläge für die Mittelklassemissionen des Langzeitplans „Cosmic Vision“ der ESA (siehe z.B. Artikel C63) in die engere Wahl für Assessment Studies gekommen, und am 1.12. nun wurden diese Studien vorgestellt – alle erhielten großen Beifall, eine Rangordnung ist dem Vernehmen nach nicht erkennbar. Bis kommenden Februar werden aber 2 oder 3 auf der Strecke bleiben, Ende 2011 schließlich zwei Gewinner ausgewählt, die frühestens ab 2017 starten dürften – und schon jetzt zeichnet sich ab, dass fast alle der Projekte (die von Astrosatelliten bis Asteroidensonden reichen) eigentlich zu teuer sind … (ESA Release, BBC, BBC Blog 2., DLF 4.12.2009)

Mars-Kameraexperiment mit 2,64 Millionen Euro gefördert: Die Arbeitsgruppe Planetologie und Fernerkundung der FU Berlin erhält für die nächsten drei Jahre weitere Fördergelder, um die Datenflut der HRSC auf dem Mars Express auszuwerten. (FU Berlin PM 4.12.2009)

Kosmische Kuriosa kompakt

15. November 2009

ESA bestellt Mondorbiter – Studenten machen den Rest

Das Education Office der europäischen Weltraumbehörde hat für einen nicht genannten Betrag bei dem britischen Kleinsatellitenhersteller Surrey Satellite Technology Ltd. einen Mondorbiter bestellt: Viel kann er eigentlich nicht kosten, denn den Großteil der Arbeit sollen Studenten erledigen. In eine Mondumlaufbahn soll der European Student Moon Orbiter 2013 oder 2014 gebracht werden. (Homepages bei ESA und Warwick, Wikipedia, ESA, SSTL Press Releases 6.11.2009)

Die großen offenen Fragen der Physik

wurden im Oktober im Rahmen eines großen Festivals am umstrittenen Perimeter Institute in Kanada erörtert, das mit dem Geld des BlackBerry-Erfinders bahnbrechende Forschung leisten soll – natürlich war viel Kosmologisches („Why this Universe“ und dergleichen) unter den Themen. (New Scientist 23.10.2009. S.a. Nature 461 [23.9.2009] 462-5 zum Perimeter Inst. Und die 10 weirdest physics facts)

Der Pressesprecher der American Astronomical Society geht in den Ruhestand – Steve Maran hat nach 25 Jahren Beobachtung der Szene (und Steuerung des Informationsflusses, v.a. während der beiden Jahrestagungen der AAS) eine Menge zu erzählen. (Science News, The SpaceWriter 7.11.2009)

Das Feuer auf dem Mt. Wilson ist immer noch nicht aus

Zwar hat die Feuerwehr das ‚Station Fire‘, das im Sommer die Sternwarte auf dem Mount Wilson bedrohte, bereits vor mehreren Wochen als „contained“ eingestuft, aber hier und da qualmt es immer noch – und wo Rauch ist, da … So wird man bis in den Winter hinein, wenn starker Regen die letzten Nester erstickt, wachsam sein müssen. Und zugleich wird jetzt gesammelt, um die Sternwarte besser schützen zu können. (LA Times 12., 10., Tracker 12.11.2009. Auch ein Audio-Interview kurz nach dem Feuer) NACHTRAG: Die Suche nach dem Brandstifter ist auch noch nicht weiter gekommen.

Neue Sternwarten in Indonesien geplant – mit kurioser Begründung: An besseren Standorten als dem traditionsreichen Bosscha Obs. auf Java, das zu nahe an der Großstadt Bandung liegt, sollen sie (so wird es jedenfalls gegenüber der dominant muslimischen Bevölkerung dargestellt) vor allem für Sichtungen der jungen Mondsichel sorgen. Damit die auch dann gesehen wird, wenn es theoretisch möglich sein müsste, auf dass es eindeutige Monatsanfänge gibt. (Jakarta Globe 6.11.2009)

Plötzlicher Durchblick für Radioastronomen nach Abschaltung von Analog-TV

Auch in den USA ist die analoge Ausstrahlung von Fernsehsignalen seit Juni Geschichte – und dadurch ist plötzlich ein Bereich des elektromagnetischen Spektrums frei, der vorher völlig unbrauchbar war. Bis sich dort binnen eines Jahres neue Nutzer breit machen, wird jetzt zwischen 700 und 800 MHz energisch beobachtet, z.B. nach exotischen Pulsaren gesucht. Unabhängig davon gibt es die Forderung, bei der Spektrumsvergabe wissenschaftlichen Belangen mehr Wert beizumessen – was übrigesn die Erdbeobachtung aus dem Orbit genau so betrifft wie die Astronomie. (New Scientist 5., Scientific American, Ars Technica 2.11.2009)

Int’l Dark Sky Association ehrt deutsche Initiativen – der Europe Galileo Award und der Outdoor Lighting Award der internationalen Organisation wider die Lichtverschmutzung sind dieses Jahr beide nach Deutschland gegangen: an Andreas Hänel von der VdS-Fachgruppe Dark Sky und eine Firma, die Straßenlampen nur auf einen Anruf hin einschaltet. (IDA Press Release 4.10., KosmoLogs 6., NOZ 14.11.2009)

Umstrittener Offener Brief fordert Astronomie als Schulfach im ganzen Land

Die zentrale Forderung klingt zwar harmlos, „bundesweit zwei Jahreswochenstunden Astronomie im letzten Schuljahr der Mittelstufe für alle Schüler“ plus ausreichende Ausbildung von Astronomielehrern, aber Kenner der Schulbürokratie v.a. in den Alten Ländern halten sie für völlig utopisch und sogar kontraproduktiv: Deswegen haben die Astronomische Gesellschaft und der Rat Deutscher Sternwarten dem Offenen Brief einer Initiative aus Sachsen explizit die Unterschrift verweigert und setzen sich auf subtilere Weise für die Durchdringung des Unterrichts mit astronomischen Grundinhalten ein. Eine breite Diskussion hat der Offene Brief gleichwohl ausgelöst. (Offener Brief 12.11., Interview mit dem Autor, AG/RdS-Statement 10.1., Diskussion bei BdW, ZDF, SZ, TP, EK, UU, AF, AT, AG und LE sowie Frankfurter Rundschau 5.11.2009 zur Lage in Deutschland) NACHTRAG: plötzlich noch eine – negative – Reaktion auf den Brief.

Hybride Planetarien sind die besten, bei denen ein optomechanischer Projektor für nadelscharfe Sterne sorgt und ein Fulldome-Videosystem für jede Menge Effekte dazwischen (so gewünscht): Da sind sich viele in der Szene einig, und in Bochum wird es z.B. genau so gemacht (siehe ISAN 82-8). In Prag hat man dagegen vor, im Rahmen einer Modernisierung den Sternenprojektor zum Museumsstück zu machen … (The Prague Post 21., Sky & Telescope 22.10., WAZ 15.11.2009)