Posts Tagged ‘ICRF2’

Weltraumforschung kompakt

19. November 2009

Ein riesiges VLBI-Projekt zur Verbesserung des kosmischen Koordinatensystems

International Celestial Reference Frame (ICRF2; s.a. hier die GPS-Notiz) findet im Augenblick statt: Am 18. und 19. November beobachten 35 Radioteleskope rund um den Globus 243 Quasare. Das ICRF2 wurde auf der IAU GA diesen Sommer als das fundamentale Referenzsystem der Astronomie festgelegt und ist an 295 himmlischen Radioquellen ohne Eigenbewegung aufgehängt; leider gibt es zu wenig Radioteleskope auf der Südhemisphäre, um sie alle gleichzeitig einzubeziehen. (NRAO Release, Malkin, Preprint 16., Mittelbayerische Zeitung 17., Nature Blog 19.11.2009; auch eine Outreach-Seite dazu)

Starburst-Galaxien „neue“ Quelle von Gamma-Strahlung

Sowohl Gammastrahlen-Teleskope auf dem Boden wie VERITAS als auch der Fermi-Satellit haben diffuse Gammastrahlung aus – relativ nahen – Galaxien mit hoher Sternbildungsrate entdeckt, so NGC 253 und M 82, und auch die 30-Doradus-Region in der LMC ist eine Gammaquelle. Hinter der harten Strahlung steckt jeweils Kosmische Strahlung – und die wiederum wird vermutlich in Supernovaresten beschleunigt, die ein Abfallprodukt der Bildung massereicher (und damit kurzlebiger) Sterne sind. (CfA, NASA Press Releases 2.11.2009)

NACHTRAG: Acero & al. (Science 326 [20.11.2009] 1080-2) haben Gammastrahlung von NGC 253 auch mit H.E.S.S. nachgewiesen, wo 5-mal so viel Energie der Kosmischen Strahlung in diesen Kanal geht als in der Milchstraße. NACHTRAG 2: Der Nachweis von M 82 mit VERITAS wird von dessen Kollaboration in Nature 462 [10.12.2009] 770-2 diskutiert – dies Dichte der Kosmischen Strahlung in der Starburst-Zone der Galaxie ist 500-mal so hoch wie in der Milchstraße. NACHTRAG 3: noch ein Paper zu VERITAS & M 82. NACHTRAG 4: Guten Morgen! Sky & Tel. hat’s auch mitbekommen …

22 ganz junge Galaxien sind mit der neuen WFC3 des HST aufgespürt worden und lassen neue Rückschlüsse über den Verlauf der kosmischen Reionisation zu – und bei einer der z=7-Galaxien (siehe auch hier) gelang sogar die direkte spektroskopische Messung der Rotverschiebung. (Ouchi & al. Preprint 14.10., Carnegie Release 6.11.2009)

Komplizierte Gravitationslinse bei z=1.0 hilft bei Eichung der Massenbestimmung von Galaxienhaufen

Ein Galaxienhaufen WARPS J1415+36 bei z=1.03 ist einer der am weitesten entfernten, der das Bild einer weit dahinterstehenden (z=3.9) Galaxie dramatisch verzerrt: An ihm lassen sich gut verschiedene Verfahren der Massenbestimmung von Galaxienhaufen testen und zeigen, dass sie auch bei z~1 noch ganz gut gelten. (Huang & al., Preprint 4.11.2009)

Eine „gewaltige kosmische Struktur“ bei z=0.55 von mindestens 60 Mio. LJ Ausdehnung gilt als bis dato prominenteste Einzelstruktur des kosmischen ‚Skeletts‘. (ESO Release 3.11.2009)

Der Neutronenstern im SNR Cassiopeia A hat eine Kohlenstoffatmosphäre

Jedenfalls kann man nur so ein Emissionsverhalten der zentralen Röntgenquelle des jungen Supernovarestes modellieren, das seine ganze Oberfläche involviert und nicht nur einen Hotspot – denn dann würde der ~330 Jahre alte Neutronenstern pulsieren, was es aber nicht tut. (Ho & Heinke, Nature 462 [5.11.2009] 71-3, Chandra Release 4.11.2009)

Ist NGC 5408 X-1 ein „Mittelklasse“-Schwarzloch? Diese Ultraluminous X-ray Source (ULX) zeigt 100-mal langsamere quasiperiodische Oszillationen der Helligkeit als SL-Kandidaten stellarer Masse und ist gleichzeitig 100-mal heller als diese: Das könnte zu einem SL mit 1000 bis 9000 Sonnenmassen passen. (NASA Feature 10.11.2009)

Untersuchung an Sternhaufen: Lange Sonnen-Minima „normal“?

Das – spektroskopisch bestimmbare – Aktivitätsniveau von 60 ziemlich sonnenähnlichen Sternen im offenen Sternhaufen Messier 67 mag Rückschlüsse auf den „typischen“ Zustand der Sonne zulassen: Danach waren Sterne mit sonnengleicher Rotation eher geringer aktiv als die Sonne, während die aktiveren zugleich schneller rotierten. Bedeutet das, dass die Sonne einen „signifikanten Teil ihrer Zeit“ in einem Maunder-Minimums-artigen Zustand verbringt? (Reiners & Giampapa, Preprint 2., Physics World 12.11.2009)

Die Temperatur der Sonnenkorona fiel von 2006 bis 2008: Das ergibt sich aus der Vergleich von Emissionslinien, die während der Sonnenfinsternisse der beiden Jahre beobachtet wurden – insbesondere war die [Fe XIV]-Linie 2008 wesentlich schwächer geworden. (Voulgaris & al., Preprint 30.10.2009)

Jede Menge Details über Lage und Wanderung der Sternflecken auf CoRoT-2a

haben sich aus 142 Tagen ununterbrochener Photometrie durch den Satelliten herausfinden lassen: So gab es zu Beginn der Beobachtungen zwei einander gegenüber liegende Aktivitätszentren, die sich aber aufeinander zu bewegten. (Lanza & al., Preprint 4.11.2008)

Kapteyn’s Stern aus Omega Centauri entlaufen? Der 25.-nächste Stern (13 Lichtjahre Entfernung von der Sonne) ist wohl nur zufällig hier – er scheint aus derselben Zwerggalaxie zu stammen, die die Milchstraße einst verschluckte und deren Kern nun als „Kugelsternhaufen“ Omega Cen bekannt ist. (New Scientist 11.11.2009)

Sonnenähnliche Sterne mit Planeten haben weniger Lithium

auf ihren Oberflächen – dieser Effekt ist nach den Daten der HARPS-Durchmusterung sehr signifikant. Offenbar wird die Sternkonvektion in einer Phase der Planetenentstehung markant beeinflusst; was da allerdings genau passiert, ist noch ziemlich offen. Aber den Effekt – der wohl auch für das Lithium-Defizit unserer Sonne verantwortlich ist – könnte man zur Vorauswahl von Sternen nutzen, bei denen man Planeten suchen will. (Israelian & al., Nature 462 [12.11.2009] 189-91, auch Pinsonneault, ibid. 168-9, Tracker 13., Welt der Physik 12., ESO Release 11.11.2009) NACHTRÄGE: das Paper als Preprint – und tiefschürfende(re) Gedanken.

Staubscheibe von HR 8799 nachgewiesen, dem Stern mit den drei abgebildeten (mutmaßlichen) Planeten (siehe z.B. hier): Der Staub, den das Spitzer Space Telescope glühen sieht, ist bei Kollisionen von kleinen Körpern untereinander entstanden – die drei Planeten haben wohl noch nicht ihre endgültigen Bahnen gefunden. (Spitzer Feature 4.11.2009)

Ultra-primitive Staubteilchen von Komet Grigg-Skjellerup eingefangen

Im April 2003 zog die Erde durch den Staubschweif des Kometen G-S, und in der Stratosphäre wurde gezielt Jagd auf diese Teilchen gemacht – mit Erfolg: Es handelt sich um deutlich ursprünglichere Partikel als was die Stardust-Sonde aus der Koma des Kometen Wild 2 holte (siehe Artikel C00), und diese IDPs sind sogar älter als die Sonne. (Carnegie PR 2.11.2009) NACHTRAG: ein reichlich später Press Release aus Manchester.

Die „beste“ Sternbedeckung durch Pluto für Europa in mindestens einem Jahrzehnt scheint am 14. Februar 2010 bevorzustehen, wenn ein Stern 11. Größe getroffen wird – schon mit einem Sechszöller müsste man die schwindende Atmosphäre des Zwergplaneten nachweisen können. (PlanOccult 8.11.2009; Sonderseite der IOTA-ES)

Der 50. Jupitermond hat einen Namen erhalten

S/2003 J17, der diesen August wiederentdeckt worden war, ist nun amtlich und darf sich „Herse“ nennen; 12 weitere Jupitermonde warten noch auf ihre Bestätigung. Und der Mond des Kuiper-Gürtel-Objekts (50’000) Quaoar heißt nun ganz offiziell Weywot. (IAUC #9094 11., Planetary Society Blog 12.11.2009)

Saturnmond dank seines Schattenwurfs entdeckt: Als S/2009 S1 wird jetzt ein nur etwa 300 m großer Saturnmond ínmitten des B-Rings geführt, der sich im Juli mit der Sonne fast in der Ringebene durch einen 36 km langen Schatten bemerkbar machte. (IAUC #9091 2.11.2009)

Raumfahrt-Nachrichten kompakt

13. November 2009

Rosetta holte sich Schwung an der Erde

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3.6 km/s zusätzliche Geschwindigkeit hat sich die Kometensonde Rosetta vor ein paar Stunden bei ihrem letzten Vorbeiflug an der Erde abgeholt: Erwartungsgemäß gab es keine Zwischenfälle technischer oder himmelsmechanischer Art, und der rein geometrische Moment verstrich im Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt ohne rechte Emotionen (Screenshot aus dem Webcast). Während des Closest Approach bestand Funkkontakt über die Bodenstation in Australien, dann folgte eine kurze geplante Funkstille, bevor Maspalomas um 9:05 den künftigen Kometenorbiter um 9:05 am richtigen Ort wiederfand. Weitere Bilder soll es heute Nachmittag geben – und das nächste Highlight wird am 10. Juli 2010 der Vorbeiflug am Asteroiden Lutetia. (ESA Release, auch einer mit Rosetta am Himmel in Bewegung – und die Visuals eines Medienbriefings unmittelbar vor dem Swingby)

Nächster Flug „Ares I-X prime“ statt „Ares I-Y“?

Selbst für Fans der Ares-Rakete kam ihre Auszeichnung als „Best Invention of 2009“ durch das TIME Magazine überraschend, dabei ist die Zukunft des möglichen Shuttle-Nachfolgers unklarer denn je. Selbst wenn das Programm in der geplanten Form weitergeführt werden sollte (und es werden offenbar bereits zahlreiche Alternativen erwogen), so wird es wohl den ‚kompletteren‘ Teststart „I-Y“ nicht geben, der frühestens 2014 möglich wäre und dann eh zu spät käme. Stattdessen wird jetzt über „Ares I-X prime“ nachgedacht, mit einer 5-teiligen 1. Stufe und einem echten Abort-System: Das Versagen der 2. Stufe und die Rettung der Orion-Kapsel würden dann in großer Höhe simuliert, und auch der problematische Fallschirm der 1. Stufe könnte erneut getestet werden. (Constellation Blog 3., Aerospace Daily 4., Orlando Sentinel [auch zum ‚flexible path‘], TIME, Huntsville Times Blog, Universe Today 12.11.2009)

USAF kümmert sich verstärkt um mögliche Satelliten-Kollisionen

Nachdem der Zusammenstoß zwischen einem operationellen Iridium-Satelliten und einem inaktiven russischen am 10. Februar die US-Weltraumüberwachung „kalt erwischt“ hatte, wurde die Technik zur Bahnverfolgung wichtiger Satelliten ausgebaut: Die Bahnen von 800 aktiven Satelloten werden inzwischen genau im Blick behalten und bedrohliche Annäherungen vorausgesagt; bald sollen es 1300 sein. (Reuters 3., Nature Blog 5.11.2009) NACHTRAG: Sorgen – und Action – auch in China!

Gestörter GPS-Satellit gefährdet Konstellation nicht: 30 operationelle Satelliten hat das Global Positioning System derzeit, nur 24 werden benötigt – dass der im März gestartete GPS 2R-20 noch unter Signalstörungen leidet und erst nächstes Jahr zur Verfügung stehen dürfte, ist also kein großes Problem. Nächster GPS-Start ist im Juni 2010. (Spaceflight Now 2.11.2009. Auch Space.com über die Rolle von Quasaren für das GPS – und ein IYA-Event im Zusammenhang mit diesem ICRF2)

Preise für „Lunar Lander“ und „Space Elevator“ zuerkannt

Nach manchen Fehlschlägen sind jetzt kurz nacheinander mehrere Preise im Rahmen der Centennial Challenges der NASA vergeben worden: Die 2 Mio.$ der Vertical Lander Challenge and Lunar Lander Challenge sind damit komplett ausgegeben, und bei der Beam Power Challenge hat zum ersten Mal überhaupt ein „Vehikel“ die Anforderungen erfüllt. Während diese Protoprotoprototypen eines Weltraumfahrstuhls eher Science Fiction sind, glauben die beiden Gewinner der simulierten Mondlandung, ihre Erfahrungen bei anderen „New Space“-Projekten einbringen zu können. Mehr ausgegeben als am Ende gewonnen haben allerdings alle – aber dafür war das Interesse unter den amerikanischen Weltraumfans erheblich. (NASA Release 2., X Prize Releases 2. , 5. 11., New Scientist 30.10., Cosmic Log 2., Space Today 3., Discovery 5. und Aviation Week, The Space Review 9.11.2009 zur „Mondlandung“ und NASA Release 9., Nature Blog 5., Luna C/I, New Scientist 6. und Space Today 11.11.2009 zum „Fahrstuhl“)

Der letzte „Große Alte Mann“ der Raumfahrt ist tot

Und im Westen kannten ihn nur noch wenige, denn seit 1955 lebte und wirkte Qian Xuesen in der VR China, nachdem ihn die USA während der Kommunistenjagd im Kalten Krieg erst eingesperrt und dann aus dem Land gejagt hatten. Ein fataler Fehler, denn der 20 Jahre früher in die USA gekommene Qian (alte Transkription: Tsien) hatte dort maßgeblich am Aufbau des Jet Propulsion Laboratory mitgewirkt und war neben van Karman einer der Raketenpioniere des Landes gewesen. Kaum wieder in China angekommen, gab man ihm große Freiräume, und Qian begann rasch mit dem Aufbau einer Raketen- und Luftfahrtindustrie, die schließlich 1970 die chinesische Raumfahrt ermöglichte. Welch bizarrer Lauf der Geschichte: Im Auftrag der US-Regierung hatte er einst Wernher von Braun verhört, nachdem dieser in die USA übergelaufen war. Am 31. Oktober starb Qian Xuesen, der nie dorthin zurückgekehrt war aber gelegentlich alte Freunde vom JPL empfing, mit 98 Jahren in Beijing. (Nachrufe von Xinhua, LA Times, Spaceflight Now, New York Times, Nature Blog, Asian Week, Aerospace Daily und KosmoLogs sowie Wikipedia)

Fehlschlag des 1. südkoreanischen Raketenstarts weitgehend aufgeklärt: Ein Versagen der Nutzlastverkleidung führte am 25. August zum Versagen des KSLV-1 alias Naro; letzte Details bleiben aber offen. Nächster Versuch vermutlich in der 1. Jahrshälfte 2010. (Korea Herald 6.11.2009)