Posts Tagged ‘Indien’

Delhis alte Sternwarte: noch für Messungen gut

23. Dezember 2011

Es ist einer der faszinierendsten Orte auf diesem Planeten für Freunde der Astronomiegeschichte: fast genau im Zentrum der 11-Millionen-Metropole Delhi gelegen, in leidlich gutem Erhaltungszustand und größtenteils zugänglich und aus nächster Nähe zu inspizieren. Von den fünf riesigen Fernrohr- und sogar Metall-freien Sternwarten, die der Maharaja Jai Singh II. zwischen 1724 und 1734 errichten ließ, ist zwar das Exemplar in Jaipur am größten und bekanntesten – aber dessen Instrumente sind vor den Besuchern abgesperrt. Das als erstes gebaute Jantar Mantar in Delhi jedoch kann – nach Entrichten einer Eintrittsgebühr von derzeit Rp. 100 = EUR 1.40 für Ausländer oder Rp. 5 = EUR 0.08 für Einheimische – fast nach Belieben ‚benutzt‘ werden, wie es dieser Blogger im Rahmen der Reise zur SoFi-Tagung mehrere Stunden lang getan hat (Panoramen [NACHTRÄGE: es geht noch krasser – und mehr normale Fotos] & Details oben); eine an der Kasse verkaufte Broschüre für Rp. 25 erwies sich dabei als recht guter Führer. Jai Singh misstraute nicht nur dem damals im Westen schon ein Jahrhundert etablierten Teleskop sondern auch den klassischen Winkelmessinstrumenten aus Messing: Stattdessen setzte er auf präzise konstruierte Monumentalbauten, um die gewünschte Messgenauigkeit zu erreichen.

Dass dies gelungen ist, haben in den letzten Jahren umfassende Forschungen und Experimente durch Mitarbeiter des Nehru-Planetariums in Delhi unter Leitung von dessen energischer Direktorin Rathnasree Nandivada (unten) gezeigt: So kann man – wie ein regelrechter Blindtest mit Studenten bewiesen hat – mit dem zentralen Instrument, der Riesensonnenuhr Samrat Yantra, die Zeit auf etwa eine Sekunde genau ablesen. Leider fehlen dort wie auch bei den meisten anderen Instrumenten inzwischen die Skalen, nur im Ram Yantra sind noch allerlei Messmarken erkennbar (s.a. oben die Aufnahme aus dem Planetarium, wo ein Horizontal-Koordinatensystem über ein Fulldome-Mosaik gelegt wurde) – und hier finden sogar wieder konkrete öffentliche Beobachtungen statt. Seit Jahrzehnten wird über eine Restauration der gesamten Anlage diskutiert, wie z.B. einem Paper von 1993 und Artikeln von 2000 (noch einer), 2007 und 2010 (noch einer) zu entnehmen ist. Gerade wird darüber gestritten, ob man die verlorenen Skalen durch besonders haltbare aus Marmor ersetzen sollte: Dagegen spricht, dass sich Schatten auf dem durchscheinenden Material weniger scharf als auf der vermutlich in der Vergangenheit verwendeten weißen Farbe abzeichnen. Zeitpläne für eine tatsächliche Wiederherstellung der faszinierenden astronomischen Instrumente, die architektonisch unerwartet modern wirken, waren einstweilen nicht in Erfahrung zu bringen …

Mondfinsternis am Rande des Himalaya

15. Dezember 2011

60 Sek. bei Blende 2.8 und ISO 400 bei 25 mm (KB-Äquivalent) um 15:30 MEZ

Impressionen der Totalen Mondfinsternis vom 10. Dezember 2011 von einem internationalen Beobachtercamp in Ranikhet im indischen Bundesstaat Uttarakhand am Rande des Himalaya in 1800 m Höhe. Die Zeit läuft von oben nach unten.

1/15 Sek. bei Blende 2.8 und ISO 400 bei 25 mm (KB-Äquiv.) um 13:01 MEZ

1/40 Sek. bei Blende 6.3 und ISO 100 bei 735 mm (KB-Äquiv.) um 13:42 MEZ

1 Sek. bei Blende 6.3 und ISO 100 bei 735 mm (KB-Äquiv.) um 13:57 MEZ

60 Sek. bei Blende 4 und ISO 400 bei 25 mm (KB-Äquiv.) um 14:36 MEZ

60 Sek. bei Blende 4 und ISO 800 bei 25 mm (KB-Äquiv.) um 14:52 MEZ

1 Sek. bei Blende 5.2 und ISO 800 bei 735 mm (KB-Äquiv.) um 15:01 MEZ

60 Sek. bei Blende 2.8 und ISO 800 bei 25 mm (KB-Äquiv.) um 15:04 MEZ

5 Sek. bei Blende 4.1 und ISO 800 bei 318 mm (KB-Äquiv.) um 15:14 MEZ

1.3 Sek. bei Blende 5.2 und ISO 1600 bei 735 mm (KB-Äquiv.) um 15:18 MEZ

60 Sek. bei Blende 2.8 und ISO 1600 bei 25 mm (KB-Äquiv.) um 15:35 MEZ

1/2 Sek. bei Blende 5.2 und ISO 400 bei 735 mm (KB-Äquiv.) um 15:58 MEZ

NACHTRAG: Kurz vor der großen SoFi-Tagung in Delhi hatte der indische Star-Astrofotograf und Riesen-Dobson-Bauer Ajay Talwar zu einer „Lunar Eclipse Himalayan Tour“ geladen, 400 Straßen-Kilometer von der Hauptstadt entfernt am Südwestrand des Himalaya in der Ranikhet Hill Station im Bundesstaat Uttarakhand, der an Tibet und Nepal grenzt. Eine Plattform des Woodsvilla Resort (mit morgendlichem Blick auf mehrere 7000-er! Weitere Impressionen aus der Umgebung hier und hier sowie ‚Augenzeugen‘ hier und hier) hatte sich rasch mit zahlreichen Teleskopen und Teleobjektiven gefüllt, und der Himmel strahlte wolkenlos, wenn auch leicht dunstig. Was aber kein Vergleich zu unsagbar dichtem Nebel rund um Delhi war, dem das runde Dutzend internationaler Tagungsgäste (indische Teilnehmer gab es außer den Gastgebern nicht) glücklich entkommen war. Just im Moment des Mondaufgangs begann auch die Halbschattenphase, lange schlecht zu erkennen, da deckungsgleich mit einem besonders Maria-reichen Mondsektor. Zur Totalität der Mondfinsternis am frühen Abend ließ sich auch die Milchstraße blicken; besonders dunkel war die Umbra nicht: Bilder des Bloggers mit mehr Pixeln als oben hier, hier, hier, hier und hier – und vom Gastgeber eine Fotomontage! NACHTRAG 2: weitere Bilder von Kris Delcourte vom selben Ort … NACHTRAG 3: … und von Xavier Jubier … NACHTRAG 4: … sowie vom Gastgeber eine 5-Min.-Slideshow und weitere Bilder.

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

7. Mai 2010

Test der Orion-Fluchtrakete ein voller Erfolg: In der White Sands Missile Range legte im gestrigen „Pad Abort 1“-Test das seit Jahren für die Orion-Kapsel entwickelte Startabbruchsystem einen perfekten Flug hin (Bilder hier, hier und hier und ein Video) – vielleicht wird es eines Tages bei einem kommerziellen Startsystem zum Einsatz kommen. Für die Orion jedenfalls nicht, die bestenfalls zu einer (unbemannt startenden) ISS-Rettungskapsel wird; s.u. (NASA Release, Spaceflight Now, Scientific American 6., Collect Space, Space Today 7.5.2010)

Vager Zeitplan, kleine Orion-Rolle für US-Raumfahrtpläne

Es bleibt bei der im Februar verkündeten neuen Richtung der bemannten US-Raumfahrt, allem – meist rein lokalpatriotisch motivierten – Geschrei vieler US-Politiker zum Trotz: Das haben ein Fact Sheet aus dem Weißen Haus vom 13. und eine Rede Obamas am Kennedy Space Center am 15. April klar gemacht. Neu sind nur ein paar ‚konkrete‘ Deadlines, nach denen immer wieder gerufen worden war: 2015 soll nun über eine neue Schwerlastrakete entschieden werden, 2025 sollen mit ihr Flüge ins Planetensystem beginnen, mit einem Asteroiden als erstem Ziel, und ca. 2035 wird der Mars umkreist. Landungen dort folgen später, aber noch zu Lebzeiten Obamas, der 1961 geboren wurde. Während die Ares-Rakete weiterhin keinerlei Zukunft hat, könnte zumindest die Orion-Kapsel aus dem eingestellten Constellation-Programm zu einem Rettungsboot für die ISS entwickelt werden, die bis mindestens 2020 in Betrieb bleibt. Wie sich der Rückhalt für die neuen Weltraumpläne in der Politik in den folgenden Wochen entwickelt hat, darüber gehen die Einschätzungen weit auseinander … (Links zu zahlreichen Artikeln im Cosmic Mirror 336 im hellgrünen Kasten)

Die erste Falcon 9 startet vermutlich am 23. März: Die Selbstzerstörungsanlage der viel beachteten privaten Trägerrakete – selbst Obama schaute sich bei seinem KSC-Besuch die Startanlagen an – muss noch abgenommen werden, und mehrere andere Starts (u.a. der letzte der Atlantis am 14. Mai) haben Vorrang. Der Druck auf die Firma Space X ist enorm … (Space.com 7., Cosmic Log, AW&ST 4., Flame Trench 3.5., Orion 21., Spaceflight Now 16.4.2010; Mission Status Center)

Weiter Konfusion um Versagen der ersten indischen kryogenen Raketenstufe

Hat sie gar nicht gezündet oder nur für Sekunden, bevor eine Turbopumpe ausfiel, oder war alles o.k. aber Vernierdüsen versagten? Die ersten beiden Stufen des indischen Geo-synchronous Satellite Launch Vehicle (GSLV-D3) hatten am 15. April tadellos gearbeitet, doch kaum sollte die Cryogenic Upper Stage übernehmen, wich die Rakete – mit einem Nachrichtensatelliten aber ohne TAUVEX („Israelisches Astro-Teleskop …“) – von der Flugbahn ab und musste zerstört werden. Mehrfach wurden die Erklärungen für das Versagen der Oberstufe – die Indien in 19 Jahren allein entwickelt hatte, nachdem die USA Russland gedrängt hatten, die komplexe Technologie nicht an Indien zu liefern – inzwischen geändert, eine formelle Untersuchung läuft und soll Mitte Juni einen Bericht vorlegen. Indien hat mit neuen Raketentypen fast immer erst einmal Pech gehabt, diesmal allerdings war im Vorfeld getestet worden wie selten zuvor. Doch die Bedingungen des Hochfahrens einer kryogenen Raketenstufe schon halb im Weltraum entziehen sich detailgetreuer Bodentests. Vielleicht in einem Jahr könnte die CUS erneut ausprobiert werden (und es starten vorher noch zwei GSLV mit russischen Oberstufen). Was aus TAUVEX wird, ist derweil unklarer denn je … (Frontline Mai, Business Line 24., Parallel Spirals, Parabolic Arc 19., Hindu, Orion 18., Space News, Hindu 17., Hindu, Novosti, Space Today 16., ISRO Press Release, BBC 15., Outlook 10., Hindu 9., Mangalorean 7.4.2010)

Noch vor Jahresende startet die erste Soyuz-Rakete in Französisch-Guyana, verspricht Arianespace: Zwei wurden letzten November angeliefert, und die routinemäßigen Überprüfungen an der ersten kommen gut voran. (Arianespace Soyuz/Vega Update 7.5.2010) NACHTRAG: Spaceflight Now zu den Vorbereitungen. NACHTRAG 2: Der Start soll nun offiziell im 4. Quartal 2010 stattfinden.

Ring of Fire in the Land of the Coconut

1. Februar 2010

Der komplette Reisebericht aus Indien zur Ringförmigen SoFi am 15. Januar mit 9 Seiten und fast 300 Bildern ist fertig und beginnt hier; Eilige können direkt zum Tag der Finsternis oder den hochauflösenden Bildern – ohne Filter! – springen, wo auch zu weiteren spektakulären Bildern aus Varkala verlinkt wird.

Das „Vermächtnis“ des IYA wird ein bisschen klarer

Wo man erfahren kann, welche Projekte weiter gehen – und wie das International Year of Astronomy auch einen Monat nach seinem kalendarischen Ende immer noch für jede Menge Meldungen oder Meldenswertes sorgt: ein dicker Beitrag im IYA-Blog über die vergangenen 30 Tage.

Zahllose Links zum dicksten Sonnenring des Jahrtausends

24. Januar 2010

S.P.A.C.E.

(hier eine Sequenz der Baily’s Beads bei der Ringförmigen SoFi am 15. Januar am Nordrand der Annularitätszone in Varkala, Kerala, Indien) sowie andere Himmels-Highlights seit Jahresbeginn sind bei Cosmos 4 U zu finden sowie ein detaillierter Artikel hier!

Weitere größere Artikel

Das tiefste Bild des Universums, das Hubble Ultra Deep Field 2009 (HUDF09).

Funktionsweise von Epsilon Aurigae jetzt verstanden? Spitzer-Spektrum gibt Hinweise.

Wie die Galaxie Arp 192 ihren Stachel verlor Es war nur eine Asteroidenspur …

Sonnenaktivität im Aufwind: Zahl der fleckenfreien Tage schrumpft.

First Light für den neuen IR-Satelliten WISE – bald beginnt die Durchmusterung.

Doppelstern mit Materiefluss zwischen Scheiben direkt abgebildet bei SR 24.

Einsamer Nachweis eines kleinen Körpers im Kuiper-Gürtel mit Hubbles FGS.

Kürzere Artikel

Halo der Milchstraße abgeplattet – und um 90° gekippt.

»Erdähnlichster Exoplanet« CoRoT-7b ursprünglich viel größer? Massenverlust in Sternnähe modelliert.

Dunkle Energie bereits in der Lokalen Gruppe nachzuweisen? Radialgeschwindigkeiten sollen’s zeigen.

Kleiner Kreutz-Komet in die Sonne gestürzt, Anfang Januar.

Hellstes Objekt im Kuiper-Gürtel seit fünf Jahren entdeckt, 2009 YE7.

Bahnneigung eines Exoplaneten verändert sich schnell, bei TrES-2.

Was vom Astronomie-Jahr bleiben wird, verspricht die IAU.

US-Mondforscher-Star wollte Spion werden – und landete beim FBI (und dann im Knast)

28. Oktober 2009

nozette

Noch grinst er einen auf den Mission Pages der NASA an, ist er doch führender Wissenschaftler des Mondradars MiniRF, das sowohl auf dem US-Orbiter LRO wie auch dem indischen Chandrayaan-1 installiert wurde: Bei ersterem ist Steward „Stu“ Nozette sogar der Principal Investigator, bei der indischen Version Co-Investigator. Auch der – fehlgeschlagene – Versuch, beide Instrumente gleichzeitig zur Eissuche auf dem Mond zu verwenden, war v.a. seine Idee gewesen. Und Mondfans werden sich an Nozette natürlich auch als einen der führenden Köpfe beim Mondorbiter Clementine erinnern, der 1994 Technologie von Interesse für eine weltraumgestützte Raketenabwehr im Rahmen einer Wissenschaftsmission testete (und auf dessen Mondkarte der 25-m-Mond im Gasometer Oberhausen basiert!) – aber jetzt kennt ihn die ganze Welt als verhinderten Spion!

Ob Nozette überhaupt jemals als geheim eingestufte US-Informationen, zu denen er im Rahmen militärischer Forschungsprogramme zeitweise Zugang hatte, illegal weitergegeben hat, ist keineswegs sicher – aber er war dazu offenbar bereit. Nachdem sich eine FBI-Frau ihm gegenüber als Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad ausgab, lieferte er zweimal Antworten, die als „secret“ bzw. „top secret“ galten, auf konkrete Fragen und nahm im Gegenzug insgesamt 11’000 US-Dollar entgegen, bevor er am 19. Oktober festgenommen wurde. Zuvor hatte Nozette u.a. jahrelang als externer Berater für den israelischen Konzern Israel Aerospace Industries gearbeitet, was durchaus nicht illegal gewesen zu sein braucht (schließlich arbeiten die USA und Israel auf militärischem Gebiet oft eng zusammen), aber gegenüber der falschen Agentin äußerte Nozette, er habe IAI immer schon für eine Tarnorganisation des Mossad gehalten! Und es sei ja geradezu an der Zeit gewesen, dass dieser sich ihm gegenüber mal offenbare. Zwar habe er inzwischen keinen Zugang zu aktuellen Geheimsachen mehr, aber von früher noch eine Menge im Kopf, was er auch gerne verkaufen würde – und ein israelischer Pass sei ja wohl auch drin.

Zu der filmreifen FBI-Stingoperation war es im Rahmen von Ermittlungen gegen eine (vermeintliche?) Nonprofit-Organisation gekommen, die Nozette 2000 gegründet hatte, und zuletzt hatte er sich im Januar verdächtig gemacht, als er mit mehreren Datenträgern in ein nicht näher genanntes Land geflogen und ohne sie zurückgekehrt war. Dabei hat es sich vermutlich um Indien gehandelt, wo Nozettes Verhaftung einige Aufregung ausgelöst hat: Als amerikanischer Chandrayaan-„Passagier“ war er öfters in den dortigen Medien aufgetreten und auch mehrmals in Einrichtungen der Weltraumbehörde ISRO unterwegs gewesen – aber dabei ständig bewacht, wie nun betont wird. (Dem Mitflug zweier US-Instrumente auf Chandrayaan war langes Tauziehen vorausgegangen, allerdings wegen Bedenken der US-Seite.) Über die Motivation von Nozette, 52, für die versuchte Karriere als Spion kann man nur spekulieren – vielleicht war es eine Midlife Crisis, die schon manchen Spitzenforscher auf Abwege geführt hat. Allerdings selten so gravierend: Im Falle einer Verurteilung droht Nozette bis zu lebenslange Haft …

Ein Press Release des Justizministeriums, eine Biografie und Artikel von Washington Post (früher, noch früher und noch früher), Wash. Examiner, NYT Blog, Astronomy, Space Movement, A Times, Deccan Herald, Times of India, TIME, Baltimore Sun, CSM, Nature Blog, Discovery, TPM, NASA Watch, Outlook, Independent und Space Today mit zusätzlichen Erkenntnissen oder Spekulationen.