Posts Tagged ‘Kino’

Zum Karfreitag: die „Barabbas“-Sonnenfinsternis

6. April 2012

Tanzveranstaltungen mögen an diesem „stillen Feiertag“ in etlichen Bundesländern verboten sein, aber YouTube-Gucken ist noch erlaubt: zum Beispiel dieser Ausschnitt aus dem italienischen 1962-er Spielfilm „Barabbas“ mit der bemerkenswertesten Kreuzigungsszene der Kinogeschichte – denn die Sonnenfinsternis im Hintergrund ist echt! Es handelt sich um die totale SoFi vom 15. Februar 1961, die praktischerweise während der Dreharbeiten stattfand und in Italien zu sehen war – manche Sternfreunde auch aus Deutschland waren damals dorthin gereist und hatten exzellente Wetterbedingungen. Wie auch Kameramann Aldo Tonti, der die Totalität in der Toskana mit drei Kameras mit verschiedenen Brennweiten perfekt einfangen konnte (während der Jesus-Darsteller leider in die falsche Richtung schauen musste). Der entsprechende Eintrag hier nennt weitere Details; auch auf einem Filmplakat fand die SoFi Platz. Wie man der Eclipse Film Database entnehmen kann, kommen Finsternisse in zahlreichen Spielfilmen vor, nur selten allerdings echte Aufnahmen von totalen SoFis: Ein anderes gelungenes Beispiel erscheint im Roadmovie „Im Juli“ von 2000, als dem Filmteam auf dem Balkan die 1999-er SoFi in die Quere kam …

„Another Earth“: Paralleluniversum mal anders …

14. November 2011

Nach „Melancholia“ und „Apollo 18schon wieder ein Spielfilm in den Kinos, der einen gewissen Bezug zur realen Astronomie und/oder Raumfahrt hat (was man von anderen diesjährigen SciFi-Filmen wie „Super 8“ oder „Cowboys and Aliens“ nun wirklich nicht behaupten könnte): „Another Earth“ spielt allerdings schon allein deswegen in einer anderen Liga, weil es sich um eine extrem preiswerte Produktion – Gesamtkosten unter 200’000 Dollar! – handelt, erkennbar auch am knappen Abspann, in dem viele Beteiligte gleich in einer ganzen Reihe von Funktionen auftauchen. Auf nennenswerte visuelle Effekte musste da verzichtet werden, was aber durch das starke Spiel der Hauptfiguren und z.T. experimentalfilmhafte Ideen recht überzeugend ausgeglichen wird. Die titelgebende zweite Erde ist indes einfach die unsrige, die am Himmel immer größer und … SPOILER AB HIER!

… von einer vagen Metapher für Selbstgespräche und Doppelgänger mehr und mehr zum realen Reiseziel mit womöglich einer zweiten Chance wird. Wobei man sich allerdings fragen muss, warum nach dem ersten Telefonat der SETI-Institute hüben und drüben – eine der stärksten Szenen des Films, durchaus dem ersten Kontakt im „Contact“ oder der ersten Sichtung der Invasionsschiffe in „Independence Day“ vergleichbar – nicht kräftig weiter kommuniziert wird. Woher diese zumindest bis zum Kontakt mit unserer offenbar in jedem Detail identische Kopie der Erde hergekommen ist, diskutiert der Film zwar nur ganz am Rande, aber im Original spricht den Off-Text immerhin der echte US-Astronom Richard Berendzen – übrigens interessanterweise selbst mit dramatischer persönlicher Vergangenheit, ganz wie die Hauptfigur, deren Karriere als Astrophysikerin gleich am Anfang ein jähes Ende findet, und ungewöhnlicher Veröffentlichungsliste.

Im Film ist Berendzen auch einmal kurz im TV zu sehen, und in zwei Promo-Videos der Produktion hier und hier zieht er Parallelen (no pun intended) zur populären Idee von Paralleluniversen. Und im TV-im-Film-Auftritt vertritt er die Hypothese, dass sich beide Welten nach der gegenseitigen Entdeckung unterschiedlich zu entwickeln begonnen haben könnten, was den Filmplot entscheidend voran treibt. Parallelen (sorry …) zu „Melancholia“ sind übrigens gleich mehrere vorhanden: nicht nur der ständig wachsende Planet am Himmel, auch die Beschränkung auf einige wenige Charaktere, die fast isoliert und ohne Kontakt zum Rest der Welt dem Phänomen ausgeliefert wird, das Nichtstellen von offensichtlichen Fragen, was den engagiert mitdenkenden Zuschauer auch mal nerven kann – und ein extrem abruptes Ende, das diesen mit den provokativen Ideen des Films (den übrigens Regisseur und Hauptdarstellerin zusammen schrieben, auch nicht alltäglich) allein vor der schwarzen Leinwand zurück lässt.

„Apollo 18“ – ‚Blair Witch Project‘ auf dem Mond

30. Oktober 2011

Das „Found Footage“-Genre des Spielfilms hat seit dem phänomenalen (Einspiel-)Erfolg von The Blair Witch Project vor 12 Jahren – bisher 250 Mio.$ Einnahmen weltweit bei Produktionskosten von unter 1 Mio.$ – explosionsartig zugenommen und mit Apollo 18 nun auch die Raumfahrt-Schein-Geschichte erreicht. Trotz viel Kritikerschelte (hier auch mal verhaltenes Lob – und ein paar besonders schlechte und gute Meinungen) hat auch dieses Mockumentary schon das Fünffache seiner Kosten von 5 Mio.$ eingespielt – die offenbar größtenteils darin investiert wurden, die als solche eher unspektakulären und oft Kammerspiel-artigen Aufnahmen durch Scharen von Special-Effects-Machern so richtig alt aussehen zu lassen. Das ist gelungen: Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben die (erfreulicherweise weit weniger hektisch als etwa bei ‚Cloverfield‘ montierten) Film- und Videoschnipsel tatsächlich die Anmutung von Material aus der Apollo-Ära, und auch in die Ausstattung der amerikanischen … SPOILER AB HIER!

… und sowjetischen Landefähren wurde einige Recherche gesteckt; die Astronauten machen auch reichlich von den korrekten Akronymen des Apollo-Programms Gebrauch, was man in der deutschen Fassung so belassen hat. Die NASA hat gleichwohl nicht mitwirken wollen und warnt sogar vor dem Werk. Viele Fragen bleiben darin genretypisch – wobei auch eine pseudo-dokumentarische Webseite nicht fehlen darf – unbeantwortet: Was treiben die Spinnentiere am Südpol des Mondes, die sich gern als Steine tarnen, wovon ernähren sie sich, wenn nicht gerade ein Kosmo- oder Astronaut vorbei schaut, und welchen Zweck verfolgte die geheime Apollo-18-Mission tatsächlich? Ach ja, und wie wurden die ganzen Filmrollen geborgen, nachdem die vom überlebenden Apollo-Mann gekaperte russische Fähre mit dem amerikanischen Orbiter kollidierte? Schwamm drüber, denn der Schlussgag ist richtig gut: Eine Schrifttafel verweist – korrekt! – auf den Missstand, dass viele der von der US-Regierung an befreundete Länder verschenkten Mondsteine nicht mehr auffindbar sind. Die werden doch nicht etwa davon gekrabbelt sein …?

„Melancholia“ oder: ein Film über den Schrecken des Jakobsstabs …

18. Oktober 2011

Er wollte an Hand des nahenden und unausweichlichen Weltuntergangs vorführen, dass Depressive damit besser klarkommen (was ihm sein Psychiater erzählt hatte), und zur Herbeiführung desselben sollte es die Kollision der Erde mit einem anderen Himmelskörper sein (worauf ihn einschlägige Webseiten gebracht hatten): So ist es zu Lars von Triers „Melancholia“ gekommen, der nur wenig mit den Impakt-Klassikern „Meteor“, „Armageddon“ oder „Deep Impact“ zu tun hat. Trotz des üppigen Settings bei Schloss Tjolöholms ist es – nachdem die Hochzeitsgäste des ersten Teils, Bräutigam inklusive, und zuletzt auch noch der Butler entschwunden sind – ein Kammerspiel mit nur mehr vier Personen, die in den letzten Stunden keinerlei Kontakt mehr mit der Aussenwelt haben (wozu auch ein Stromausfall beiträgt). Der Schlossbesitzer, gespielt von von Ex-Jack-Bauer Kiefer Sutherland, ist zugleich Amateurastronom und Besitzer eines dicken Refraktors (einer bekannten Marke mit „B“), durch den öfters der ominöse Planet Melancholia beäugt wird, der da – offenbar aus dem interstellaren Raum gekommen – nun auf einer arg seltsamen Bahn durch das Sonnensystem zieht und bereits problemlos an Merkur und Venus vorbei gekommen ist. Die amtlichen Astronomen sagen eine nahe Passage auch an der Erde voraus, eine alternative Webseite – die nur Sekundenbruchteile aufblitzt – hingegen eine wunderliche Schleifenbahn, die zunächst an der Erde vorbei, dann aber doch direkt auf sie zu führt.

Zwar hat von Trier mit der Astronomie ansonsten nicht viel am Hut, aber eine Abwandlung eines klassischen astronomischen Instruments spielt doch eine geradezu handlungstreibende Rolle: Aus Draht basteln Sutherland und sein Sohn eine Variante des Jakobsstabs zur Winkelmessung am Himmel. Und die zeitliche Variation des Durchmessers Melancholias ist es, mit der die vier zunächst die Annäherung und anschließende erneute Entfernung des Planeten nachweisen – und dann seine Rückkehr: Die alternativen Himmelsmechaniker hatten Recht. Das weiß der Zuschauer natürlich längst, da der Film mit dem Ende der Erde (die von der mehrfach größeren Melancholia einfach absorbiert wird) und den eher moderaten geophysikalischen Effekten kurz davor beginnt – etwa als ein schwarzes Pferd vor einem Polarlicht kollabiert. Dasselbe Szenario bildet dann auch das überwältigende Ende des Films, jetzt aus der finalen Perspektive der letzten drei (Sutherland, wirklich kein Jack Bauer mehr, hat sich bereits das Leben genommen), wobei dann auch mysteriöse Details der Anfangssequenz ihre Erklärung finden: Man kann über die gut zwei Stunden davor sagen, was man will, aber diese letzten Minuten und vor allem Sekunden stellen – unterstützt durch das Vorspiel von Wagners „Tristan und Isolde“ – an emotionaler Wucht alle anderen Impakt- und sonstigen Weltuntergangs-Klassiker bei weitem in den Schatten. Homepage, Press Kit (Cannes), IMDB-Seite und ein paar Kritiken hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.