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Nachrichten vom Mond kompakt

19. August 2010

Der Mond ist um 200 Meter geschrumpft – und noch kein Ende in Sicht

Die Abkühlung des Mondes seit seiner Entstehung geht mit einem geringfügigen Verlust an Durchmesser einher, der sich durch tektonische Verwerfungen auf seiner Oberfläche bemerkbar macht: Bisher kannte man nur wenige solcher „lobate scarps“ (wörtlich: gelappte Böschungen), aber die Kamera des Lunar Reconnaissance Orbiter hat nun 14 weitere entdeckt und sie nun auf dem gesamten Körper nachgewiesen. Viel größere lobate scarps kennt man vom Merkur, der im Rahmen seiner Abkühlung gleich um Kilometer kleiner geworden ist – beim Mond dagegen spricht das scarp-Muster für einen Durchmesserverlust um gerade einmal 200 Meter.

Allerdings passierte das nicht schon in der fernen Vergangenheit: Die scarps sind so frisch und kraterarm, dass sie in den letzten 800 Mio. Jahren entstanden sein dürften. Und die Schrumpfung dürfte noch immer andauern, wenn sie auch mit abnehmender Restwärme des Mondes ständig langsamer wird und irgendwann ganz zum Erliegen kommt. Von der Erde aus nachweisen kann man den winzigen Effekt wohl gar nicht, aber er zeigt doch, dass der Mond geologisch gesehen noch ‚lebt‘. (NASA Telecon, Visuals, Press Release, Air & Space Blog, Scientific American, New Scientist, Telegraph 19.8.2010) NACHTRAG: wer sonst noch im Sonnensystem schrumpft.

Ein natürlicher Mondkrater, der höchstens 38 Jahre alt ist, findet sich auf einer LRO-Aufnahme: Zu Apollo-Zeiten (konkret: als Apollo 15 vorbei kam) war an dieser Stelle eindeutig noch nichts, und weit und breit ist kein – bekanntes – Stück Mondhardware eingeschlagen, der alle bisher vom LRO entdeckten neuen Krater zuzuschreiben sind. (Planetary Society Blog 27.7., LSI News 3.8.2010. Auch Details des Kraters Bhabha in schräger Sicht, Nature zur Datierung mit Mondkratern und LRO-Bilder eines Mond-Vulkans sowie von Löchern, die nun auch im Schrägblick untersucht werden sollen. Neue LRO-Datenprodukte auch von Diviner und Mini-RF)

Indizien für ein – moderat – feuchtes wie ein sehr trockenes Inneres des Mondes

sind kurz nacheinander veröffentlicht worden, basierend auf Untersuchungen von Mondgestein mit neuartigen Techniken: Ein klares Bild ergibt sich daraus nicht. Erst wurden Fluor, Chlor und das Hydroxyl-Ion OH- in Apatit (Kalziumphosphat) von einer Apollo-15-Probe („Tatsächlich Wasser …“) und einem Mondmeteoriten und Wasserstoff/OH-, Chlor und Schwefel in Apatit in einem Apollo-14-Stein gefunden, die im letzteren Fall auf Mengenanteile flüchtiger Substanzen (Wasser inklusive) wie in irdischem Magma hinwiesen – aber dann wurden in anderem Mondgestein stark schwankende Isotopenverhältnisse von Chlor entdeckt. Die Anwesenheit von Wasser hätte dies vermutlich verhindert, da das Chlor mit dem Wasserstoff eine Verbindung eingegangen wäre, sich so aber an Metalle halten musste; das führt zu anderen Entweich-Verhältnissen. Vielleicht haben beide Studien recht, und das Mondinnere ist sehr uneinheitlich: Um das zu klären, müssen noch viel mehr Mondproben untersucht werden. (Boyce & al., Nature 466 [22.7.2010] 466-9; PSRD 1., Caltech, Univ. TN Releases 21.7., Univ. of NM, LANL Releases 5.8.2010; Science News „28.“, Sky & Tel. 11., Nature 6., Scientific American 5.8.2010. Und Universe Today zum weiter konfusen lunaren „Wasserzyklus“ auf der Oberfläche)

Der erste Nachweis von Graphit auf dem Mond – teilweise in Gestalt sogenannter Whiskers – ist in einer Probe von Apollo 17 gelungen: Entweder brachte die der Impaktor mit, der das Mare Serenitatis schuf, oder sie kondensierten aus der Dampfwolke nach dem Einschlag. Auf jeden Fall scheint kohlenstoffhaltiges Material aus der Zeit des Late Heavy Bombardement noch auf dem Mond zu existieren. (Steele & al., Science 329 [2.7.2010] 51; JPL Release, Scientific American 1.7.2010)

Russischer Lander mit indischem Mini-Rover auf Chandrayaan-2

Nach gewisser Verwirrung scheint nun klar zu sein, dass die nächste indische Mondsonde („Der Bau von …“) nur einen Rover mitführen wird, und zwar einen selbst gebauten – aber abgesetzt wird er mit einem russischen Lander. Mit einer Masse von 15 kg ist der indische Rover ein Winzling, verglichen mit den russischen Lunochods (750 kg), aber für ein paar Instrumente reicht’s (während auf dem Lander bis zu 10 russische Instrumente, z.T. entwickelt im Rahmen von Fobos-Grunt, installiert werden könnten). Ungefähr zur selben Zeit – Anfang 2013 – soll auch im Rahmen der 3. chinesischen Mondmission Chang’e 3 („Ergebnisse …“) ein Rover abgesetzt werden: Hier zeichnet sich ein interessanter Wettlauf ab. (Parallel Spirals, Deccan Chronicle 15., BBC 13., Parallel Spirals 5., Ministry of Science and Technology PR 4.8., The Hindu 27.7.2010. Auch: Lunar Networks und Xinhua zu Ergebnissen von Chang’e und NASA und Parallel Spirals zu Ergebnissen von Chandrayaan-1 – und Current Science zu Unmut über dessen Datenpolitik …) NACHTRAG: Ein spanisches Blog hat Bilder des Landers. NACHTRAG 2: Warum kein russischer Rover mehr? Spekulationen … NACHTRAG 3: die Nutzlast von Chandrayaan-2 – erwartungsgemäß diesmal alles Made in India auf Orbiter & Rover. NACHTRAG 4: doch ein 30- bis 100-kg-Rover möglich, sagen die Russen. NACHTRAG 5: Der Orbiter wird tiefer fliegen als Chandrayaan-1.

Konsequenzen für den Google Lunar X-Prize werden möglicherweise die indischen und chinesischen Mondrover haben: Die Regularieren für den Wettbewerb, bei dem ein zu 90% privat finanzierter Mondrover abgesetzt werden soll, um dann bestimmte Aufgaben zu erfüllen, werden vermutlich verschärft. Sollte nämlich einer der Regierungs-Rover dem ersten privaten zuvor kommen, dann gibt’s ein geringeres Preisgeld – dafür wird aber gleichzeitig die Deadline entschärft. (Asia Times 12.8.2010)

Erste Artemis-Sonde (Ex-THEMIS) bald im Mondorbit: Diesen Monat und im Oktober sollen die beiden umgeleiteten Erdorbiter in Umlaufbahnen um den Mond eintreten („Die beiden …“); bis nächsten April müssen die Bahnen noch angepasst werden. Dann kann die neue Mission „Acceleration Reconnection and Turbulence and Electrodynamics of the Moon’s Interaction with the Sun“ beginnen, deren Finanzierung zwar noch nicht steht aber als ausgemacht gilt. (Discovery 27., New Scientist Blog 29., Lunar Networks 30.7., DLF 6.8.2010. Auch: JPL Release zum Bau der GRAIL-Mondorbiter) NACHTRAG: ARTEMIS-P1 ist am 25.8. im Orbit angekommen! NACHTRAG 2: Nee, nicht wirklich!

Drei – ziemlich – aktuelle planetare Ansichten

24. Juni 2010

Die Erde aus der Sicht des Lunar Reconnaissance Orbiter und der Narrow Angle Camera des LROC-Systems: ein Schnappschuss vom 12. Juni während einer Kalibrierungssequenz für die Wide Angle Camera, der die Erde als helle Quelle vor dunklem Hintergrund für die Charakterisierung ihres internen Streulichts diente. Die Erde war nicht ganz da, wo sie sein sollte, daher fehlt ein Stück. Der LRO ist nun ein Jahr im Mondorbit und hat dort schon eine Menge zu sehen bekommen. NACHTRAG: Das Bild gibt’s auch mit mehr Pixeln.

Der Mars gestern aus Sicht der Mini-Kamera auf dem Mars Express: Unermüdlich liefert die Visual Monitoring Camera einen Schwall nach dem anderen (aus dem man auch dramatische Filme machen kann) – dabei sollte sie doch eigentlich nur den Abflug des Beagle dokumentieren und dann für immer schweigen. Aber man hat sie später wieder in Betrieb genommen, worüber schon länger ein Blog und nun auch ein Twitter-Feed berichten.

Die Saturnringe und Prometheus vor Rhea am 9. April: Der 86 km große Prometheus, der zwischen den Hauptringen und dem F-Ring läuft, war da 1 Mio., die 1528-km-Rhea 1.6 Mio. km vom Cassini-Orbiter entfernt, der übrigens den engen Titan-Vorbeiflug am 21. Juni („Cassini wagt sich …“) problemlos absolviert hat, worüber das JPL kurioserweise bisher nur in einem Blog berichtete.

Das Bild des Wassers auf dem Mond wird immer komplizierter

7. März 2010

Noch vor einem Jahr wurde das Thema kaum ernstgenommen, angesichts allenfalls schemenhafter Indizien, aber das hat sich dank einer Flut von Entdeckungen der aktuellen Generation von Mondmissionen schlagartig geändert – und schon wieder gibt es neue Erkenntnisse, die das Gesamtbild immer komplizierter erscheinen lassen.

  • Ein weiteres Instrument auf dem Lunar Reconnaissance Orbiter sorgt für Verwirrung, denn der Neutronendetektor LEND registriert die Signatur von Wassereis nur aus einem Bruchteil von schattigen Polkratern (darunter immerhin jenem Cabeus, wo LCROSS eine Wasserdampfwolke aufsteigen ließ), während andererseits auch in gut besonnten Mondregionen Eis vorzukommen scheint. Wenn sich das bestätigen sollte, haben wir einen wesentlichen Prozess des Mond-Wasser-Kreislaufs – Eisablagerung in größerer Menge nur in polaren Kältefallen – überhaupt nicht verstanden, doch es gibt auch gewisse Zweifel an den Messungen selbst. (Nature Blog 2.3.2010, New Scientist 22.12.2009)

  • In rund 40 – korrekt schattigen – Kratern in der Nähe des Mond-Nordpols hat das Radar Mini-SAR auf Chandrayaan-1 Hinweise auf Wassereis gefunden: Das streut nämlich dank vieler interner Reflexionen zirkular polarisierte Strahlung mit derselben Drehrichtung zurück, während normaler Boden die Richtung umdreht. Den Eis-Effekt kann zwar auch besonders rauher Boden nachahmen, der bei einem Impakt zu erwarten ist, aber die Mini-SAR-Daten zeigen, dass der Effekt auf die glatten Böden der 2 bis 15 km großen Krater beschränkt ist. Und es gibt ihn auch nur in permanent schattigen Kratern. Hochgerechnet mindestens 600 Mio. Tonnen Wassereis dürfte das Radar damit nachgewiesen haben, in grobem quantitativem Einklang mit alten Neutronendaten des Lunar Prospector. (NASA Feature, Air Space Mag Blog 1., ISRO Release, Tagesschau 2., Scientific American, Times of India, Space Today, Science Blogs 3.3.2010)

  • In der Ejektawolke nach dem LCROSS-Impakt („Wassereis …“) sind neben Wasserdampf inzwischen sicher SO2, CH3OH und H2C4 nachgewiesen worden. Eine klare Antwort auf den Ursprung des Wassers in Cabeus („Das Wassereis …“) und seiner Beimischungen wird aber offenbar weiter gesucht: Angesichts der Vielfalt der Daten scheint es nun möglich, dass das Wasser auf dem Mond mehrere verschiedene Quellen haben könnte. (Sky & Tel. 2.3.2010)

Die Anlieferung des Mondwassers durch Kometen oder bzw. Bildung mit Hilfe des Sonnenwinds, der Transport der Moleküle von einem Ort zum anderen und ihre langfristige Ablagerung sind ein ganz frisches Thema für die Planetenforschung geworden – während sich Inder und Amerikaner gerade noch um die Priorität streiten, wer als erster was klar nachgewiesen hat: Für die indische Presse sind diese ‚lunar water politics‘ bereits ein Thema … (Times of India 3.3.2010) NACHTRÄGE: Science@NASA und Discovery zur Herkunft des ‚Moon water‘.

Die Laser-Retroreflektoren auf dem Mond werden immer schlechter, offenbar die Wirkung von – elektrostatisch angehobenem und herumgeblasenem – Mondstaub: Entweder zerkratzt er die von Apollo-Astronauten und Lunochod-Rovern zurückgelassenen Katzenaugen oder er legt sich nur drauf. So oder so verändert er die thermischen Eigenschaften der Spiegel, die jeweils bei Vollmond – aber nicht während der Totalität einer MoFi – besonders schlecht die irdischen Laserblitze zurückwerfen. Das erschwert zumindest für kleinere Laserteleskope die Vermessung der Mondbahn, was für die Suche nach subtilen relativistischen Effekten immer noch interessant ist. Und dient als Warnung für die Planer futuristischer optischer Sternwarten auf der Mondoberfläche. (Murphy & al., Preprint 3.3.; New Scientist 15., Lunar Networks 16.2., Science Blogs 5.3.2010)

Lava-Tunnel auf dem Mond bleiben in den Schlagzeilen

Während die Kamera LROC des Lunar Reconnaissance Orbiters neue Bilder der bekannten „Marius-Hills-Grube“ geliefert hat, wo offenbar ein unterirdischer Lavakanal eingebrochen ist, gibt es von der Terrain Mapping Camera auf Chandrayaan-1 ein Bild aus dem Oceanus Procellarum, wo eine Mondrille streckenweise unterirdisch zu verlaufen scheint. Schon wird in der indischen Presse spekuliert, dass man doch in solch einem Mond-Tunnel gut einen Rover parken könnte … (The Hindu 9.2., LROC Featured Image 1., Parallel Spirals 3.3.2010) NACHTRAG: lunare Lavaröhren als Habitate für Mondbewohner.

Noch eine Chandrayaan-1-Entdeckung: eine „neue Art Mondgestein“, das von Magnesium-Spinel dominiert wird – das soll nicht zu gängigen Modellen der Entwicklung der Mondkruste passen. (The Hindu 9.2.2010)

Der Bau von Chandrayaan-2 beginnt dieses Jahr

Bei der 2. indischen Mondmission – deren Start für das 1. Quartal 2013 angepeilt wird – geht es um das Absetzen von zwei Mondrovern, die jeweils bis zu einem halben Jahr durchhalten sollen. Dafür wird die Zahl der mitgeführten Instrumente deutlich kleiner als bei Chandrayaan-1 mit seinen 11 ausfallen. Und Bewerber aus dem Ausland haben diesmal entsprechend weniger Chancen. (The Hindu 2., DNA 27., Sify 28.1.2010)

Chang’e-2 soll bis zu 1 Meter Auflösung erreichen: Zwar wird als Bildauflösung der Kamera des 2. chinesischen Mondorbiters – der noch dieses Jahr starten soll – 7 Meter angegeben, aber im Tiefflug könnte sie bis auf einen Meter steigen. Derweil hat China verkündet, die Technologie seit bald bereit für eine Mondlandung, und auch wenn es explizit keine konkret Pläne für eine bemannte solche gibt (die US-Politiker so gerne beschwören), so dürfen die Ingenieure des Landes zumindest schon mal über eine Mega-Rakete im Stil der Saturn V nachdenken. (People’s Daily 12.1., 8.2., AW&ST 5.3.2010) NACHTRAG: „Um 2013“ soll Chang’e 3 starten, mit Lander & Rover. NACHTRAG 2: Und über ein Labor für Mondgestein wird auch schon nachgedacht.

Die ersten Bilder des LRO aus dem Orbit!

2. Juli 2009

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Das sind Ausschnitte aus zwei der ersten Aufnahmen des Lunar Reconnaissance Orbiters mit den LROC-Kameras aus der Mondumlaufbahn: Zu sehen sind – in der Nähe des Terminators und daher mit krassem Schattenwurf – sanfte Hügel und Krater im Mare Nubium. Anklicken fördert die Vollversionen zutage! Zu den Bildern mehr Details sowie ein NASA Press Release – und CollectSpace mit kommenden Attraktionen.

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NACHTRAG: Der LROC-NAC-Streifen als Filmchen [Link aktualisiert] und zum Selber-Zoomen und -Scannen! NACHTRAG 2: Eine PM der WMU Münster zu den Bildern. NACHTRAG 3: Ein ASU Press Release mit zusätzlichen Details – und schon das nächste Bild! NACHTRAG 4: Ein anderes Video in höherer Auflösung, wahlweise sogar in HighDef. NACHTRAG 5: eine wachsene Galerie von LROC-Bildern zum Hineinzoomen!