Antenne von Spektr-R nach Problemen offen & eingerastet
Der erste russische Astro-Satellit seit Jahrzehnten, vom Roskosmos-Chef in einem TV-Interview schon mal „besser als Hubble“ tituliert, ist jetzt bereit für umfangreiche Tests, nachdem sich die 10-m-Antenne am 23. Juli doch noch voll geöffnet hat und eingerastet ist – letzteres hatte Tags zuvor in mehreren Anläufen nicht geklappt. Im Herbst sollen die VLBI-Beobachtungen für das RadioAstron-Programm mit bis zu 30-mal größeren Basislinien als auf der Erde möglich beginnen, mit dem mutmaßlichen Supermassiven Schwarzen Loch in der Galaxie Messier 87 als Paradeobjekt: Mit einer Winkelauflösung von bis zu 7 Mikrobogensekunden könnte der Schwarzschild-Radius erkennbar werden. Der gelungene Start von Spekr-R wird u.a. auch in Indien gefeiert: Dort hatte man vor 15 Jahren einen Empfänger für den Satelliten gebaut und bei all den Startverschiebungen (der Satellit wird seit 1978 geplant!) schon wieder fast vergessen – als es dann doch ernst wurde, gab es neue Tests, und das Gerät arbeitete einwandfrei. Spektr-R ist erst der Anfang: 2013, 2015 und 2017/18 sollen noch Spektr-RG (Röntgenbereich), -UF (Ultraviolett) und -M folgen. (Roskosmos Release 23.7.2011; TASS 26., Spaceflight Now 25., AFP 23., Times of India 20., Beyond Moon & Mars 19., Sky & Tel., Spaceflight Now, Parabolic Arc 18.7.2011)
Eine rein europäische LISA-Mission kann bis 2022 starten und immer noch effizient nach Gravitationswellen suchen, auch wenn die Satelliten nach dem Ausstieg der USA abgespeckt werden müssen, sagen ESA-Planer: Im Herbst soll ein detailliertes Konzept vorgelegt werden. (Study Group Statement 21.7.2011. Und eine Solidaritätserklärung der IAU für das JWST, dessen neue Kosten das Weiße Haus kennt aber nicht verraten will – was soll denn bitte das?)
Beide ARTEMIS-Satelliten kreisen nun um den Mond
Am 17. Juli ist planmäßig auch die zweite der umgeleiteten THEMIS-Sonden („Die ARTEMIS-Sonden …“) in einer Umlaufbahn angekommen – die der der am 27. Juni angekommenen entgegen läuft: So ensteht ein dreidimensionales Bild der magnetischen Umgebung des Mondes, dem die Satelliten bis auf 100 km nahe kommen. Dabei werden sie dank gestreuter Teilchen des Sonnenwinds und abgesputterter Ionen auch Aussagen über die Chemie der Mondoberfläche liefern – und zwar die nächsten sieben bis 10 Jahre. (NASA Release 19.7.2011. Und New York Times, New Scientist Blog, Space Policy Online und Forbes Blog zu mühsamen Fortschritten und verrückten Geschäftsideen beim Google Lunar X Prize)
Pioneer-„Anomalie“ wird planmäßig schwächer: Wie bei der hinreichend oft durch Wärmeabstrahlung erklärten („Pioneer-‚Anomalie‘ …“) winzigen Abbremsung der Sonden nicht anders zu erwarten, nimmt diese mit der Zeit ab, da ja auch die Radioisotopen-Batterien schwächer werden – das ist in neu aufgefundenen bzw. rekonstruierten Doppler-Daten erstmals erkennbar geworden. Zum x-ten Mal in den vergangenen zehn(!) Jahren also: Tschüss, „Neue Physik“ … (Turyshev & al., Preprint 14., arXiv Blog 20., Planetary Society, Physics World Blogs 22., Discovery 24.7.2011)
Bemannter Asteroiden-Flug wird gewaltiges Unternehmen
Die erste Reise zu einem (noch unbestimmten und womöglich noch nicht einmal entdeckten) Kleinplaneten, das erklärte erste Ziel der NASA jenseits der Mondbahn für bemannte Flüge mit dem vagen Zieldatum 2025, wird die Apollo-Mondlandungen an Komplexität und Attraktivität bei weitem in den Schatten stellen, wird allmählich klar – zu dumm, dass die NASA bisher nicht in der Lage war, dieses erste große Highlight der Post-Shuttle-Ära angemessen zu ‚verkaufen‘. Der Flug dürfte ein halbes Jahr dauern, so dass – neben der kleinen Crew-Kapsel – ein ziemlich großes Wohnschiff erforderlich sein wird: Das werden wohl mehrere der irgendwie kommenden Schwerlastraketen in Stücken ins All bringen, wo sie im ISS-Stil zusammengefügt werden. Ein Ionenantrieb könnte den Komplex dann allmählich in Fahrt bringen, und die Crew springt erst ganz zum Schluss auf. Am Asteroiden angekommen, ist eine Landung wegen dessen geringer Schwerkraft nicht möglich: Das Raumschiff wird quasi wie an ein anderes Vehikel andocken müssen. Um den Astronauten dann Mobilität zu verleihen, werden sie sich vermutlich mit einem oder mehreren Miniraumschiffchen, die eher an Tiefsee-Vehikel erinnern, um den Asteroiden bewegen und mit Greifarmen Proben entnehmen. Oder sie steigen aus, gesichert mit Seilen, Düsenrucksäcken oder netzartigen Gebilden. Die NASA-Planer der Mission sind ebenso ehrfürchtig vor der Herausforderung wie auch begeistert: Zum ersten Mal wird tatsächlich in der Tiefe des Planetensystems operiert. Und fast alle Technologien, die bei dem Asteroiden-Flug zum Einsatz kommen, werden in den 2030-ern auch bei einer Marsmission benötigt. (Science Journalism Tracker 23.7.2011. Auch Space News 28.7.2011 zu einer Subpoena, die die NASA zur Herausgabe von Planungsunterlagen zu der Superrakete zwingen soll, NASA Spaceflight 27.7.2011 zu besagten Plänen und Spaceflight Now 24.7.2011 zur Weiterverwendung der Shuttle-Startrampen für die Rakete)
Astronomische Teleskope für ein Suborbital-Raumschiff
Teleskope mit Astronomen als Begleiter bei Suborbitalflügen kurz in den Weltraum bringen will das Planetary Science Institute – und zwar mit dem Lynx von XCOR, dessen Flexibilität es den Forschern angetan hat. Das Atsa-Instrument (Adler in der Navajo-Sprache) soll speziell in Sonnennähe Himmelskörper unter die Lupe nehmen, wobei der begleitende Astronom in den wenigen Minuten über der Atmosphäre für die schnelle und präzise Ausrichtung sorgt. Teleskope fliegen schon seit Jahrzehnten auf Höhenforschungsraketen, aber nach jedem Einsatz müssen sie aufwändig wieder auf Vordermann gebracht werden – das entfällt bei den sanften bemannten Flügen, die sich so im Endeffekt rechnen sollen. Und weil der Lynx schon kurz nach der Landung wieder starten können soll, sind sogar mehrere Flüge in einer Nacht denkbar – wann der Lynx zum ersten Mal überhaupt abhebt, steht allerdings ebenfalls ‚in den Sternen‘ … (XCOR Press Release 12., Universe Today 13.7. 2011. Und Space.com 28.7.2011 zur derzeitigen Testpause beim SpaceShipTwo)
Die Atlas V soll für die privaten Raumkapseln fit gemacht werden: Ihr Betreiber ULA und die NASA haben einen intensiven Austausch von Dokumenten und Erfahrungen beschlossen, damit die bewährte kommerzielle Rakete – 26 Starts, alle erfolgreich – das entscheidende Man-Rating erhalten kann, um eine oder mehrere der z.Z. in Entwicklung befindlichen kommerziellen Raumkapseln zur ISS zu tragen. Geld fließt diesmal keins, und viel scheint nicht mehr zu fehlen: Die wichtigste Komponente, die eine bemannte Atlas V benötigt, ist ein Emergency Detection System für einen sauberen Startabbruch – und das daran arbeitet ULA schon mit früherem NASA-Geld. (Spaceflight Now 19.7.2011. Und Spaceflight Now 25.7.2011 zum wahrscheinlichen Flug der nächsten Falcon 9/Dragon zur ISS schon am 30.11. und 22.7.2011 zu einer Verschiebung des ersten Testflugs der Taurus 2, die demnach frühestens im Februar 2012 die erste Cygnus-Kapsel zur ISS bringen kann)
Wenige Tage alte Sat-Bilder der Erde für ein paar Cent
an Unmengen von Privatkunden zu verhökern: Das ist die wilde Geschäftsidee von Mobeo Ltd. auf der Isle of Man, die nicht weniger als 17(!) eigene Satelliten starten will, 12 optische und 5 mit Radar. Jedes Erdbild soll nur 5 US-Cent kosten, höchtens eine Woche alt sein und direkt auf Millionen von Smartphones landen, die den Service abonniert haben. Was dann die 1.2 Mrd.$, die die Satelliten und ihr Betrieb kosten, wieder einspielen soll. Auch Gelegenheitsnutzer, die im Urlaub mal nach ihrem Haus sehen wollen, sollen angesprochen werden, kommerzielle Kunden zahlen mehr. Bei der ESA möchte man übrigens alle Satelliten-Erdbilder kostenlos zur Verfügung stellen, insbesondere bei den kommenden Sentinel-Satelliten – die EU, die dabei mit im Boot ist, hat sich noch nicht geäußert. (Space News 14.7.2011. Und Space News 18.7.2011 zum erneut gescheiterten Versuch, dem DSCOVR-Satelliten endlich den Start zu bezahlen)
Künstliche Horizonte aus digitalen Geländemodellen berechnen ist zum Beispiel für die Archäoastronomie interessant: Wo stehen von verdächtigen Bauwerken aus Berge etc.? Mit Theodolithen kann das zwar alles ausmessen, aber es ist mühsam, und wenn inzwischen ein Wald im Weg steht, geht es gar nicht – also greife man z.B. zu den frei verfügbaren Höhendaten der Shuttle Radar Topography Mission von 2000 (Auflösung 90 x 90 Meter, Höhengenauigkeit Meter, berücksichtige Erdkrümmung und atmosphärische Refraktion: Schon ist ein Horizont mit ein paar Bogenminuten Genauigkeit fertig, ausreichend für viele Anwendungen. (Patat, Preprint 11.7.2011)