Posts Tagged ‘NEAs’

AGU 2013: Chelyabinsk aus Videos rekonstruiert

12. Dezember 2013

Zum Abschluss der AGU-Fall-Meeting-2013-Session zum Chelyabinsker Airburst („Und die AGU-Tagung geht weiter …) präsentierte J. Borovicka – in Ergänzung zu einem kürzlich erschienenen Paper (zu dem es bereits hier [Kurzmeldung unter „Ein Asteroid zerstört sich …“] einige Links gab) – eine detaillierte Analyse des Ereignisses auf der Basis dutzender Videos.

agu-chelya-hoehen

Diese Höhen in Kilometern entsprechen z.B. bestimmten Punkten der Spur, die noch lange am Himmel hing, 2-3 km Durchmesser entwickelte und rund 600 km^3 Volumen besaß: Insgesamt konnte der Bolide – Anfangsdurchmesser 19 m, Anfangsmasse 12’000 Tonnen – von 95.1 bis 12.6 km Höhe verfolgt werden, wobei die Anfangsgeschwindigkeit 19.0±0.1 km/s betrug und der Winkel zur Erdoberfläche von 18.5° auf 17° abnahm. In etwa 70 km Höhe begann der Bolide massiv Staub (von nahe seiner Oberfläche) zu verlieren, in 45 km Höhe begann er zu fragmentieren, und in 39 bis 30 km Höhe verlor er 95% seiner Masse.

agu-chelya-hoehen2

In 29 km Höhe bestand der Ex-Asteroid nur noch aus 10 bis 20 Brocken von 1 bis 3 m Größe von jeweils rund 10 Tonnen Masse, die in 26 bis 22 km Höhe weiter zerbrachen: Obwohl allesamt nur durch puren Zufall entstanden, waren die Videos gut genug, um die Bahnen einzelber Fragmente durch die Atmosphäre zu verfolgen – inklusive einer Endmasse von 1/2 Tonne, deren berechnetes Bahnende tatsächlich mit dem Chebarkul-See übereinstimmt, aus dem sie Monate später gefischt („Ist das die Hauptmasse …“) wurde.

agu-chelya-damage

Die Schockwelle, die den Boden traf und dort Schäden anrichtete, ging nicht von einem Explosionspunkt sondern einem langen Zylinder aus, bevor die Fragmentation erfolgt war: Das hat sich im Detail zurück verfolgen lassen. Spätere, schwächere Schocks gingen von einzelnen Fragmentationsereignissen aus – wäre der Asteroid in einem Stück weiter durch die tiefere Atmosphäre geflogen, wären die Schäden größer gewesen. Da dank der Videos die Bahn des Chelyabinsker Asteroiden im Weltraum ziemlich gut bekannt ist, fand sich mit dem Asteroiden Nr. 86039 ein viel versprechender Mutterkörper. Mit dem dürfte vor weniger als 100’000 Jahren ein anderer Asteroid zusammengestoßen sein: Das Ergebnis waren neben dem Chelyabinsker Brocken noch etliche weitere Trümmer der 10-Meter-Klasse – vielleicht die Erklärung für eine erhöhe Impaktrate von sehr kleinen Asteroiden, auf die gewisse Daten hinweisen.

PANSTARRS hat immer noch einiges zu bieten

17. April 2013

pan0415

Das zeigt nicht nur dieses Farbmosaik von Michael Jäger vom 15. April (mit dem Emissionsnebel NGC 281 im Feld) sondern auch weitere tiefe Aufnahmen vom 16. April, 15. April (mehr, mehr, mehr, mehr, mehr, mehr und mehr), 14./15. April, 14. April (mehr) und 13. April – auch eine Vorschau der Reise durch Cas.

Eine fette Feuerkugel über Spanien am 13. April, zu der es auch ein Standfoto und weitere Details [NACHTRAG: und einen bizarren Artikel] gibt – und ein Bericht über eine Sonder-Session der Planetary Defence Conference über Erkenntnisse zum Chelyabinsker Airburst. Leider scheint genau diese nicht wie die regulären Sessions auf der Livestream-Seite archiviert zu sein. Dafür gibt’s aber allerlei Fotos und einen Bericht aus 1. Hand von den frühen Sessions, von denen nun noch ein paar weitere Screenshots aus dem Webcast folgen, aus Vorträgen von Moskovitz, Benner & Trilling (Session 3).

Aktuelle Erkenntnisse über das Wesen der Asteroiden

Auf der Tagung geht es inzwischen um das Abfangen oder Zerstören „böser“ Asteroiden, was sich etwa in diesem JPL-Release von gerade [NACHTRAG: oder dieser Podiumsdiskussion später, die wenig brachte] wiederspiegelt – aber vorher war die große Bestandsaufnahme weiter gegangen.

pdc37

Die Lichtkurve von 2012 DA14 bei seinem nahen Erdbesuch am 15. Februar, zusammengesetzt aus mehreren Photometrie-Reihen: Darin lässt sich kein wiederkehrendes Muster finden, was für eine Veränderung des Rotations-Zustands durch die Schwerkraft der Erde spricht.

pdc39

pdc40

pdc41

pdc42

pdc38

Ausgewählte aktuelle Ergebnisse von Radarbeobachtungen erdnaher Asteroiden mit den Goldstone- und Arecibo-Antennen – und die Grafik unten zeigt, wie gut der Durchmesser/Sonnenabstands-Raum der NEAs inzwischen abgedeckt ist. Mit neuen Upgrades sollten die Bilder bald noch detailreicher werden und sich die Auflösung der Meter-Grenze nähern.

pdc44

pdc45

pdc46

Und noch etwas NEA-Statistik, basierend auf der Messung der thermischen Emission von ~600 Exemplaren bei 3.6 und 4.5 µm mit dem „warmen“ Spitzer-Satelliten im ExploreNEOs-Programm: Zusammen mit der Helligkeit im Visuellen (für die reflektiertes Sonnenlicht sorgt) lassen sich Durchmesser und Albedos eindeutig ableiten. Ein Ergebnis war ein großer Bereich vorkommender Albedos, eine Hochrechnung, dass es 20’000 NEOs > 100 Meter gibt – und gerade hat ein neues Spitzer-Programm begonnen, bei dem noch kleinere NEOs entdeckt werden sollen.

Die Jagd auf die NEOs: Status und Perspektiven

16. April 2013

Auf der laufenden Planetary Defence Conference („In Arizona hat …“ und später) gab es in den Sessions 1 und 2 in den vergangenen Stunden einen guten Überblick über laufende Programme der Suche nach erdnahen Asteroiden und anderen Objekten (NEOs) und Pläne für die nähere Zukunft – auch im Licht des erhofften Einfangs eines Mini-Exemplars, das erst einmal gefunden werden muss. Slides aus den Vorträgen von Johnson, Spahr, Yeomans, Ryan, Tonry, Mainzer und Lu, thematisch umsortiert:

pdc36

Die heutige Vorstellung über die Häufigkeit von NEOs und ihre Impakt-Wahrscheinlichkeiten, weiter aktualisiert aus der Grafik in ISAN 65-3 – dass es deutlich weniger Asteroiden des 100-m-Formats gibt, als das ansonsten sehr gut etablierte Potenzgesetz vorhersagen würde, ist jetzt gut etabliert.

pdc19

pdc20

pdc21

Die laufenden Suchprogramme decken den Himmel schon gut ab: oben die im Januar 2013 abgescannten Felder in einer Grafik des Minor Planet Center. Die Histogramme darunter – in Ergänzung der laufend aktualisierten hier – zeigen die Entwicklung der Beiträge unterschiedlicher Programme zur Entdeckung kleiner und ganz kleiner (d.h. für den Einfang interessanter) NEAs; bei diesen am Himmel extrem schwachen Asteroiden spielen Amateurastronomen bei der Entdeckung keine Rolle.

pdc22

pdc23

pdc24

pdc27

pdc28

pdc29

pdc15

pdc30

Das sind die derzeit drei erfolgreichsten Suchprogramme Catalina Sky Survey (die auch Mt. Lemon und Siding Spring umfasst), LINEAR und Pan-STARRS: Die Folien aus den Vorträgen von Spahr und Johnson fassen ihre Parameter, Besonderheiten und auch zukünftigen Pläne zusammen.

pdc12

pdc13

pdc17

pdc18

Wo die zuletzt 20.5 Mio.$ hingehen, die die NASA derzeit für die NEA-Suche ausgibt – und wo die Reise hingeht, wenn es nur 40.5 Mio.$ werden sollen (zumindest im FY2014): Es wird auch über einen geostationären Satelliten nachgedacht. Die „ROSES“ sind die Research Opportunities in Space and Earth Sciences mit über 50 Möglichkeiten, an NASA-Grants zu kommen.

pdc25

pdc14

pdc26

Ein kommender Star der NEO-Jagd sollte das Space Surveillance Telescope in New Mexico werden, das sich neben seinen primären – militärischen – Aufgaben der Satelliten-Beobachtung jetzt auch um Asteroiden kümmert.

pdc34

pdc35

Eine bedeutende Rolle bei der weiteren Katalogisierung der – kleineren – NEAs könnte auch die NEOCam der NASA spielen, deren IR-Sensor schon entscheidenden Tests unterworfen wurde und die als eigener IR-Satellit oder auch auf einem anderen fliegen könnte; sie würde auf den Erfahrungen mit WISE aufbauen.

pdc31

Nach der Entdeckung eines Asteroiden kommt die Verfolgung, um seine Bahn genau zu bestimmen und nicht nicht wieder zu verlieren: Im weltweiten Netzwerk für diesen „Follow-Up“ spielen auch Amateurastronomen eine bedeutende Rolle, selbst in „wolkigen“ Ländern …

pdc32

pdc16

pdc33

Nicht für die systematische Suche, wohl aber für Warnungen bevorstehender Impakte kleiner Asteroiden, geeignet ist das Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System (ATLAS), das nun aufgebaut wird – den Chelyabinsker Asteroiden hätte es trotzdem verpasst, da er fast direkt aus Richtung der Sonne kam.