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Wieviele Asteroiden hätten Sie denn gern …?

22. April 2014

„Drei prominente US-Astronauten“ wollen heute um 20:00 MESZ auf einer Pressekonferenz in Seattle „unveil a new video showing the surprising number of asteroid impacts on Earth during the last decade, and the even more surprising fact that we can prevent future asteroid impacts.“ Es werde „data from the nuclear weapons test warning network, supplied by Peter Brown, Western University of Canada,“ zu sehen geben, das „has detected 26 multi-kiloton explosions since 2001, all of which are due to asteroid impacts“ – die seien damit „3-10 times more common than we previously thought.“ Keiner dieser „Impakte“ sei vorhergesagt gewesen, womit „the only thing preventing a catastrophe from a ‚city-killer‘ sized asteroid is blind luck.“ Wohingegen der von nämlichen Astronauten unterstützte „Sentinel“-Satellit eben diese Vorhersagen liefern könne. Markige Worte, in einem Werbetext für eine Werbeveranstaltung wohlgemerkt, die aber vielerorts – etwa hier, hier oder hier – sogleich als Fakt und sensationelle Entdeckung verbreitet wurden, zuweilen gleich mit dem erhofften Satelliten als Retter der Menschheit obendrauf.

Aber sind die Daten überhaupt neu – und ist ihre Interpretation als bislang ignorierte Attacke kosmischer „City-Killer“ richtig, denen wir bisher nur durch pures Glück entgingen? Eine Spurensuche in der Fachliteratur zu den aktuellen Impaktraten auf der Erde schafft einige Klarheit. Visuelle oder fotografische Aufzeichnungen über dramatische Feuerkugeln am Himmel – im Stil des Airbursts von Chelyabinsk – reichen nicht, um die globale Rate in die Atmosphäre eindringender Asteroid(ch)en vernünftig abzuleiten: Benötigt werden Datensätze, die möglichst die ganze Erde bzw. den sie umgebenden Weltraum abdecken. Da gibt es im Prinzip drei Quellen: die bereits im Weltraum teleskopisch entdeckten Near Earth Objects, aus denen sich die Einschläge speisen, die Beobachtungen von deren Feuerkugeln durch militärische Frühwarnsatelliten (die eigentlich auf fremde Raketenstarts lauern) und die Messung der Schallwellen dieser Luftexplosionen durch ein weltweites Netz von Infraschallsensoren, die eigentlich auf fremde Nukleartests lauern. Die teleskopische Datenbasis der NEOs ist dank verstärkter Anstrengungen in den vergangenen 20 Jahren – getriggert durch den Shoemaker-Levy-Crash auf den Jupiter im Juli 1994 – inzwischen ziemlich gut, wobei im Bereich oberhalb von 1 km Durchmesser inzwischen rund 90% aller erdnahen Asteroiden entdeckt sind (von denen keiner auf Erdkurs ist)

Die Extrapolation aus den Ergebnissen der Asteroidensuche auf der Erde im sichtbaren Licht wird inzwischen auch durch entsprechende Suchen mit dem WISE-Satelliten im Infraroten gestützt: Die bislang angenommene mittlere Albedo der NEOs von 14% scheint zu passen. Bei den viel zahlreicheren kleineren NEOs ist der Grad der Vollständigkeit bei den direkten Suchprogrammen natürlich viel geringer, aber es hat sich ein konsistentes Bild der Impaktraten ableiten lassen, an dem sich die anderen Methoden messen lassen müssen. Die direkten Beobachtungen der Airbursts durch die Satelliten – die am direktesten Auskunft über Explosionsenergien und andere Parameter liefern – stehen dabei leider der Wissenschaft nicht systematisch zur Verfügung, doch konnten sie in der Vergangenheit insbesondere herangezogen werden, um die dritte Methode, Infraschall anhand dutzender Beobachungen derselben Boliden recht präzise zu eichen: Aus dem Muster der Druckwellen lässt sich nun auf die Explosionsenergie schließen, die in der Impaktologie traditionsgemäß in der äquivalenten Masse des Sprengstoffs TNT angegeben wird, in Kilo- oder Megatonnen.

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In den 1960-er und 1970-er Jahren betrieb das U.S. Air Force Technical Applications Center (AFTAC) ein Infraschall-Messnetz, dass speziell für die damals noch ‚populären‘ Nukleartests in der Hochatmosphäre optimiert war und damit auch ideal für den Nachweis von NEO-Airbursts war: Die Grafik (oben Durchmesser in m, unten Energie in kt) zeigt eine neue Auswertung der AFTAC-Daten aus dem Jahre 2009, wobei sie als gelbe Dreiecke diversen anderen beiden Informationsquellen zur Impaktrate – teleskopisch, Frühwarnsatelliten, Mondkrater – gegenüber gestellt sind. Es überraschte, dass die AFTAC-Rate bei wenigen Meter großen Körpern von deren Gesetzmäßigkeit um höchstens einen Faktor 2 abwich, im Bereich 5 bis 20 Meter aber um einen Faktor von bis zu 10 darüber lag: Eine triftige Erklärung fiel den Infraschall-Forschern damals nicht ein, sie mahnten aber zur Vorsicht, weil die größte Abweichung durch genau ein einziges Ereignis, ein Megatonnen-Explosion 1963 zustande kommt, und genau für die gibt es im Gegensatz zu den anderen neun, die in die Auswertung eingingen, keinerlei unabhängige Bestätigung. Verwirft man diesen seltsamen Fall als Anomalie, passen die AFTAC-Daten wieder zu den anderen beiden Methoden.

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Heute kümmert sich um die weltweite Nukleartest-Überwachung die Comprehensive Test-Ban Treaty Organization (CTBTO), deren globales Netzwerk von Mikrobarometern nunmehr für unterirdische Explosionen optimiert ist aber ebenso wie das des AFTAC gleichermaßen kosmische Airbursts über der gesamten Erde erfasst: Mittels CTBTO-Daten konnte beispielsweise die Explosionsenergie im Falle von Chelyabinsk rasch auf rund 500 Kilotonnen (und der Durchmesser des Impaktors damit auf knapp 20 Meter) eingegrenzt werden. Die Auswertung (Brown & al., Nature 503 [14.11.2013] 238-241) der CTBTO-Airbursts von 1994 bis Mitte 2013 (rote Dreiecke in der Grafik; Skalen wie oben) wie auch der verfügbaren Satellitendaten aus diesem Zeitraum (schwarze Kreise) deckt sich mit der AFTAC-Analyse: nur wenig über den teleskopischen NEO-Zahlen im Meter-Bereich, aber bei 15 bis 30 Metern – also der Chelyabinsk-Klasse – um eine Größenordnung mehr Ereignisse. Und natürlich auch wieder der Fluch der kleinen Zahl: Die größte Abweichung nach oben geht auf einzelne besonders große Airbursts zurück, jetzt Chelyabinsk und zwei andere Airbursts mit mehr als 30 Kilotonnen. „Rate“ heißt dann einfach: ein Ereignis im betrachteten Zeitraum. Das ist statistisch gewagt – was natürlich erst recht für die Feststellung gilt, Chelyabinsk wie auch das viel stärkere Tunguska-Ereignis von 1908 seien jeweils ziemlich unwahrscheinlich gewesen, weshalb man über eine deutlich größere Zahl von Ereignissen und gar eine zusätzliche Asteroiden-Population nachdenken solle.

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Wie kann das alles zusammen passen? In einer derzeit laufenden Reihe von Online-Seminaren zum NEO-Komplex der NASA auf hohem Niveau hat sich am 28. März 2014 der Altmeister der Asteroiden-Statistik Alan Harris mit den Impaktraten auseinander gesetzt: Er gibt zu, dass gerade im Größenbereich Chelyabinsk bis Tunguska die Unsicherheiten der NEO- und damit Impaktor-Population am größten sind. Die Vollständigkeit der Suchprogramme ist hier gering, die Zahl der tatsächlich beobachteten Airbursts gleichzeitig minimal. Sowohl bei den großen und extrem seltenen Impakten (Vollständigkeit durch Suchprogramme de facto erreicht) wie den kleinen und häufigen Airburst-Ereignissen (genügend CTBTO- und Satelliten-Fälle) ist die Statistik dagegen gut: Im obigen Diagramm (oben Energe in Mt, unten Durchmesser in km, links kumulative Anzahl für > H, rechts Impakt-Intervall in Jahren) hat Harris daher eine neue Gerade (blau) durch diese beiden „Anker“ gelegt – und vermutet, dass die tatsächliche NEO/Impakt-Zahl nirgends um mehr als einen Faktor 3 davon abweicht. Wobei die Unsicherheit ungefähr bei Tunguska am größten ist, es gerade dort (50-m-Klasse, 10 Mt Energie) aus den Suchprogrammen aber auch Argumente für eine Unterschreitung der Geraden gibt.

Auf eine Frage dieses Blogs zum Sachstand und der ominösen Pressekonferenz meinte Harris letzte Woche: „The bottom line is that the bolide data, in the range where most of the detections occur and statistics are good implies a rate about 3 times higher than I derive from survey detections, well within the range of uncertainty of the survey data, and in fact about where I think the real number lies“ – nämlich in seiner revidierten Grafik. „At larger size, the bolide data becomes less certain because of very few events, while the survey data become more robust in the size range where we have hundreds to thousands of discovered bodies. Extrapolating the bolide data beyond the range of observations is a bit of a fool’s errand. The Brown et al. paper is very good, except for the rather bold extrapolation beyond the range where they actually know anything. The press conference coming up is a sales pitch, ‚full of sound and fury, signifying nothing“ – ein böses Zitat aus ‚Macbeth‘ übrigens. Und warum die Brownsche Infraschall-Extrapolation – auf der die Pressekonferenz, die hier gestreamt wird, wohl im Wesentlichen basiert – keinen Sinn ergibt, hat Harris in einer weiteren Mail klar gemacht: „extrapolating out to ‚Tunguska‘ size leads to a very un-physical ‚kink‘ in the population to match up with the survey estimates in the range where we are quite certain that they are close to correct.“


NACHTRAG: Ein Press Release zur PK kam schon 5 Stunden vorher raus. Die einzigen konkreten Zahlen: „Between 2000 and 2013, this network detected 26 explosions on Earth ranging in energy from 1 to 600 kilotons – all caused not by nuclear explosions, but rather by asteroid impacts. […] While most of these asteroids exploded too high in the atmosphere to do serious damage on the ground, the evidence is important in estimating the frequency of a potential ‚city-killer-size‘ asteroid. The Earth is continuously colliding with fragments of asteroids, the largest in recent times exploding over Tunguska, Siberia, in 1908 with an energy impact of 5-15 megatons. More recently, we witnessed the 600-kiloton impact in Chelyabinsk, Russia, in 2013, and asteroid impacts greater than 20 kilotons occurred in South Sulawesi, Indonesia, in 2009, in the Southern Ocean in 2004, and in the Mediterranean Sea in 2002.“ Konkrete Berechnungen in Sachen ‚city killer‘ kommen nicht vor – dieser Blogger hat dagegen mal eben einen Fall nur grob alle 25’000 Jahre abgeschätzt, während man hier nicht so recht weiß, was das alles bedeuten soll.

NACHTRAG 2: hier ist die angekündigte „Visualisierung“ der 26 Airbursts. Und der Off-Text wie auch diese dürre FAQ-Liste erwähnen die Hochrechnung eines ‚city killers‘ irgendwo auf dem Planeten einmal alle hundert Jahre: genau die Zahl, auf die dieser Blogger auch gerade gekommen war! Also ein tatsächlicher Treffer in Jahrzehntausenden – und deswegen muss sofort ein teurer Spezialsatellit gebaut werden …? Muss er sicher nicht, sagt z.B. dieser Veteran der NEO-Jagd. NACHTRAG 3: Oder ein anderer Astronom ganz am Ende dieses Artikels, der sonst leider nicht tiefer recherchiert ist – dito hier und hier (während nach einer ‚Ermahnung‘ hier am Ende immerhin die Harris-Slides angetackert wurden). Die PK beginnt übrigens erst um 20:30 MESZ. NACHTRAG 4: Alan Harris stimmt den Berechnungen dieses Bloggers zu und präzisiert seine eigenen Zahlen bzw. der Impaktfolgen.

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NACHTRAG 5: Die Statements auf der PK [NACH-NACHTRAG: komplette Aufzeichnung] – hier Tom Jones und Ed Lu – brachten keine weiteren Erkenntnisse, wie auch die Artikel hier, hier und hier. In Q&A weigert sich Lu, die „Millionen“ $ konkret zu beziffern, die man von den für Sentinel benötigten 250 Mio.$ schon eingesammelt hat (aber 2018 als Starttermin steht weiter im Raum, und er soll mindestens 6 1/2 Jahre arbeiten). Das Risiko durch die von dem Satelliten zu entdeckenden Klein-NEOs konkret zu quantifizieren oder mit anderen zu vergleichen, ist in den ingesamt 70 Minuten PK nicht einmal Thema … NACHTRAG 6: … aber dafür hat man ja A. Harris, der hier detailliert erklärt, wo das tatsächliche Restrisiko der NEOs für die Erde liegt: „The bottom line is that, even with surveys 90% complete, the main risk remains the large objects. So even though a ‚globally catastrophic‘ event is expected only a couple times in a million years, the frequency with which a small impact (Tunguska size) will ‚come to your town‘ and destroy it is even less.“ Was man in mehr oder weniger verwirrten Artikeln wie hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier (der dort so überraschte Alan Harris ist übrigens ein anderer NEO-Mann) leider nicht liest. Das experimentelle Last-Minute-Warnsystem ATLAS macht übrigens Fortschritte. NACHTRAG 7: ein Artikel, der es am Ende auf den Punkt bringt, hier wankt schon der vermeintliche Kronzeuge – und in einer 2. FAQ muss B612 zugeben, dass eben keine Schwärme von „City-Killern“ im Anflug sind …

NEO-Zensus mit WISE: 45% weniger mit < 1 km Ø

29. September 2011

Die Herkulesaufgabe, alle Asteroiden zu katalogisieren, die möglichst nicht auf der Erde einschlagen sollten, ist auf einmal einfacher geworden: Statt 35’000 erdnahe Asteroiden (NEOs) mit Durchmessern zwischen 100 und 1000 Metern, wie man bislang hochgerechnet hatte, gibt es derer nur 19’500 – 45% weniger. Das ist das zentrale Ergebnis des NEOWISE-Programms („Die allerletzte Aufnahme …“), bei dem die beiden kompletten Himmelsdurchmusterungen mit dem IR-Satelliten WISE auf bewegliche Objekte durchforstet wurden. Der Satellit liefert – so sind jedenfalls die NEOWISE-Forscher überzeugt – ein deutlich weniger verzerrtes Bild der Gesamtpopulation als Durchmusterungen im sichtbaren Licht, weil er (trotz kleinen Teleskops aber dank seiner Beobachtungen außerhalb der Atmosphäre und bei optimalen Wellenlägen) auch bei kleinen und finsteren Asteroiden den Überblick behält. Dadurch verschiebt sich allerdings die durchschnittliche Albedo gegenüber bisherigen Annahmen etwas [NACHTRAG: das Ganze amtlich …], und es sind z.B. bereits 911 statt der heute auf dieser zentrale Seite gelisteten 831 NEOs mit Durchmessern größer als 1 km bekannt.

Zugleich lässt sich die Gesamtpopulation in dieser Kategorie nunmehr auf 981 hochrechnen (was praktisch früheren Analysen entspricht): 93% dieser potenziellen Menschheitsvernichter sind damit schon im Kasten, und das 1998 vom US-Kongress ausgegebene Ziel, 90% zu katalogisieren, hat die zu diesem Zweck durchgeführte „Spaceguard Survey“ nunmehr erreicht! Bei den Asteroiden mit weniger als 1 km Durchmesser ist es um die Vollständigkeit natürlich viel weniger gut bestellt, auch wenn die hochgerechnete Population deutlich kleiner als gedacht ist: Bis heute wurden erst 7176 Objekte in diesem Bereich gefunden, davon rund 5200 zwischen 100 und 1000 Metern: etwa 15’000 fehlen also noch (die aufzuspüren mit den heutigen Suchprogrammen auf der Erde noch Jahrzehnte dauern würde). Auch jenseits der NEOs war die NEOWISE übrigens ein Riesenerfolg: Dank der IR-Fotometrie sind nun die Durchmesser von über 100’000 Asteroiden auf 10% genau bestimmt – rund jeder vierte bekannte Kleinplanet ist durch die Mission erstmals vermessen worden. NACHTRAG: das Schlüssel-Diagramm der NEOWISE-PK. NACHTRAG 2: nicht so einfach mit der Albedo … aber das ganze Paper kommt heut‘ nacht! NACHTRAG 3: Und hier ist das Paper, diskutiert auch hier.

Scheilas Ausbruch: Kollision die beste Erklärung

1. April 2011

Vom erstaunlichen Kometenausbruch des vermeintlichen Asteroiden Scheila letzten Dezember sind nun Hubble-Aufnahmen von zwei Zeitpunkten publiziert worden, als die Koma schon stark verblasst war – die Bilder selbst machen weniger her als so manche Amateuraufnahme des frischen Ausbruchs, dafür ist die Analyse tiefschürfender. Im Gegensatz zu erdgebundenen Messungen habe sich die Albedo des Asteroiden nicht verändert. Und die einfachste Erklärung für die kurzlebige Koma sei der Einschlag eines etwa 35 m großen Asteroidchens in den 113 km großen Kleinplaneten, der die aus den HST-Daten abgeleitete Staubmenge – 40 Mio. kg – heraus geschlagen haben könnte. Alternativ könne natürlich auch unter der Oberfläche geschütztes Eis freigelegt worden sein, das sublimierte und den Staub mitriss – aber für die Freilegung wäre wiederum ein Impakt die naheliegendste Erklärung. Außerdem hätte die Aktivität dann länger anhalten müssen. Auch wenn nach Ansicht der HST-Autoren Scheila eindeutig keinerlei Kometennatur hat, so packen sie ihn doch in die Klasse der Hauptgürtelkometen, die damit sieben bekannte Mitglieder hat: In der Grafik (Bahnexzentrizität gegen große Halbachse in AU) sind sie alle markiert; orange = Asteroiden, blau = kurzperiodische Kometen, senkrechte Linien = Halbachsen von Mars und Jupiter, dazwischen die Jupiter-2:1-Resonanz.

Spitzer bastelt Katalog gut erreichbarer – und interessanter – Near Earth Asteroids

Mit dem – seit dem Ende des Kühlmittels „warmen“ – Spitzer Space Telescope werden derzeit und noch bis Ende des Jahres im Rahmen des ExploreNEOs-Projekts rund 700 bekannte Near Earth Objects mit 3.6 und 4.5 µm Wellenlänge beobachtet, die von der Erde aus mit besonders günstig erreicht werden könnten: Die IR-Fotometrie erlaubt Rückschlüsse auf Größe und Albedo. Besonders interessant – für unbemannte Sonden, die Bodenproben holen sollen, ebenso wie für bemannte Missionen, die die NASA ab Mitte der 2020-er Jahre in Erwägung zieht („Vager Zeitplan …“) – sind zum einen Asteroiden, die auf klassischen Hohmann-Bahnen mit besonders geringer Geschwindigkeit erreicht würden. Und zum anderen wünscht man sich besonders dunkle Körper, die – in der Regel – besonders primitives Material aus der Urzeit des Sonnensystems versprechen (die bereits umkreisten Eros und Itokawa gehörten nicht dazu). Bereits 65 Einträge umfasst der Kandidatenkatalog, und am Ende dürften es etwa 160 vielversprechende Objekte sein. Zur Zeit ‚in Führung‘ liegen 1992 UY4, 2001 SK162 und 2001 PM9, während 1996 XB27 und 1989 ML zwar noch leichter zu erreichen aber auch bedenklich hell sind. (Mueller & al., Astronomical Journal 141 [April 2011] 109ff; Scientific American 30.3.2011)

Der NEO-Katalog von WISE wird noch umfassender als Spitzers, verspricht derweil das NEOWISE-Team: Während Spitzer seine NEOs gezielt anhand des Katalogs im sichtbaren Licht entdeckter Kleinplaneten aussuchen musste und daher so manchen besonders dunklen Brocken verpasst haben dürfte, hat der WISE-Satellit den gesamten Himmel systematischen im Infraroten abgescannt (siehe ISAN 129-9). Dabei wurden nicht nur etwa 33’000 unbekannte Asteroiden im Hauptgürtel entdeckt (und insgesamt über 154’000 Objekte detektiert) sondern auch 135 Near Earth Objects (bei über 584 insgesamt beobachteten NEOs) – und schon aus den IR-Helligkeiten bei verschiedenen Wellenlängen lassen sich recht zuverlässig Größen und Albedos ableiten, selbst wenn man keine visuellen Helligkeiten hat. Auch in diesem Katalog – leider sind ein paar der WISE-NEOs nicht rechtzeitig nachverfolgt worden und wieder verloren – könnten die Raumfahrtplaner fündig werden. (Mainzer & al., Preprint 9.2.2011)

Asteroid saust an der Erde vorbei – auch live im Web

29. Oktober 2010

Heute Nacht rauscht der Kleinplanet 2010 UV11 in 5 Mondabständen an der Erde vorbei, rund 12 mag. hell (siehe ISAN 122-2) – und in einer Liveübertragung des italienischen Virtual Telescope kann man ihn schon jetzt mit hoher Geschwindigkeit über den Himmel sausen sehen, als ortsfesten Lichtpunkt, hinter dem Sternstrichspuren schnell von rechts nach links ziehen (oben ein Bildpaar in wenigen Sekunden Abstand). Ein früherer Videoclip eines anderen Beobachters ist hier zu sehen, es gibt weitere Aufnahmen und Vorberichte auch hier, hier und hier.

Die ersten Radarbilder von Komet 103P/Hartley (2) sind da, aufgenommen mit dem Arecibo-Radar seit dem 25. Oktober: Der Kern des Kometen (siehe ISAN 122-5 zu seinem Betragen und dem bevorstehenden Encounter mit Deep Impact) erweist ist als extrem langgestreckte Hantel von mindestens 2.2 km Länge, die alle 18.1 Stunden rotiert (13.2 Stunden ist aber nicht ganz ausgeschlossen). Ob die extreme Unrundheit Auswirkungen auf die Planung des Flyby haben wird, ist noch unklar. (JPL Release 28., Planetary Society Blog 29.10.2010)

Große ESA-Pressekonferenz zum Problem der NEOs lässt die wesentlichen Fragen offen

29. Oktober 2010

Immer wieder hatte die Europäische Weltraumbehörde für das Medienereignis der Woche geworben: eine Pressekonferenz zum Abschluss eines Meetings am ESOC in Darmstadt, auf dem sich die Mission Planning and Operations Group mit der internationalen Koordination von Maßnahmen gegen Near-Earth Objects beschäftigte, was wiederum in Prozesse bei den Vereinten Nationen einfließen soll. Die Handvoll Reporter im Raum und rund 100 per Webcast Zugeschalteten erfuhren indes kaum Neues: Weder gab es neue Erkenntnisse zum Ausmaß des Risikos (siehe ISAN 65-3 zur Statistik) noch neue Ideen zur Abwehr eines bösen NEOs noch neue konkrete Schritte der ESA für spezielle Missionen in diesem Kontext zu verkünden (immerhin wird sie diverse existierende Arbeiten besser koordinieren und dabei sogar Amateur-Asteroiden-Astrometriker aus Heppenheim einbeziehen).

Aber darum ging es auch gar nicht, wie es nach einer Weile der NEO-phobe Exastronaut Rusty Schweickart auf den Punkt brachte: Die Probleme des Findens und auch der konkreten Abwehr eines Asteroiden auf Erdkurs verblassten gegenüber dem Problem, global einen gemeinsamen Entschluß zu eben dieser Gegenmaßnahme zustande zu bringen. In der Tat hat es bereits Anfang der 1990-er Jahre intensive Diskussionen über Strategien zur NEO-Suche (die seither mit einigem Erfolg betrieben wird) wie der eventuellen „Mitigation“ gegeben, wobei den damals meist geforderten nuklearen Lösungen heute zumindest für Körper bis ein paar hundert Meter Durchmesser eher sanfte Methoden – Rammen oder gar nur durch die Schwerkraft eines dicken Raumschiffs ablenken – zur Seite stehen.

Doch die zentrale Frage steht weiter im Raum und wurde zumindest auf der PK überhaupt nicht thematisiert: Ab welchem Durchmesser eines demnächst nahenden NEO soll gehandelt werden – und wie wird mit der Einschlagwahrscheinlichkeit umgegangen, die mit fortlaufender Astrometrie andauernd schwankt und sogar lange Zeit auf immer bedrohlichere Werte ansteigen kann, bevor sie schlagartig auf Null stürzt? Oder eben irgendwann nicht und stattdessen, dann aber erst kurz vor dem Impakt, auf Eins springt. Es steht außer Frage, dass es noch ein sehr langer Weg sein wird, über diese Probleme – die noch nicht einmal wissenschaftlich ausdiskutiert sind – einen Konsens unter 200 Nationen herbei zu führen. Und einen Plan für den (in vermutlich ferner Zukunft zu erwartenden) Fall zu entwickeln, dass tatsächlich aktiv an der Bahn eines NEO mit Erdkurs geschraubt werden soll: Da könnte es z.B. passieren, dass der wahrscheinliche Impaktpunkt von einem Staat zeitweise in einen anderen wandert, bevor er von der Erde geschoben ist. Man hätte sich von der PK einen konkreteren Statusbericht erhoffen können, wie weit hier die Denkprozesse vielleicht schon gediehen sind.

Nichts Näheres gesagt wurde leider auch zu den – u.a. von Nature, Space.com und Space Policy Online berichteten – konkreten Anweisungen des White House Office of Science and Technology Policy an NASA und andere Behörden, wie sie im NEO-Fall zu reagieren hätten: Hier ist eine (des Handelns durchaus mächtige) Nation offenbar Willens, Tatsachen ‚im Namen‘ des ganzen Planeten zu schaffen. Die Intention der PK war es wohl in erster Linie, ein (erneutes) Bewusstsein für die NEO-Problematik an sich zu schaffen, die zuweilen ganz von selbst öffentliches Interesse erweckt, doch meist ohne seriöse Einordnung. (Dessen machte sich übrigens selbst auf dieser PK ein Sprecher durch unnötig sinistre Aussagen über das – per se weitgehend harmlose – Lieblingshassobjekt der NEO-Szene [„Die dämlichste Weltraumstory …“] Apophis schuldig.) Ein Film vom Kaliber von Armageddon – aber diesmal bitte mit korrekter Wissenschaft – wurde am Ende gar gefordert: Auch in Sachen Asteroiden-Outreach steht man wohl noch ziemlich am Anfang …

NACHTRAG: Wie dieses Blog später in Erfahrung bringen konnte, wurden auf dem Workshop in Darmstadt gar keine detaillierten Diskussionen zu konkreten Lösungen der oben angeschnittenen Fragen geführt – es ging darum, Input an das ‚Action Team 14‘ zu geben, das im Auftrag der UN (COPUOS) einen Vorschlag machen soll, wie man mit dem NEO-Problem umgehen soll. Eine Liste mit 18 Punkten kam dabei heraus, mit der Kernforderung, dass eine internationale ‚NEO Mission Planning and Operations Group‘, bestehend aus Weltraumbehörden, gebildet werden solle. Die solle sich u.a. für die intensivierte NEO-Suche einsetzen, da ein früh entdecktes Objekt leichter abzuwehren ist, und die Hauptforschungsrichtungen bzgl. der Abwehrtechnologien empfehlen. Konkrete Szenarien (ein Apophos-artiger Impakt vielleicht 2039, ein 70-m-Impakt in Kürze) wurden in Darmstadt nur als Leitbilder für die Diskussion verwendet – Lösungen gesucht wurden nicht. NACHTRAG 2: ein Bericht eines Teilnehmers des Workshops.