Posts Tagged ‘NRO’

„Die NASA bekommt zwei neue Hubble Space Telescopes geschenkt!“ Nicht ganz …

15. Juni 2012

Nein, die NASA hat, leider, keine zwei neuen Hubble Space Telescopes von der National Reconnaissance Organization geschenkt bekommen: „nur“ zwei 2.4-Meter-Weltraumteleskope, immerhin weltraumqualifiziert, die seit Jahren in einem Cleanroom in Rochester, New York, sitzen – ohne Satellit dazu, ohne wissenschaftliche Instrumente und ohne Rakete. Und ein Budget, um daraus auch nur ein Orbitalobservatorium zu machen, geschweige denn zwei, hat die NASA leider auch nicht, dafür aber Ideen satt, was man mit dem Geschenk anfangen könnte: das Projekt WFIRST retten und sogar noch zu übertreffen nämlich. Wahrscheinlich handelt es sich bei den beiden Teleskopen um Hinterlassenschaften des Aufklärungssatelliten-Programms FIA („Future Imagery Architecture“), das 2005 abgebrochen worden war, nachdem es Boeing – die den Auftrag überraschenderweise gegen den Platzhirsch LockMart gewonnen hatten – massiv an die Wand gefahren hatte. Mit den Hubble fast baugleichen und besonders geheimnisumwitterten KH-11-Fotosatelliten haben die Optiken (im Gegensatz zu ersten Spekulationen) hingegen offenbar nichts zu tun. Die Fakten, so weit bisher offiziell bekannt:

  • Die beiden Optical Telescope Assemblies haben 2.4 m Durchmesser und sind mit einem Öffnungsverhältnis von 1:1.2 viel „schneller“ als Hubbles OTAs, damit auch viel kürzer – und das nutzbare Bildfeld ist schätzungsweise 100-mal größer.

  • Die OTAs wurden Ende der 1990-er und Anfang der 2000-er Jahre von der Firma hergestellt, bei der sie jetzt eingelagert sind (das passt zu der FIA-Spekulation). Die Bauweise ist besonders leicht, die Technologie derjenigen der HST-Optik überlegen, aber natürlich auch nicht mehr State-of-the-Art. Einige geheimnisvolle Teile wurden vor der Übergabe an die NASA entfernt, trotzdem dürfen keine Fotos veröffentlicht werden. (Dem Vernehmen nach sehen die in Schutzfolie eingepackten Optiken eh nach nichts aus.)

  • Die Aufbewahrung im Cleanroom kostet 75’000 bis 100’000 Dollar im Jahr: Außer dafür – und für moderate Studien, was man mit den OTAs anfangen kann – hat die NASA derzeit keinerlei Budget.

  • Die Optiken wären ziemlich gut für das wegen der JWST-Krise de facto auf Eis liegende aber von der US-Astronomie als Priorität geforderte Infrarot-Weltraumteleskop WFIRST (siehe ISAN 117-5) geeignet: Das wird durch seine – viele Felder überdeckenden – wissenschaftlichen Ziele definiert, nicht die derzeit vorgesehene 1.5-m-Optik (die nach neuster Planung auf 1.1 m schrumpfen sollte).

  • In der gegenwärtigen Budgetsituation könnte ein WFIRST-artiger Satellit mit einer der NRO-OTAs kaum vor 2024 starten, mit einer großen – und sehr unwahrscheinlichen – Finanzspritze rein technisch gesehen aber schon Ende dieses Jahrzehnts.

  • Der Wert der OTAs aus NASA-Sicht liegt bei gut 250 Mio.$, und die – hervorragenden und getesteten – Optiken in der Hand sparen eine Menge Zeit und Entwicklungsrisiko, das bei Weltraumteleskopen v.a. deren optische Systeme betrifft. Der komplette Satellit könnte für 1 Mrd.$ zu machen sein, aber es ist nicht sicher, dass er preiswerter als WFIRST nach jetziger Planung (1.6 Mrd.$) würde. Insbesondere dürfte eine größere Rakete nötig sein, aber da helfen vielleicht die Falcon 9 oder ein Mitflug auf einem SLS bei dessen Testflügen weiter.

  • Was schließlich die wissenschaftlichen Instrumente betrifft, so bliebe eine IR-Kamera mit extrem vielen Pixeln zentral, für eine noch nie da gewesene Himmelsdurchmusterung für zahlreiche Communities; dazu kämen noch 1 bis 3 weitere Instrumente mit kleineren Gesichtsfeldern. Und die zweite NRO-OTA? Die bleibt wohl noch viel länger eingelagert …
Einige wenige NASA-Manager wussten übrigens dem Vernehmen nach schon seit rund 5 Jahren von den übrig gebliebenen NRO-Optiken, machten sich aber wenig Hoffnung darauf. „Aus heiterem Himmel“ kam dann im Januar 2011 der Anruf der NRO, man könne sie jetzt haben – erst im August wurde das Geschenk nach eingehender Prüfung angenommen. Und erst am 4. Juni 2012 wurde das der Welt verraten, nachdem sich auf ein paar eingeweihte Top-Astronomen Gedanken gemacht hatten – ein Fact Sheet (mit wenig weiteren Fakten) wurde sogar erst am 12. Juni durch einen FOIA-Request publik. Präsentationen vom 4. Juni zum Geschenk und seinem möglichen Nutzen; Space.com 14., USA Today, astrobites, Flight Global 12., Tulsa World, The Space Review, Science Journalism Tracker 11., Space News, astrobites 8., Sky & Tel., Wash. Post Blog 7., Nature Blog 6., Wash. Post Blog, Cat Dynamics, Spiegel 5., New York Times, Washington Post, Science Insider, USA Today, The Atlantic, Spaceflight Now, Cosmic Log, Space Policy Online, Ars Technica, Astronomy Blog, Discovery 4.6.2012

Nachrichten aus der Raumfahrt kompakt

23. November 2010

Hier startet der angeblich „größte Satellit der Welt“

auf einer Delta 4 Heavy kurz vor Mitternacht MEZ am 21. November (Screenshot aus einer Liveübertragung im Web; beeindruckende Bilder aus der Nähe) – aber niemand darf wissen, um was es bei dem Satelliten „L-32“ des National Reconnaissance Office der USA geht. Satellitenfans vermuten den 5. Abhörsatelliten des Mentor-Reihe – mit einer bis zu 100 Meter großen Antenne: Jedenfalls sind Satelliten dieser Serie am Himmel trotz großer Höhe ungewöhnlich hell. (Spaceflight Now 17., CBS, Universe Today 21., Space Today, Eureka 22.11.2010. Wesentlich kleiner – aber immer noch eine der größten im Zivilbereich – ist die 22-m-Antenne des Satelliten SkyTerra 1, der zuvor gestartet war: LightSquared PR, BBC, SpaceNews, Space Today)

Proba-2 mit vielen Technologietests im ersten Jahr

17 neue Weltraumtechnologien erprobt der am 2.11.2009 gestartete kleine ESA-Satellit („So sieht der …“): Zum Beispiel hat er bereits über 180’000 Aufnahmen der Sonne gemacht, als „3. STEREO-Satellit“ sozusagen und mit einem Active Pixel Sensor, den auch der Solar Orbiter der ESA benutzen soll. Mit einer GPS-Anlage kann Proba 2 seine Position im Orbit auf weniger als eine Satellitenlänge genau angeben, was wiederum über Laserreflektoren validiert wird, während Magnetometer die Lage im Raum bestimmen. Auch die Weltraumwetter-Instrumente an Bord haben sich bewährt und z.B. am 16. Oktober einen Sonnensturm beobachtet, den gerade keiner der bekannteren Sonnensatelliten im Blick hatte. (ESA Release 9.11.2010)

Triebwerk der Taurus-2-Rakete getestet, für 10 Sekunden: Diese privat entwickelte Rakete der Orbital Sciences Corp. soll ab Ende 2011 mit der Cygnus-Kapsel die ISS versorgen, zusammen mit der Falcon 9 & Dragon von Space X („Erster …“). Vorher sind aber noch zwei weitere Tests des Triebwerks AJ26 – modifizierte NK-33-Motoren, die einst die sowjetische Mondrakete N-1 antreiben sollten! – und zwei Taurus-Testflüge im Juli und September geplant. Derweil hat Space X – als erstes Privatunternehmen überhaupt – die Lizenz der US-Luftaufsicht für die Rückkehr einer Kapsel aus dem Orbit erhalten; der erste Flug ist weiter für den 7.12. geplant. (Spaceflight Now 12., Space News, Spaceflight Now 22.11.2010) NACHTRAG: Und zwar zwischen 15:03 und 18:22 MEZ, gültig auch für den 8. und 9.12.

Meteosats der 3. Generation endlich auf den Weg gebracht

Nachdem ein ewiger Streit um die Industrieaufträge beigelegt worden war („Streit …“), hat die ESA jetzt Thales Alenia erlaubt, mit der Entwicklung der Meteosat Third Generation zu beginnen: Dieser „Preliminary Authorisation to Proceed“ soll Mitte 2011 der endgültige Vertrag folgen. Insgesamt 6 Satelliten sollen die Verfügbarkeit von exzellenten Wetterdaten bis über 2037 hinaus sicher stellen: Der erste von 4 MTG-I-Satelliten für Bilder mit 500 m Auflösung startet 2017, der ersten von 2 MTG-S für die Durchleuchtung der Atmosphäre 2019. Die Satelliten rotieren nicht mehr wie alle Vorgänger sondern sind 3-Achs-stabilisiert wie moderne Kommunikationssatelliten; Gesamtkosten 3.4 Mrd. Euros. (ESA Release 18., Space News, BBC 19.11.2010) NACHTRAG: Und schon wieder neuer Ärger, diesmal wg. Portugal …

Fliegende Sternwarte SOFIA vor der ersten Wissenschaft: Nach allerlei Flugmanövern („Weitere Testflüge“) und dann ausgiebigen Bodentests des Teleskop-Equipments am echten Nachthimmel sollten eigentlich noch diesen Monat zwei „Charakterisierungsflüge“ folgen, an die sich direkt die erste „Short Science“ mit der schon beim First Light benutzten Kamera FORCAST anschließen. (Status Update 5.11.2010) NACHTRAG: Jetzt hat auch das DLR einen SOFIA-Blog – und laut dem Eintrag vom 24.11. wurde ein Charakterisierungsflug am 10./11.11. absolviert.