Posts Tagged ‘Scheila’

Scheilas Ausbruch: Kollision die beste Erklärung

1. April 2011

Vom erstaunlichen Kometenausbruch des vermeintlichen Asteroiden Scheila letzten Dezember sind nun Hubble-Aufnahmen von zwei Zeitpunkten publiziert worden, als die Koma schon stark verblasst war – die Bilder selbst machen weniger her als so manche Amateuraufnahme des frischen Ausbruchs, dafür ist die Analyse tiefschürfender. Im Gegensatz zu erdgebundenen Messungen habe sich die Albedo des Asteroiden nicht verändert. Und die einfachste Erklärung für die kurzlebige Koma sei der Einschlag eines etwa 35 m großen Asteroidchens in den 113 km großen Kleinplaneten, der die aus den HST-Daten abgeleitete Staubmenge – 40 Mio. kg – heraus geschlagen haben könnte. Alternativ könne natürlich auch unter der Oberfläche geschütztes Eis freigelegt worden sein, das sublimierte und den Staub mitriss – aber für die Freilegung wäre wiederum ein Impakt die naheliegendste Erklärung. Außerdem hätte die Aktivität dann länger anhalten müssen. Auch wenn nach Ansicht der HST-Autoren Scheila eindeutig keinerlei Kometennatur hat, so packen sie ihn doch in die Klasse der Hauptgürtelkometen, die damit sieben bekannte Mitglieder hat: In der Grafik (Bahnexzentrizität gegen große Halbachse in AU) sind sie alle markiert; orange = Asteroiden, blau = kurzperiodische Kometen, senkrechte Linien = Halbachsen von Mars und Jupiter, dazwischen die Jupiter-2:1-Resonanz.

Spitzer bastelt Katalog gut erreichbarer – und interessanter – Near Earth Asteroids

Mit dem – seit dem Ende des Kühlmittels „warmen“ – Spitzer Space Telescope werden derzeit und noch bis Ende des Jahres im Rahmen des ExploreNEOs-Projekts rund 700 bekannte Near Earth Objects mit 3.6 und 4.5 µm Wellenlänge beobachtet, die von der Erde aus mit besonders günstig erreicht werden könnten: Die IR-Fotometrie erlaubt Rückschlüsse auf Größe und Albedo. Besonders interessant – für unbemannte Sonden, die Bodenproben holen sollen, ebenso wie für bemannte Missionen, die die NASA ab Mitte der 2020-er Jahre in Erwägung zieht („Vager Zeitplan …“) – sind zum einen Asteroiden, die auf klassischen Hohmann-Bahnen mit besonders geringer Geschwindigkeit erreicht würden. Und zum anderen wünscht man sich besonders dunkle Körper, die – in der Regel – besonders primitives Material aus der Urzeit des Sonnensystems versprechen (die bereits umkreisten Eros und Itokawa gehörten nicht dazu). Bereits 65 Einträge umfasst der Kandidatenkatalog, und am Ende dürften es etwa 160 vielversprechende Objekte sein. Zur Zeit ‚in Führung‘ liegen 1992 UY4, 2001 SK162 und 2001 PM9, während 1996 XB27 und 1989 ML zwar noch leichter zu erreichen aber auch bedenklich hell sind. (Mueller & al., Astronomical Journal 141 [April 2011] 109ff; Scientific American 30.3.2011)

Der NEO-Katalog von WISE wird noch umfassender als Spitzers, verspricht derweil das NEOWISE-Team: Während Spitzer seine NEOs gezielt anhand des Katalogs im sichtbaren Licht entdeckter Kleinplaneten aussuchen musste und daher so manchen besonders dunklen Brocken verpasst haben dürfte, hat der WISE-Satellit den gesamten Himmel systematischen im Infraroten abgescannt (siehe ISAN 129-9). Dabei wurden nicht nur etwa 33’000 unbekannte Asteroiden im Hauptgürtel entdeckt (und insgesamt über 154’000 Objekte detektiert) sondern auch 135 Near Earth Objects (bei über 584 insgesamt beobachteten NEOs) – und schon aus den IR-Helligkeiten bei verschiedenen Wellenlängen lassen sich recht zuverlässig Größen und Albedos ableiten, selbst wenn man keine visuellen Helligkeiten hat. Auch in diesem Katalog – leider sind ein paar der WISE-NEOs nicht rechtzeitig nachverfolgt worden und wieder verloren – könnten die Raumfahrtplaner fündig werden. (Mainzer & al., Preprint 9.2.2011)

Scheilas Albedo offenbar dauerhaft erhöht

23. Dezember 2010

Alex Gibbs und Steve Larson

Die – nach ersten Spektren wohl überwiegend aus Staub bestehende – Koma, die sich der Hauptgürtelasteroid Scheila zugelegt hatte, ist bereits deutlich verblasst, aber die Aufklärung des erstaunlichen Phänomens hat erst begonnen. Kleinplanet Nr. 596 war auf seiner sehr typischen Bahn im Hauptgürtel nie besonders aufgefallen, doch bereits seit diesem November war er – wie erst später bemerkt – um ein 0.2 bis 0.3 mag. heller als nach der Ephemeride zu erwarten gewesen, und kurz vor dem 3. Dezember begann er sich in einen Kometen zu verwandeln. Als dies am 11. Dezember dem US-Astronomen Steve Larson von der Catalina Sky Survey auffiel (oben eine Aufnahme mit dessen 60″-Teleskop ein paar Tage später), hatte Scheila bereits eine erstaunliche Koma entwickelt, mit einer visuellen Gesamthelligkeit von zeitweise mehr als 12 mag.

Anfangs war ihre Flächenhelligkeit so groß, dass sie auch von vielen Amateurastronomen erfasst werden konnte, während sie in größeren Instrumenten ihre komplexe Struktur enthüllte: stark gekrümmte Staubbänder und ein ziemlich scharfer Strich. Rückschlüsse auf den Mechanismus des Ausbruchs ließ das Erscheinungsbild erst einmal nicht zu: eine einmalige Staubfreisetzung des Asteroiden nach dem Einschlag eines anderen wurde von Beobachtern mit ebensolcher Inbrunst vertreten wie ein bis jetzt getarnt durchs Sonnensystem ziehender Vertreter der kleinen Klasse von „Hauptgürtel-Kometen“, der auf einmal aktiv wurde. Es wäre erst das 6. Exemplar dieser Art und 100-mal größer als alle anderen.

Der seltene Spektraltyp T des Asteroiden, der zu den dunklen Oberflächen von Kometenkernen passt, mag für die letztere Interpretation sprechen. Präzise Photometrie des festen Körpers zeigt, dass er nun mit 13.2 mag. um gut eine Größenklasse heller als vorher ist aber genau denselben Lichtwechsel (mit einer Amplitude von 0.09 mag. und 15.9 Stunden Periode zeigt): Irgendetwas hat – parallel zur Ausbildung der kurzlebigen Koma – die Albedo seiner Oberfläche erhöht (IAU CBET #2592 18.12.2010). Denn wäre der Helligkeitsanstieg nur durch ausgeworfenen Staub in unmittelbarer Nähe Scheilas zustande gekommen, dann wäre die Amplitude des Lichtwechsels jetzt wesentlich geringer. Sonderbeobachtungszeit mit dem Hubble Space Telescope ist übrigens schon genehmigt – eine Amateuraufnahme vom 17. und eine Zusammenfassung vom 20. Dezember sowie etliche Links zu weiteren Berichten und Bildern.

Neue Bahn gibt „Russenkomet“ Elenin kleines Perihel, gute Erdnähe, womöglich mit 4. Größe

Noch ist C/2010 X1 (Elenin) unauffällig, aber nach einer neuen Bahnanalyse wird er im September 2010 ein Perihel von nur 0.5 AU erreichen und sich einen Monat später der Erde bis auf 0.15 AU nähern – dann könnte er mit 4 mag. in guter Elongation am Himmel stehen. Noch ist die Bahnrechnung nicht belastbar (und die Umstände der Erdnähe können sich noch deutlich verändern), aber die lange unklare geringe Periheldistanz soll „safe and dry now“ sein. NACHTRAG: die prognostizierte Lichtkurve des Kometen. NACHTRAG 2: Tags darauf auch Elenin-Hoffnungen von Sky & Tel. NACHTRAG 3: Das sonnennahe Perihel wird vom MPC bestätigt (ganz unten), aber 9 Tage früher gesehen – so oder so wird SOHO was zu gucken haben.

Cosmic Mirror Nr. 339 abgeschlossen

Die wirre Vorgeschichte eines „nahen“, „jungen“ „Schwarzen Lochs“ (in Messier 100; SN 1979C), dazu viele Links zu den Dramas um NanoSat, Akatsuki und die angeblichen Arsen-Bakterien und vieles mehr im CM #339 vom 15.11.-23.12.2010!

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Asteroid (596) Scheila spielt plötzlich Komet

15. Dezember 2010

R. Miles/BAA/LCGOT

Über 100 Jahre ist der Kleinplanet (596) Scheila schon bekannt, den der deutsche Astronom A. Kopff nach einer Bekannten in Heidelberg taufte, und stets war der rund 110 km große Brocken (Lichtkurve und abgeleitete Form) nur ein Lichtpunkt am Himmel gewesen – bis am 11. Dezember auf Bildern der Catalina Sky Survey (CSS) plötzlich eine markante kometenartige Koma entdeckt wurde. Die kuriosen Staubbögen sind seither Gegenstand emsiger Beobachtungen v.a. von Amateuren, denn mit gut 12. Größe ist „Komet Scheila“ – weitere frühe Berichte hier, hier und hier – für viele erfahrene Astrofotografen kein Problem: Bilder vom 14. Dezember (s/w; mehr und oben, mit einem 2-m-Teleskop), 13. Dezember (mehr, mehr, mehr und mehr) und 12. Dezember (mehr, mehr, mehr, mehr und mehr). Was hinter dem Ausbruch steckt, eine nun entlarvte wahre Natur Scheilas als Hauptgürtelkomet oder der Impakt eines anderen Asteroiden, ist derzeit noch völlig unklar. Wie es der Zufall will, wird Scheila kommenden Mai einen Stern bedecken, leider einen ziemlich schwachen.